Black Tuesday

Ein Dienstag im Oktober (26.10.10). Auf meinem Schreibtisch liegen, warum auch immer, die zwei auflagestärksten Wochenzeitungen der Schweiz. Zusammen haben sie laut jüngster Wemf-Analyse 5’064’000 Leser. Jede Woche. Die eine, die «Coopzeitung», macht die Frontseite mit einem ganzseitigen Foto von einem ergrauten Herrn namens Peter Reber auf. Hauptschlagzeile: «Er bringt sein Hippigschpänschtli auf die Bühne».

Wow.

Konkurrent «Migros Magazin» hält mit einem Knaller dagegen und macht mit einem ganzseitigen Frontfoto eines kräftigen Herrn in blauem Hemd auf. Hauptschlagzeile «Die Migros ist die neue Partnerin von Schwingerkönig Kilian Wenger».

Wowwow.

Besagter Herr Wenger wird nicht etwa Werbebotschafter, PR-Fuzzi oder was auch immer von einem der grössten Unternehmen der Schweiz. Nein, die Migros wird Partnerin vom Schwingerkönig.

Wowwowwow.

Am gleichen trüben Oktobertag erreicht mich die Botschaft der grössten politischen Wochenzeitung der Schweiz mit der persönlichen Nachricht ihres Chefredaktors, des unvermeidlichen Roger Köppel, wir Halbschuhe hätten bisher alle falsch gerechnet. Der Ausländeranteil in der Schweiz betrage in Wahrheit 34% – wenn man all die Halb- und Viertelschweizer dazuzähle, die erst seit 25 Jahren eingebürgert sind. Diesen Skandal hat uns, wie üblich, eine linke Mafia, vorenthalten. Denn neuerdings gibt es nach dieser Swissness-Rechnung Eidgenossen (mit Stammbaum bis Niklaus von Flüe), Schweizer auf Probe (alle, die eine unschweizerischen Familiennamen haben) und den üblichen Restmüll von Anwesenden ohne CH-Pass.

Und zum Abschluss des grauen Oktobertags «10 vor 10» von Grosi-TV: eine Eloge (s. unten) auf den neuen Übervater der A-Schweiz, UBS-Chef Oswald Grübel. «10’000 Mitarbeiter in einem Jahr weniger. Das Resultat kann sich sehen lassen», erklärt der Kommentator aus dem Off. «Er hat das Vertrauen wieder hergestellt» – auch wenn der Gewinn nur dank Steuererlassen zustande kam. Macht nichts. «Dank IHM haben die Kunden wieder Vertrauen gefasst.» Kein Wort darüber, dass der Aktienkurs trotz anhaltender Jubelarien und trotz eben neu angeschafftem UBS-Mobiliar (dem «Blick» war der Möbelkauf vor drei Wochen Seite 2 und 3 mit doppelseitigem Foto wert) seit zweieinhalb Jahren nahezu unverändert zwischen 16 und 17 CHF herumdümpelt (zuvor lag er bei 80 CHF). Offenbar misstrauen die immer wieder gern zitierten «Märkte» der UBS zutiefst. Warum? Kein Wort dazu bei Grosis Schnarch-TV. Dafür Szenen aus einem «bankinternen Video» mit gottvaterähnlicher Bassstimme des obersten Chefs und der dramatischen Frage: «Warum ich?». Dem erhebenden Filmbeitrag fehlte nur noch die musikalische Untermalung mit Händels «Halleluja».

Ein düsterer Oktobertag im Leben eines schwer geprüften Schweizer Medienkonsumenten neigt sich dem verdienten Ende zu.

Wann wird es endlich wieder hell?

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen. Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Fred David | Kategorie: Mediensatz

18 Bemerkungen zu «Black Tuesday»

  1. es geht mir ähnlich. ein jammer.

  2. Grosse Klasse Fred! Das ist Medienkritik, wie ich mir sie wünsche.

  3. Jawoll – wer bei Morgarten nicht dabei war, ist auch kein Schweizer.

  4. Fred David:

    Fairerweise sollte man ergänzen, dass man noch andere Beobachtungen machen kann als jene an Black Tuesday.

    Mir fällt in letzter Zeit zum Beispiel der „Tagesanzeiger“ mit neuem Biss auf (den die „Sonntagszeitung“ vom gleichen Verlag verloren hat).

    Hoffentlich ist das keine Fata Morgana.

    „Fifa Bestechung in der Schweiz erlaubt“: Wie unser überfordertes Teilzeitparlament solche Gesetze unbesehen durchwinkt. Oder der mysteriöse Fall eines Italienerjungen im Wallis, der schwere Zweifel an der Unabhängigkeit der Untersuchungsbehörden zulässt. Oder der Frontaufmacher vom 27.10., wo mir mitgeteilt wird, wie die UBS in den USA vermutlich während 25 Jahren Milliarden an Steuern spart, dank des Beinahe-Crashs, der mit Milliarden von Steuerngeldern gerade noch abgewandt werden konnte. Eine besonders aparte Varianten von „Weniger Staat!“.

    Scharfe Blicke hinter die sorgfältig drapierten Kulissen der Macht: Das ist nicht links, nicht rechts, sondern einfach Journalistenhandwerk, mit dem der Print punkten kann, gerade in einem Land, das keine institutionalisierte Opposition kennt, die kontrolliert.

    Aber man sollte an den Fällen dann auch dran bleiben, und nach ein paar Wochen und Monaten nachhaken, was weiter geschehen ist (oder meistens eben nicht geschehen ist). Beispiel: Das Söldnerunternehmen, das sich in Basel etabliert. Die Justizministerin sagte zu, zu „prüfen“, ob das gewerbsmässige Söldnerwesen mit der Schweizer Verfassung kompatibel sei. Man hat nichts mehr davon gehört. Oder der mysteriöse Selbstmord eines Tirolers in einem Berner Gefängnis, der als Zwischenhändler geheimer Bankdaten eine bisher nur sehr vage definierte, aber wohl gewichtige Rolle spielte. Der Fall verschwand nullkommaplötzlich aus allen Gazetten, wohl auch, weil er so gar nicht zu den Steuerverhandlungen mit Deutschland und Grossbritannien passt.

    Der Slogan der Tamedia war ja mal: „Wir bleiben dran!

    Also, mach mal, „Tagi“! (…gilt gerne auch für andere).

    Wir bleiben auch dran mit unserem media watching…

  5. Thomas Widmer:

    Was soll der Satz in der Autorenzeile: „Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung“? Was könnte es denn sonst sein, muss ich mir Sorgen machen, dass Leute wie Fred David des öftern von Vermummten mit Pistole gezwungen werden, Dinge zu schreiben, die nicht ihre persönliche Meinung sind? Dies ist übrigens meine persönliche Meinung.

  6. @Thomas Widmer: Sind Dir Floskeln fremd?

    Ich weiss ber ehrlich gesagt nicht, wann dieser Satz reingerutscht ist.

    Andererseits: Man weiss ja nie, ob ein Kolumnist einen in die Bredouille bringt. Wenn Du wüsstest, wieviele Anwälte ständig vor meiner Haustüre lauern! ;-)

    Und übrigens: Deine persönliche Meinung bedeutet mir viel – schluchz ;-)

  7. Thomas Widmer:

    Ach, Martin, der Text selber ist ja gut. Das ist die Hauptsache. Daher brauchst du nicht zu schluchzen. Nur klingt diese inkriminierte Zeile halt so wahnsinnig eitel.

  8. miki:

    In meinem Stammbaum finde ich auf die letzten paar Jahrhunderte nur Schweizer. Würde sogar behaupten, dass ich schweizerischer bin als Herr Köppel. Deswegen muss ich noch lange keinen solchen Kack rauslassen. Na wenigstens ist Fremdenhass weder angeboren noch vererbbar.

  9. Die „eitle Zeile“ hat mehr mit Angst als mit Eitelkeit zu tun. Oder würdest Du, oh Thomas, es denn auf Lämpen mit Wigdorovits & Co. ankommen lassen? Eine Kolumne von Fred David zu den hiesigen Spin Doctors war nämlich der Anlass für die „eitle Zeile“. Das „verhebt“ juristisch vermutlich hinten und vorne nicht, aber wie soll man sich als armer kleiner Blogger denn sonst absichern …

  10. Anonym:

    @thomaswidmer: ich finde ihren einwurf sehr kleingeistig und er ist ausdruck davon, dass sie sich vorwiegend mit schönen, aber durchwegs „ungefährlichen“ publikationen durchs leben schlagen. falls sie denn der wanderjournalist sind, den ich meine. warum verlinken sie sich hier nicht direkt? und was soll der vorwurf der eitelkeit, wenn man selbst auf seiner eigenen website nur gerade drei buchcovers zeigt und dann einfach auf den verlag verlinkt? das ist nicht eitel?

    ts…

  11. Leo Nydegger:

    Ja, ja, es wird immer alles schlechter. Früher war alles tausendmal besser.

    Die „Coopzeitung“ und das „Migros-Magazin“ sind Werbeschriften. Hat Herr David das nicht bemerkt? Die Titel dieser Publikationen deuten darauf hin. Also sollte man seine journalistischen Ansprüche entweder herabschrauben oder auf die Lektüre verzichten. Herr David, wer zwingt sie denn dazu, „Coopzeitung“ und „Migros-Magazin“ zu lesen?

    Der Kulturpessimismus, der von gewissen älteren Herren ständig ausgebreitet wird, geht mir auf den Sack.

  12. Thomas Läubli:

    Herr Nydegger, Ihr Vorwurf, dass der Kulturpessimismus das Privileg älterer Herren sei, ist schon ziemlich kleingeistig. Jede Generation, die an den Schalthebeln der Macht sitzt, ist verpflichtet, den künftigen Generationen keinen Scherbenhaufen zu hinterlassen. Was Herr David kritisiert, ist die Unsitte, Medien zunehmends als Werbeträger zu missbrauchen. Es gibt auch noch kulturelle Werte, die nicht im ökonomistischen Denken aufgehen. Die Ökonomie ist immer noch ein Teil der Geisteswissenschaften, der nicht der Rang der Philosophie oder einer Naturwissenschaft zukommt. Dass die Beispiele von Coopzeitung und Migros-Magazin vielleicht nicht gerade die richtigen sind, ändert nichts an der Berechtigung der Kritik.

  13. Fred David:

    @) Leo Nydegger: Kulturpessimismus ist etwas hochgegriffen. Medienkritik ist Medienkritik. Nix weiter.

    Zwischen Schwingen nicht besonders toll zu finden und der Frage, was ein echter Schweizer sei, gibt es schon ein paar innere Zusammenhänge. Da fallen Parallelen und Trends halt auf.

    Sie haben natürlich recht, dass die Coopzeitung Werbung für Coop macht und das Migros-Magazin Werbung für Migros. Dagegen spricht überhaupt nichts. Wäre ja auch komisch, wenn’s anders wäre.

    Ich zweifle allerdings, dass die Macher der beiden grössten Wochenzeitungen der Schweiz sich als Werbetexter verstehen. Reine Werbemittel hätten ja auch in den – mit ihren Leserzahlen durchaus zweifelhaften *) – Wemf-Analysen nichts zu suchen. Coopzeitung und Migros-Magazin werden dort als Publikumszeitschriften geführt.

    Wenn zwei Wochenzeitungen zusammen angeblich oder tatsächlich Zweidrittel aller Schweizer als Leser erreichen, und das jede Woche, ist es schon interessant, mal zu beobachten, wovon deren Macher überzeugt sind, was die Schweiz 2010 bewegt: eben Gschpängschtli und Schwingerkönige.

    Das darf man natürlich machen. Aber man darf auch mal erstaunt die Frage stellen: Sind das wirklich wir? Sind wir so?

    Vielleicht sind wir ja wirklich so. Vielleicht nimmt man aber auch nur an, wir seien so. Man hätte uns gern so. Ich rede natürlich nur von uns Eidgenossen, den echten, mit dem Wewo-Zertifikat. Sorry, ich überspitze, angesichts der obwaltenden Umstände. Aber nur ein wenig.

    *) auf ein Land von der Grösse Deutschlands übertragen, hiesse das: die zwei Publikationen hätten jede Woche 54 Millionen Leser …(soviel zu den Wemf-Zahlen).

  14. Fred David > Die Migros-Zeitung und die Coop-Zeitung haben durchaus einen journalistischen Anspruch, sie publizieren Reportagen, Porträts usw., aber eben so, dass es niemandem wehtut.

    Leider lässt sich Deine Kritik auch auf andere Zeitungen übertragen. Zum Beispiel habe ich gestaunt über das Interview, das letzte Woche im Tages-Anzeiger erschienen ist: «Konrad Hummler erklärt, warum ein Steuerdeal mit Berlin Sinn macht.» Fragt sich nur, warum mir das ausgerechnet Herr Hummler erklären soll, und für wen der Deal Sinn macht. «Es ist sehr positiv, dass die Schweiz jetzt das leidige Steuerproblem mit Deutschland in Verhandlungen angeht und einen Staatsvertrag anstrebt, der den Schutz der Privatsphäre deutscher Bankkunden festschreibt…» Ach so. Es geht um die «Privatsphäre» der deutschen Bankkunden, sprich: um den Schutz von Steuerhinterziehern. Weiter im Text: «Entspannung und friedliche Koexistenz fördern das Geschäft». Inzwischen lässt man den deutschen Staat ausbluten, das kann uns ja egal sein, Hauptsache, Herrn Hummlers Geschäft läuft wie geschmiert. Wenn es den Reichen gut geht, geht es uns allen gut, gell… Man hätte die Formulierung der zahmen Fragen eben so gut Herrn Hummler überlassen können… und der Text hätte auch in der Migros-Zeitung erscheinen können.

  15. ras.:

    Es ist so simpel, wie bei den Pendlerblaettern, dass die beiden Gratistitel eine sehr hohe Reichweite erreichen: Zugriffskomfort – sie liegen vor jeder Nase. Die Coop/Migrosblaetter gar in den Briefkaesten der
    Mitglieder. Da kann jeder schnell die Frage positiv beantworten, er habe den Titel durchgeblaettert. Also kein Wemf-Mysterium.

  16. Fred David:

    @) ras: Ein Mysterium sind die Wemf-Zahlen nicht. Es steckt nur sehr, sehr viel Luft in dem Zahlengeflecht. Mehr wollte ich nicht ausdrücken.

    @) Bobby California: Die Hummler-Arien kann ich auch nicht nachvollziehen. Er ist ein intelligenter, eloquenter Lobbyist eigener Interessen. Aber eben: ein Lobbyist. Natürlich kann man seine Interpretationen zitieren, aber doch nicht so gläubig als vermeintlich unabhängige Expertenmeinung.

    Von keiner andere Branche würde man solche interessengebundenen Einwürfe einfach 1:1 übernehmen, ohne sie zu hinterfragen.

    Banken geniessen hierzulande politischen, juristischen und medialen Artenschutz, ebenso wie ausländische Steuerhinterzieher – und -betrüger.

    Mehr kritische Distanz täte dem Schweizer Journalismus wirklich gut, egal ob in Gratis- oder Bezahlblättern.

  17. Nur damit sich Migros und Coop bei der WEMF ausweisen können, müssen Herr und Frau Schweizer Millionen von Tonnen Papier entsorgen? Mein Vorschlag, auch im Sinne von Nachhaltigkeit und Effizienz: Ein A4-Blatt mit vorne drauf der Hausmannkolumne und hinten drauf die Aktiönchen.

  18. Ugugu > Ich glaube, es bräuchte noch ein zweites A4-Blatt mit dem Marianne-Weissberg-Porträt ;-)

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