Wie kommt es, dass ich von Bradley Birkenfeld ein derart schwammiges und unscharfes Bild habe? Dieser «Albtraum der Schweizer Bankenwelt» («Bilanz») sei ein «Blender», «faul», «geldgierig», «unkontrollierbar», eine alkoholfreudige Partynudel und ein Freund lockerer Damen. So war und ist er wohl, dieser Bradley, dieser «UBS-Verräter» («Blick»). Bei der Bank hatte er «miserable Qualifikationen» und es war ihm nie gelungen, «mehr als eine Handvoll US-Kunden zur UBS zu bringen», zitierte der «SonntagsBlick» anonyme «Bankinsider». Nur «mehr schlecht als recht» habe sich Birkenfeld in der Bank halten können.
Soweit das Bild, das ich als Leser aus Deutschschweizer Medien über den offensichtlichen Totalversager gewonnen habe.
Zur Pfeife gemacht
Nur: Diese angebliche Pfeife erstritt sich vor dem Genfer Arbeitsgericht 2006 von der UBS 500’000 CHF Boni zusätzlich zu einem üppigen Jahresgehalt, fuhr einen 7er-BMW, hatte ein Châlet in Zermatt und schwang eine Audemars Piguet für CHF 50’000 am Handgelenk. Und: Er war während fünf Jahren mit dem branchenüblichen Allerweltstitel «Director» bei der UBS Genf angestellt. Vorher hatte er zwei Jahre für die CS gearbeitet. Bradley passte haargenau in diese Szene. Er wurde ja schliesslich dafür handverlesen.
Mindestens 60 UBS-Banker arbeiteten allein in den USA so wie Bradley, sammelten von reichen Amerikanern Schwarzvermögen ein und transferierten diese nach Genf oder sonst wohin. Birkenfeld – er war sicher nicht der einzige – benutzte mitunter Diamanten in Zahnpastatuben zum illegalen Vermögenstransfer in die Schweiz. Er fungierte auch, wie seine Kollegen, als «personal shopper», besorgte für reiche Kunden mit dem Schwarzgeld in der Schweiz teure Wohnungen, Autos, Uhren, «which is what Swiss Banking is all about».
Andere hatten auf ihren häufigen USA-Trips speziell präparierte Laptops dabei, mit einschlägigen Kontendaten, die auch bei einer Beschlagnahmung nicht eingesehen werden konnten. Man investierte beträchtliche kriminelle Energie in dieses seit den sechziger Jahren florierende Geschäft mit Schwarzgeld-Milliarden, an dem die UBS jährlich gut 200 Millionen verdient haben dürfte – nach Abzug sämtlicher beträchtlicher Kosten.
«They knew it was wrong»
Bradleys Klienten – und sicher nicht nur seine – waren zu 90 Prozent Steuerbetrüger. Der stellvertretende New Yorker Generalstaatsanwalt Thomas Perelli kam zum Schluss:«Senior officials knew about this. They knew it was wrong.» Kurz: Solche Praktiken waren nicht möglich, ohne dass die Oberen davon wussten und sie duldeten. Eine Zeitlang stand die UBS daher in ernster Gefahr, als Bank angeklagt zu werden. Es wäre ihr sicheres Ende gewesen. Heute weiss man: Auch für die USA war die UBS «too big to fail». Das war ihr Glück. Aber damit ist überhaupt nicht geklärt, was hinter den Glanzfassaden wirklich geschah und noch immer geschieht. Daran, so würde man meinen, sollten Schweizer Medien irgendwie interessiert sein. Sollten.
Jetzt sitzt allein der ehemalige UBS-«Director» Bradley Birkenfeld für 3 Jahre und vier Monaten wegen aktiver Beihilfe zu Steuerbetrug hinter Gittern. Die UBS kam mit einer Busse von über 700 Mio. Dollar und dem schriftlichen Bekenntnis, schwerwiegend kriminell gehandelt zu haben, davon. Was es mit diesen kriminellen Handlungen auf sich hat, welches Ausmass sie hatten, und wahrscheinlich in andern Weltgegenden noch haben, bleibt Deutschweizer Medienkonsumenten weitgehend verborgen. Derweil titelte die «New York Daily News» vor drei Wochen: «UBS whistle-blower Bradley Birkenfeld deserves statue on Wall Street, not prison sentence», und «Time Magazine» fragte: «Why is the UBS whistle-blower headed to prison?». Kriegten wir von dieser Stimmung irgendetwas mit?
Extrem seltene Quelle
Man könnte vermuten, dass dieser Bradley Birkenfeld ein lohnendes Ziel für Schweizer Journalisten sein müsste, um mehr zu erfahren, was da wirklich abgeht, zumal er sich nach einer langen Phase des Schweigens als durchaus mitteilsam zeigte. Nicht als Heldenepos – ein Hero ist er weiss Gott nicht – sondern simpel als eine ganz seltene Quelle. Er ist der erste Banker seit über 150 Jahren, der tiefere Einblicke in die Gepflogenheiten eines grossen Schweizer Geldhauses gab und gibt. «[He] opened the doors to justice department scrutiny of the Swiss operations of Credit Suisse and HSBC», schrieb die gut dokumentierte globalpost.com (s. unten).
Aber das Interesse an ihm und seinen Aussagen, insbesondere von Deutschschweizer Journalisten, bleibt geradezu demonstrativ minimal. Dabei konnte man die prallen Früchte nur so vom Baum pflücken. Sogar das brave «Swissinfo» brachte ein durchaus interessantes Gespräch mit Birkenfeld, geführt von der englischsprachigen Washington-Korrespondentin Marie-Christine Bonzom (27.5.10). Es wurde hier kaum beachtet. Die Welschen waren vor gut zwei Wochen mit Interviews deutlich mehr auf Zack: in «Le Temps» (registrieungspflichtig) und – sogar – im Westschweizer Fernsehen.
Im Bannkreis der Konzernzentralen
Seltsam, je näher man Zürich ist, umso schweigsamer werden Journalisten bei diesen Themen. Man zitierte nur indirekt ein paar Aussagen. Typisches Beispiel: die «Thurgauer Zeitung» (28.8). Sie berief sich nebulös auf wenig bekannte Online-Medien wie «finews.ch» oder «business insider» als Quelle und zitierte ein paar Sätzli. Dabei hatte CBS online bereits am 30. Januar und dann wieder am 15. August 2010 mehrteilige Berichte mit interessanten Einzelheiten gebracht, basierend auf langen Gesprächen mit Birkenfeld, ganz leicht mit Copy&Paste zu holen, um kostengünstig als spannenden Lesestoff ins Blatt zu heben oder als Link aufzubereiten, für den viele Leser zweifellos dankbar wären. Nichts da.
Besonders ausführlich war die seriöse «GlobalPost» am 5.8. Der Journalist Michael Bronner krallte sich Birkenfeld, wie es gute, alte Reporterart ist, bevor dieser ins Gefängnis weiter zog. Einen ganzen Tag lang hockte er sich mit ihm in ein Bostoner Hotelzimmer und nahm ihn kritisch. Das Ergebnis ist ein spannender, fünfteiliger Report, so, wie man das noch nicht gelesen hat. Lange acht Tage später nahm «NZZ Online» als – so weit ich sehe – einziges Schweizer Medium Bezug darauf und zitierte indirekt ein bisschen daraus. Immerhin.
Die Story wird sozusagen franko Haus geliefert, aber niemand greift zu. Warum bloss diese Hemmungen? Es geht ja nicht um eine Einzelperson, einen Einzelfall, eine einzelne Bank, sondern um ganzes System, das die Schweiz unmittelbar im Kern trifft.
Mediale Hofknickserei
Stattdessen gibt man dem Ex-UBS-Chef Peter Kurer Gelegenheit, sich in einem Interview («NZZ am Sonntag») als opferbereiten, von nichts wissenden Winkelried zu präsentieren, der sein letztes Hemd hergegeben hätte, wenn er nur gedurft hätte. Keine kritische Nachfragen, das haben sich Kurers Anwälte ausbedungen. Oder man lässt, wie vor gut einer Woche, Frontaufmacher über die neue, grandiose Kommunikationsoffensive der UBS schreiben, demzufolge nun – Achtung: Zauberstab! – ab sofort alles völlig anders sei und man die Vergangenheit ganz kritisch aufarbeite. Wie und wo das überhaupt geschehen soll, war bisher kein Thema. Mit dieser von allen Seiten medial illuminierten Informtionsoffensive sind übrigens ziemlich saftige Anzeigenaufträge für die Zeitungen und TV-Spots für SF gekoppelt. Das zähmt enorm.
Diese mediale Hofknickserei muss endlich aufhören. Sie ist unerträglich und schadet letztlich gerade jenen, die sich als Qualitätsmedien verstehen. Leser sind heute einfach nicht mehr so leicht an der Nase herumzuführen. Irgendwie ist diese relativ einfache Botschaft in den Redaktionen noch nicht angekommen.
Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen. Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.
Merci für die Links! Sehr schön das Detail in der globalpost zur analogen Datenbank der UBS – Die haben (hatten) Karteikarten mit allen Informationen zu den Kunden? Wie loyal müssen Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen sein, dass da nie was nach aussen drang. Zum Fall Bradley Birkenfeld interessant scheint mir auch das Buch von Lukas Hässig “paradies perdu”.
@) io: die Loyalität dieser spezifischen Mitarbeiter hängt stark mit der Höhe der Boni zusammen. Diese werden auch als Schweigegeld nach Austritt aus der Bank gehandhabt. Das ist einer der Gründe, warum die UBS auch in extremer Schieflage Boni in Milliardenhöhe zahlte, zahlen musste.
Ein Grossunternehmen wie die UBS ist von aussen nicht wirklich durchschaubar, obwohl Anlaysten gern einen andern, einen wissenden, Eindruck erwecken. Dass die UBS VON DER SCHWEIZ AUS über Jahre kriminelle Strukturen aufgebaut hat, und wie diese im Einzelnen funktionierten und funktionieren, ist nur über Whistleblowers wie Birkenfeld herauszubekommen – auch für Staatsanwälte.
Der Schweizer Staatsanwalt, der sich trauen würde, bei der UBS-Zentrale in Zürich oder Genf zwecks Beweissicherung eine Hausdurchsuchung zu veranlassen, muss erst noch geboren werden. Entgegen eines hartnäckigen Märchens sind aber auch in der Schweiz Steuerhinterziehung sowie deren Beihilfe strafbar. Gesetze haben und sie anwenden, sind natürlich zwei Dinge.
Eine schwache Justiz in solchen Dingen ist ein gezielt eingesetzter Standortvorteil. Wie übrigens in solchen Dingen auch überbrave Medien.
Der Sumpf ist riesig. Es geht nach wie vor um hunderte Milliarden CHF Schwarzgeld auf Schweizer Konten. Daran hat sich aller Beteuerungen zum Trotz nichts geändert. Die Schwarzgeldstrategie wird ganz offiziell weiter gefahren, mit einigen sanften Korrekturen, versteht sich, fürs Schaufenster.
Beispiel: Die FDP-Führung wollte explizit weg von der Schwazgeld- zur Weissgeldstratgie, wie sie es selber nannte. Sie wurde vom Bankenflügel schonunglos desavouiert und blamiert, mit der ganz klaren Ansage, selbstverständlich bleibe man wie bisher, bei der Schwarzgeldstartegie: Wir sind doch nicht blöd, oder?
Für Medien in einem Rechtsstaat wären das ja eigentlich ein Haufen Themen, die viele Leser durchaus interessieren würden.
Den wenigsten Schweizern ist die Dimension und der kriminelle Hintergrund klar. Auch nicht, dass die New Yorker Staatsanwaltschaft die CS unter dem genau gleichen Verdacht hat wie die UBS, dank Birkenfelds detaillierter Hinweise. Er arbeitete vorher schliesslich auch für die CS, allerdings ohne Kundenkontakt. Der Chef der CS hiess damals übrigens Grübel
Die meisten Schweizer halten den Fall Birkenfeld für einen Betriebsunfall, einen Einzelfall eines durchgeknallten Amis – so, wie sie’s halt von ihren Medien geschildert kriegen. Falls überhaupt.
Dabei hat alles System. Und wie! Das sollte man nicht unterschätzen.
Wer das jetzt alles für besonders “links” hält, muss sich fragen lassen, ob ein auch nur sehr durchschnittlich entwickeltes Rechtsempfinden ein Vorrecht von Linken sei?
Die Antwort auf diese Frage sollte Journalisten motivieren, in diesen Angelegenheiten aktiver zu werden als bisher.
Uebrigens, man könnte jetzt gleich beim neuen UBS-Kommunikationschef mal vorfühlen, wie ernst sie das alles meinen, was sie uns da neuerdings erzählen.
Gestern Dienstag hat sich Peter Hartmeier bei einem Vortrag in Basel vorgestellt und noch sichtlich ergriffen geschildert, dass ihn sein neuer Chef Oswald Grübel beim Einstellungsgespräch mit dem Hinweis überrascht habe, künftig käme es “auf Wahrheit und Glaubwürdigkeit ” an.
Wohlan denn. Wie war das genau mit dem Ex-Direktor der UBS Monaco, der im August vom FBI in New York fesgenommen wurde unter dringendem Verdacht, für die kalabresische Mafia – die aggressivste Italo-Mafia – über viele Jahre hinweg ein zentrales Firmenkonglomerat aufgebaut zu haben, das bis tief in die Schweiz reicht.
Darüber habe ich in Schweizer Medien nur Kürzestmeldungen gelesen, und über das putzige Detail, dass die Adresse der UBS Monaco SA bis heute identisch ist mit dem Schweizer Konsulat Monaco, noch gar nix.
Welcher Schweizer Journlist/in tut mir als chronisch unterversorgtem Leser den Gefallen, heute bei PH anzurufen und die Angelegenheit Monaco “glaubwürdig und wahrhaft” zu klären? Es dürfen auch noch ein paar Zusatzrecherchen sein. Aber nur, falls es nicht zu viel Arbeit macht, natürlich.