Stoppt den Nationalfonds!

Der Schweizerische Nationalfonds finanziert viel, und in der Medienbranche tummeln sich immer mehr Publizistikwissenschaftler, Journalistikprofessoren und Marktforscher. Und so wurde kürzlich mit dem Segen des Nationalfonds breitflächig untersucht, wieviele Fehler Journalistinnen und Journalisten in Tageszeitungen unterlaufen. Die Studie heisst «Präzision und Glaubwürdigkeit der Berichterstattung von Regionalzeitungen in der Schweiz und Italien». Weiss der Teufel, weshalb man die Schweiz unter diesem Aspekt ausgerechnet mit Italien vergleicht. Wieso nicht mit Deutschland, Kirgistan oder Andorra?

Selbstverständlich kommt die Studie zum Schluss, dass die Schweizer Medien furchtbar fehlerbehaftet sind. In 60 Prozent der untersuchten Beiträge wurden hierzulande nämlich «hard errors», also ganz, ganz schlimme Fehler gefunden. In Italien waren hingegen nur 52 Prozent der Artikel falsch. Für die USA hatte eine andere Studie sogar eine Fehlerquote von lediglich 46 Prozent festgestellt. Als böse Fehler gelten unter anderem: Reisserische Überschriften, welche das tatsächliche Geschehen nicht richtig wiedergeben, entstellte Zitate, falsch wiedergegebene Zahlen sowie orthografische Mängel.

Also: In Berlusconi-Land setzen die Zeitungen die seriöseren und «richtigeren» Titel als in der Schweiz. Die hiesigen Schreiber entstellen mehr Zitate als ihre Kolleginnen und Kollegen in den USA. Und helvetische Journalistinnen und Journalisten tun sich im Umgang mit Zahlen schwerer und beherrschen die Orthografie nicht. Letztere Feststellung ist die einzige, die angesichts des deutschen Rechtschreibereform-Puffs noch einigermassen plausibel erscheint.

Wer sich den ganzen Nonsens dieser Studie antun will – auch die weitschweifigen Erklärungsversuche, welche die Haupterkenntnisse postwendend relativieren – der lese den «NZZ»-Artikel vom 26. Oktober 2010.

Es ist nicht zu fassen, welche medialen Probleme heute Gegenstand von Untersuchungen gelangweilter oder unterbeschäftiger Publizistikstudenten sind und mit welch nonchalanter Trivialität danach deren Professoren die hanebüchenen Erkenntnisse wortreich in die Spalten der «NZZ» rücken. Wäre ich Nationalrat, ich würde in der Budgetdebatte in diesen Tagen den Antrag stellen, dem Nationalfonds sämtliche Mittel zu streichen. (Oder einfacher: Rainer Stadler schickt das nächste Mal einen solchen Text an den Absender zurück.)

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

39 Bemerkungen zu «Stoppt den Nationalfonds!»

  1. gis:

    Ui, Grossinquisitor Andrea Masüger wirft höchstpersönlich Gallilei und mit ihm die ganze Wissenschaft auf den Scheiterhaufen, damit die Welt auch ja eine Scheibe bleibt!

    Aber ernsthaft, wenn die Herren Professoren (teils em. teils noch in Brot und Lohn) Imhof und Blum wegen diesem Internet den nahenden Untergang der Demokratie verkünden, dann klatschen wir alle und nicken eifrig. Wenn dann aber andere Wissenschafter kommen und den vermeintlichen Qualitätsjournalismus, den es – da nur er den drohenden Untergang der Demokratie zu stoppen vermag – mit noch mehr Geld vom Staat zu fördern gilt, als das entlarvt, was er wirklich ist – nämlich ein Sammelsurium von Fehlern, (bewussten) Falschinformationen und über weite Strecken von Medienmitteilungen und Agenturen kopierten Texten -, dann steigt in uns der Futterneid hoch und wir wollen diesen Scharlatanen „dort oben an den Universitäten“ die Staatsknete gleich ganz wegnehmen.

    Wäre ich Nationalrat, ich würde in der Budgetdebatte in diesen Tagen den Antrag stellen, den Verlegern sämtliche Mittel aus den Radio- und Fernsehgebühren streichen. (Oder einfacher: Wir schaffen gleich die ganzen Gebühren und mit ihnen gleich auch den ganzen Staatsdudelfunk.)

  2. Sehr geehrter Herr Masüger

    Ihre Frage, ob der Nationalfonds so etwas finanzieren soll, halte ich für berechtigt.

    Aber Ihre Reaktion auf Kritik halte ich für jemanden, der sich Journalist nennt, unangemessen. Haben Sie schon mal studiert, wie der Vatikan auf Kritik reagiert? Oder derzeit die USA auf die Veröffentlichungen von Wikileaks?

    Sie wünschen sich offenbar, dass (durchaus berechtigte) Kritik an Zeitungen „an den Absender“ zurückgeschickt wird und halten Leute, die sowas tun, für gelangweilt und unterbeschäftigt, ihr Handeln für trivial und verurteilen das Ergebnis pauschal als „Nonsens“.

    Darf ich alternativ vorschlagen, dass sie sich mit der Kritik beschäftigen und jene Punkte, die Sie und Ihr Haus betreffen, umsetzen?

    Schöne Grüsse
    Ronnie Grob

  3. Mara:

    Hinsichtlich der gestellten Fragen und Antworten der Studie kann man eigentlich nur sagen, dass der Nationalfond die Gelder zurecht verteilt hat. Solche Fehler mögen zwar in erster Linie „nur“ lästig sein, in den Augen der Erzeuger. Aber für die LeserInnen stellt sich durchaus die Frage: wie genau nimmt man es mit seinem Text?

  4. Ich habe mich bereits im Oktober im Kommentarteil des wahrscheinlich-Blogs mit der Studie befasst. Die Studie weist leider massive methodische Mängel auf. Deshalb bin ich absolut einverstanden mit Andrea Masügers Befund. Ich kann nur wiederholen, was ich schon im wahrscheinlich-Blog geschrieben habe: Erstens gibt es kein präzises Kriterium dafür, was «reisserisch» ist und was nicht. Dass Titel reisserisch seien, ist ein Gemeinplatz und ungefähr so aussagekräftig wie die Aussage, dass sonniges Wetter schön ist. Jeder Taxifahrer wird dies bestätigen.

    Das grösste Problem der Studie ist, dass sich die Forscher ausschliesslich auf das Urteil der in den Artikeln Zitierten abstützen. Diese Leute sind jedoch voreingenommen, weil sie eben zum Objekt der Berichterstattung wurden. Die Forscher schreiben: «Vier faktische Fehler wurden von den Befragten besonders häufig moniert: Reißerische Überschriften, entstellte Zitate, falsch wiedergegebene Zahlen und Orthografiemängel.» Von den Befragten moniert! Jeder «Befragte» wird logischerweise monieren, dass sein Zitat «entstellt» worden sei, falls es nicht Wort für Wort und in voller Länge abgedruckt wurde, was praktisch nie möglich ist. Fazit: Die Studie verdient das Prädikat Pseudo-Wissenschaft.

    Umso befremdlicher mutet es an, dass jetzt die Blogger-Fraktion wieder mal eine günstige Gelegenheit wittert, um sich ihren Frust von der Seele zu schreiben. «Grossinquisitor», «jemand, der sich Journalist nennt» usw… es ist eigenartig, dass die Kreise, die sonst sehr dünnhäutig auf vermeintliche persönliche Angriffe reagieren, selber nicht bereit sind, auf unfreundliche Ausdrücke zu verzichten.

    Darf ich alternativ vorschlagen, dass alle Blogger, die genau wissen, dass die Journalisten am laufenden Band Mist bauen oder sogar bewusst lügen (Zitat wahrscheinlich), sich einmal eine Woche lang auf einer Redaktion umschauen? Dann reden wir wieder über Fehlerkultur.

  5. wäre ich nationarat, würde ich dem ersten teil des antrags von kollege @gis zustimmen.
    beim zweiten teil seines antrags beantrage ich abänderung in: halbierung des budgets zwecks streichung des dudel beim staatsfunk.

  6. @bobby: wenn ich als blogger zuerst eine woche auf einer redaktion gewesen sein muss, bevor ich mir eine meinung als leser anmassen darf, müsste ja eigentlich der journalist zuerst eine woche bei den publizistikwissenschaftlern rumsitzen, bevor er sich einen kommentar zu dieser studie erlauben darf. und herr masüger müsste noch zusätzlich eine woche beim nationalfonds absitzen. ich denke, das ist nicht machbar.

  7. Mara:

    @BC

    Wenn es den methodische Mängel gibt, was ich nicht beurteilen möchte noch kann, so ist das ein Problem einer bestimmten Studienart und der Art und Weise wie Fragen wo gestellt werden. Das grundsätzlich Fragen gestellt werden zur Qualität spricht da aber keineswegs dagegen – gerade auch wenn Journalisten weiterhin eine wichtige relevante Rolle spielen wollen. Es steht ihnen ja frei über das Ergebnis zu diskutieren und zu schreiben. – Nur grundsätzlich die Notwendigkeit von Stuiden anzuzweifeln ist schlechter Stil und einer Gesellschaft die von wissenschaftlichen Erkenntnissen lebt unwürdig.

  8. Mara > Ich versuchs nochmals zu erklären. Wenn ich die Wahrheit über ein Thema herausfinden möchte, dann frage ich nicht voreingenommene Leute. Beispiel: Wenn der Richter herausfinden will, ob Kachelmann schuldig ist, darf er sein Urteil nicht nur auf die Aussagen der Klägerin abstützen. Weil die Klägerin eben parteiisch ist. Genau diesen Fehler haben aber die Forscher bei der vorliegenden Studie gemacht: Sie befragten nur die Leute, die in der Zeitung als Quelle auftraten. So kann man sicher nicht herausfinden, ob ein Artikel die Wahrheit enthält. Da müsste man schon einen grösseren Aufwand betreiben. Deshalb sage ich: Das ist Pseudowissenschaft. Denn die Leute, die in der Zeitung zitiert wurden, sind vielleicht sauer, weil der Redaktor nicht ihre vollständige Stellungnahme abgedruckt hat, sondern aus Platzgründen nur die Hälfte. Um festzustellen, ob der Redaktor das Zitat «entstellt» hat oder ob der Titel «reisserisch» ist, was immer das im Detail bedeutet, müsste der Forscher fairerweise den Originaltext mit dem publizierten Text vergleichen. Aber herauszuposaunen, ein Artikel sei tatsachenwidrig, nur weil das die Quelle behauptet, das ist einfach unseriös.

    Ich habe nicht «die Notwendigkeit von Studien angezweifelt», wie Sie mir unterstellen. Ich habe nur den Anspruch dieser einen Studie mit dem Vorgehen der Forscher abgeglichen. Das ist legitim und auch nötig. Denn die Aussagekraft einer Studie hängt stark von der Methode ab, mit der sie erstellt wurde. Und die Methode ist im vorliegenden Fall unter jeder Kanone. Das hat Andrea Masüger zu Recht kritisiert.

    Bugsierer > Ich muss mich nicht ins Publizistikinstitut begeben, um zu erkennen, dass die Studie methodische Mängel aufweist. Ich habe mir die Mühe gemacht, nachzulesen, wie die Studie erstellt wurde. Das genügt, um mir darüber ein Urteil zu bilden.

    Die Blogger, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, auf uns Journalisten herumzuhacken, repetieren hingegen nur ätzende Vorurteile. «Journalisten lügen» – «bewusste Falschinformationen» – «Futterneid» (wer ist auf wen neidisch…) usw – da wird wieder mal mit Verallgemeinerungen operiert, dass sich die Balken biegen. Doch die Blogger haben sich nie die Mühe gemacht, ihre stark emotional gefärbten Pauschalaussagen mit der Realität abzugleichen. Deshalb sag ich: Schaut euch mal an, wie Journalisten wirklich arbeiten. Dann reden wir wieder über Qualität im Journalismus. Vorher ist es zwecklos… Ich masse mir auch nicht an, dem Bäcker zu sagen, wie er sein Brot backen soll, bevor ich eine Ahnung davon habe, wie man Brot bäckt.

  9. Thomas Läubli:

    Der Beitrag von Herrn Masüger ist ein weiteres Beispiel für Diskussionsverweigerung. Ich frage mich daher, was ein CEO überhaupt macht und welche Qualifikationen er mitbringt. Warum beschäftigt er sich hier mit Inhalten? Ein CEO hat nicht die Inhalte einer Zeitung zu beurteilen, sondern operative Führung zu übernehmen. Ein CEO hat auch nicht – die Unsitte hat mittlerweile auch die NZZ ergriffen – zu befehligen, dass auf der Kulturseite gefälligst täglich ein halbseitiges Bild – egal was – zu erscheinen hat. Das geht einen CEO nichts an. Schuster, bleib bei deinem Leisten, möchte man sagen. Ich finde es eine eklatante Frechheit, dass sich der Leser von selbsternannten Führungspersonen und Verwaltungsräten bevormunden lassen soll. Das ist der wahre Skandal unserer Tage.

  10. Mara:

    @BC
    Dann auch von meiner Seite ein klein wenig ausführlicher. Es gibt sehr wohl in der Sozialforschung Methoden die auch die subjektiven Aspekte berücksichten – das sog. Merkmal der Masse. Man mag vielleicht jetzt wie hier die Methode im Einzelnen kritisieren – so wie man jede sozialwissenschaftliche Methode kritisieren kann. Aber, und das sollte doch in einer solchen Diskussion berücksichtigt werden, wirkliche objektive Merkmale gibt es nun mal bei Bewertungsangelegenheiten nicht. Auch ein Rechtsfall ist nie einseitig und wir sollten doch nicht glauben, dass Richter wirklich Gerechtigkeit sprechen bzw. die „Wahrheit“ suchen. Auch da geht es um Wahrscheinlichkeiten, Möglichkeiten und persönlichen Einschätzungen. Wissenschaftlich wird es, wenn die Kriterien offen gelegt werden. Was im übrigen im Gerichtssaal nur selten geschieht.
    By the way ging es doch auch um geographische Angaben, die sehr wohl objektiv nachprüfbar sind oder?

  11. @bobby: deine selbstüberschätzung spricht bände für die journalistenszene dieser tage. sie ist mit ihrer unfassbaren lethargie das problem einer ganzen branche, die vorgibt, die demokratie zu schützen. dabei hockt ihr (mit wenigen ausnahmen) nur auf euren pfründen rum und seid null kritikfähig. was einem friedlichen konsens überhaupt nicht dienlich ist und keine zukunft hat.

    der fall wikileaks ist nur die jüngste story, die ihr verpennt – eigentlich wäre es EURE aufgabe gewesen, solche dokumente publik zu machen. dass es nicht ein schurni sondern ein hacker war, sollte dir und deinen kollegen zu denken geben.

    interessant auch, dass dieser medientsunami HIER NICHT thematisiert wird und stattdessen ein bündner verleger ohne grossen wiederspruch fordern kann, die wissenschaft per se einzustampfen. das ist nicht nur irgendwie degoutant, sondern bestätigt die fundamentale skepsis vieler leser und citoyens, die sich immer mehr von dieser art von politik und journalismus entsetzt abwendet.

    btw: solange du, bobby california, nicht mit deinem klarnamen zu deinen unterirdischen anwürfen stehst, bist du unglaubwürdig. von woche zu woche mehr.

    ich empfehle übrigens allen journalisten und anderen medienspezis die sehr spannende wikileaks-einschätzung des bloggers marcel weiss:
    http://www.neunetz.com/2010/12/08/5-aspekte-der-aktuellen-wikileaks-revolution/

  12. Mara > Einverstanden, die geografischen und sonstigen Angaben WÄREN nachprüfbar. Aber sie WURDEN nicht nachgeprüft. Wenn sie nachgeprüft WORDEN WÄREN, hätte ich nichts gegen die Studie. Aber einfach die Quelle fragen, ob der Titel reisserisch ist und das dann als Wissenschaft verkaufen, das geht gar nicht.

    Die Forscher haben nicht, wie du vermutest, «AUCH die subjektiven Aspekte berücksichtigt» – sie haben AUSSCHLIESSLICH subjektive Aussagen gesammelt und geben das nun als Wahrheit aus. Das ist, wie Andrea Masüger treffend bemerkt, Nonsens. Fröhliche Pseudowissenschaft. Das ist so, wie wenn ein Forscher Patienten fragt, ob ihnen die homöopathischen Globuli geholfen haben – und dann, wenn die meisten Patienten Ja sagen, daraus schliesst, die Globuli seien wirksam.

    Ich möchte hier noch zwei scharfsinnige Leser des Journalistik-Journals zitieren, die die Studie auch aufmerksam gelesen haben. Der eine schrieb: «Wenn eine Quelle glaubt, sie sei ungenau zitiert worden, heisst das noch lange nicht, dass der Journalist schludrig gearbeitet hat. Manchmal wollen Leute Dinge, die sie gesagt haben, plötzlich nicht mehr gesagt haben. Oder anders…» Wer mal eine Woche auf einer Redaktion verbracht hat, kann davon ein Liedchen singen. Deshalb sag ich eben: Die selbst ernannten Medienblogger sollten mal gefälligst ein Volontariat absolvieren, bevor sie sich über einen Berufsstand äussern, dessen Arbeitsweise sie bestenfalls vom Hörensagen kennen.

    Ein anderer Leser schrieb: «Zu bedenken ist auch die negative Selektion, also der “negative bias” der Befragung. Sprich: Zufriedene Quellen werden seltener Antworten als unzufriedene – und zwar vermutlich um ein vielfaches seltener.» Auch dieser berechtigte Einwand zeigt, wie nachlässig die Verfasser der Studie vorgegangen sind.

  13. Fred David:

    Sorry, Damen und Herren , ich mag mich hier in einem Medienblog jetzt nicht drum prügeln, was es mit Studien auf sich hat, die Orthografiefehler addieren oder die auflisten, wie oft sich Leute ungenau und aus dem Zusammenhang gerissen zitiert fühlen (was der Normalfall ist). Kann man machen. Man kann’s auch lassen. Schlafstörungen sind damit ursächlich keine verbunden.

    Derweil brennt’s – und davon ist auf diesem Medienblog kaum die Rede. Wikileaks ist eine gigantische Geschichte mit vielen, vielen Aspekten – und klärt nicht zuletzt die hier dauernd gewälzte Frage des Zusammenspiels bez. der Erbfeindschaft von Print und web.

    Allein der Spiegel hatte zeitweis 50 Journalisten und Dokumentalisten im Einsatz. Ohne Wikileaks hätte der Spiegel nix in der Hand gehabt, ohne Spiegel , Guardian und New York Times wäre Wikileaks aufgeschmissen gewesen.

    This is the way it goes.

    Und: Was heisst das für Schweizer Medien?

    Stattdessen zerreden die sich den Mund über einen Haftbefehl, der sich im Wesentlichen darum dreht, ob Herr Assange mit oder ohne Präservativ Geschlechtsverkehr pflegt.

    Im niederländischen TV gibt’s ein erfolgreiches tägliches Format unter dem Titel: „De wereld draat door“ (Die Welt dreht durch).

    Und wir unterhalten uns hier über Orthografiefehlerkollektionen.

  14. Fred David:

    @) bugsierer: Ja, danke für den Link. Sehr informativ.

  15. Fred David > Nichts gegen Wikileaks, aber es gibt immer noch wichtigere Themen. Man könnte auch sagen: Täglich sterben 25000 Menschen, weil sie nichts zu essen haben, und wir debattieren hier, ob Wikileaks oder die von Andrea Masüger kritisierte Studie das wichtigere Thema sind. Abgesehen davon: Was genau hat Julian Assange denn erreicht, ausser dass er seine Tage und Nächte jetzt hinter schwedischen Gardinen verbringt statt mit schwedischen Blondinen? Obama ist immer noch in Amt und Würden.

    Derweil sind die überkandidelten Äusserungen einer Handvoll Internetfans immer amüsanter: Von einer «Revolution» ist die Rede, wie in der frühchristlichen Epoche wird ein neues Zeitalter heraufbeschwört, und die Verlautbarungen der Blogger nehmen immer stärker religiöse Züge an. Ein besonders eifriger Blogger wirft der New York Times sogar vor, dass sie nicht die gesamten Rohdaten veröffentlichen will. Au backe, da hat aber jemand die Aufgabe der Medien gründlich missverstanden. Wer hat denn Zeit und Lust, sich durch Hunderttausende von Dokumenten durchzuackern? Die Medienkonsumenten sicher nicht. Die Blogger auch nicht. Für diese Knochenarbeit braucht es immer noch Journalisten. Die Vermittlung von Informationen ist eben keine Arbeit, die man am Feierabend auf dem Sofa mit einer Bierdose in der Hand erledigen kann, auch wenn das einige Blogger immer noch glauben. Es geht nicht ohne Pickeln und Dranbleiben und noch mehr Pickeln, Tag für Tag. Wer etwas anderes behauptet, hat keine Ahnung von der journalistischen Arbeit. Das macht nichts – die meisten Leute haben keine Ahnung davon. Aber dann sollte man sich nicht Medienkritiker oder Medienblogger nennen.

  16. Fred David:

    @) Ja, Bobby California, natürlich gibt es jetzt ein Hyperventilieren. Das muss man nicht so ernst nehmen.

    Aber wesentlich ist doch – und das ist nun wirklich neu und in der Wirkung noch nicht abschätzbar – einerseits: Wikileaks und anderseits NY Times, Guardian und Spiegel, die koordiniert die journalistische Aufbereitung besorgen.

    Das ist eine neu, international vernetzte Power.

    Ein kleines Beipiel, das bisher in der Schweiz kaum thematisiert wurde: Der US-Botschafter in Berlin kabelte auf dem Höhepunkt der Libyen/Schweiz-Krise nach Washington: die Schweiz sei in Europa völlig isoliert, als einziges Land stehe nur noch Deutschland hinter den Schweizern.

    Das ist voller politischer Brisanz und wurde bisehr hier überhaupt nicht diskutiert. Ohne Wikileaks und den Spiegel wüsste man nichts davon.

    Wesentlich ist auch, dass die drei oben genannten Printmedien greifbar sind, Gesichter und eine Adresse haben, überprüfbar sind, welchen finanziellen Hintergrund sie haben usw. – und dass sie allenfalls auch einklagbar und haftbar sind, mit dem was sie veröffentlichen.

    Vielleicht regt das ja Schweizer Medien an, bei gewissen Themen zusammenzuspannen.

    Ein Beispiel: Auf eine meiner Kolumnen hier im „mediensatz“ erhielt ich Antwort von einem mir bislang nicht bekannten US-Journalisten in Washington. Er versorgte mich mit neuem Material, liess mich teilhaben an seinen Recherchen und Links und ich stellte ihm Material von mir zur Verfügung.

    Natürlich habe ich den Background des Journalisten und er meinen recherchiert, bevor wir uns gegenseitig trauten. Das alles ist noch nicht so lange möglich und stösst neue Türen auf.

    Das ist jetzt nur ein winziges Beispiel, wie es mit dem Zusammenspiel von print und web weitergehen kann.

    Die Mächtigen sollen ruhig ein bisschen unruhig werden. Gern auch in der Schweiz.

  17. BC:

    Ähem, ich will ja kein Downer sein in der allgemeinen Euphorie… aber dass wir eine international isolierte, frustrierende Alpendemokratie sind, wusste ich schon vorher. Das ist ja der Kern unseres nationalen Selbstverständnisses, according to SVP. Für diese Information hätte sich St. Julian nicht verhaften lassen müssen.

  18. Fred david:

    @)BC: Das ist ja nur ein Beispiel. Ich habe das kaum irgendwo in der Schweiz thematisiert gesehen, obwohl es die politischste Aussage war, was die Schweiz betrifft: Der BERLINER US-Botschafter registriert, dass die Schweiz total isoliert war /ist und das ihr einziger verbliebener Freund in Europa Deutschland ist.

    Das habe ich in dieser Klarheit sonst nirgendwo gehört oder gelesen. Und das hat seine Konsequenzen, nämlich, wie ernst man die Schweiz als unabhängigen Staat noch nimmt.

    Daraus könnte die NZZ einen ganzen Samstag-Leitartikel stricken, wenn sie denn wirklich der Sache im üblichen staatstragenden Pathos auf den Grund gehen wollte.

    Darin müsste dann auch die Frage geklärt werden, wer uns in diese politische Isolation geführt hat, die zwar von der Volchspartei konsequent und vielen andern negiert wird, übrigens vordergründig auch vom Bundesrat.

    Dafür registrieren es die weit entfernten Amis, und erst noch durch deren Botschafter im Nachbarland, unserem einzigen Freund.

    Andere Aussagen aus dem Wiki-Konvolut waren natürlich viel brisanter: etwa zum Irak, zum Nahen Osten, Zu Afghanistan etc. Aber diese 250 000 Meldungen sind ja erst der Anfang. Für anfang nächstes Jahr kündigte Assange Stoff aus dem Bankenmilieu an. Fröheliche Weihnacht überall, tönt es durch die Lüfte….bis zum Knall. Mal abwarten.

  19. ras.:

    Aha. Wenn der US-Botschafter in Berlin etwas seinem Arbeitgeber kabelt und das dann publik wird, dann ist seine Schreibe schon eine Tatsache aus Gottes Mund. Ich wundere mich, wie naiv diese Papiere interpretiert werden, und das von Leuten, die offenbar in den vergangenen Jahren keine Zeitungsartikel ueber das Ausland gelesen haben.

  20. könnten die hier mitlesenden medienforscher mal kurz innehalten und den disput zwischen herr david und herr california mitschreiben oder bookmarken? hier ein pensionierter alter hase, der neue trends erkennt, dort ein anonymer journalisten-darsteller, der am liebsten das internet ausknipsen möchte.

    und ganz oben forderte herr masüger die einstampfung des nationalfonds.

    interessant, oder?

    was wikileaks anbetrifft, halte ich diesen kommentar bisher einer der schlauesten aus schweizer feder. erschienen in einem blog, nebenbei gesagt:
    http://netzwertig.com/2010/12/09/wikileaks-gefahr-fuer-die-netzneutralitaet/

    ich geh jetzt wieder echolote eichen.

  21. ras > Sehr richtig, es sind Worte aus Gottes Mund, verkündet durch den Messias der digitalen Religion, äh, Revolution… wenn er nicht verhaftet worden wäre, wäre die ganze Geschichte halb so spannend. Jetzt haben die Internet-Gläubigen sogar einen Märtyrer. Und dann will uns dieser Blogschwätzer, auf den Bugsierer verlinkt, auch noch weis machen, dass es keine Zeitungen mehr brauche, weil es jetzt Wikileaks gibt. Dabei ist genau das Gegenteil wahr: Wie jedes andere Unternehmen funktioniert Wikileaks nur dank der Verbreitung über die ach-so-veralteten Holzmedien. Die Szene der sogenannten Netzaktivisten erinnert mich mehr und mehr an eine Sekte: der Bezug zur Realität wird bei einigen dieser Leute immer lockerer.

  22. @bobby: oh, herr sennhauser ist ein blogschwätzer? jetzt diskreditierst du hinter dem feigen deckmantel deiner anonymität auch noch gestandene journalistenkollegen, nur weil sie in einem blog publizieren?

    dein trollgehabe hier wird immer bunter.

  23. Fred David:

    @) ras: Natürlich ist es nicht Gotteswort, was der US-Botschafter aus Berlin nach Washington kabelt. Es ist die Einschätzung behind the scene, und weil sie das ist, ist sie mutmasslich ziemlich ehrlich und rückhaltlos: eine Komprimierung dessen, was ein Botschafter hinter verschlossenen Türen so alles hört und sieht.

    Wenn hingegen ein Botschafter artigen Schweizer Journalisten ein Interview gibt, ist er in solchen Einschätzungen mit jeder Sicherheit weder offen noch ehrlich. Das weiss man einfach.

    Die behind-the scene- Einschätzung über die politische Totalisolation der Schweiz, wenn’s drauf ankommt, wird selbstverständlich bei Verhandlungen USA-Schweiz eine Rolle spielen und zwar eine starke. Und es wird die Position der Schweiz schwächen. Uebrigens auch die Position der Schweiz gegenüber Deutschland, wo wir ja gerade in ziemlich ernsten Vertragsverhandlungen stehen.

    Ein Kleinstaat ohne Verbündete.

    Zu solchen Erkenntnissen braucht man nicht unbedingt Wikileaks.Aber es ist sehr hilfreich als Bestätigung.

    Mich jedenfalls als Bürger interessiert das, und ich erwarte, dass Schweizer Journalisten aus diesem Material mehr machen, es mit Eigenrecherchen weiter entwickeln und nicht einfach darauf warten, was man ihnen via Agentur auf dem Silbertablett serviert.

    Und dass man nicht einfach beim US-Botschafter nachfragt mit der treuherzigen Frage: Gälledsi, so händ Si denn das öppe nöd gmeint. Mer sind doch ganz Liebi, nöd woor?

    (Sorry, Kollege Masüger, wir sind von Ihrem obigen Beitrag etwas abgewichen, aber ich finde, es entwickelt sich hier eine durchaus kregle, wenn auch stellenweis gereizte Diskussion. Kann von mir aus gern weiter gehen).

  24. Fred David:

    ps. Der oben geschaltete Link zur Konkurrenz und zu Peter Sennhauser erweitert das Spektrum.
    Ob man die Meinungen teilt oder nicht, ist nicht entscheidend, aber gute Links erweiteren den Horizont sehr rasch und effizient. Solche Möglichkeiten hatte man noch vor wenigen Jahren nicht. Das ist schon eine Zäsur die nicht ohne unmittelbare Folgen bleiben wird.

  25. Fred David > Ich finde Links auch eine tolle Sache, ich gehe jedem Link nach, den man mir serviert. Aber ich finde es äusserst ermüdend, wenn dann immer wieder die gleiche alte Anti-Holzmedien-Litanei kommt. Bei Marcel Weiss (neunetz.com, origineller Blogname) schimmern die Anti-Journi-Ressentiments schon im ersten Satz durch: «Bemerkenswert ist, wie schwer es vielen Journalisten und Redakteuren zu fallen scheint, mitanzusehen, wie eine wichtige Aufgabe ihrer Profession von einer Outsider-Organisation wahrgenommen wird.» (Die Trennung zwischen Journalisten und Redakteure ist süss. Sind denn Redakteure keine Journalisten?) Mit Verlaub, das ist totaler Bullshit. Wer auch nur oberflächlich mitverfolgt hat, wie Wikileaks arbeitet, weiss genau, dass das nicht stimmt, was Weiss uns weismachen will. Richtig ist: Es gibt eine Arbeitsteilung – Wikileaks beschafft das Rohmaterial, und Journalisten sieben und verbreiten die wichtigsten Informationen. Doch das hindert Marcel Weiss nicht daran, fröhlich weiter zu polemisieren: «Viele sind nicht in der Lage oder nicht willens, die gesellschaftliche Aufgabe (das Informieren der Öffentlichkeit) von den sie ausübenden Organisationen (früher nahezu ausschließlich Presseverlage und andere journalistische Institutionen, mittlerweile u.a. auch Blogger und Wikileaks) zu trennen.» Gähn. Wie wenn Blogger jemals in der Lage wären, die Arbeit der Journalisten zu übernehmen. Wem hat denn Julian Assange sein Material gegeben? Hätte er es genausogut dem Bugsierer-Blog oder dem Neunetz-Blog geben können? Eben. Hobby-Blogger sind gar nicht in der Lage, das Material, das Wikileaks beschafft hat, effizient unter die Leute zu bringen. Sie werden nie dazu in der Lage sein. Das Pamphlet gipfelt in dem Satz: «Die NYT hätte die Rohdaten nicht veröffentlicht. Maximal Zitate und Absätze wären veröffentlicht worden. Der Rest wäre über Nacherzählungen in Artikel eingeflossen.» Mein lieber Scholli, so funktionieren Medien. Sie überschütten die Leser nicht mit 250’000 Dokumenten, sondern filtern die wichtigsten Sachen heraus. Blogger, die auf diese unsachliche, tatsachenfremde Art ein ums andere Mal Breitseiten gegen die Zeitungen abfeuern, kann ich nicht ernst nehmen.

    Bugsierer > Bitte lies, was ich geschrieben habe, bevor du losschiesst: Meine Kritik gilt dem Blog von Marcel Weiss, nicht Peter Sennhauser, der das Gleiche sagt wie ich («Verfügbare Daten sind noch keine Information»). Übrigens werden deine dauernden beleidigenden Schienbeintritte, eigentlich pures Cyberbullying, mich nicht vom Kommentieren abhalten. Und nochmals: Nein, ich will das Internet nicht abschalten. Ich brauche es bei der Arbeit, ich verwende es in der Freizeit, ich habe ein Blog und ein Twitterkonto, ich bin ständig online. Bitte sachlich bleiben.

  26. Fred David:

    „….übrigens gefiel mir bei der Konkurrenz „netzwertig“ (s.Link) Peter Sennhausers Einstieg besonders gut:

    „Wikileaks ist keine Revolution sondern eines von deren Symptomen. Aber möglicherweise das mit den bisher schwerwiegendsten Konsequenzen.“

    Ein komplexes Thema knackig auf den Punkt gebracht. Regt zum Nachdenken an.

  27. Fred David > Heute hat das Magazin einen intelligenten Kommentar von Peter Haffner. Titel: «Wikileaks schadet der Demokratie» (online nur über Eipad zugänglich). Haffner schreibt: «Auch in den neusten anonymen Dokumenten finden sich keine Verbrechen, Skandale oder systematischen Missbräuche, deren Enthüllung von zwingendem öffentlichem Interesse wäre.» Und: «Die Folgen von Wikileaks sind absehbar: Diplomaten werden mehr Mühe haben, an Informationen heranzukommen, und Regierungsvertreter werden sich weniger getrauen, sich offen auszusprechen. Das informelle Gespräch, das dazu dient, Krieg zu verhindern, wird erschwert.» So muss man über Wikileaks diskutieren, und nicht, indem man versucht, daraus einen New-vs-Old-Media-Konflikt zu basteln (was sinnlos ist, wie oben dargelegt wurde).

  28. Auch ich finde Wikileaks spannender als die Zahl der Fehler in der Südostschweiz – erlaube mir aber doch, nochmal kurz auf unsere Studie zurückzukommen. Für alle, die vielleicht Genaueres wissen möchten, als in dem kurzen Bericht der NZZ stand, hier noch ein Link:

    http://de.ejo-online.eu/?p=3450

    An den neunmalschlauen Bobby California die Preisfrage, wen er denn statt der Quellen fragen würde, wenn er mit vertretbarem Aufwand herauskriegen wollte, ob Artikel Fehler enthalten…Nicht nur wir, auch viele andere Wissenschaflter haben dieses Problem zu lösen versucht, aber bisher eben keine bessere Instanz gefunden…

    Und an Herrn Masüger die Bitte, nicht uns, die Wissenschaftler zu attackieren, wenn die Hauptquellen, derer sich seine Redaktion bedient, viele Fehler im Blatt finden. Wäre doch schön, wenn Verleger und Journalisten mal ihr Hirnschmalz darauf verwendeten, wie sich die Zahl der Fehler reduzieren liesse – übrigens eben nicht nur Orthografie-Fehler, und eben doch viel zu viele objektivierbare Berichterstattungsmängel, die sich nicht dadurch aus der Welt räumen lassen, dass man auf die Befangenheit der Quellen verweist…

    Ansonsten stehen die meisten Einwände, die hier aufgelistet wurden – wenn auch weniger polemisch – bereits in unserer Studie drin. Soll heissen, wir sind uns der Grenzen unserer Erkenntnisse, insbesondere was den Vergleich mit den italienischen Regionalzeitungen anlangt, durchaus bewusst. Die Zahlen für die Schweiz sind indes so hieb- und stichfest, dass es sich vielleicht schon lohnte, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen – jedenfalls wenn man seine Leserinnen und Leser und deren Informationsanspruch halbwegs ernst nimmt, lieber Herr Masüger!

  29. Stephan Russ-Mohl > Um herauszufinden, ob ein Zeitungsartikel die Wahrheit enthält (was immer man unter der Wahrheit versteht), müssten Sie vermutlich den Inhalt nachrecherchieren. Ob der Aufwand dafür vertretbar ist, kann ich nicht beurteilen. Aber für meinen Geschmack dürfte der Aufwand doch ein bisschen grösser sein, als nur die Quellen anzufragen: Hey, finden Sie diesen Titel reisserisch? Um die Wahrheit oder zumindest möglichst viel über ein Thema zu erfahren, suchen Journalisten Quellen, die unvoreingenommen sind (wobei man gleich einschränken muss, dass es solche Quellen streng genommen nicht gibt, und andererseits kann man als Journalisten auch die Interessen einer Quelle ausnützen, um an gewisse Informationen heran zu kommen). Auch ein Wissenschaftler müsste also, um präzise Aussagen zu machen, Quellen suchen, die nicht voreingenommen sind. Wenn das nicht geht, müsste man einen Mechanismus finden, um den bias zu korrigieren.

    Übrigens ist jeder Journalist, der etwas auf sich hält, daran interessiert, möglichst wenig Fehler zu produzieren. Auch ohne Belehrung seitens der Publizistikwissenschaft. Denn es ist extrem peinlich, wenn eine Falschinformation publik wird. Der andauernde Personalabbau auf den meisten Redaktionen trägt aber nicht dazu bei, die Fehlerquote zu senken. Das wäre ein interessantes Forschungsgebiet: Zu untersuchen, ob eine verkleinerte Redaktion mehr Fehler produziert. Aber eben, vorher müsste man noch die tauglichen Forschungsmethoden finden. Herrgott, wenn wir auf den Mond fliegen und einen Teilchenbeschleuniger bauen können, müsste es doch möglich sein, Wege zu finden, um den Wahrheitsgehalt eines banalen Zeitungsartikels präzise zu bestimmen!

  30. Damit sind wir beim Grundproblem qualitativer vs. quantitativer Sozialforschung: Das präzise Untersuchen von einem oder zehn oder hundert Artikeln macht wenig Sinn – wenn sie halbwegs repräsentativ etwas über die Fehlerhäufigkeit herausbekommen möchten, müssen es eben viele mehr sein…

    Und dann sind eben doch die Originalquellen diejenigen, die weitaus am verlässlichsten Rückmeldungen geben können, ob ein Artikel Fehler enthält oder nicht. Wobei wir uns natürlich diese Rückmeldungen auch nochmal angeguckt haben – und eben deshalb zwischen „subjektiven“ und „objektiven“ Fehlern unterscheiden…

    Ansonsten wissen wir, dass sich Journalisten nur ungern „belehren“ lassen, von wem auch immer…und jedenfalls schon gar nicht von Wissenschaftlern. Nur: Würden Sie sich einem Arzt anvertrauen, der sich weigert, Erkenntnisse der medizinischen Forschung in seinen Therapien zu berücksichtigen???

  31. BC:

    Am liebsten würde ich mich einem Arzt anvertrauen, der schon vor Jahren oder vor Jahrzehnten selber herausgefunden hat, was die Forscher jetzt postulieren. Dass es unangenehme Folgen hat für das Blatt und für den Journalisten, wenn man falsche Informationen verbreitet, merkt jeder Journalist relativ früh in seinem Berufsleben. Zuerst gibts eine wütende Reaktion seitens der Quelle, dann einen Rüffel vom Chef, möglicherweise mitten in der Redaktionssitzung, und schlimmstenfalls eine Gegendarstellung. Ich kenne keinen Journalisten, dem es egal ist, ob er Fehler verbreitet oder ob seine Texte den Tatsachen entsprechen.

  32. ras.:

    Das ist wohl ziemlich naiv, lieber BC. Bei groben Fehlern gibt es Reaktionen von aussen, allenfalls Gegendarstellungsforderungen. Bei kleineren schweigen die Akteure oft, auch weil sie das „gute“ Verhältnis zu den Journalisten nicht trüben wollen. Wenn die Artikel so treffgenau wären und wenn die Fehler korrigiert würden, hätte man es als Journalist schön: Man könnte getrost den Konkurrenten zitierend wiederkäuen. Wer Fehler vermeiden will, dem ist jedoch zu empfehlen, den Artikel der Konkurrenz gründlich nachzurecherchieren, bevor er sie zitiert. Bei dieser Arbeit erlebt man öfters Überraschungen. Die Arbeit von Stephan Russ-Mohl steckte ein bestimmtes Forschungsgebiet ab, um innerhalb dieses Rahmens Erkenntnisse zu gewinnen. Diese wurden mit den nötigen Relativierungen präsentiert. Man kann von wissenschaftlichen Arbeiten bekanntlich nicht erwarten, dass sie ganze Welt erklären.

  33. Kurt Imhof:

    Andreas Masügger ist sehr keck (und dafür schätze ich ihn). Aber hier ballert er etwas ungedeckt in Richtung Wissenschaft. Just nach dem ich Ihn sanft auf Fehler in einem seiner Kommentare aufmerksam machte, schiesst er eine Breitseite gegen vermeintliche Fehler von Wissenschaftlern (des Kollegen Russ-Mohl und seinem Team). Diese haben nichts anderes gemacht, als eine klassische Methode der Fehlerforensik im Journalismus zu reproduzieren. Dabei hat er selbstverständlich auch die Grenzen dieser Methode diskutiert und dazu gehört der kulturelle Bias. Der Nationalfonds war gut beraten dieses Projekt zu unterstützen. Natürlich: Wenn der Journalismus fette Fehler nicht mehr selbst aufdeckt, dann muss die Forschung an diese auch inhaltlich ran, aber das kann die Wissenschaft nur exemplarisch und nicht systematisch leisten.

  34. Es fällt schwer, auf die Polemik aus dem Bündnerland nicht auch mit Polemik zu reagieren. Ich möchte das hier – etwas zähneknirschend zwar – vermeiden und vielmehr als Präsident der SGKM (Schweizerische Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft) auf den Rundumschlag des Journalisten Andrea Masüger gegen die Wissenschaft reagieren. Es kann ja sein, dass meine WissenschaftskollegInnen das von mir erwarten, auch wenn da bloss einer an einem Mittwochabend etwas die Contenance verloren zu haben scheint, in die Tasten greift und wohl wie so oft ohne Gegenlesen das unausgegorene Teil abschickt.

    Wer ein bisschen eine Ahnung von Sozialwissenschaft hat, der weiss dass deren Methoden immer auch Grenzen haben und jeweils nur einen Ausschnitt aus der „Realität“ darstellen und ev. erklären können. Aus diesem Grund machen WissenschaftlerInnen gerade bei so komplexen Fragen, wie journalistische Fehlleistungen gemessen werden können, ihre Methoden transparent und lassen ihre Studien z.B. an (internationalen) Forschungskongressen von FachkollegInnen kritisieren. Das ist eine Form der Qualitätssicherung, die auch der Nationalfonds einfordert. WissenschaftlerInnen als primäres Zielpublikum wissen, wie sie solche Forschungen mit ihren Grenzen zu lesen haben.

    Es ist nun schwer vorzustellen, dass der Nationalfonds seine Forschungspolitik grundsätzlich korrigiert, nur weil ein Journalist aus der Südostschweiz einen Artikel in einer Zürcher Zeitung über eine Tessiner Studie überfolgen und sich dabei schaurig aufgeregt hat.
    Wenn der Transfer zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft und Praxis gelingen soll, dann doch deshalb, weil man sich aus unterschiedlichen, aber immer auch begrenzten Perspektiven einem gemeinsamen Problem – hier die zunehmende Fehlerproduktion im Journalismus – analytisch nähern kann. Das geht aber doch nur, wenn man auch bereit ist, sich mit der anderen Perspektive ernsthaft zu beschäftigen. Da muss die Wissenschaft schon auch noch viel dazu lernen. Ob man dabei aber mit dem Bündner Journalisten diskutieren mag, der mit hochrotem Kopf den Antrag stellen will, „dem Nationalfonds sämtliche Mittel zu streichen“ (etwa auch für die Medizin, Herr Masüger?), bezweifle ich.
    Als „aufbrausend zugespitzt“, müsste man diesen arg journalistischen Kommentar wohl zunächst decodieren, bevor man dann in eine ernsthafte Diskussion eintreten könnte. Das ist schade für die verlorene Zeit – auf beiden Seiten. Nervöse Zuckungen helfen da angesichts der grundlegenden Probleme der Branche nicht weiter. Wissenschaft und Medien sind beide Teil unserer Gesellschaft. Beide sollten ihre Kräfte auf die genaue Analyse des Problems konzentrieren und doch nicht gleich wegen einer transparent angelegten Fehlerstudie ausrasten. Die wissenschaftliche Diskussion über Medienqualität beginnt ja auch nicht mit der unterkomplexen Bemerkung, dass man der Printbranche die staatlichen Subventionen (Posttarifermässigung) entziehen und die Verleger doch wie andere Unternehmer auch den vollen Mehrwertsteuersatz zahlen sollten.

  35. Fred David:

    Die Forderung Masügers, dem Nationalfonds die Mittel zu entziehen, habe ich nicht ganz so Ernst genommen wie es die Herren der Wissenschaft taten. Es genügt nicht, eine Studie als „unwissenschaftlich“ zu erklären, und zu meinen, damit sei die Sache geklärt.

    Es genügt allerdngs ebenso wenig , eine Studie als „wissenschaftlich“ zu deklarieren, in der Meinung, damit sei alles gesagt.

    Ich habe auch meine Einwände gegen einzelne Methoden und Interpretationen der Studie, finde es aber grundsätzlich sehr positiv, nicht immer nur von Qualitätsansprüchen zu reden, sondern dafür auch messbare Kritierien zu definieren. Das können Journalisten und Verleger nicht allein. Dazu brauchen sie die Wissenschaft – und übrigens auch die Medienkonsumenten. Ist ein schwieriges Unterfangen und die Methoden sind nach meiner Meinung verbesserungsfähig.

    Aber eine präzisere externe Qualitätsdefinition und -kontrolle muss sein. Unbedingt.

    Ich vermisse dazu praktikable Verbesserungsvorschläge. @) ras hat hier einen gemacht, ganz simpel aber ganz wichtig: nachrecherchieren, Stichproben machen, Quotes, Facts & Figures checken, die schon irgendwo anders gedruckt wurden usw.

    Allerdings weiss ich aus leidvoller Erfahrung: Leute, die ihre Quotes gedruckt sehen, wollen sehr häufig nicht mehr gesagt haben, was sie gesagt haben, weil in der Zwischenzeit Berufskollegen, Freunde, Konkurrenten sich bei ihnen oder dem Medium gemeldet haben, häufig eben nicht lobend.

    Sehr viele Journalisten, eigentlich alle , die ich kenne, legen daher direkte Quotes vor dem Abdruck den Gesprächsparnern nochhmal vor.

    Und eine zweite Lebenserfahrung: Es gibt nur eine Berufsgruppe , die noch häufiger belogen wird als die der Journalisten: jene der Steuerkommissäre. Und zwar auf allen Ebenen, je höher umso professioneller. Es wird unglaublich viel und eiskalt gelogen.

    Der Wahrheitscheck ist nicht so einfach, weil es nirgendwo ein Büro zur Verwaltung der allgemeinen Wahrheit gibt, das man anrufen könnte: Wahr oder gelogen? Befrage fünf Zeugen über einen Verkehrsunfall und du kriegst zehn verschiedene Versionen, je länger der Unfall zurückliegt. Und je nach Sichtwinkel des Zeugen.

    Und Lügendetektoren gegen eigene Mitarbeiter setzen meines Wissens nur Banken ein, wie man kürzlich über das ehrbare Schweizer Bankhaus Julius Bär erfahren durfte…

    Taugt aber alles nicht als Ausrede. Wer dauernd von Qualitätsjournalismus redet, muss sich auch auf den empfindlichsten Zahn fühlen lassen.

  36. Andrea Masüger:

    Herzlichen Dank an alle, die sich so leidenschaftlich an dieser Diskussion beteiligen. Die gilt vor allem auch für die Publizistikprofessoren, die ihrem Kollegen zu Hilfe geeilt sind (gilt es doch, den Sinn weiterer Studien dieses Schlags zu rechtfertigen). Dabei hat mich vor allem der wissenschaftliche Ernst des Herrn Wyss beeindruckt. Keine Angst, ich finde den Nationalfonds eine tolle Sache und werde nicht weiter dessen Liquidierung fordern. Und Professor Wyss empfehle ich den MAZ-Kurs „Satire im Wandel der Zeit.“

  37. Fred David:

    @ Naja, Kollege Masüger, inhaltlich auf ein paar Argumente einzugehen, wäre nicht verkehrt …

  38. Es wäre auch nicht verkehrt, wenn die Wissenschaftler auf die geäusserte Kritik eingehen würden. Der Verweis auf die «Grenzen der Methode» genügt nicht. Es ist wirklich wahnsinnig heikel, Leute zu fragen, ob ein Titel reisserisch ist, und das Resultat der Umfrage dann als wissenschaftlich gesicherte Aussage darzustellen. Ein Beispiel zur Erläuterung: Kürzlich diskutierte ich mit einem Zeitungsleser über die Berichterstattung beim Vekselberg-Prozess. Der besagte Zeitungsleser war felsenfest davon überzeugt, dass der TA-Titel (Wortlaut: Vekselberg-Prozess «Ohrfeige» für Bern) reisserisch gewesen sei. Der Titel entspricht jedoch den Tatsachen, zudem war das Wort «Ohrfeige» in Anführungszeichen gesetzt und als Zitat gekennzeichnet, man kann also nicht nachweisen, dass der Titel falsch wäre. Wenn aber Wissenschaftler solche stark subjektiv gefärbten Aussagen ungefiltert übernehmen, ist das Resultat der Arbeit notwendigerweise verzerrt.

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