Sonntäglicher Midrisk-Journalismus

Für die Schweizer Ausgabe der «Zeit» haben sich Peer Teuwsen und Ralph Pöhner mit der Qualität der hiesigen Sonntagszeitungen befasst. Das Ergebnis ist ernüchternd. Aber lesen Sie selbst:

«Sonntags gibt’s Enten»

von Martin Hitz

11 Bemerkungen zu «Sonntäglicher Midrisk-Journalismus»

  1. PeterBl:

    Bei der Ursachenforschung begeben sich die Autoren aufs Glatteis. Ansonsten aber ist es eine brillante, längst überfällige Analyse eines Missstands, der mehr zum Qualitätsverlust der Schweizer Medien beigetragen hat als die ach so üble Gratiskultur. Ob das Herr Imhof auch so sieht?

  2. Fred David:

    @) Peter: Was meine Sie genau mit den Ursachen, die sich da auf dem Glatteis tummeln? Würde mich interessieren. Ansonsten finde ich auch, Teuwsen und Pöhner haben sich verdienstvoll weit aus dem Fenster gelehnt. Gibt’s ja nicht mehr so oft.

  3. Kurt Imhof:

    @PeterBl. Sicher. Aus der Zusammenfassung zum Pressekapitel im Jahrbuch Qualität der Medien – Schweiz:
    “Sonntagszeitungen/Magazin: Zwischen dem jüngsten Pressetyp der Gratiszeitung und dem ältesten Typ der Abonnementspresse positionieren sich die Sonntagszeitungen – mit Ausnahme des Sonntagsboulevards – und das berücksichtigte Magazin. Die Sonntagszeitungen ähneln ihren «Schwesterblättern» von der Abonnementspresse und sorgen für ein vergleichsweise differenziertes und relevantes, wenn auch weniger nachhaltiges Informationsangebot. Der Aufmerksamkeitswettbewerb im Sonntagsmarkt führt allerdings im Vergleich zu den Abonnementszeitungen zu einer stärkeren Personalisierung, Konfliktstilisierung und moralisch-emotionalen Aufladung der Berichterstattung. Enthüllungen und Skandale sind die Spezialität der Sonntagszeitungen, wobei sie sich stark auf nationale Politik- und Wirtschaftsthemen konzentrieren. Der Verlust an Aussenberichterstattung wird durch die Sonntagszeitungen nicht wettgemacht. Ebenfalls binnenorientiert und als Nischenerscheinung ideologisch stark aufgeladen ist das untersuchte Magazin Die Weltwoche. Sie bewirtschaftet ihre Themen ausgeprägt thesenjournalistisch und in einem stark moralisch-emotionalen Modus. Darin übertrifft sie sogar den SonntagsBlick.”
    Vgl. http://jahrbuch.foeg.uzh.ch/kapitelII_presse

  4. PerterBl:

    @Fred: Ich beziehe mich auf die angebliche Einsamkeit des Journalisten hinter dem Computer. Dieses Argument hat mich belustigt. Geht es nicht eher darum, dass (zu) viele das Gefühl haben, sie könnten im medialen Konkurrenzkampf nur bestehen, wenn sie möglichst laut und schrill auftreten?

    Recht gebe ich den Autoren darin, dass die permanente Fixierung der Journalisten aufeinander dem Publikum egal ist. Doch diese Unsitte ist offenbar nicht auszurotten.

    @Kurt Imhof: Danke für die Präzisierung. Allerdings bleibe ich dabei, dass die Sonntagspresse mit ihrer Primeurjägerei und Zuspitzung der journalistischen Qualität mehr geschadet hat als die Gratismedien. Denn gerade die Sonntagszeitungen wären dafür prädestiniert, mit Meinungen und Hintergründen zu punkten, also mit Qualität.

  5. Fred David:

    @) Peter: Schrille Auftritt sind ein gesellschaftstypisches Phänomen. Die gibt’s in Wirtschaft, Politik, Kultur, Wissenschaft und natürlich erst recht im Journalismus.

    Auf der andern Seite muss das Publikum auch zur Kenntnis nehmen, dass es schrilles Auftreten honoriert, ja erwartet. Nur wer laut wird, kann sich heute noch durchsetzen (gilt natürlich nicht überall, ist aber ein mehrheitsfähiges Phänomen in der öffentlichen Auseinandersetzung).

    Qualität ist nicht mehr zwangsläufig konkurrenzfähig – und oft eher hinderlich. Drum lässt man’s lieber. Damit muss man umgehen. Aber man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass es so ist.

    Drum unterliegt der Journalist, der sich zu sehr oder ausschliesslich am Publikumsgeschmack orientiert (eine gängige Forderung in Medienhäusern, klingt ja auch schön volksdemokratisch “liberal”) einer Fehleinschätzung. Irgendwann wird er nichts mehr wagen, was nicht mehrheitsfähig ist.

    Ich fürchte, diesen Punkt haben wir schon lange überschritten. Und wenn mich nicht alles täuscht, liefern Sonntagszeitungen alle sieben Tage den Beweis für diese These, stärker noch als Tageszeitungen. Das macht sie zunehmend austauschbar. Erwartbar halt. Und was in der Medienwelt erwartbar ist, langweilt.

    Die Alternative ist natürlich nicht, Zeitungen gegen die Leser zu machen. Jeder weiss, wie das ausgeht. Aber gelegentliche markante Abweichungen vom Mainstream werden wieder akzeptiert, ja erwartet und womöglich sogar honoriert.

    Das muss nicht immer nur nach rechts sein, wie’s derzeit halt Mode ist. Kann ja auch mal links herum sein. Weil: “liberal” sind wir ja ohnehin alle und ertragen mittlerweile wieder ein paar Ausschläge, mal nach oben, mal nach unten, mal nach links, mal nach rechts.

    Aber: Ausschläge eben. Spürbare. Sichtbare. Nicht unbedingt nur laute, schrille und mehrheitsfähige.

  6. Peter Johannes Meier:

    Die Sonntagpresse entet nicht, weil die Journis einsam sind, sondern die Chefs einen seltsamen Fetisch pflegen: Das Zitiertwerden. Das wird dummerweise noch angeheizt durch das Medienmagazin «Schweizer Journalist», das regelmässig ein Ranking der meist zitierten Zeitungen veröffentlicht – mit Bild des jeweiligen Chefredaktors. Im Beirat des Magazins sitzen honorige Medienleute (Sprecher, Lüönd, Egli von Matt, Russ-Mohl). In manchen Redaktionen ist das Zitiertwerden Haupttraktandum an der Blattkritik – und später im Jahresgespräch mit den Journis. Und wie wird man zitiert? Am einfachsten mit einem Interview. Ein solches gilt nämlich als autorisiert (das ist es in der Regel auch). Am Sonntag schlecht dotierte Agenturen können es dann sofort vertickern. Recherchierte Geschichten dagegen müssen zuerst von Protagonisten der Story bestätigt werden – oder sollten es zumindest. Mühsame Arbeit. Gerade die Calmy-Rey-Ente zeigt aber auch, dass Dritte gerne mitbraten: Denn Agenturen und Tageszeitungen haben ja nicht einfach autorisierte Zitate aus dem Inti übernommen, sondern die daraus gebastelte Schlagzeile. Auch kein Beispiel für Qualitätsjournalismus.

  7. Johanna:

    So stimmts fast, pjm, aber nicht ganz: Die (mittlerweile einzige) Agentur hat besagtes Calmy-Inti zwar nachgezogen, aber 1. ohne die “gebastelte” Schlagzeile und 2. mit ganz anderem Fokus: dass vier Rücktritte in einer Legislatur zu viel sind.

  8. Fred David:

    @) Peter Johannes Meier: Ich finde, Sie haben einen der wunden Punkte sehr gut getroffen.

    Falls Journalisten den verqueren Mechanismus als solchen erkennen (so sicher ist das nicht), müssen sie halt mal auch hörbar auf den Redaktionstisch klopfen: Schluss jetzt mit dem Quatsch!

    Und nicht warten, bis es einen Leseraufstand gibt, der sich u.a. in sinkenden Auflagen ausdrückt. Das kann man nicht nur dem Internet unterschieben.

  9. Manuela Hotz:

    Herr David ist wie immer lustig. Die “Sonntags-Zeitung” hat eine dreiviertel Million Leser, die “NZZ am Sonntag” hat dieses Jahr zum ersten Mal seit der Lancierung die Grenze einer halben Million Leser überschritten.

  10. Fred David:

    @) Manuela Hotz: So lustig finde ich es auch wieder nicht. Wir beide rechnen einfach anders.

    Die offizielle, aktuelle Wemf-Statistik 2009;
    Beglaubigte verkaufte Auflage im Vergleich zum Vorjahr:

    “Sonntag”: minus 6886
    “SonntagsBlick”: minus 11’753
    “SonnatgsZeitung”: minus 8290

    Die Reichweiten-Zahlen (Leser pro Ausgabe), auf die sie sich beziehen, halte ich samt und sonders für erheblich geschönt.

    Als ich Chefredaktor war, hat man mir einreden wollen, ein CASH-Exemplar werde jede Woche im Schnitt von 6,3 Lesern “genutzt”. Ich habe die Zahl nie ernst genommen, sie konnte nicht stimmen und sie stimmte auch nicht. Ich verliess mich immer nur auf die knallharte Verkaufsauflage, ohne Gratisexemplare in Beizen, Bahnen, Flugzeugen, ohne Sonderaktionen, verbilligte Abos und sonstigen “Massnahmen”, mit denen man die Reichweite erheblich beeinflussen kann.

    Im übrigen sind Sonntagszeitunge ein Sonderfall. Sie werden in der Regel mit den jeweiligen Tageszeitungen zusammen abonniert. Wenn die Auflage nicht so will wie sie soll, gibt’s halt mal Sonderaktionen, mit denen Tageszeitungsabonnenten beim Abo der dazu gehörenden Sonntagszeitung besonders mild behandelt werden. So ging es mir als NZZ-Abonnent mit der NZZ am Sonntag (die ich übrigens als die mit Abstand beste Schweizer Sonntagszeitung finde).

    Zeitungen und Zeitschriften, die sich jede Woche erneut am Kiosk bewähren müssen, spüren sehr viel schneller, wenn etwas nicht mehr stimmt als Sonntagszeitungen , eben wegen des beschriebenen Verzögerungsmechanismus.

    Journalisten sollten in ihrer Freizeit mehr in journalistenfreien Zonen verkehren, dann kriegten sie vielleicht ein besseres Bauchgefühl dafür, wie die Leser die Lage so beurteilen. Das braucht allerdings beim Zuhören manchmal ganz schön Nerven.

  11. Johanna:

    Nächste Woche kommen die neuen WEMF-Zahlen – warten wir doch einfach ab.

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