Chefwechsel in Basel und auf dem Boulevard

Markus Somm, yes the one of «Weltwoche»-Fame, wird Chefredaktor der «Basler Zeitung» – und zwar sofort! Der bisherige Schriftleiter des Blatts, Matthias Geering, verlässt das Unternehmen – und zwar sofort!

Interessantes Detail: Die entsprechenden Berichte sind auf «Baz online» nicht kommentierbar. Fürchtet man sich am Ende vor den Reaktionen der Leserschaft?

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Schon etwas länger zurück liegt eine weitere Personalie. Per Ende August hat Hannes Britschgi die Leitung des «SonntagsBlicks» an Ex-«Bild»-Mann Karsten Witzmann abgegeben. (Medienmitteilung). Britschgi wird aber nicht wie Geering einfach abserviert. Vielmehr erhält er den Titel «Publizist für Ringier Schweiz» … und eine Suite im Berner Hotel Bellevue, wie Rainer Stadler in der «NZZ» vom 21.8.2010 (online nicht frei zugänglich) berichtete.

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

9 Bemerkungen zu «Chefwechsel in Basel und auf dem Boulevard»

  1. Cornichon:

    Ach je. Nachdem die Tamedia mit linkslastigem Boulevard gescheitert ist, versucht sie es jetzt ein weiteres Mal mit rechtslastigem Boulevard. Ich staune, dass die Verleger nicht klüger werden.

  2. Widi:

    @cornichon: BaZ ist ja eben gerade nicht bei Tamedia

  3. Fred David:

    Dass auf BaZ-online ausgerechnet die Ernennung des neuen Chefredaktors nicht kommentierbar ist („Wir sind an der Meinung unserer Leser sehr interessiert, schreiben Sie uns“ und wie sonst das branchenübliche Blablaa noch klingt), fiel mir auch sofort auf.

    Da hat jemand den Schlotteri vor den Lesern.

    Die Baz-Gruppe gehört mehrheitlich dem „Parvenü“ (nach eigenen Angaben) Tito Tettamanti, der schon die „Weltwoche“ auf stramm rechtskonservativen Kurs brachte. Der Wewo- VR-Präsident ist zugleich VR-Präsident der BaZ.

    Nach einer Schamfrist lassen sie die Katze jetzt auch bei der Baz aus dem Sack. Anders kann man die programmatisch folgerichtige Chefredaktorenwahl nicht sehen (Markus Somm: Christoph Blocher/ Der Konservative Revolutionär“, 528 Seiten, 48 CHF; Appenzeller Verlag, Herisau AR).

    Falls ich das richtig verstanden habe, ist die nächste Zielrichtung die Mittelandzeitung, der schon die Basellandschaftliche Zeitung gehört. Das Ganze liesse sich, vielleicht auch noch mit den „Schaffhauser Nachrichten“, der das Wasser am Hals steht, zur „National-Zeitung“ -Gruppe zusammenfassen.

    In dieser könnte dann die „Weltwoche“ – die sich angesichts der sichtbaren Anzeigenflaute niemals selbst finanzieren kann – als semi-intellektueller Vorreiter den Kammerton vorgeben.

    Der alte Kopftitel „National-Zeitung“ – die BaZ besitzt dessen Rechte -, bekäme vor diesem Hintergrund eine neue, uralte Bedeutung, schön auf regionale Quasi-Monopole verteilt

    Mich fröstelt einwenig.

  4. Fred David:

    Eine Präzisierung: Man kommt bei der gegenwärtigen Umverteilung im Schweizer Medienkuchen leicht durcheinander.

    Die erwähnte „Basellandschaftliche Zeitung“ gehört seit knapp zwei Jahren zum Verbund der AZ-Medien (Aargauer Zeitung, Limmattaler Zeitung, Sonntag), die „in Kooperation“ mit der Mittellandzeitung (Solothurner Zeitung, Grenchener Tagblatt, Oltener Tagblatt, Zofinger Tagblatt, Lagenthaler Tagblatt, Luzerner Nachrichten) erscheint.

    Das Ganze Gebilde nennt sich selbst „Reich der Mitte“ und wirkt von aussen leicht schwamperig, jedenfalls nicht so, wie ein langfristig festgefügtes und schon gar nicht wie ein konsolidiertes Reich.

    Herrscher dieses Imperiums ist Peter Wanner, ein vifer, aber klammer Verleger, der sich womöglich etwas übernommen hat (insbesondere mit dem „Sonntag“).

    Im letzten Jahr verbuchte er Mindereinnahmen von 40 Mio CHF, rote Zahlen und auch in diesem Jahr sind keine Mehreinnahmen budgetiert. Das kann schnell eng werden.

    Die Eigenbkapitalquote liegt bei mageren 37%. Innvestitionen sind nur noch „mit Partnern“ denkbar. Wanner hat bei der BaZ schon mal „sehr finanzstarke Investoren“ geortet.

    Das lässt zumindest aufhorchen.

    Wir wollen nicht zu viel spekulieren, aber im Aargauischen ist still und leise auch ein Neuverleger am Werk. Der Autoimporteur und SVP-Financier Walter Frey, der auch mit Tito Tettamanti gut bekannt ist.

    Der muntere Rentner ist nach langer politischer Abstinenz wieder sehr aktiv in der SVP und amtiert als deren Vizepräsident. Die „Bilanz“ rechnet ihm ein Vermögen von 1 bis 1,5 Milliarden CHF zu

    Frey ist VR-Präsident der etwas rätselhaften Verlagsgesellschaft Pro, in Zürich, ebenso mit Einzelunterschrift bei ZüriWoche und der Lokal Info AG.

    Letztere übernahm er vor acht Jahren von Beat Curti. Die unscheinbare Lokal Info AG gibt vier beträchtliche Gratis-Quartierblätter mit redaktionellem Teil in Zürich heraus und deckt mit dem „Küsnachter“ die ganze Goldküste ab.

    Noch ist es zu früh, um 1 + 1 zusammenzuzählen in dieser etwas seltsamen Gemengelage. Aber man sollte doch mal ein Auge drauf haben.

    Sybellinisch sagte Peter Wanner diesen Frühling, im Herbst 2010 werde man „klarer sehen“.

    Mal sehen, was da noch auf uns zurollt.

  5. @Fred David: Ihre Zusammenfassung der möglichen Hintergründe dieses Deals finde ich derart treffend, dass ich sie – mit ihrem Einverständnis – gerne auf meinem Blog posten würde (mit entsprechender Kennzeichung natürlich). Ok für Sie?

  6. Fred David:

    @) Thom Nagy, gerne, nur zu.

    Ich halte das, was sich da vorbereitet, für alarmierend, und wundere mich mal wieder (oder auch nicht mehr), wie teilnahmslos Schweizer Journalisten solchen Entwicklungen zuschauen.

  7. Richard Woschitz:

    Es ist amüsant mitzuverfolgen, wie voll Herr David stets den Mund nimmt. Was er da schreibt, ist absolut nicht neu. Dass die Verleger Wanner und Wagner über eine Kooperation verhandeln, ist längst bekannt. Dass sich Walter Frey einschalten könnte, ist reine Spekulation.

  8. Fred David:

    @) Richard Woschitz: Den meisten Lesern ist überhaupt nicht bekannt, was da hinter den Kulissen abgeht (das zeigt die Ueberraschung über die Vorgänge in Basel) und wie SVP-nahe Kreise sehr aktiv am Aufbau einer grossen Mediengruppe stricken. Würde man gern mehr darüber lesen, vielleicht von Ihnen, Herr Woschitz, wenn Ihnen das alles ja längst bekannt ist?

  9. Fred David:

    Nachzutragen wäre noch, dass entsprechend eines Zitats in der gestrigen „Sonntagszeitung“ sich Christoph Blocher zitieren lässt, er sei dem BaZ-Hauptaktionär Tettamanti sehr dankbar, dass er sich so sehr für „unabhängige Medien“ engagiere.

    Unabhängige Medien? Im Umfeld von Tettamanti, Weltwoche, BaZ, Frey, Blocher, SVP?

    Die Realsatiren nehmen kein Ende.

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