Das Feuerwerk

Kürzlich beschloss ich, wieder einmal etwas für meine Weiterbildung zu tun, und meldete mich ans «p-forum» der Publicitas an. Versprochen wurde ein «Feuerwerk an Zukunftsvisionen». Keine schlechte Vorgabe für eine Firma, die eine permanent kriselnde Branche vertritt, die sich gegen renitente Verleger wehren muss und die selbst auch ein bisschen aus dem Tritt geraten ist. So sass ich denn am vergangenen Donnerstag erwartungsfroh in der Zürcher Kino Arena Filmcity, die aus allen Nähten zu platzen schien. Die halbe Medien-Schweiz interessierte sich anscheinend für das Feuerwerk.

Dieses begann mit einem Stromunterbruch bzw. einem Totalausfall der Präsentationselektronik. Im Halbdunkel der Notbeleuchtung waren eifrige Techniker zu erkennen, die um das Rednerpult wieselten und am Laptop allerhand Notstandsübungen versuchten. Ich wartete auf einen supponierten Wutausbruch des geladenen Gastes und auf das anschliessende Auffahren der versteckten Kamera: Haha, lustig, wie die Leute in einem Kino reagieren, in dem gar nichts mehr geht!

Doch die Sache war ernst und gehörte augenscheinlich zur «Augmented Reality», zum Motto der Tagung. Man hätte uns nämlich zeigen wollen, wie die physische Realität, die uns in Privat- und Berufsleben sowie natürlich in Verkauf und Marketing umgibt, schon in naher Zukunft von einer zusätzlichen, virtuellen Realitätsebene ergänzt wird, die wir nicht mehr von der realen Realität unterscheiden können.

Die erweiterte Realität bestand aber vorerst noch immer aus einem Stromausfall. Als dieser endlich ohne nennenswerte Publikumsverluste zu Ende ging, betrat ein lustiger Doktor, dessen Name mir entfallen ist, die Bühne, betätigte eine Zeitmaschine und beförderte alle ins Jahr 2028. Dannzumal, so sagte man dem vollen Kino, wird man nicht mehr unterscheiden können, ob man sich im Büro oder auf der Strasse oder im Bett befindet. Denn man kann im Bett sein, wenn man im Büro ist oder auf der Strasse. Oder auch alles umgekehrt. Dank cleveren Geräten, ausgeklügelten Projektionen und virtuellen Spiegelungen macht es die Technik möglich, dass wir zwar physisch irgendwo sind, real aber überall sein können. «Virtuell angereicherte Umgebung» sagt man dem (seien wir froh, dass es dafür vorläufig noch eine deutsche Bezeichnung gibt).

Der Clou kam danach. Eine Marketingexpertin erklärte uns, wie man das alles in Zukunft verkaufen und vermarkten kann. Zum Beispiel wäre es möglich, dass einem entsprechend ausgerüsteten Wanderer, der das Simmental durchschreitet, permanent die neueste Toyota-Werbung an den Himmel gespiegelt wird. Oder dass der Göttibub künftig seinen Lego-Baukasten im Laden an einen Apparat hält, der ihm dann via Bildschirm zeigt, was man mit dem Inhalt alles basteln kann (bisher stand das auf der Schachtel, was nicht mehr zukunftsträchtig ist).

Der Konsument wird künftig «always on» sein und vielleicht mit den Nachfolgern der iPhones seine Träume deuten können, die ihm via einer «Augmented App» oder so was ähnlichem am Morgen als illustrierte Kurzzusammenfassung samt tiefenpsychologischer Deutung aufs Smartphone überspielt werden.

Selbstverständlich sind das faszinierende Zukunftsaussichten, wenn man in ein paar Jahren virtuell als Passagier am Untergang der Titanic teilnimmt, gleichzeitig in einer Bar in Schwamendingen ein Lachsbrötchen verspeist und dazu die neueste Colgate-Studie über Zahnfleischschwund eingeblendet bekommt. An diesem Donnerstag hätte mich aber mehr interessiert, ob die Publicitas nächstes Jahr mehr Inserate verkaufen will. In der erweiterten Realität wäre das dann anstelle der angekündigten Zukunftsvision eine Art Vergangenheitsvision. Doch die futuristische Dame sprach noch immer, las ihre Erläuterungen des künftigen Cyberspace stotternd vom Blatt und geriet regelmässig aus dem Takt, wenn ein Satz mehr als fünf Wörter umfasste.

Da dachte ich mir: Wie schade, sind wir nicht schon im Jahr 2028. Dann könnte ich mir jetzt dank «Augmented Reality» einen ganz persönlichen Stromausfall herbeibeamen.

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Das Feuerwerk»

  1. Ich glaube, nach einer solchen „Weiterbildung“ würde ich mich auch überfordert fühlen, was die Zukunft angeht. Vermutlich wäre es klüger und auch zielführender und kostengünstiger, mal einen Nachmittag oder ein Wochenende mit dem bloggenden Lehrling oder dem Volontär mit dem iPad zu verbringen.

  2. tja, die publicitas ist ja jetzt nicht gerade bekannt für einen klaren blick in die zukunft. wenn ich mir bei der p (als gelegentlicher auftraggeber) deren katastrophales wirken im netz vergegenwärtige, würde ich da auch keine grossartigen sachen erwarten. zudem ist die von ihnen beschriebene “vision” vom jahr 2028 total abstrus für ein solches “weiterbildungsmeeting”. unglaublich.

    den obenstehenden tipp von ronnie find ich schon mal sehr gut. darüber hinaus empfehle ich ihnen das studium im netz. dort steht nämlich alles.

    in einschlägigen blogs wird schon seit einem guten jahr über augmented reality berichtet resp. nachgedacht. ich selbst habe letztmals im märz darüber gebloggt resp. auf erste spannende versuche verlinkt:
    http://henusodeblog.blogspot.com/2010/03/augmented-lego-reality.html

    ich habe auch den eindruck, dass sie den ausfall der technik doch etwas arg überbewerten. schliesslich kommt das in den besten familien vor. aber vielleicht hat die p ja eine billigfamilie angeheuert statt einen seriösen dienstleister. ihnen ist, so mein eindruck, der technikcrash sehr gelegen gekommen, er hat sie in ihrer skepsis gegenüber der digitalen revolution bestärkt. so kommt ihr text bei mir rüber.

    wie auch immer, die p wird ihnen den wunsch nach mehr inseraten nicht erfüllen können. was nicht nur an der p liegt, sondern auch an den zeitungen.

  3. Manchmal ist eben der analytische Blick in die Vergangenheit erhellender als das Feuerwerk leicht geblendeter Zeitgenossen. So lässt sich erkennen, dass auch der Inhalt einer Zeitung eine Urform der augmented reality ist. Die Prinzipien bleiben. Man muss sie aber formal anpassen. Solche Gedanken können auch bei Kerzenlicht und einem guten Wein gedacht werden. Das ist weniger ausschliesslich aufgeregt.

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