Gratiskultur am Ende

Bis vor Kurzem machte man sich in der Blogosphäre hoffnungslos lächerlich, wenn man die Ansicht vertrat, für News würden Internetnutzer dereinst richtiges Geld bezahlen. Dass Information gratis im Internet zu haben sein muss, galt als Naturgesetz. Oder man sprach wie «NZZ»-Medienkommentator Rainer Stadler von einer Gratiskultur, die die Verleger dem Volk «angewöhnt» haben sollen, indem sie teuer geschaffene Inhalte kostenlos aufs Internet warfen.

Unterdessen hat die wirtschaftliche Realität die Propagandisten des «kostenlosen» Informations-Internet genauso eingeholt wie die Kritiker einer angeblich schädlichen bis schändlichen Gratiskultur. Die Inseratekrise erschüttert vermeintlich eherne Glaubenssätze. Diese galten eigentlich ohnehin nur, solange die Verleger im Internet mit dem einfach verdienten Geld der Papierausgaben üppig experimentieren konnten. Und die angeblich unwiderruflich an Gratis-Inhalte gewöhnten Konsumenten sind gar nicht so abgeneigt, für eine iPhone-App gutes Geld zu bezahlen, einfach damit sie auf dem Minibildschirm im Tram den «Blick» lesen können.

Auf lange Sicht gilt eben nicht die Modephrase «information wants to be free», sondern die wesentlich ältere Weisheit «there is no such thing as a free lunch». Das bekommen sowohl die News-Produzenten als auch die Konsumenten zu spüren. Dass solche grundlegenden Wahrheiten vergessen gehen, gehört zu allen Pionierzeiten. Diese beziehen ihre Faszination von ihren glühenden Verkündern, die einem glauben machen wollen, gerade jetzt habe ein neue Epoche begonnen, in der die Regeln komplett neu geschrieben würden. Lächerlich machen sich am Ende diejenigen, die an diese Verheissungen glauben. Das kann tragisch enden.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

10 Bemerkungen zu «Gratiskultur am Ende»

  1. Wenn es so einfach wäre, Geld zu verdienen mit bezahlten Inhalten im Internet, dann würden das doch ganz einfach alle machen. Oder nicht? (Ausserdem machen das ja schon viele: SZ, FAZ, etc., nur mit kleinem Umsatz.)

    So ist es aber nicht. Und das liegt zu einem guten Teil daran, dass zumindest online viele Mitbewerber ein ähnliches, klickorientiertes Angebot haben (bzw. dafür ihre bisherige publizistische Linie aufgegeben haben).

    Wenn jemand in Zukunft zahlt für Informationen im Internet, dann, weil er die Produzenten unterstützen will oder weil er die angebotenen Informationen woanders nicht kostenlos erhält.

    Komplizierte Bezahlprozesse halten Käufer übrigens auch ab von einem möglichen Kauf. Und von den Printabo-Abteilungen haben die Käufer gelernt, dass man sich mit einer leichtfertigen Bestellung je nach dem eine lebenslange Belästigung durch unerwünschte Post oder Anrufe einhandelt. Die Konsumenten sind mit gutem Grund zurückhaltend.

  2. Sergio Weber:

    Schön zu hören, dass zumindest über einem Distributionsweg – nämlich über Mobile – Urheberrechte durchgesetzt werden können. Doch was bedeutet das jetzt für das Online-Geschäft?
    Irgendwann wird auch die App-economie zu Ende gehen und durch hochwertige html5 Internetseiten ersetzt. Werden die Nutzer dann bereit sein zu bezahlen?

  3. Kuno Lehr:

    Bitte? Weil jemand eine App für den Blick kauft, ist die Gratiskultur zu Ende? Bei iPhone und iPad geht es nicht um medienethische Bekenntnisse, sondern Bequemlichkeit. Das einmalige Bezahlen eines Beitrages ist ja wohl kaum mit einem Online-Abo oder dem Micropayment für Artikel zu vergleichen. Ihr Strohhalm wankt, Herr Schuler.

  4. Es gibt keine Anzeichen für ein Ende von Gratis-News. Und es gibt noch kein funktionierendes Geschäftsmodell für Online-Bezahlnews. Und wenn es einmal eines gibt, dann heisst das noch lange nicht, dass das das Ende von Gratis-News sein wird. Gratis im Sinne von quer- und werbefinanziert, was nicht zu verwechseln ist mit «free lunch». Und mit «Gratiskultur» hat das nichts zu tun, sondern mit Aufmerksamkeitsökonomie, mit Linkkultur und mit gegen null tendierenden Grenzkosten.

    Lächerlich machen sich am Ende diejenigen, die blind an den Heilsbringer namens Apple glauben. Das kann tragisch enden.

  5. tin:

    Und wo bitte sind die Inhalte, für die Onlineleser bereit sind, zu bezahlen? 1. sind die selben Inhalte auf x Portalen zu lesen. Warum für Agenturmeldungen bezahlen, die überall praktisch mit Copy-Paste reinkopiert sind? 2. und wozu bezahlen, wenn die selben Inhalte, die heute online vorhanden sind, morgen gedruckt in der Zeitung zu lesen sind. Wer will da zweimal bezahlen?

    Wenn die Inhalte online zu bezahlen sind, dann ist das aber das endgültige Ende der Hardcopies am nächsten Tag – dem sagt man heute noch Zeitung.

  6. «Es gibt keine Anzeichen für ein Ende von Gratis-News»: Kann sein, aber das ist auch nicht das Problem. Wer sich mit «Gratis-News» zufrieden gibt, ist schon wahnsinnig anspruchslos. Eine Zeitung besteht doch nicht nur aus News.

    «Warum für Agenturmeldungen bezahlen»: Eine Zeitung besteht doch nicht nur aus Agenturmeldungen. Vergleichen Sie mal das Newsnetz mit der Printausgabe des Tages-Anzeigers, und Sie werden den Unterschied hoffentlich wahrnehmen.

    «Von den Printabo-Abteilungen haben die Käufer gelernt, dass man sich mit einer leichtfertigen Bestellung je nach dem eine lebenslange Belästigung durch unerwünschte Post oder Anrufe einhandelt»: Ja, das ist sicher ein schlagendes Argument gegen den Kauf eines Zeitungsabonnements. Das ist so wie die Mütter früherer Generationen, die ihren Töchtern einschärften, ja nie mit einem Mann zu sprechen, weil das der sichere Weg ins Unglück ist. Welche an den Haaren herbeigezogenen Argumente werden uns die Gratisfans noch auftischen? Diese Diskussion kommt mir je länger, je mehr vor, wie wenn man mit Anhängern der Flat Earth Society darüber diskutiert, ob die Erde eine Kugel oder flach ist.

  7. Als Konsument und Blogger wünsch ich mir von den printbegleitenden News-Sites: Macht eine Paywall, wenn ihr so glücklicher werdet und die Arbeitsbedingungen der Journis verbessern könnt, aber stellt eure Artikel dafür nach einer bestimmten Karenzfrist (1 Woche, 1 Monat, ihr dürft aussuchen) integral und unter einer immer und ewig fix bleibenden URL ins Netz. Bitte! So kriegt ihr die, die für die brandaktuellen Stories Zahlen wollen. Und auch jene, die euch als Referenz und Ressource für’s Bloggen und Recherchieren lieben (auf einen interessanten Artikel verlinkt man auch im Nachhinein noch gerne), bleiben euch treu und schaufeln zudem weiterhin Traffic zu euren Sites. So habt ihr den Batzen und s’Weggli. Peace!

  8. Fred David:

    @) Patrik: Das mit der Karenzfrist ist gar keine dumme Idee.
    „Krieg und Frieden“(L.T., 1868).

  9. … alles ändert sich und trotzdem bleibt sich alles gleich! «Wie immer», oder? ;)

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