Pietro Supino: Don’t worry, be happy

    «Die bei Politikern und Medientheoretikern verbreitete Sorge über den Untergang des Qualitätsjournalismus ist unbegründet»,

schreibt Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino in einer «Analyse der Schweizer Presselandschaft».

Prozac, anyone?

Update, 2. November 2010:
Kurt Imhofs Replik auf Pietro Supinos Artikel
– Rainer Stadler in der «NZZ»: «Ein Verleger sieht rosa»

Update, 5. November 2010: Man beachte bitte auch den an die «Magazin»-Redaktion adressierten Leserbrief ehemaliger Mitarbeitender von AP Schweiz (Supinos Artikel ist ursprünglich im «Magazin» erschienen).

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

8 Bemerkungen zu «Pietro Supino: Don’t worry, be happy»

  1. kallboy:

    Konzernjournalismus erster Güte. Bleibt zu hoffen, dass Supino diese Suppe selber gekocht hat. Er wird doch keinen Küchenjungen aus der Redaktion zum Recherchieren aufgeboten haben… ; )

  2. dieser text ist ja eigentlich im magazin erschienen. aber weil das magazin seit 2 wochen hinter einer paywall verbunkert ist, hauen sie ihn einfach auf newsnetz raus. wie muss man das jetzt wieder verstehen? und wie manchen kommentar à max. 400 zeichen muss herr imhof dort posten, um zu kontern?

    prozac? ich bleib beim edelzwicker.

    ts…

  3. Dominik Feusi:

    Bin voll bei Supino – Konzernjournalismus hin oder her, er hat auch einige gute Argumente (was mir sogar ein kulturpessimistischer TA-Redaktor per SMS einräumte). Der Untergang ist immer dort, wo wir ihn zu erkennen glauben…

  4. Fred David:

    An Supinos Text fiel mir auf , wie deutlich er auf den wachsenden Einfluss der „PR-Industrie“ hinwies. Die Redaktionen würden von PR-Profis geradezu überrollt.

    Er bezieht das allerdings hauptsächlich auf den PR-Etat der Bundesverwaltung. Das ist aber nur der kleinere, harmlosere Teil, weil es in diesem Bereich immerhin noch ansatzweise eine öffentliche Kontrolle gibt.

    Viel gravierender ist hingegen der Einfluss der PR-Industrie auf die Redaktionen im Wirtschftbereich, weil dort weitgehend alles in der Dunkelkammer bleibt und weil es um sehr, sehr viel Geld und um sehr starke partikulare Interessen geht.

    Aber schön, dass ein Verleger dieses Problem als gravierend erkennt. Allerdings macht Supino es sich bei den Rezepten zur Qualitätsicherung – und -steigerung etwas arg einfach. Man müsse einfach gute Journalisten haben und diese ordentlich ausstatten.

    Dagegen hat wohl niemand was. Aber was heisst es konkret? Vielleicht berichten hier mal Journalisten aus dem „off“, wie sie das sehen, wieviel Zeit sie für Recherchen tatsächlich zur Verfügung haben, wie oft sie ausser Haus kommen, ob eine Dienstreise und erst noch ins ferne Ausland drin liegt usw. usw. usw..

    Personalabbau mindert nicht in jedem Fall und automatisch die Qualität. Da gebe ich ihm gerne recht. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass eine schleichende Qualitätsminderung mit mangelnder manpower (politisch korrekt, selbstverständlich, auch:womenpower) einher geht, auch zum Beispiel, was schrumpfende Dokumentationsabteilungen betrifft, ist extrem hoch. Gerade dort könnten grosse Medienhäuser mehr tun (siehe „Spiegel“-Doku), viel mehr, was sich in der Qualität spürbar auswirken würde : auch und gerade in der Wahrnehmung der Leser.

    Aber das ist teuer. Und das müsste Herr Supino seinen Aktionären (und damit sich selber) schon sehr schmachkhaft machen, damit sich in dieser Richtung etwas bewegt.

    ps. Wie @)bugsierer hätte ich es zweckmässiger und auch spannender gefunden, wenn sich der „Tagi“ (bez. das „Magi“) auf ein Streitgespräch Supino – Imhof eingelassen hätte, statt bloss die Position des Verlegers in eigener Sache als Verlautbarung pro domo (= „für das Haus bez für den Hausherrn“) abzudrucken.

  5. Alleine die Tatsache, dass Supino diesen Artikel schreibt, zeigt, dass die Kritik der Gruppe Imhof (gibt es hier keinen anderen Namen? sonst hängt man die Diskussion ständig an der Person von Kurt Imhof auf) eingeschlagen hat. Medienkritik ist eines der grössten Tabus hierzulande. Schreibt man einen Kommentar wie den folgenden in 400 Zeichen, wird er nicht publiziert:

    „Es ist Humbug, dass die Medien heute eine höhere Vielfalt bieten würden. Die Tamedia-Produkte haben sich inhaltlich den Gratiszeitungen angepasst. Sie bilden politisch & kulturell nur noch den Mainstream ab. Zudem wurden die Fachjournalisten entlassen, an deren Stelle «Generalisten» schreiben, die von allem und nichts eine Ahnung haben. Dies bemerken nicht nur die Experten, sondern normale Leser.“

    Und das passiert mir nicht zum ersten Mal – Journalisten haben offenbar eine dünne Haut. Ein weiteres Beispiel: Man darf beim verlinkten Artikel nicht darauf hinweisen, dass der TA sich nicht über mongolische Lyriker lustigmachen sollte:

    „Ich hätte im Gegensatz zu Martin Ebel Freude an einem mongolischen Lyriker. Der Tamedia-Betrieb sollte sich in Sachen Spott gefälligst etwas zügeln. Wann wurde hier das letzte Mal ein Lyrikbändchen besprochen?“

    Ein letztes Beispiel: Auch in der Sprachdebatte, die kürzlich (völlig oberflächlich) lanciert wurde, darf man den Chef des Kulturbunds nicht in politisch unkorrekter Weise kritisieren:

    „Guido Kalberer zitiert Heidegger: «Die Sprache ist das Haus des Seins.» Dass Heidegger bis ca. 1934 einer nationalistischen Verirrung anheimfiel, erwähnt er nicht. Die Heimatliebe kann sich bis zum Extremismus steigern. Theodor W. Adorno formulierte dagegen in den 40er Jahren: «Die Fremdwörter sind die Juden der Sprache.»“

  6. Reuksopp:

    @Thomas Läubli, ich kann deine Kritik-Kritik nachvollziehen. Habe die Newsnetz-Buben schon einige Male auf klare Faktenfehler hingewiesen. Kommentare werden elegant ignoriert, verbessert wird nichts. Dafür berichtet man mit rot blinkendem «Update folgt» über jeden abgebrochenen Fingernagel einer Miss Autopneu. Ich versteh nicht, warum sich die Tamedia das Geschäft ums Verrecken selbst kaputtmachen will und den Tagi unbedingt zum langweiligen Bruder von 20 Minuten downgraden will. Aber bitteschön, ich investiere mein Geld gern in andere NZZEITungen.

  7. Ernst. E. Abegg:

    Wir – ehemalige Mitarbeitende des Schweizer Dienstes der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) – haben mit grossem Interesse die Ausführungen des Tamedia-Verlegers Pietro Supino zum Thema „Die Qualität unserer Presse“ im „Magazin“ vom 23. Oktober gelesen. Seinen Ausführungen und dem von ihm angeprangerten Jahrbuch „Qualität der Medien“ ist gemeinsam, dass ein wichtiger Aspekt der Medien- und Meinungsvielfalt unterschlagen wird: Die Situation bei den Nachrichtenagenturen in der Schweiz.

    Im Falle des Tamedia-Verlegers finden wir das umso befremdender, als er seit diesem Sommer Mitglied des Verwaltungsrats der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) ist. Die sda war es, die im Januar 2010 in einem handstreichartigen und millionenschweren Deal mit den Eigentümern der deutschen Nachrichtenagentur ddp (heute dapd) dafür sorgte, dass der Schweizer AP-Dienst nach 29-jähriger erfolgreicher Tätigkeit den Betrieb umgehend einstellen musste. Mit der Folge, dass rund 20 erfahrene Nachrichtenjournalistinnen und –journalisten ohne jede Vorwarnung ihren Job verloren und die sda seither auf dem deutschsprachigen Schweizer Markt das Monopol hat.

    Tamedia-Verleger Supino preist das breite Angebot in der Schweizer Medienlandschaft und hält fest: „Gleichzeitig beflügelt der Wettbewerb die Qualität.“ Bei den Nachrichtenagenturen wurde mit tatkräftiger Unterstützung der Tamedia – sie ist nach der Übernahme der Mehrheit am Westschweizer Verlag Edipresse der mit Abstand grösste Einzelaktionär der sda mit einer Beteiligung von rund 26 Prozent – der Wettbewerb jedoch beseitigt. Die nachrichtenjournalistische Basis der tagesaktuellen Medien wird seither vom Monopolisten sda ausgewählt und aufgearbeitet. Das fördert weder die Qualität und die Aktualität in der Berichterstattung noch die Meinungsvielfalt und bringt den Kunden der sda auch keine preislichen Vorteile.

    Wir massen uns nicht an, über die Auswirkungen des Stellenabbaus im Haus Tamedia zu urteilen. Wir sind aber überzeugt, dass im Falle der von der sda erkauften Betriebsschliessung des Schweizer AP-Dienstes der Abbau von Stellen sehr wohl einem Qualitätsabbau gleichkommt. Für uns ehemalige Mitarbeitende des Schweizer AP-Dienstes tönt es überdies ziemlich zynisch, wenn der Tamedia-Verleger für etwas mehr Gelassenheit in der Qualitätsdebatte plädiert. Denn die meisten von uns haben seit dem Aus für die Schweizer AP im letzten Winter keinen vergleichbaren Job gefunden. Die sda erklärte schon am Tag nach der Bekanntgabe des Deals, sie werde keine AP-Mitarbeitende übernehmen.

    Wir verstehen uns nicht als „ewige Kulturpessimisten“. Wir hätten aber niemals geglaubt, dass eine derart weitreichende Entscheidung in der Schweizer Medienlandschaft von einer kleinen Gruppe von einflussreichen Verlegern – neben Tamedia und Edipresse gehören auch die NZZ-Gruppe und die SRG zu den sda-Grossaktionären – so durchgezogen wird. Ohne Konsultation der publizistisch Verantwortlichen in den eigenen Häusern und ohne sorgfältige Prüfung der finanziellen Aspekte des Deals.

    Ernst E. Abegg
    Bettina Bichsel
    Gabriella Broggi
    Kathy Brunner
    Thomas Brunner
    Balz Bruppacher
    Onna Coray
    Eduard Mader
    Frank Sieber
    Daniela Sigrist
    Bettina Stadelmann
    Nicole Steck
    Annemarie Straumann

    Bern/Zürich, 1. November 2010

  8. Aus Meedia:

    Die AP-Leute, die sich über die SDA beklagen, hätten sich bei DAPD sicher sehr wohl gefühlt:

    http://meedia.de/nc/background/meedia-blogs/daniel-bouhs.html#c31439

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