Das Neueste vom Nichts

TV-Übertragungen wichtiger Fussball-Spiele beginnen meist ein halbe Stunde vor dem Anpfiff. Und man fragt sich regelmässig, was das eigentlich soll? Da redet der Moderator Matthias Hüppi mit Experten wie Alain Sutter oder Gilbert Gress über das kommende Spiel. Aber naturgemäss können sie ausser den Spieleraufstellungen nichts Schlaues oder gar Neues sagen, denn der Match hat halt noch nicht begonnen, und kein Schwein weiss, was passieren wird. Alle stochern im Nebel nach der Sau, die sich – so banal ist es – erst nach 90 Minuten metzgen lässt.

Dieses Spiel medialer Nullinformation läuft derzeit auf Hochtouren beim Prozess gegen den Wetter-Unternehmer Jörg Kachelmann. Seit Monaten und Wochen erfährt die Leserschaft täglich das Neueste vom Nichts. Denn die Medien sind, verständlicherweise, in den wichtigen Phasen von den Gerichtsverhandlungen ausgeschlossen.

Eine Auswahl der Titel über Meldungen und längeren Artikeln in Deutschschweizer Zeitungen illustriert dieses Nichts perfekt: «Langwierige Befragung», «Prozess-Ende verzögert sich wohl», «Neues Kapitel im Psycho-Krieg», «Kachelmann-Prozess zieht sich in die Länge». Und der Titel aller Titel im «St. Galler Tagblatt»: «Kachelmann-Prozess geht weiter.» Aber sicher.

Nehmen wir die Berichterstattung vom 26. Oktober. Eines, nur eines unter sehr vielen Beispielen, liefert die «Berner Zeitung» mit dem Artikel «Ex-Geliebte im Kreuzverhör» und berichtet: «Jörg Kachelmanns Ex-Geliebte hält vor Gericht an ihren Beschuldigungen fest.» Ehrlich – hätten Sie das gewusst? Und überrascht Sie das?

Eine andere Variante der «Prozess-Berichterstattung» liefern Blätter wie der «Tages-Anzeiger» oder der «Blick»: Deren Berichterstatter stürzen sich förmlich auf jede noch so lächerliche Kleinigkeit. Zum Beispiel auf ein Buch, das diese Ex-Geliebte bei ihrer Ankunft vor dem Gerichtsgebäude bei sich hatte und angeblich liest: «Der Soziopath von nebenan» heisst der Knüller. Wer jetzt etwas ratlos ist, dem hilft der «Schweizer Medienprofi und Kommunikationsberater Hannes Hug» der den, wohl reichlich gelangweilten «Blick»-Lesern verrät, dass das eine «gezielte Botschaft» der Ex-Geliebten sei. Und der «Tagi» weiss sogar, dass die Frau das Buch von ihrem Psychotherapeuten bekommen habe – vielleicht zum Trost, vielleicht als Selbstbestätigung. Das werden wir nie wissen.

Und wir wollen es gar nie wissen, Herrgott nochmals. Warum müssen diese Berichterstatter tagtäglich neuen Quatsch von einem Prozess vermelden, bei dem sie nichts vermelden können, weil sie eben ausgeschlossen sind?

PS: Eigentlich tun einem diese Kollegen ja leid. Die müssen sich bei Wind und Wetter vor einem Mannheimer Gerichtsgebäude die Füsse abfrieren, um ihren Redaktionen irgendwas zu liefern – und sei es noch so schwachsinnig.

PPS: Interessiert es Sie überhaupt noch, was zwischen Kachelmann und seiner Ex war? Eben.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts» und Kulturchef beim Pendlerblatt «News», amtet seit dem 1. September 2008 als Chefredaktor des Magazins «Saldo».

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

9 Bemerkungen zu «Das Neueste vom Nichts»

  1. Fred David:

    Ja, volle Zustimmung. Aber warum machen Journalisten das?

    Weil sie glauben, Leser wollten das unbedingt wissen: die Schlüssellochperspektive eben.

    Niemand lauscht und guckt selber gern an der Tür. Man ist aber ganz froh, jemanden zu haben, der diese Schmuddelfunktion übernimmt, um dann nachher haarklein erzählen zu können, was er gesehen und gehört hat.

    Kachelmann ist ein Kaffeepausenthema auf allen Ebenen, bis ganz zuoberst, da soll man sich bloss nichts vormachen, wie auch auf erhabenen Ebenen getratscht wird, was das Zeug hält.

    „Der Leser“, der so gerne mehr Qualität einfordert, ist nämlich nicht ohne.

    Für Qualität ist er nicht unbedingt bereit, mehr zu bezahlen, aber den Schlüsselloch-Blick erwartet er trotzdem.

    Ich bin ja auch Leser, von daher weiss ich das. Ich weiss auch, dass ich als Leser ein zwiespältiges Wesen bin. Aber niemand redet gern über seine gespaltene Psyche.

    Wollte ich nur mal sagen, weil in letzter Zeit Journalisten so häufig geprügelt werden. Gibt ja auch Grund dafür.

    Aber wir Leser sind, wie gesagt, auch nicht ohne.

  2. Am 21. Dezember soll im Kachelmann-Prozess das Urteil gesprochen werden. „Ich war nicht immer treu, offen und ehrlich mit meinen Partnerinnen“, sagte Kachelmann der Bild Zeitung. „Wenn ich in Zukunft eine Beziehung führe, werde ich monogam leben.“ Wo er später wohnen werde, wisse er noch nicht. „Vielleicht werde ich erst mal mit meiner Mutter zusammenwohnen“, sagte er der Bild Zeitung. Für mich hört sich das alles nach Schönfärberei an um ein mildes Urteil zu erwirken. Ich bin echt mal auf das Urteil gespannt.

  3. Fred David:

    @buchleser: Man kann drauf wetten, dass die medial sehr gut vernetzte Verteidigung Herrn K. dazu geraten hat. Vor allem das mit Mama geht voll zu Herzen… Solcher Schmonzes ist ja nicht verboten. Und sollte das einem PR-Berater eingefallen sein, sollte er ein Extrahonorar erhalten.

    Man kann ja schon die Frage stellen, wie ernst Leser sowas noch nehmen. Da ich ein solcher bin, würde ich sagen: Man ist doch recht abgehärtet inzwischen. Und Richter sind es erst recht.

    Allerdings lassen einen all diese Begleitumstände leicht vergessen, dass es nach wie vor um einen schwerwiegenden strafrechtlichen Vorgang geht, egal, wie das Urteil lauten wird.

  4. Thomas Läubli:

    Man kann in bestimmten Fragen geteilter Meinung sein, ob sie zum öffentlichen Interesse gehören. Hier stelle ich aber fest: Wer den Prozess Kachelmann in den Medien überhaupt verfolgt, ist dumm. Strohdumm.

  5. Dike:

    @ Thomas Läubli: Wer solch schrille Aussagen macht wie „Wer den Prozess Kachelmann in den Medien überhaupt verfolgt, ist dumm. Strohdumm.“, hinterlässt bei mir nicht den Eindruck, ein intelligenter Mensch zu sein. Wenn ich die Hoffnung hätte, Sie wären kognitiv in der Lage, die gesellschaftlichen, politischen und juristischen Aspekte hinter diesem Drama griechischen Ausmasses zu erkennen, dann würde ich sie Ihnen erklären. Allein, ich habe keine Hoffnung.

  6. Thomas Läubli:

    Griechische Tragödie? Jetzt wird Rechtssprechung noch zum ästhetisierten Event? Nein, danke! Schauen Sie sich lieber einen TV-Krimi an oder gehen Sie ins Theater. Promis sind nicht zur allgemeinen Belustigung und Befriedigung sadistischer Triebe da.

    Wenn ich sehe, wie Kachelmann vom Tagesanzeiger bereits jetzt (im letzten Artikel «Abtritt von der Bühne» oder so ähnlich) vorverurteilt wird, dann hat das mit Intelligenz nicht im Geringsten mehr zu tun. Schon die zahlreichen „Stories“ zu Roman Polanski waren unter aller Sau. Das ist nicht schrill. Ein gesunder Menschenverstand weiss, was sich gehört und was nicht. Der ist ist auf den Redaktionen allerdings rar geworden.

  7. Thomas Läubli:

    Und hier anonymisiert, andere als unintelligent hinzustellen, ist nun wahrlich keine Leistung, sondern Feigheit. Ich stehe wenigstens zu dem, was ich schreibe.

  8. Dike:

    Ein kleines Fünkchen Hoffnung hatte ich dann doch, dass Sie vielleicht nachfragen, was denn die interessanten juristischen oder gesellschaftspolitischen Aspekte des Kachelmann-Falles wären, und wo kluge Analysen zu lesen sind. Aber offenbar verhält sich Ihre Neugier umgekehrt proportional zu Ihrer Meinungsstärke.

    Ich stelle Sie nicht als unintelligent hin, das machen Sie schon selber.

  9. Thomas Läubli:

    Sehr geehrte Dike, der Medienspiegel weiss, welcher Journalist sich hinter Ihrer IP-Nummer verbirgt. Wir könnten das publik machen, aber wir lassen das so, denn der Leser wird Ihre feigen Anschuldigungen schon richtig interpretieren.

    Ich interessiere mich grundsätzlich nicht für laufende Prozesse. Ob Herr XY sein Opfer von hinten genommen hat oder ob SM-Praktiken im Spiel waren, ist vielleicht interessant für Leute, die sonst kein Freudeli im Leben haben. Ich finde das einfach primitiv. Punkt.

    Wenn man Leute schon als „berechnendes Ekel“ vorverurteilt, habe ich das Gefühl, da will einer einem effeminiert aussehenden Typen eins auswischen, weil man seine langen Haare nicht mag und ihm den Erfolg nicht gönnt. Das ist eher ein Satyrspiel. Der frustrierte Journalist kann nicht von seinen Idiosynkrasien abstrahieren. Man müsste am ehesten den Journalisten ins Zentrum der Bühne setzen: Einen Typen mit Bierbauch, der den ganzen Tag Schoggi in sich hineinstopft, während er mit verkniffenen Augen vor dem Bildschirm versucht, das Privatleben anderer Leute nach möglichen Fehlern abzusuchen, weil sein eigenes so unendlich banal ist, und sich vom häufigen Sesselkleben Hämorrhoiden holt. Das ist ein Drama Beckett’schen Ausmasses.

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