Beatles For Sale

Es gibt gute Gründe, die Ankunft der Beatles im iTunes-Zeitalter als Wendepunkt nicht nur in der Popgeschichte, sondern in der Mediengeschichte insgesamt zu werten. Und zwar einen Wendepunkt, den man als Journalist für seine eigene Arbeit besser zur Kenntnis nimmt.

Sicher: Dass jetzt alle 16 Alben der Beatles auch auf iTunes zu haben sind, hat – im Gegensatz zu fast allem was die Computer/iPod/iPhone/iPad-Firma sonst anzukünden pflegt – keine fetten Schlagzeilen gemacht. Dafür war die Nachricht schlicht zu wenig spektakulär. Kaum jemand schien noch sehnlichst darauf gewartet zu haben, die Beatles auch noch von iTunes herunterladen zu können. Denn schliesslich: Wer hat die Beatles-Platten oder -CDs nicht schon längst zu Hause und sie nicht auf den iPod überspielt – oder seine Lieblingssongs nicht schon irgendwo gratis heruntergeladen?

Dennoch ist die Ankunft der Beatles im Online-Zeitalter als Signal nicht zu unterschätzen. Darauf aufmerksam gemacht hat mich Christopher Caldwell in einer Kolumne der «Financial Times» (registrierungspflichtig). Er argumentiert so: Der epische Streit um die Marke «Apple», den die Beatles-Musikfirma Apple mit Steve Jobs‘ Computerfirma Apple geführt hat, war nur ein Grund für die verspätete Ankunft der Pilzköpfe auf iTunes. Die Beatles konnten es sich vor allem leisten, die grossen Abwesenden auf iTunes zu sein.

Die «Fab Four» sind schlicht zu gross und zu wichtig in der Musikgeschichte. Ihr Fehlen auf iTunes war darum nicht ein Mangel der Beatles, sondern ein Mangel von iTunes. Vor sieben Jahren, in der Anfangszeit von iTunes, haftete dem Online-Musikladen dank dem Einheitspreis von «99 Cents» der Geruch des Billigen an, zu dem die Beatles schlecht passten.

Das hat sich radikal geändert. Wer seine Musik, ganz gleich wie gross, wie edel, wie gut sie ist, nicht online anbietet, findet schlicht nicht mehr statt. Heute können es sich nicht einmal mehr die Beatles leisten, dem Online-Musikmarkt die kalte Schulter zu zeigen. iTunes ist nicht mehr einfach nur eine Vertriebsoption, sondern schlicht der Standard, ohne den es nicht geht. Genauso wie es bis in die 80er-Jahre nicht ohne Vinyl ging und nachher nicht ohne CD.

Bemerkenswerterweise sind die Beatles-Songs, auch wenn sie unterdessen gegen ein halbes Jahrhundert alt sind, auf iTunes weit teuerer als die Hits der Lady Gagas und Shakiras von heute. «Beatles For Sale» kostet 20 Franken, «The Fame» von Lady Gaga bloss 12. Steve Jobs und Paul McCartney rechnen damit, dass alte und junge Fans gern einen saftigen Aufschlag bezahlen, wenn sie die epochalen Songs der Beatles einfach und legal auf Mac und iPhone herunterladen können.

Daran ändert auch nichts, dass das Geschäftsmodell von iTunes letztlich eine Erpressung darstellt: Entweder verkauft man seine Musik auf iTunes oder man wird durch inoffizielle oder illegale Downloads einfach ausgeräubert – sofern die Musik nur gut und attraktiv genug ist. An diesem Faktum kommen heute nicht einmal mehr die Beatles vorbei.

Was sind die Lehren daraus für den Journalismus? Einerseits die bekannte, aber deswegen nicht weniger bittere Wahrheit, dass wer online nicht stattfindet, irgendwann gar nicht mehr stattfindet. Wer aus Prinzip oder aus Nostalgie allein am Papier festhält, bleibt unsichtbar und damit ungelesen.

Für die Medienindustrie wird das Papier immer mehr zu dem, was das Vinyl für die Musikindustrie war. Es stirbt zwar nicht aus und erlebt auch immer wieder eine Renaissance als Nischenprodukt, aber es wird selten und ist schon gar nicht mehr ein Hauptvertriebsweg.

Anderseits steckt in der Beatles-auf-iTunes-Saga auch eine Hoffnung für den Journalismus. Es gibt keinen Grund, der Erpressung durch die Internet-Gratiskultur einfach nachzugeben. Man kommt um das Internet als Vertriebsweg nicht herum. Aber das heisst nicht, dass man deswegen die Früchte seiner Arbeit verschenken muss.

Nicht jede Regionalzeitung wird für ihre schlichte Website soviel verlangen können wie die Beatles für ihre Alben. Aber wer es clever genug anstellt und ein nützliches, unterhaltendes und damit letztlich begehrenswertes Produkt auf bequeme Art anbietet, darf erwarten, dass das die Leserinnen und Leser auch honorieren. Und zwar mit Geld.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Beatles For Sale»

  1. «Für die Medienindustrie wird das Papier immer mehr zu dem, was das Vinyl für die Musikindustrie war»: Aber hallo, lieber Edgar. Erstens muss es heissen: ist, nicht war. Zweitens: Wenn das stimmt, was Du geschrieben hast, dann hat das Papier eine goldene Zukunft. Die Fakten sehen glänzend aus. In den USA und Kanada ist die Menge der verkauften Vinylplatten im Jahr 2009 um 35 Prozent angestiegen (Quelle: http://www.stereoplay.de).

    35 Prozent, lieber Edgar, das ist doch grossartig! Die Leute merken langsam, dass Vinyl mehr Spass macht als ein Download. Heute wird jede noch so entlegene Rarität aus den 60er Jahren auf Vinyl wiederveröffentlicht. Ich persönlich kaufe Musik fast ausschliesslich auf Vinyl.

    Fazit: Vinyl ist so wenig tot zu kriegen wie die Beatles. Und wie die Zeitung auf Papier.

  2. Hanspeter Spörri:

    Ohne Nostalgie: Ich konnte an einem Hörvergleich unter sozusagen wissenschaftlichen Bedingungen teilnehmen: eine Gruppe von TesthörerInnen ohne Kenntnis des Tonträgers, gleiche Lautsprecher, drei mal je die gleichen Musikstücke, von Klassik bis Rock) schnitt die Vinylplatte fast durchwegs besser ab als CD oder mp3, vor allem im Gesamteindruck, aber auch bei Kriterien wie Dynamik, Höhen oder Bässe.

  3. Fred David:

    Und was ist mit den Kratzern?

    Aber im Ernst: Den Test von @Hanspeter Spörri finde ich ja nun wirklich interessant und auch den Hinweis von @Bobby California über die Vinyl-Renaissance in den USA und in Kanada.

    Und @)Edgar Schulers Feststellung, dass die ollen Beatles-Daddys getuned deutlich teurer sind (nach fast 50 Jahren!) als die girlyge Lady Gaga hat mein Herz nicht gerade in Flammen gesetzt aber doch angenehm erwärmt.

    Könnte alles zusammen eine süffige Trendstory ergeben. Welches Medium klaut diese Storyidee, (copyright by medienspiegel.ch), als erstes?

  4. Fred David > Wenn man seine Platten einigermassen sorgfältig behandelt, gibt es kaum Kratzer. Einen Klangtest kann man jederzeit zuhause machen, wenn man die gleiche Musik auf Platte und CD hat. Der Unterschied ist gewaltig. Auch optisch ist die Vinylplatte allen anderen Formaten überlegen. Manche Plattenhüllen sind optische Kunstwerke.

  5. Das Vinyl vermisse ich nicht – aber die grossen Schallplattenhüllen…

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