Ein Ausrufe- und ein Fragezeichen zu Kurt Imhofs Medienpessimismus

Das Jahrbuch 2010 des Zürcher Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft zur Qualität der Medien in der Schweiz verdient ein breites Echo! Bis jetzt ist dieses Echo meist eher verhalten bis feindselig ausgefallen. «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Res Strehle nannte die Besorgnis der Forschergruppe «vorderhand unbegründet». Er lobte eine «hohe Vielfalt von Medien aller Art», darunter «Pendlerzeitungen mit hoher Beliebtheit»; das «Interesse an vertiefender Information scheint ungebrochen».

Strehles Verleger, Pietro Supino, bestritt an einer öffentlichen Veranstaltung die Wissenschaftlichkeit der Studie: Sollte Wissenschaftlichkeit behauptet werden, habe er diese jedenfalls nicht verstanden. Der Basler Verleger Matthias Hagemann fragte am selben runden Tisch, wo das Problem sei, wenn die Jugend Gratiszeitungen lese. Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument schliesslich erklärte am Jahreskongress seines Clubs (fortan: Verband Schweizer Medien) die vor kurzem von seinen Kollegen noch beklagte Zeitungskrise für «beendet».

Diese Wortführer der gedruckten Presse sind offenbar in ihren Lektürebemühungen nicht bis zum Anhang 2 des Imhof-Bands vorgestossen. Sonst hätten sie dort den Finger auf die Rubrik «publizistische Versorgung» in ihren Kerngebieten gelegt:

  • Auflage «Tages-Anzeiger» 2001: 250’000; Ende 2009: 212’000
  • «Basler Zeitung» 2001: 113’926; zehn Jahre später 100’284
  • «Südostschweiz» 2001: 55’429; 2009 noch 48’699.

Diese Zahlen signalisieren den Abmarsch grösserer Leserkontingente.

Und was die wissenschaftliche Stringenz betrifft: Auch Anhang 1 dürfte ihnen entgangen sein. Die Studie wollte die Strukturen wie auch die Vermittlungsleistungen der bedeutendsten Medientitel validieren. Es geht um die publizistische Versorgung und damit um die Topografie der Mediengattungen in der Schweiz. Die verwendeten Sekundärdaten sind ohne weiteres abrufbar. Und es geht um die inhaltliche Qualität nach den Kriterien

  • Vielfalt (sind keine wichtigen Akteure ausgeschlossen?)
  • Relevanz (kommen die wichtigen Themen zur Sprache?)
  • Aktualität (Allgemeines, nicht Partikuläres gehört ins Zentrum)
  • Professionalität (Ausgewogenheit und Objektivität verdienen Vorrang).

Imhofs Forscher gehen zurück bis in den altgriechischen Stadtstaat und die heraufziehende Aufklärung, um den unabdingbaren Wert ihrer Kriterien für die moderne rationale Demokratie zu belegen. Das ist normativ nachzuvollziehen. Die Historiker fragen sich heute zwar, «ob in dieser Demokratie [Athen] die ‹Rückkoppelung› noch funktionierte, die notwendigen Lernprozesse stattfanden» (Christian Meier, ‚Athen‘, Berlin 1993). Aber die Einleitung des Jahrbuchs bezieht sich klar auf eine «Utopie» hinter der oft defizitären Realität. Die Utopie der griechischen Demokratie und der Aufklärung ist durchaus noch wirkungsmächtig und zeigt sich im heutigen Rechtssystem etwa darin, dass der Grundrechtekatalog der Schweizerischen Bundesverfassung 2000 die Medienfreiheit und das Redaktionsgeheimnis gewährleistet (Art. 17 BV) – eben weil das Parlament den medialen Diskurs nicht nur als Aussendung irgendwelcher Botschaften, sondern als funktionale Voraussetzung der Demokratie wertet: Imhof nennt hier zurecht die Informationsfunktion, die Forumsfunktion, die Kontroll- und Legitimationsfunktion, die Integrationsfunktion. Sein Team versucht, diese Funktionen inhaltlich zu definieren und deren Erfüllung zu messen.

Das ist ein wissenschaftlich durchaus beschreitbarer Pfad. Wenn Res Strehle die hohe Vielfalt von Medien aller Art und die hohe Beliebtheit der Gratis-Pendlerzeitungen lobt, dann kann dies Teil eines Gegenarguments zum Defizitbefund des Imhof-Teams sein. Aber jetzt müsste eine vertiefte zweite Auseinandersetzung geführt werden. Sind Titelvielfalt und Beliebtheit wirklich hinreichend, um Imhofs Befund zu entkräften?

Fokussieren wir auf die beliebten und auflagestarken Pendlerzeitungen: Lösen sie die utopische Leistungsforderung an eine demokratische Presse ein? Gewiss, sie verbreiten wichtige Kurznachrichten («20 Minuten» zielsicherer als «Blick am Abend» – es gibt hier durchaus Unterschiede). Aber es fehlen Analyse, Reportage, Kommentar, um die Berichtskürzel so anzureichern, dass der politischen Orientierung Genüge getan wird. Resultat: Wir sind überbenachrichtigt und unterinformiert.

Wenn ich bei der Feinjustierung von Imhofs Begriffsapparat trotzdem Fragzeichen habe und ein Unbehagen verspüre, so kann ich dies – nachdem ich nun den ganzen Band durchgelesen habe – durchaus benennen.

Das Jahrbuch durchweht streckenweise ein etwas muffeliger «Retro-Geist». Die Feinkriterien kommen den übergeordneten Grundsätzen in die Quere. Integrationsfunktion: «Die Medien haben sich von ihren herkömmlichen Trägern, den Parteien, Verbänden, Kirchen gelöst…», klagt Imhof.

Ich blicke zurück auf meine ersten journalistischen Gehversuche in den 50er Jahren am «Luzerner Tagblatt», einer eng freisinnigen Parteizeitung. Als ich dann beruflich beim «Tages-Anzeiger» der mittleren 60er Jahre anheuerte, fand ich dort eine Aera der Freiheit vor, eine aufblühende Forumszeitung, die mich keineswegs «vom Staatsbürger in den blossen Medienkonsumenten» (Imhof) verwandelte. Im Gegenteil: Ich sah grössere Chancen, mich auf Kants räsonnierenden, der Unmündigkeit entgegenwirkenden Bürger zuzubewegen (Forums-und Kritikfunktion). Es entstand eine Ethik der Forumsmedien, die heute bedrängt, aber noch keineswegs verschwunden ist.

Auch die vielbeklagte Personalisierung hat zwei Seiten. Für Forumsjournalisten brachen Kriege nicht einfach aus, sondern wurden vielmehr «entfesselt» (so schon Walther Hofer zum 2. Weltkrieg). Ebenso entzogen sich Streiks nun den früher medienbestimmenden Gewitter-Metaphern. Es galt Ross und Reiter zu nennen. Verantwortung wurde an Verantwortlichen festgemacht. Das ist klar zu unterscheiden von einer extremen und skandalisierenden Personalisierung, die sachlich festzustellende Zeittendenzen oder andere Relevanzen überdeckt.

Besonders irritiert haben mich einige Begriffe im an sich verdienstvollen «Glossar» des Jahrbuchs, das Feinkriterien auszudeutschen versucht.

«Ausgewogenheit»: «Ein im Aufklärungverständnis verankerter Anspruch an die öffentliche Kommunikation». Mit Verlaub: Das Ausgewogenheitsprinzip ist ein mechanistisches Unding, das meistens langweiligen Journalismus hervorbringt. Fünf Tropfen links, fünf Tropfen rechts, und «ausgewogen» ist die Geschichte – in völliger Missachtung einer geregelten Kritikfunktion.

Das «Ausgewogenheitsprinzip» wurzelt laut Imhofs Glossar natürlich im «Objektivitätsprinzip», das von einem eindeutig feststellbaren Erkenntnisresultat bei der Beurteilung von komplexen Kontroversen ausgeht. Die Philosophen der amerikanischen Pragmatik, der österreichisch-britische Wissenschaftsphilosoph Karl F. Popper und später Jürgen Habermas mit seinen aus Diskursen entstehenden offenen Resultaten haben sich im letzten Jahrhundert davon verabschiedet. Jeder Erkenntnisvorgang ist subjektiv mitbestimmt.

Der Schweizer Presserat weist Beschwerden wegen Verletzung der «Objektivitätspflicht» seit Jahrzehnten ab. Er operationalisiert die ethische Bewertung von Medienberichten einerseits durch das Fairnesspostulat: «Wer von schweren Vorwürfen betroffen wird, muss dazu schon im ersten Medienbericht zu Wort kommen». Und anderseits durch das Transparenzgebot: Es soll ersichtlich sein, auch bei Kommentaren, woher die behauptete Faktengrundlage stammt. An solchen Punkten hängt Imhofs Begriffsvokabular weit hinter dem Medienhandwerk zurück.

Peter Studer war in den 80er und 90er Jahren Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und des Schweizer Fernsehens SF und später Präsident des Schweizer Presserats.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

7 Bemerkungen zu «Ein Ausrufe- und ein Fragezeichen zu Kurt Imhofs Medienpessimismus»

  1. Thomas Läubli:

    Sehr geehrter Herr Studer, wenn Sie das Objektivitätskriterium in Frage stellen mit Verweis auf die Diskursethik, den Pragmatismus und den kritischen Rationalismus, machen Sie es sich ziemlich einfach. Bei der Diskursethik hat es innerhalb der Philosophie reichlich Kritik am Intersubjektivitätsbegriff gegeben. So hat der amerikanische Philosoph Donald Davidson argumentiert, dass Intersubjektivität ohne Objektivität und Subjektivität nicht zu haben ist. Dem Rationalismus Poppers steht der nach wie vor aktuelle Ansatz der Kritischen Theorie gegenüber und der Pragmatismus geht ohnehin nicht vom Subjekt aus. Ich würde daher nicht allzu leichtfertig mit diesen Philosophen und der Philosophiegeschichte „argumentieren“, denn das könnte den Eindruck erwecken, dass Sie sich mit Ihrem Begriffsvokabular weit hinter etwas verstecken, was Sie nicht wahrhaben wollen.

  2. Fred David:

    Nur ein paar Stichworte herausgepflückt.

    „Verantwortung an Verantwortlichen“ als altmodisches, aber wieder zu belebendes Medienprinzip festmachen: Wenn man die Interviewoffensive der letzten Tage mit den UBS-Verantwortlichen Wuffli und Kurer verfolgt hat, ist von diesem Prinzip nichts mehr zu spüren.

    Die Diskussion um die Begriffe „ausgewogen“ und „Objektivität“ halte ich wie Peter Studer für überholt und abgehakt. Sie führt in eine Wunschwelt, die mit der Realität nicht kompatibel ist.

    Und warum nicht offen aussprechen: Früher mögen viele Medien in der Tendenz eher links gewesen sein. Heute sind sie in der Tendenz deutlich rechts.

    Der Unterschied ist: In der Schweiz gab es nie eine linke Mehrheit. Seit 162 Jahren herrscht in Regierung wie im Parlament eine „bürgerliche“ bez. rechte absolute Mehrheit. Auf der linken Seite war nie die Macht, weder die politische noch die wirtschaftliche.

    In einer Demokratie geht es aber nun einmal um die Kontrolle von Macht. Das ist ihr Kern.

    Es gibt in der Schweiz keine institutionalisierte Oppositon, die kontrolliert. Alle sind zugleich Regierung und wechselweise Opposition. Die Durchschaubarkeit einer demokratischen Kontrolle und der entsprechenden Prozesse ist nicht gegeben. Ausserdem vermischen sich im Milizsystem partikulare Wirtschaftsinteressen und Interessen der Allgemeinheit bis zur totalen Unkenntlichkeit.

    Aufgrund dieser systembedingten Besonderheiten müssten Schweizer Medien stärker als in andern Demokratien eine Kontrollfunktion ausüben. Das tun sie aber mit vordergründiger Skandalisierung nur noch sehr bedingt, wenn überhaupt.

    Nehmen sie diese Kontrollfunktion , oder besser: Schaffung von Tranparenz, engagiert wahr, werden sie sofort als links eingestuft bez. diffamiert. Der beliebte Rückgriff auf den Wie-auch-immer-Volkswillen ist dabei nur selten wirklich belegbar.

    „Gratis“ gegen „Bezahlt“ auszuspielen, führt in die Irre. Aber dass Qualität ihren mitunter hohen Preis hat, sollte eigentlich unbestritten sein – Wissenschaftlichkeit hin oder her.

  3. Andrea Masüger:

    Lieber Peter Studer

    Mit den Auflagezahlen, die Du aus dem Imhof-Bericht zitierst, ist es so eine Sache. Im Jahr 2004 trat ein neues WEMF-Reglement in Kraft, das die Systematik der Auflageerhebung so veränderte, dass alle Titel einen (so gesehen rein technischen) markanten Auflagerückgang hatten. In den letzten Jahren wurde weiter am Reglement geschraubt, was – notabene zum Unverständnis der Verleger – weitere Korrekturen nach unten brachte. Dies alles verfälscht einen realen Vergleich zwischen 2001 und 2009. Aussagekräftiger wären hier die Leserzahlen.

    NB. Die Auflagezahl der „Südostschweiz“ beträgt 124 760 Exemplare. Ich weiss nicht, wieso der Bericht auf knapp 49 000 kommt.

  4. Fred David:

    @) Andrea Masüger: Diese mehrfachen Korrekturen der Auflagen, insbesondere auch der Reichweiten sind seltsam und von der Methodik her oft undurchschaubar. Sie waren alle viele Jahre viel zu hoch ausgewiesen. Kurz: ein dreister Schummel, wenn man’s genau betrachtet. Dann wurden alle herunterkorrigiert, weil es eben Phantasiezahlen waren,wie immer die Korrektur auch geschehen sein mag. Und dann gibt es immer irgendwelche rätselhaften „Sondereinflüsse“. So sind die Zahlen eben im Langfristvergleich nie richtig vergleichbar. Was für die Verlage letztlich ganz praktisch ist. Wemfmampf eben.

  5. Peter Studer:

    Andrea Masügers Kritik an Imhofs Zahlen ist im Ansatz wohl richtig. Ich bezweifle aber, dass es allgemein und intertemporal anerkannte Berechnungen gibt. Jedenfalls leite ich es an Imhofs Team weiter.

    Thomas Läublis Kritik an meiner Begriffskritik: Ja, ich habe nur etwas al fresco „Objektivität“ und vor allem „Ausgewogenheit“ als journalistische Maximen angezweifelt – wie die meisten Presseräte Europas übrigens. In der ideologisch tief eingefärbten Frankfurter Schule der 60er Jahre kann ich keine heute brauchbare Gegenposition erkennen. Läublis Vermutung, dass ich mich hinter etwas verstecke, das ich nicht wahrhaben will, verstehe ich sprachlich nicht. Aber lassen wir’s. Vielleicht lernen wir uns mal kennen und können das vertiefen.

  6. Thomas Läubli:

    Herr Studer, wenn man so will, ist jede Philosophie ideologisch, indem sie eben von bestimmten Ideen ausgeht. Ich weiss nicht, ob sie darauf anspielen: Jedenfalls kann man Adorno und Horkheimer nicht als sog. „68er“ bezeichnen. Adorno hat die Studentenrevolten mit Skepsis betrachtet, und die Studenten empfanden ihn ohnehin als zu intellektualistisch. Das Verhältnis ist etwa so wie die Marxisten zu Marx oder die Darwinisten zu Darwin. Was Adorno zur Kulturindustrie zu sagen hat, ist sogar heute wieder hochaktuell. Werfen Sie nur mal einen Blick in den „Kultur“-Bund des Tagesanzeigers und Sie verstehen, warum ich das meine.

    Ich wehre mich auch dagegen, dass man die „Objektivität“ al fresco diskreditiert. Schon Husserl hat gesehen, dass man Objektivität in Geisteswissenschaften und Kultur missversteht, wenn man sie nach dem Vorbild der Naturwissenschaften versteht. Aber auch gerade im Journalismus sollte objektive Berichterstattung ein Ideal sein. Daran ändert die Feststellung, dass jeder Erkenntnisvorgang subjektiv mitbestimmt ist, nichts. Diese Suche nach Wahrheit schuldet man ja der Gesellschaft etwa auch in der Juristerei, z.B. bei einem Gerichtsverfahren. Und überall gilt das Ausgewogenheitsprinzip: Nicht immer nur die SVP zu Wort kommen lassen, weil es eben – wie Sie es polemisch formulieren – nicht so „langweiligen Journalismus“ hervorbringt (wobei ein SVP-Überdruss auch Langeweile produziert), sondern auch Standpunkte berücksichtigen, die Intelligenteres zu sagen haben, ohne dass man das gleich als „politisch korrekt“ (das ist der zeitgeistige Anti-Anti-SVP-Reflex) einstuft. Die Langeweile tut hier nichts zur Sache: Politik darf nicht nach ästhetischen Kriterien funktionieren.

  7. Thomas Läubli:

    Ich möchte noch ergänzen: Ein Journalist sollte grundsätzlich imstande sein, den Leser auch bei „langweiligen“ Themen oder trockener Materie zu fesseln. Sonst hat er wahrscheinlich den falschen Beruf gewählt.

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