Eine «Zwangsgebühr» für Schweizer Medienunternehmen?

Unter dem fordernden Titel «Verlage haben Anrecht auf besseren Schutz» wirft sich Norbert Neininger, Verleger der «Schaffhauser Nachrichten» und Mitglied des Präsidiums des Schweizer Verlegerverbands, in der Medienbeilage der «NZZ» für ein Leistungsschutzrecht (für Verlage?) ins Zeug:

    «Da das derzeitige Urheberrecht die neusten Entwicklungen nicht umfasst, muss ein sogenanntes Leistungsschutzrecht eingeführt werden, das sicherstellt, dass die Medienunternehmen ein exklusives Recht an ihren Inhalten auch im Internet haben und weder Artikel noch Auszüge daraus ungefragt (und entschädigungslos) verwendet werden dürfen.» [ungefragt zitiert]

Das ist alles noch etwas gar diffus.

  • Welche Leistungen sollen denn genau geschützt werden?
  • Wer soll künftig Leistungsschutzrechtsgebühren entrichten müssen? Und wie? In Form einer Abgabe auf (gewerblich genutzte?) Empfangsgeräte?
  • Wer soll die Gebühren einkassieren? Pro Literis, die Suisa oder gar eine neue Organisation?
  • Wie (nach welchem Schlüssel) sollen die Gebühren verteilt werden? Pageviews? Visits? Verweildauer?
  • Und: Wo fängt im Internet ein Medienunternehmen eigentlich an? Wo hört es auf? Kann z.B. ein Blog wie dieser (ja, immer noch maskulin!) hier auch als Medienunternehmen gelten? (@Bobby California: Ist ja nur ein Beispiel. Bitte deshalb für einmal vom Blogger-Bashen absehen. ;-) ).

(Etwas detailliertere Angaben zum von den deutschen Verlegern geforderten Leistungsschutzrecht gibt es übrigens in diesem Interview mit Burda-Vorstandsmitglied Robert Schweizer.)

Zum Ruf der Schweizer Verleger nach einem Leistungsschutzrecht hatte «NZZ»-Medienredaktor Rainer Stadler bereits im Oktober 2009 geschrieben:

    «Würde ein Leistungsschutzrecht die Not der Presseverlage lindern? Wohl kaum. Vielmehr wäre es der Anfang von mehr Bürokratie. Denn der Aufwand, auf Basis eines solchen Rechts Geld einzutreiben und zu verteilen, wäre gross. Zudem geriete das Gesetz in einem derart dynamischen Milieu wie dem Internet schon beim Inkrafttreten zum alten Zopf.»

Gut möglich, dass ich jetzt einen Denkfehler begehe, aber wenn die Verlage, wie Neiniger in seinem Artikel behauptet, online nun ohnehin weltweit auf «Paid Content» setzen, braucht es dann überhaupt noch ein Leistungsschutzrecht? Sind die Inhalte dann nicht passwortgeschützt und damit von unerwünschter Indexierung/Aggregierung automatisch ausgeschlossen? (Und dann wäre da ja auch noch das kleine Dateichen namens robots.txt.)

Bis Genaueres bekannt ist, halte ich es jedenfalls mit Stefan Niggemeier, der unter dem Titel «Verlegerkampf für eine PC-Presse-Gebühr» u.a. schreibt:

    «Was für eine geniale Idee: Die Zeitungsverleger stellen ihre Produkte freiwillig kostenlos ins Netz, weil sie nicht glauben, dass die Leser bereit sind, dafür Geld zu zahlen, kassieren sie aber über den Umweg eines Leistungsschutzrechtes dann trotzdem dafür ab.»

Und zum Schluss noch dies:

    «Penetrantes Quengeln hilft. Die Evolution macht es an allen Ecken und Enden vor. Das fette Kuckuckskind, bereits deutlich größer als seine Ernährer, sperrt seinen Schnabel auf ohne Unterlass, und die Zieheltern wider Willen schaffen unablässig Nahrung heran. Weil das auch beim Menschen klappt, haben Marketingstrategen schon lange die Quengelware konzipiert. […] Quengeln bleibt für manche Artgenossen eine lebenslange Strategie zur Durchsetzung ihrer Wünsche.

    Sehr erfolgreich quengelten zuletzt die Zeitschriften- und Zeitungsverleger. So gelang es ihnen, bei vielen Regierungspolitikern und Journalisten den Eindruck zu hinterlassen, im Internet gehe es für die Umsorger des Qualitätsjournalismus nicht mit rechten Dingen zu.»
    (Timo Rieg: «Leistungsschutzrecht: Google an den Geldbeutel gehen», «Journalist», 7/2010)

Siehe auch:
- Handeln statt klagen
- «Erklärungen» und «Manifeste» hüben und drüben

von Martin Hitz | Kategorie: Sparschwein

25 Bemerkungen zu «Eine «Zwangsgebühr» für Schweizer Medienunternehmen?»

  1. Eigentlich kennt die Schweiz bereits ein Leistungsschutzrecht – Art. 5 Buchst. c UWG hält fest:

    Unlauter handelt insbesondere, wer … das marktreife Arbeitsergebnis eines andern ohne angemessenen eigenen Aufwand durch technische Reproduktionsverfahren als solches übernimmt und verwertet.

    http://www.admin.ch/ch/d/sr/241/a5.html

    Hinzu kommt, dass die «Leistungen» von Verlegern in den meisten Fällen bereits urheberrechtlich geschützt sind, denn üblicherweise veröffentlichen sie nur Texte, deren Urheberrechte ihnen abgetreten wurden. Wozu also noch ein Schutzrecht?

  2. das neiningersche elaborat ist ganz schlimm. wäre er “nur” verleger und chefredaktor seines schaffhauser intelligentsblattes, könnte man es ja noch als hinterbänklergedöns abtun. aber der mann ist im schweizer verlegerverband zuständig für publizistik. und wirft wikipedia und google in den gleichen topf. hallo?
    man schaue sich mal seinen blog an – ein publizistischer tiefflug sondergleichen.

    meine these: verleger und schurnis mit dieser denke werden in spätestens 5 jahren nichts mehr zu melden haben. und das ist gut so.

  3. Seit ein paar Jahren können wir das Phänomen beobachten, dass eine Handvoll Hobbyblogger ihrem Gefühl lautstark Ausdruck gibt, die besseren Journalisten zu sein. Jetzt haben die Hobbyblogger das Spiel noch einen Zacken weitergedreht: Sie sonnen sich inzwischen immer ungenierter auch im triumphalen Gefühl, eigentlich die besseren Verleger zu sein, wenn man sie nur liesse. So hat sich ein neuer Volkssport etabliert: Via Twitter und Blogs übt sich männiglich im Verleger-ans-Bein-pinkeln. Wer den strammsten und spritzigsten Strahl produzieren kann, ist der King. Ein erhebendes Schauspiel.

    Ach, war das eine schöne Zeit, als es noch keine Internet-Medienkritiker gab. Mich stört daran eigentlich nur eines: Es ist so vorhersehbar, was diese Leute erzählen. Es muss nur jemand ein Wort wie «Leistungsschutzrecht» erwähnen, und du kannst Gift drauf nehmen, dass sich innert kürzester Zeit einer aus seinem suburbanen oder semiruralen Bloggersumpf erheben und «Buuh!» machen wird.

    Noch gestern bestand der allerschönste Grund zur Hoffnung, als Kurt Imhof an dieser Stelle aufzeigte, welche Folgen die Finanzierungsprobleme der Tageszeitungen haben werden. Und heute? Alles vergessen? Waren Kurt Imhofs Worte vergeblich? Was ist denn so falsch daran, wenn sich die Verleger überlegen, wie sie einen Teil der wegbrechenden Einnahmen retten können? Nur weil der Herr Neininger etwas über Wikipedia gesagt hat, das vielleicht nicht ganz den Tatsachen entspricht, heisst das ja nicht, dass alles falsch wäre, was er sagt.

    Doch eines ist so klar wie das Amen in der Kirche: spätestens in 5 Jahren wird sich auch der letzte Hobbyblogger an das Leistungsschutzrecht gewöhnt haben.

  4. OK, Bobby, ich wette mit dir um ein Jahresabo einer beliebigen Tageszeitung, dass wir in 5 Jahren kein Leistungsschutzrecht haben.

    Ein Leistungsschutzrecht ist ein Angriff auf die Informationsfreiheit. Wenn jemand das Recht auf einzelne Sätze beanspruchen kann, wird die gesamte Sprache monopolisiert.

    Verleger haben keinen rechtlichen Anspruch auf ein funktionierendes Geschäftsmodell. Damit müssen sie sich in der freien Marktwirtschaft abfinden.

    Mit dieser Meinung haben die Hobbyblogger nicht nur viele professionelle Journalisten wie Niggemeier oder Nick Lüthi hinter sich, sondern auch das Schweizer Parlament und die Regierung: http://www.parlament.ch/D/Suche/Seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20093802

    Wenn man findet, man müsse den Journalismus retten, dann kann man das mit Subventionen machen. Aber eine Monopolisierung von einzelnen Sätzen wäre gesamtwirtschaftlich eine grosse Dummheit. Selbst das internetferne Parlament ist nicht so dumm. Da bin ich sehr zuversichtlich.

  5. @Bobby California: Ich habe oben dargestellt, dass es für Verleger 1. bereits ein lauterkeitsrechtliches Leistungsschutzrecht gibt und dass Verleger 2. in den meisten Fällen urheberrechtlichen Schutz geniessen. Wozu also noch ein Schutzrecht?

  6. David > «Leistungsschutzrecht = Angriff auf die Informationsfreiheit»: Nein, so ist es nicht. Es ist nur ein Angriff auf die Diebstahlfreiheit. Die Informationsfreiheit war nie grenzenlos, das Urheberrecht ist wichtiger. Jede Freiheit hat ihren Preis: Wenn alles geklaut wird, lohnt sich das Erarbeiten von Content nicht mehr, und dann gibts früher oder später auch nichts mehr zu klauen. Auch für Hobbyblogger. Das sollte doch seit Kurt Imhofs neuster Forschungsarbeit klar sein.

    «Verleger haben keinen rechtlichen Anspruch auf ein funktionierendes Geschäftsmodell. Damit müssen sie sich in der freien Marktwirtschaft abfinden»: Meine Güte, so unlogische und realitätsfremde Aussagen findet man nur in der Blogosphäre. Geh mal in die Migros und sag der Kassiererin: Du hast keinen Anspruch auf ein funktionierendes Geschäftsmodell, wir sind in der freien Marktwirtschaft. Die Folgen wären klar: In fünf Minuten wirst du von der Polizei abgeführt. Nur das Internet ist ein rechtsfreier Raum… und ein logikfreier Raum… (letzteres stört mich fast noch mehr)

    Martin Steiger > Auch Ihr Statement ist, auch wenn Sies zweimal sagen, nicht logisch. Der Schutz ist eben nötig, weil das Urheberrecht im Internet umgangen wird.

  7. Whatever, Bobby … Aber kannst *Du* mir die im Eintrag gestellten Fragen beantworten?

  8. ras.:

    Martin Steiger hat schon Recht. Die jetzigen rechtlichen Grundlagen genügen. Man muss sie nur durchsetzen. Oder bei Verstössen Klagen einreichen. Wer gratis Informationen ins Internet stellt, muss sich allerdings den Gesetzmässigkeiten des Internets anpassen. Was heisst: Im Internet entstehen neue Märkte, und Google nutzt das geschickt aus. Das ist legitim und legal. Absurd ist es jedoch, wenn sich ein Blogger über den (angeblich bevorstehenden) Untergang der Verleger freut. Ich glaube, der Betreffende erfasst nicht ganz die Dimensionen seiner Aussage.

  9. @ras: ich habe nicht gesagt, ich würde mich generell auf das verschwinden von allen verlegern freuen, sondern dass verleger à la neiniger mit ihrer rückwärtsgewandten denke schlicht keinen markt mehr haben werden. ich finde das deshalb okay, weil ich diesen verlegern nicht mehr zutraue, ihrer aufgabe im digitalen zeitalter gerecht zu werden. selbstverständlich braucht es weiterhin verleger, einige bestehende werden überleben, andere nicht und etliche neue werden auftauchen, vor allem im lokalen bereich.

  10. @Bobby: Es geht beim Leistungsschutzrecht nicht um das Urheberrecht, sondern um den zusätzlichen Schutz von einzelnen Sätzen, die nicht unter das Urheberrecht fallen. Diebstahl ist bezüglich Urheberrecht sowieso das falsche Wort, und bezüglich einzelnen Sätzen erst recht.
    Und wenn du meinen Satz «Verleger haben keinen rechtlichen Anspruch auf ein funktionierendes Geschäftsmodell.» nicht verstehst, dann könnte das auch an dir liegen.
    Das Wettangebot gilt immer noch…

    @Martin Hitz: Du wirst vergebens auf Antworten warten. Denn beim Beantworten der Fragen wird klar, wie absurd die Forderung ist. Darum werden diese Fragen gemieden.

  11. David > «Schutz von einzelnen Sätzen, die nicht unter das Urheberrecht fallen»: Hä? Das ist auch hochgradig unlogisch. Was für Sätze sollen das sein? Es gibt gar keine Sätze, die nicht unter das Urheberrecht fallen.

    Es stimmt auch nicht, dass das Schweizer Parlament gegen das Leistungsschutzrecht ist. Der Nationalrat hat gar nie darüber abgestimmt.

    Martin Hitz > Ich kann Deine Fragen nicht beantworten, denn ich bin kein Verleger. Ich masse mir auch nicht (wie ein gewisser semiruraler Werbetexter) an, besser zu wissen als die Verleger, wie man einen Verlag führt.

    Dennoch, hier meine 5 cents:

    «Welche Leistungen sollen denn genau geschützt werden»: Alle.

    «Wer soll künftig Leistungsschutzrechtsgebühren entrichten müssen»: Alle, die von Leistungen profitieren, ohne dafür zu zahlen.

    «Und wie»: Egal, hauptsächlich, sie zahlen.

    «Wer soll die Gebühren einkassieren»: Für Texte ist Pro Litteris zuständig.

    «Nach welchem Schlüssel sollen die Gebühren verteilt werden»: Keine Ahnung.

    «Kann ein Blog auch als Medienunternehmen gelten»: Sicher nicht. Ein Unternehmen ist definitionsgemäss eine Organisation, die ein Produkt herstellt und damit Geld verdienen will. Wenn ein Werbetexter am Feierabend die Verleger beschimpft, kann man das kaum als «Medienunternehmen» bezeichnen, weil sich mit sowas nie Geld verdienen lässt. Abgesehen von ein paar Kachingle-Cents, har har.

    «Bitte deshalb für einmal vom Blogger-Bashen absehen»: Ich habe nie Blogger gebasht. Mein Anliegen ist vielmehr die Verbesserung der Qualität des Schweizer Blogschaffens mit sachlicher Kritik. Mir tut es im Herzen weh, wenn ich sehe, wie wir uns international blamieren wegen dem dürftigen Leistungsausweis der einheimischen Blogger. Der Medienspiegel ist da eine einsame Ausnahme, das habe ich immer betont und ich sage es hier gerne ein weiteres Mal. Der Medienspiegel ist das einzige Schweizer Blog, für das ich unter Umständen bereit wäre, eine Abogebühr zu bezahlen.

  12. @Bobby California: Abogebühren wird es hier kaum je geben; das wäre doch arg vermessen.
    Und: “Eidgenössisches Blogschaffen” hätte mir *noch* besser gefallen ;-)

  13. @bobby: du hast nie blogger gebasht? da kann ich nur lachen. das tust du doch praktisch in jedem post hier. man würde es ja schon fast vermissen, wenn du mal nicht blogger bashst. apropos bashen: du gibst dich hier als gralshüter des seriösen journalismus und als winkelried gegen die bösen blogger – und in deinem blog stellst du harmlose coiffeure bloss, inkl. telefonnummer. und das natürlich anonym… wie krank ist das denn?
    http://bobbycalifornia.blogspot.com/2010/08/megablod.html

    deine ausführungen betr. leistungsschutzrecht zeigen, dass du auch in diesem gebiet keine ahnung hast. aber das kennen wir ja schon. du lässt dich auch über feedreader aus, ohne je einen benutzt zu haben. ich hab dich ja kürzlich via feedreader der faustdicken lüge überführt. du hast in deinem blog in einer kleinen kommentarschlacht behauptet, du hättest dein blog NICHT als bloggerbasherblog gestartet, obwohl du das in deinem ersten post genau so angekündigt hattest. das löschen dieses posts hat dir aber nichts genützt, weil der eintrag im feedreader noch da ist:
    http://skitch.com/roetext/d132t/google-reader-1000

    wie auch immer. du zerstörst hier mindestens jede zweite diskussion mit deinen unqualifizierten und anmassenden rundumschlägen. aber immerhin bist du ein gut sichtbares exempel für den maroden teil der medienbranche. solche sozialstudien findet man ja nicht überall.

  14. Und nun bitte wieder zurück zum Thema des Eintrags.

  15. @Bobby:
    “David > «Schutz von einzelnen Sätzen, die nicht unter das Urheberrecht fallen»: Hä? Das ist auch hochgradig unlogisch. Was für Sätze sollen das sein? Es gibt gar keine Sätze, die nicht unter das Urheberrecht fallen.”

    Was übernimmt denn Google von den Newssites? Sogenannte «Snippets», also die Artikeltitel und einzelne Sätze. Sonst nichts. Und dafür wollen die Verleger bezahlt werden. Also wollen sie diese Snippets schützen. Diese sind nicht urheberrechtlich geschützt. Wenn ich hier einen Satz schreibe, dann habe ich keine Rechte an diesem einzelnen Satz. Hätte jeder die Rechte an seinen Sätzen, könnten wir gar nicht mehr kommunizieren, weil irgendjemand die Sätze schon irgendwann einmal geschrieben hat und daher die Rechte daran hätte. Ein Werk ist nur urheberrechtlich geschützt, wenn es einen individuellen Charakter hat. Einzelne Snippets haben das nicht.

    “Es stimmt auch nicht, dass das Schweizer Parlament gegen das Leistungsschutzrecht ist. Der Nationalrat hat gar nie darüber abgestimmt.”
    Aber er hätte 2007 die Gelegenheit gehabt. Es war anscheinend für keinen einzigen Parlamentarier ein Anliegen, den Verlagen zusätzliche Rechte einzuräumen.

    “«Welche Leistungen sollen denn genau geschützt werden»: Alle.”
    Die Frage ist: Welche Leistungen, die heute noch nicht geschützt sind, sollen geschützt werden. Bitte genau benennen.

  16. David > Es geht nicht um die Snippets an sich. Es geht darum, dass Google Geld macht mit Leistungen, die jemand anderer erbracht hat. Wenn die Snippets, wie Du schreibst, nicht urheberrechtlich geschützt sind, dann ist das ein weiteres Argument, das für ein Leistungsschutzrecht spricht.

    «Hätte jeder die Rechte an seinen Sätzen, könnten wir gar nicht mehr kommunizieren»: Ich bin kein Jurist. Dennoch ist klar: Natürlich fällt eine private Konversation wie diese nicht unter das Urheberrecht. Anders sieht es aus bei journalistischen Texten. Ob Du sie jetzt Snippets nennst oder wie auch immer. Nochmals: Es geht nicht um die Snippets, sondern um den dahinter liegenden parasitären Mechanismus. Der gleiche Mechanismus kommt zum Tragen, wenn Google Bücher einscannt, alle Strassen abfotografiert und was diesen Brüdern sonst noch so in den Sinn kommen wird. Wenn dank Google alles gratis abrufbar ist, ist das unterhaltsam… aber jemand wird den Preis dafür bezahlen müssen, ist das so schwierig zu kapieren? Wenn Google mit seinen parasitären Aktivitäten den Urhebern den Schnauf abklemmt, gibt es am Schluss keine Angebote mehr, bei denen sich diese unheimliche Firma gratis bedienen kann.

    Es ist mir völlig schleierhaft, warum die Firma Google bei Internet-Fans sakrosankt und immun gegen Kritik ist und nie hinterfragt werden darf. Wer profitiert denn davon? Google News ist doch eine Beleidigung für jedes Hirn, das selbständig denken kann. Da werden eiskalt und automatisch Zeitungsmeldungen konglomeriert. Wer das für die Zukunft der Medien hält, ist schon wahnsinnig anspruchslos.

    «Es war anscheinend für keinen einzigen Parlamentarier ein Anliegen, den Verlagen zusätzliche Rechte einzuräumen»: Das stimmt auch nicht. Kurt Fluri und die Mitunterzeichner (Filippo, Vischer u.a.) hätten keine Interpellation eingereicht, wenn es ihnen kein Anliegen wäre.

    «Bitte genau benennen»: Siehe oben.

    Bugsierer > «du zerstörst hier mindestens jede zweite diskussion»: Vielleicht sind nicht alle mit allem einverstanden, was ich sage. Doch ich bringe langjährige Medienerfahrung (die z.B. ein Bugsierer nicht hat) in die Debatte ein. Und ich breite hier auch nicht ein Cincera-ähnliches Privatarchiv mit Einträgen anderer Blogs aus. Wer zerstört was…

  17. @Bobby: Betrachten wir diesen «parasitären Mechanismus» doch mal etwas diffenzierter:

    - Bei Google News und der Google Suche ist es eine Symbiose: Im Gegenzug zu den Snippets erhalten die Verlage Bersucher. Wäre Google ein Parasit, würden die Verlage Google ausschliessen – das ist ohne Aufwand möglich. Google News ist übrigens werbefrei und für sich allein ein Verlustgeschäft von Google.

    - Google Books könnte man teilweise als parasitär betrachten, wenn Bücher online gestellt werden, die noch vertrieben werden. Hier laufen soviel ich weiss Prozesse. Google wird sich den Urheberrechtsgesetzen nicht widersetzen können. Das Internet ist nämlich kein rechtsfreier Raum. Jedoch gibt es im amerikanischen Urheberrecht eine Fair-Use-Klausel, die hier eine Rolle spielt.

    - Google Street View ist genauso parasitär wie ein Pressefotograf: Google betreibt einen sehr grossen Aufwand, um öffentliche Dinge festzuhalten und leichter zugänglich zu machen.

    Es ist nicht Dank Google alles gratis abrufbar. Die News sind dank den Verlagen gratis abrufbar. Google setzt bloss die Wegweiser. Dafür Geld zu verlangen, ist eine Logik, die ich nicht verstehe.

    Google ist überhaupt nicht immun gegen Kritik. Aber an der Idee, öffentlich verfügbare Güter einfacher zugänglich zu machen, sehe ich nun wirklich keinen negativen Aspekt.

    Übrigens könnten die Verlagshäuser gemeinsam ein Portal aufbauen, das Google News hoch überlegen wäre. Keine Ahnung, wieso dies nicht geschieht.

    Übrigens gibt es auch Verlage, die begriffen haben, dass sie Dienstleister und nicht Informationsmonopolisten sind. Allen voran The Guardian, der sogar die Einbindung seiner Newsstories in Blogs aktiv fördert: http://www.neues-deutschland.de/artikel/174042.lernen-vom-modell-guardian.html

    Bzgl. Parlamentarier: Wäre das 2007 bereits ihr Anliegen gewesen, wäre es damals diskutiert worden. Und ich gehe davon aus, dass es in den Kommissionen auch diskutiert wurde.

  18. David > «Bei Google News ist es eine Symbiose»: Das sagen die Blogger immer wieder. Aber offenbar sind die Verleger da anderer Ansicht. Warum muss man hier immer so zwanghaft den Standpunkt der Verleger hinterfragen? Was ist so falsch daran, wenn die Verleger einen Anteil des Profits fordern? Was mir an der Debatte sauer aufstösst: Google hat bei den Bloggern immer einen automatischen Sympathiebonus. Was Google treibt, wird von seiten der Blogger nie kritisiert. Warum nicht?

    «Google wird sich den Urheberrechtsgesetzen nicht widersetzen können. Das Internet ist nämlich kein rechtsfreier Raum»: Das ist doch eine arg beschönigende Darstellung. Tatsache ist: Google hat damit begonnen, frisch-fröhlich Millionen Bücher einzuscannen, ohne zu fragen, ob die Inhaber der Rechte damit einverstanden sind. Nachdem es Klagen hagelte, werden jetzt seltsame, undurchsichtige Deals geschlossen. Fazit: Google steht auf Kriegsfuss mit dem Urheberrecht. Aber das stört die Internet-Fans nicht. Das Urheberrecht ist ja aus der Sicht des typischen Bloggers sowieso etwas für Grufties, nicht wahr.

    «Google Street View ist genauso parasitär wie ein Pressefotograf»: Auch bei dieser Aussage ist die Internet-Fan-typische Ideologie erkennbar, die dazu führt, dass die Aktivitäten von Google nie hinterfragt werden. Tatsache ist: Ein Pressefotograf weiss, dass alle Personen das Recht an ihrem Bild haben. Ein Fotograf wird auch nicht in den WLAN-Daten der Bürger schnüffeln. Auch hier zeigt sich: Google ist für die Blogger sakrosankt.

    «Übrigens könnten die Verlagshäuser gemeinsam ein Portal aufbauen, das Google News hoch überlegen wäre. Keine Ahnung, wieso dies nicht geschieht»: Ich weiss es auch nicht. Aber ich bin genausowenig Verleger wie David oder Bugsierer. Ich sage nur: Die Verleger haben das Volk seit 150 Jahren mit Informationen versorgt und spannende Jobs für Journalisten geschaffen. Das sollte man auch mal würdigen, statt immer wieder den Verlegern komplette Ahnungslosigkeit vorzuwerfen und sich, so wie das viele Blogger gerne tun, im selbstgerechten Habitus als jemand aufspielen, der besser weiss als die Verleger, wie man das Mediengeschäft betreiben kann.

    «The Guardian, der sogar die Einbindung seiner Newsstories in Blogs aktiv fördert»: Als Konsument finde ich es grossartig, dass der Guardian seine Artikel im Internet verschenkt. Ob sich dieses Modell rechnet, weiss ich nicht. Wir werden es in ein paar Jahren sehen. Im Moment ist es nur ein Versuch.

  19. Google News: Die Doppelmoral der Verleger ist offensichtlich. Der einzige Grund, wieso sie Google nicht aussperren, ist, dass sie von Google profitieren. Google dagegen spielt kein Doppelspiel. Google sagt gerade aus: Wenn es euch nicht passt, dann sagt es und sperrt uns aus. Google akzeptiert das sofort.

    Google Books: Google hat Interesse an einem schwächeren Urheberrecht, und die Verleger an einem stärkeren. Beide versuchen die Gesetze in ihrem Sinn zu verändern. Wer nun der Böse ist, kann sich jeder selber aussuchen. Ich persönlich befürworte eine Beschränkung (aber sicher nicht Abschaffung) der Urheberrechts.

    Street View: Google weiss das auch. Jedoch ist die Rechtslage nicht so klar. Bei einem Pressefoto gibt es Personen, die Beiwerk sind und keine Rechte an ihren Bildern haben. Man könnte die Personen auf Street View auch als Beiwerk betrachten. Macht Google aber nicht. Google ist im Vergleich zu anderen vorbildlich.

    Selbstgerechter Habitus: Finde ich eine hervorragende Beschreibung für gewisse Verleger. Einfach Google als Feindbild aufbauen und dann versuchen, ohne Leistungsauftrag versteckte Subventionen zu beziehen.

    Guardian: Richtig, es ist ein Versuch. Aber sicher der erfolgsversprechendere als die Forderung nach dem Leistungsschutzrecht.

  20. @Bobby Californina: Die Forderung nach einem Schutz aller Werke im Immaterialgüterrecht wurde im Schweizer Recht längst negativ beantwortet. Exemplarisch dafür ist die Schöpfungshöhe beim Werksbegriff im Urheberrecht:

    http://www.admin.ch/ch/d/sr/231_1/a2.html

  21. @Bobby: Übrigens noch zur Behauptung “Was Google treibt, wird von seiten der Blogger nie kritisiert.”: Als Google Buzz Meldungen automatisch an GMail-Kontakte sendete, war der Aufruhr gross. Auch die kürzlich präsentierten Vorschläge von Google und Verizon zur Netzneutralität wurden von Bloggern vehement kritisiert. Google hat überhaupt keinen Sympathiebonus, sondern wird genauso kritisch wie alle anderen beobachtet.

  22. David > «Google wird genauso kritisch wie alle anderen beobachtet»: Wirklich? Du hast in deinem vorletzten Post den besten Beweis erbracht, dass Google bei den Bloggern immun gegen Kritik ist:
    - «Google spielt kein Doppelspiel»;
    - «Wer der Böse ist, kann sich jeder selber aussuchen»;
    - «Google ist vorbildlich»;
    - «Google als Feindbild (schluchz!)»:
    Kurz: 4:0 für Google. Diese Firma kann nach Belieben die Privatsphäre von uns allen verletzen, sie kann das Urheberrecht mit Füssen treten, sie kann alle Informationen der Welt gierig aufsaugen. David wird dennoch immer Beifall klatschen. Genau das stört mich: Weil das Geschäftsmodell von Google auf dem Internet basiert, wird diese Firma von den Bloggern als heilige Kuh betrachtet, auch wenn viele Aktivitäten dieser Firma mehr als fragwürdig sind. Dass Blogger Google niemals kritisieren wollen, hast du mit deiner Argumentation deutlich bewiesen.

  23. Bobby, ich habe gerade Beispiele genannt, die das Gegenteil beweisen. Und eines ist ganz sicher: Gäbe es bei Google ein Datenleck, würde sein Image enormen Schaden erleiden. Daher nimmt Google den Datenschutz sehr ernst. Im Gegensatz zu Facebook, beispielsweise.

  24. Fred David:

    @) David: Ich möchte Ihnen die Illusionen über die absolute Harmlosigkeit von Google nicht nehmen, empfehle aber doch dringend die Lektüre der aktuellen “Zeit”- Ausgabe (nur auf Holzfaser, nicht online erhältlich).

    Ist lesenswert: Google backstage.

  25. Google ist nicht absolut harmlos, das würde ich nie behaupten. Jedoch finde ich Firmen wie Deltavista datenschutztechnisch viel problematischer. Aber würde die “Zeit” jemals kritisch über Bonitätsprüfer schreiben?

    Aber wir schweifen ab. Eigentlich ging es hier ja um Leistungsschutzrecht und somit nicht um persönliche Daten, sondern um freiwillig veröffentliche Informationen.

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