Jahrbuch «Qualität der Medien»: Diskussionsbeitrag von Mitherausgeber Kurt Imhof

(Der folgende Beitrag wurde ursprünglich als Kommentar zum Eintrag «Jahrbuch 2010 zur Qualität der Schweizer Medien» verfasst. Zwecks Förderung der Debatte wird er hier noch einmal publiziert.)

Von Kurt Imhof

Die Schweiz hat eine grossartige publizistische Tradition in drei grossen Sprachregionen mit einer Geschichte hervorragender Zeitungen die mit ihrer journalistischen Qualität auch einst den Standard für ein gutes öffentliches Radio, später das öffentliche Fernsehen bildeten. Diese Tradition ausgezeichneten Journalismus ist in einer tiefen Krise.

Mangelnde Ressourcen durch sinkende Werbe- und Abonnementseinnahmen, stagnierende Gebühreneinnahmen, Abwanderung der Werbeetats zu Suchmaschinen und zum Sozial Web. All dies bedeutet Abbau von Ressorts und Redaktionen. Die Einnahmen in der Gattung Presse (-34% seit 99), im Onlinebereich und beim privaten Radio und TV lassen die Ausstattung von Redaktionen mit ausreichenden Ressourcen nicht (mehr) zu. Die Einnahmen im privaten und öffentlichen Fernsehen sind heute auf dem Niveau von 99 eingefroren.

Gleichzeitig lässt sich ab 99 ein Siegeszug eines deutlich qualitätsschwächeren Informationsjournalismus in Gratismedien Off- und Online beobachten, der ausgerechnet von jüngeren Publika, die in der Gratiskultur sozialisiert worden sind, am meisten konsumiert wird. Und das ist kein beliebiges Publikum. Erstmals in der Moderne werden von den bildungsstarken wie den bildungstiefen Altersgruppen zwischen 15 und 34 dieselben schlechten Informationsmedien konsumiert. Und ausgerechnet die Newssites, die die Zukunft des Informationsjournalismus (aufgrund der Konvergenz von Radio, TV und Presse) haben Redaktionen mit einer sehr schlechten Ressourcenausstattung.

Inhaltlich bedeutet dies eine Zunahme der Personalisierung, der emotionalen Aufladung auf Kosten sachlicher Information, eine Stärkung des Episodischen auf Kosten der journalistischen Einordnung und über Adaption und Ressourcenmangel ein Professionalitätsverlust bei den Informationsmedien insgesamt.

Sozial bedeutet dies ein geradezu exponentiell steigender Vertrauensverlust in die Medien, ein gesellschaftspolitisch fataler Statusverlust des Journalismus, eine Entprofessionalisierung des Berufs, ein wachsendes Unbehagen auf Seiten der Journalisten in den qualitätsorientierten Medien, sinkende Zahlungsbereitschaft mitsamt einem sinkenden Kostenbewusstsein auf Seiten des Publikums und ein Rationalitätsverlust in der demokratischen Auseinandersetzung.

Das alles ist sehr misslich, denn die Qualität der öffentlichen Kommunikation bedingt die Qualität der Demokratie. Die medienvermittelte öffentliche Kommunikation ist – unbesehen von der Finanzierung und egal in welcher Verbreitungsform – der wichtigste Service public überhaupt. Wenn den Demokraten die Demokratie lieb ist, dann dürfen sie sich keinen billigen Journalismus leisten.

Also zur Frage: Was tun? (Diskussionsbeitrag):

An dieser Kluft zwischen der Bedeutung der Medien und der Krise des Informationsjournalismus setzt das Jahrbuch an. Es will dazu beitragen, dass das Qualitätsbewusstsein auf Seiten der Medienmacher und des Publikums erhöht wird. Dem Publikum muss klar werden, dass es ressourcenschwachen und daher schlechten Informationsjournalismus dreifach zahlt – finanziell über die Werbekosten, kulturell über mangelhafte Wissensvermittlung und politisch über die sinkende Rationalität der Auseinandersetzungen. Es muss evident werden, dass guter Journalismus kostet. Mit anderen Worten: Der Wettbewerb um Anzeigen und Aufmerksamkeit gilt es durch einen publizistischen Qualitätswettbewerb zu ersetzen. Wenn überhaupt, dann kann dies nur durch eine Qualitätsdebatte gelingen, die auf der Basis gemessener Qualitätsstandards klare Unterschiede zwischen Informationsmedien in der Zeit und über die Zeit zeigt. Nur dies verhindert, dass wir nicht bloss wehklagend ersaufen.

Allerdings: Das wird nicht reichen.

Es braucht a) Medienkompetenz als institutionalisiertes Fach in den Berufsschulen, Berufsmittelschulen und Gymnasien und zwar nicht in der Form des bildungspolitischen Gutmenschentums, das den Versuch unternimmt, die Jugendlichen politisch korrekt durch Pornoseiten und Gewaltdarstellungen surfen zu lassen, sondern als Bildung über die Unterschiede der Informationsmedien anhand von Berichterstattungsfolgen, die die Jugendlichen interessieren.

Es braucht b) die Elimination der Gratiskultur auf Holz und Online, sonst lässt sich guter Journalismus aufgrund der Konditionierungseffekte beim Publikum nicht finanzieren.

Es braucht c) die Zusammenarbeit öffentlicher und privater Redaktionen im Onlinesektor mit einem Qualitätsanspruch, der dem dreisprachigen Journalismus der Schweiz auch wieder über die Schweiz hinaus Reputation verschafft.

Es braucht d) die ergänzende qualitätsorientierte Förderung von Informationsmedien über zivilgesellschaftliche und staatliche Mittel.

Kurt Imhof leitet den «fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft» des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung und des Instituts für Soziologie der Universität Zürich. Er ist Mitherausgeber des Jahrbuchs «Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera».

von Kurt Imhof | Kategorie: Medienschau

116 Bemerkungen zu «Jahrbuch «Qualität der Medien»: Diskussionsbeitrag von Mitherausgeber Kurt Imhof»

  1. Kurt Imhof > Herzlichen Dank für die glasklare Analyse. Genau hier muss die Diskussion ansetzen. So deutlich hat (ausser mir) noch niemand das Problem benannt (wobei ich das nicht annähernd so brillant formulieren könnte).

    «Es braucht die Elimination der Gratiskultur auf Holz und Online»: Genau so ist es. Meine Rede seit anno tubak. Wobei sich die Gratis-Un-Kultur nicht auf Online-News und «Pendlerzeitungen» beschränkt. Vielmehr ist der ganze Informations- und Desinformations-Müll im gesamten Internet problematisch. Viele Leute sagen heute: Ich brauche keine Zeitschriften und Zeitungen mehr, weil ich alles im Netz gratis finde – von News über Gesundheitstipps bis zu Plattenbesprechungen. Alles ist gratis zu haben, doch niemand ist in der Lage, Propaganda von unabhängiger Information zu unterscheiden, weil man zum Teil nicht einmal erkennen kann, wer einen Text verfasst hat.

    Ich befürchte, da ist der beste Medienkunde-Unterricht machtlos. Man müsste, wie das McLuhan vor 40 Jahren für den TV gefordert hat, neben jeden Computer sitzen und den Online-Schrott kommentieren… ein Ding der Unmöglichkeit.

  2. Martin Widmer:

    McLuhan wird tagtäglich in jedem Medium bestätigt, aus der aktuellen Monde Diplo:
    **
    Ferngesteuerte Experten
    Ob Gesundheitspolitik, Finanzkrise oder Afghanistankrieg – im US-Privatfernsehen dürfen bezahlte Lobbyisten den Zuschauern die Probleme erklären. von Sebastian Jones
    **

    Besten Dank für “Qualität der Medien”, ich hoffe eine breite und tiefe öffentliche Diskussion wird damit ausgelöst.

    Für mich die grosse Frage: Könnten die Medien überhaupt deutlich anders handeln, oder sind sie (wie wir alle) gefangen im “materialistischen Individualismus” oder wie das heutige “System” auch immer bezeichnet werden soll?

  3. Meine Meinung zu den Vorschlägen:

    Qualitätsdebatte: Solche Qualitätskriterien wären sicher etwas Sinnvolles. Das würde ich begrüssen. Ich denke jedoch (auch), dass dies nur einen beschränkten Einfluss darauf hat, was die Leute lesen. Und wenn ich schaue, was bei rivva.de durch Verlinkungsanalyse nach oben geschwemmt wird, so bin ich zuversichtlich, dass guter Journalismus so oder so weiterhin viel Beachtung findet, wenn er öffentlich zugänglich ist. Auf rivva.de findet man hervorragende Debatten, die ich als Abonnent einer Zeitung niemals geliefert bekommen würde. Vorläufig noch IT-lastig, aber das wird sich ändern.

    Medienkompetenz als Fach: Finde ich auch ok. Jedoch sollte da noch viel mehr rein. Das hier finde ich einen guten Vorschlag: http://netzwertig.com/2010/08/09/digitalisierung-ein-fiktiver-medienkompetenzlehrplan/

    Elimination der Gratiskultur: Das ist der völlig falsche Ansatz, denn es würde auf ein Publikationsverbot für die Bürger, also Zensur hinauslaufen. Jeder muss so publizieren dürfen, wie er will. Und solange es sich lohnt, Informationen gratis anzubieten, wird und soll dies auch geschehen.

    “Zusammenarbeit öffentlicher und privater Redaktionen im Onlinesektor” und “Qualitätsorientierte Förderung von Informationsmedien”: Ich finde, die Gebührengelder sollten statt in die Betreibung von Unterhaltungssendern fokussiert in Qualitätsjournalismus eingesetzt werden. Man könnte mit diesen 1,3 Milliarden öffentlichrechtliche Redaktionen betreiben, die nach Vorbild von ProPublica crossmedial investigativen Journalismus betreiben und die Resultate dann den Medien verkaufen oder selbst online publizieren.

    Guter Journalismus lässt sich sehr wohl finanzieren – wenn das politisch gewollt ist.

  4. David > Das Eliminieren der Gratispresse ist nicht Zensur. Zensur ist das Verbot, bestimmte Informationen zu verbreiten. Doch hier gehts um etwas ganz anderes: Erstmals wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Gratis-Un-Kultur unsere Demokratie bedroht. Es sind also ganz elementare Werte gefährdet. Es geht jetzt darum, die Information der Bürger zu gewährleisten, nicht darum, sie zu unterdrücken.

    Um dieses Ziel zu erreichen, muss der Staat nicht zwingend zur Verbotskeule greifen. Man könnte auch die Erteilung von Lizenzen fürs Benützen des öffentlichen Grundes entziehen oder an bestimmte Bedingungen knüpfen, zB eine schmerzhaft hohe Abfallentsorgungsgebühr für Gratiszeitungen. Es wäre letztlich nur ein Eingriff in die Gewerbefreiheit, aber einer, der sich verschmerzen lässt oder vielmehr aufdrängt, weil viel wichtigere Werte bedroht sind.

    Die Publikationsfreiheit ist auch sonst nicht allgemein gültig: wenn es um wichtige Werte geht wie den Schutz der Privatsphäre, dürfen Zeitungen auch nicht alles drucken, was sie vielleicht gerne drucken würden.

  5. auch wenn man nicht mit allen aussagen einverstanden sein muss, hat die publikation dieser studie den tollen effekt, dass eine grundsatzdiskussion zum thema lanciert wurde. bezeichnenderweise findet diese aber grösstenteils im frei zugänglichen netz statt. für mich ist das eher eine verbesserung, als eine verschlechterung des öffentlichen diskurses.

    hier noch ein paar mehr gedanken dazu:
    http://thomnagy.posterous.com/6-grunde-weshalb-kurt-imhof-mit-seinen-aussag

  6. Jon Fleischhauer:

    Von Wegen Qualitaet der Bezahlzeitungen, kleines Beispiel aus der NZZaS: In den guten alten Zeitungen verwerteten Auslandkorrespondenten das Gespraech mit dem Taxifahrer auf der Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum fuer einen ersten “Lagebericht”, wobei der Taxifahrer als “Beobachter” fleissig zitiert wurde. Im Zeitalter der Globalisierung, wo viele Taxifahrer der Landesprache nicht mehr ausreichend maechtig sind, braucht ein Qualitaetsblatt neue Recherchiermethoden. NZZaS Korrespondent Andreas Mink findet da zum Beispiel die “Studentin Louisa”, die als Kronzeugin fuer einen duerftigen Bericht ueber die wirtschaftliche Lage in den USA (“Amerika erlebt einen düsteren Sommer”) dient. Die arme “Studentin Louisa” musste also insgesamt 2 Bewerbungen fuer einen Sommerjob rausschicken, weil der erste Job angeblichen Sparbemuehungen zum Opfer fiel. 30 Sekunden Google Recherche bringen da erstaunliches zum Vorschein: “Studentin Louisa” ist die Tochter des Besagten NZZaS-Korrespondenten, dessen Autorenzeile sich weltmaennisch “Andreas Mink, New York” liest, obwohl er im Nobelstaedtchen Mystic in Connecticut sitzt, das ungefaehr 3 Stunden von New York entfernt ist. Das ist ungefahr so praezis, als wenn der Stuttgart Korrespondent der Zeitung in Zuerich sitzt. Wer im uebrigen wissen will, wie es der “Studentin Louisa” geht, dem verspricht der Korrespondent bereits einen Nachfolgeartikel im Jahre 2012, wenn der Studienabschluss des Fraeulein Tochters bevorsteht.
    Dieses erlesene Beispiel von Qualitaetsjournalismus findet sich hier: http://www.nzz.ch/nachrichten/international/amerika_erlebt_einen_duesteren_sommer_1.7212618.html

  7. Thom Nagy «für mich ist das eher eine verbesserung, als eine verschlechterung des öffentlichen diskurses»: Unsinn. Sie können doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Das hier ist eine Debatte zwischen Insidern und solchen, die es gerne sein möchten. Die Tageszeitungen und die in ihnen enthaltenen Informationen zu politischen Themen richten sich hingegen an alle Bürger. Natürlich hat eine Internetdebatte ihren Charme, das ändert aber nichts an der Tragweite des von Kurt Imhof beschriebenen Problems der Presse.

    «Jon Fleischhauer»: Und was wollen Sie mit Ihrer Geschichte sagen? Sollen wir wegen einer misslungenen Geschichte glauben, es gäbe keinen hochwertigen Journalismus mehr?

    Diese beiden Beispiele (Nagy und «Fleischhauer») zeigen einmal mehr, wie unfair die Gratis-Euphoriker über Medienthemen diskutieren.

  8. Skepdicker:

    Theoretische Konstrukte wie “Ausgewogenheit”, “Objektivität”, “Sachgerechtigkeit”, “emotionsbewirtschaftende Zuspitzung”, “moralisch-emotionaler Berichterstattung” etc. lassen sich kaum objektiv, zuverlässig und valide operationalisieren. Das Jahrbuch sagt deshalb wohl mehr über die Vorlieben des Autorenteams aus als über die Qualität der CH-Medienwelt. Die besonders in den Sozialwissenschaften beliebte PIOOMA-Methode* wurde meines Erachtens ziemlich exzessiv verwendet.

    Das Jahrbuch ist zweifelsohne eine grandiose Sache und hebt die Diskussion auf eine qualitativ höhere Ebene. “Wissenschaftlich erwiesen” ist damit allerdings nichts: Wenn zehn brasilianische Bademeister behaupten, das Wasser im Zürichsee sei kalt, dann ist das noch lange nicht ein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass das Wasser im Zürichsee tatsächlich kalt ist – auch dann nicht, wenn durch Grafiken, Tabellen, akademische Titel und Fachsprache hohe wissenschaftliche Qualität signalisert wird. Zehn finnische Bademeister könnten (aufgrund von anderen Präferenzen und/oder Gewohnheiten) mit der gleichen Methodik zum gegenteiligen Schluss kommen.
    Wissenschaftlichen Wert erhält die Forschung der Bademeister nicht durch akademische Titel oder akademischen Habitus, sondern durch die Methode: das Thermometer (Karl Pearson: “The unity of all science consists alone in its method, not in its material”). Erst das Thermometer lässt wissenschaftliche Aussagen zu. Die Finnen und Brasilianer müssten sich dann aber noch immer auf ein Temperaturintervall einigen, dem sie das theoretische Konstrukt “kalt” zuweisen. Vielleicht werden sie gar keine Einigung erzielen und deshalb das theoretische Konstrukt “kalt” zugunsten von genauen Temperaturangaben fallen lassen.

    Was ist der langen Rede kurzer Sinn? Lässt sich ein theoretisches Konstrukt nicht operationalisieren, dann lässt es sich auch nicht wissenschaftlich messen. Ein nicht unwesentlicher Teil des Jahrbuchs enthält somit qualifizierte Meinung, nicht aber wissenschaftliche Fakten.

    *PIOOMA = pulled it out of my a…

  9. Cornichon:

    Ich würde sogar noch weiter gehen als Skepdicker. Will man wirklich über «Qualität» reden, so müsste statt des sozial- ein literaturwissenschaftlicher Ansatz gewählt werden. Immerhin geht es hier um Texte. Und: Es gibt nicht «Qualität» an sich. Es gibt aber Kriterien, deren Erfüllung man mit einer bestimmten, bewusst auszuwählenden Methode misst. Wichtig ist, dass man sich einer Sache während der ganzen Zeit bewusst ist: Die Fragestellung, die man wählt und die Werkzeuge, die man dazu benützt, steuern von Anfang an die Art der Erkenntnis, die man gewinnen kann.

  10. Fred David:

    @) Skepdicker: Dann lassen Sie doch einfach das Wort “wissenschaftlich” weg, es ist ein ohnehin nicht sehr genau umrissener Bregriff.

    Qualitätsmessung von Medien ist ein extrem schwieriges Geschäft und wir müssen froh sein, dass Kurt Imhof und seine Truppe sich dieser Mühsal unterziehen. Es ist ein Langfristprojekt und nicht bloss auf eine Momentaufnahme bezogen. Das ist schon ein interessanter, neuer Ansatz.

    Die Medien selber beschäftigen sich nicht so intensiv mit der Qualitätskontrolle der eigenen Produkte, obwohl sie Gegenteiliges behaupten. Zwar gibt es jede Menge von Leserbefragungen, die irgendwann abends zwischen 7 und 8 Uhr telefonisch stattfinden. Jede Chefredaktion hat solche Umfrageergebnisse zu Bergen in irgendwelchen Schränken vor sich hin stauben. Deren Brauchbarkeit ist gering.

    Ich erinnere mich, dass mein Chefredaktor eine Umfrage in Auftrag gab, um zu testen, wonach die Leser verlangten. Er hatte ein neues Konzept erarbeitet und wollte nun die Bestätigung haben, dass er damit total richtig lag.

    Natürlich kriegte er die Bestätigung in dieser sehr teuren Analyse, “nach wissenschaftlichen Kriterien”. Die Leser wollten angeblich genau das, was er schon immer gewollt hatte.

    Das Konzept floppte schon nach wenigen Wochen brutal. Die Auflage sackte messbar ab. Die Leser mochten das neue Konzept überhaupt nicht. Und die Anzeigenkunden noch weniger.

    Ein Jahr später gab sein Nachfolger eine ähnliche Befragung in Auftrag um zu testen, ob er richtig lag, das Konzept des Vorgängers samt und sonders zu kippen. Die “Analyse” gab ihm recht: ein um 180 Grad konträr lautendes Ergebnis.

    Daraus habe ich gelernt: Ein gut trainierter Bauch ist im Medienbereich noch immer unverzichtbar – das schwer fassbare Bauchgefühl eben.

    Freuen wir uns, dass es jetzt endlich eine substanzielle Qualitätdiskussion über unsere Medien in Gang kommt – wir wissen doch alle: sie ist dringend notwendig – und hängen wir das Wort “wissenschaftlich” nicht zu hoch.

    @) Jon Fleischhauer: Es gibt nun wirklich Schlimmeres, als die eigene Tochter als Informantin einzuspannen – aber trotzdem: Ihr Beispiel ist subtil aufgespiesst. Man darf sich eben nicht erwischen lassen, wenn man als Korrespondent zu bequem ist, das Büro zu verlassen.

    Die Distanz zwischen NY und Bäriswil oder wo auch immer ist dank Internet auf Stecknadelgrösse geschrumpft. Das hat eben seine Tücken: Journalismus wird überprüfbar.Auch von Bäriswil aus …

  11. Skeptiker / Cornichon > «Ein nicht unwesentlicher Teil des Jahrbuchs enthält somit qualifizierte Meinung, nicht aber wissenschaftliche Fakten»: Woher wollen Sie das denn wissen? Das Jahrbuch wurde ja noch nicht mal veröffentlicht. Nur die Zusammenfassung liegt vor. Von der Zusammenfassung auf den Faktengehalt schliessen zu wollen, ist ungefähr so seriös wie Kaffeesatzlesen. Wahrlich, diese Diskussion hier treibt wieder einmal sonderbare Blüten…

  12. Kurt Imhof:

    @Skepdicker: Damit sich methodische Fragen nicht unnötig in die Länge ziehen: Entscheidend bei solchen Messsituationen ist nicht, ob finnische oder brasilianische Bademeister die Temperatur des Zürichsees messen, entscheidend sind Vergleichsmessungen mit anderen Seen und dabei kommen Bademeister egal welcher Herkunft auf valide Unterschiede. Genau das haben wir mit den Informationsmedien gemacht. Wie dann solche Unterschiede bei bewertet werden, das ist ein andere Geschichte, aber dabei haben wir einen gründlichen Aufwand getrieben (http://www.qualitaet-der-medien.ch).

    @David Zur Klärung in der Gratisdebatte. Es geht nicht um pay walls für Suchmaschinen oder Blogs oder für das Internet generell, es geht simpel um das Überleben des Journalismus in Redaktionen, die in der Lage sind, den Nachrichtenfluss in den sozial unabdingbaren General-Interest-Medien zu bewältigen, d.h. fachkundig eine Agenda zu produzieren, Nachrichten einzuordnen und zu recherchieren. Es ist ganz offensichtlich nicht möglich hierfür genügend (Werbe-)Einnahmen zu generieren. Und selbst wenn es möglich wäre, würde diese Werbeabhängigkeit (neben anderen Folgekosten) bedeuten, dass die Funktionen des Journalismus genau dann einbrechen, wenn der gesellschaftliche Bedarf nach Journalismus am höchsten ist. In Zeiten der Krise und des Umbruchs. Die Werbetats gehören zu den fluidesten Grössen in der Ökonomie.

  13. Skepdicker:

    An Bobby California:
    Woher ich das weiss? Ganz einfach: Weil sich zahlreiche verwendete theoretische Konstrukte nicht objektiv, zuverlässig und valide operationalisieren lassen.

    Im Jahrbuch erfahre ich also “nur”, was das Autorenteam für “sachgerecht” oder “relevant” hält. Da es sich um ein hochkarätiges Autorenteam handelt, kann man von einer qualitativ hochstehenden Meinungsäusserung sprechen, die sich teilweise auf wissenschaftliche Methoden abstützt (nämlich dort, wo sich die theoretischen Konstrukte objektiv, zuverlässig und valide operationalisieren liessen – beispielsweise der Prozentsatz der Eigenrecherche).

    Für obige Behauptung braucht es keine Kaffeesatzleserei oder eine Lektüre des ganzen Jahrbuchs. Nicht operationalisierbare Konstrukte wie “Relevanz” sind abhängig von Zeitgeist und sozialer Erwünschtheit (und somit von den Präferenzen des Autorenteam bzw. der Bereitschaft des Autorenteams, sich bei den Peers unbeliebt zu machen).

    Wenn z.B. Peter von Matt behauptet, Dürrenmatts Werk sei “relevanter” als dasjenige Frischs, dann ist das eine qualifizierte Meinung. Mehr nicht. Denn wir können zwar Verkaufszahlen, Bekanntheitsgrad unter Literaturwissenschaftlern weltweit etc. messen, nicht aber das soziale Konstrukt “Relevanz”. Streng genommen können wir auch nicht beweisen, dass Rosamunde Pilchers Bücher von tieferer Qualität seien als diejenigen von Dürrenmatt.

    Deshalb: Sprechen Sie bitte nicht von “wissenschaftlich erwiesen”, wenn Sie Ihre These vom qualitativen Niedergang der Medien durch das Jahrbuch bestätigt sehen. Ich teile zwar Imhofs und Ihre These vom qualitativen Niedergang, aber sie lässt sich nicht beweisen. Junge Menschen, die sich nicht sonderlich für Politik und Wirtschaft interessieren, schätzen die Entwicklung vielleicht positiv ein. Für sie ist der Testbericht eines Playstation-Games vielleicht subjektiv relevanter als ein Artikel über die Funktionsweise der ALV.

  14. Skeptiker > Wenn sich jemand über eine wissenschaftliche Arbeit äussert, die er gar nicht gelesen hat, ist das für mich nur Blabla. Ziehen Sie sich schön in Ruhe das Jahrbuch rein (und nicht bloss die Zusammenfassung), bevor Sie uns etwas von wegen Relevanz, Methoden und theoretischen Konstrukten vorschwafeln.

  15. Skepdicker:

    @ Kurt Imhof:
    Sie sagen, dass es keine Rolle spielt, ob finnische oder brasilianische Bademeister die Temperatur messen. Da haben Sie recht. Aber: Wie sieht es aus, wenn die Bademeister statt der sehr einfach operationalisierbaren Temperatur stattdessen die Qualität von Badeanstalten ermitteln wollen? Spielt es dann auch keine Rolle, ob die Gruppe der Nudisten, Sprungbrettliebhaber, Schwimmer oder Ruhesucher die Studie erstellt?

    Im Jahrbuch steht z.B.: “Dies hat eine Wirtschaftsberichterstattung gefördert, die in wirtschaftspolitischer Hinsicht grossmehrheitlich einseitig neoklassische bzw. neoliberale Rezepturen hervorhob und vor allem erwartungsträchtige und -enttäuschende singuläre Unternehmen und ihre Exponenten ins Blickfeld rückte.” Auf welcher wissenschaftlichen Basis fusst diese Behauptung? Wie wurde “neoliberal” operationalisert? Würden im Sinne der intersubjektiven Überprüfbarkeit die Professoren des Volkswirtschaftlichen Instituts der Uni Bern zum gleichen Resultat gelangen wie Ihr Jahrbuch?

    Ich will Sie nicht weiter mit methodischer Korinthenkackerei langweilen. Ich behaupte aber: Hätten Volkswirtschaftsprofessoren die gleichen Artikel untersucht, dann hätten diese nicht ein Übermass an Neoklassik gefunden, sondern ein Übermass an Keynesianismus oder gar sozialdemokratischen Gesinnungsjournalismus. Deshalb lernt man durch das Jahrbuch zu einem nicht unwesentlichen Teil die Meinung von Kurt Imhof und seinem Autorenteam kennen – und nur beschränkt wissenschaftlich belegte Fakten.

  16. Skepdicker:

    An Bobby California:
    Diesen Befehl muss ich leider verweigern, Hauptmann California. Dafür fehlt mir leider die Zeit. Ich muss meinen Kopf auf Geheiss meiner Profs mit dem “neoklassischen Paradigma” füllen, welches laut Imhof und seinem Team “das kritische Reflexionspotenzial einer wissenschaftlichen Expertenkultur, die eine moderne Wissensgesellschaft benötigt, entwertete”… ;-)

  17. BC:

    Skeptiker > Es war eine Empfehlung, kein Befehl. Aber wenn Sie sich unbedingt lächerlich machen wollen, indem Sie einer wissenschaftlichen Arbeit, die Sie nicht gelesen haben und auch gar nicht lesen wollen, methodische Mängel nachzuweisen versuchen – nur zu.

  18. Kurt Imhof:

    @Skeptiker. Oh je, das zieht sich. Aber immerhin haben Sie den wesentlichen Unterschied der vergleichenden Methode konzediert. Das führt einen entscheidenden Schritt weiter. Nun aber vermischen sie Operationalisierungsprobleme von Konzepten wie etwa Relevanz mit interpretativen Aussagen. In dem von Ihnen angeführten Beispiel wurde einfach die Wirtschaftsberichterstattung seit den 1960er Jahren (in Stichproben) über die Zeit verglichen. Das Resultat in nuce: Eine stärker volkswirtschaftlich orientierte ökonomische Berichterstattung wurde ab den 1980er Jahren durch eine auf die Performance von Unternehmen und auf dessen CEO fokussierte Berichterstattung abgelöst (Meso- und Mikro-Perspektiven). Gleichzeitig wurden die Perspektiven dieser Berichterstattung auf den sharholder value bzw. auf die Performance von Unternehmen eingeschränkt. Wenn man dabei auch noch auf die Experten rekurriert, die in der Wirtschaftsberichterstattung v.a. seit den 1990er Jahren mit erdrückender Mehrheit Resonanz fanden, und nun diesem Kind bzw. Phänomen einen Namen geben will, dann führt keine Vernunft am Begriff „neoklassisches Paradigma“ vorbei. Wenn man dann auch noch verständlich sein will, dann ist der Rekurs auf den Neoliberalismus zwingend. Was ist daran schrecklich oder politisch inkorrekt oder tendenziös? Die Vertreter dieses Paradigmas haben sich schliesslich selbst so bezeichnet.
    Schliesslich: In bin überzeugt davon, dass gerade Volkswirtschaftler die auffallende Abwesenheit etwa keynesianistischer Perspektiven im Gegensatz zur Wirtschaftsberichterstattung noch in den 1960er und 1970er Jahren sehr wohl bemerkt und hervorgehoben hätten. Gerade vor dem Hintergrund der Keynes-Renaissance seit der Weltwirtschaftskrise. Der systematische Vergleich deckt auf bremst die Beliebigkeit von Analysen.

  19. Fred David:

    Könnten wir mal wieder zur Qualitätsdebatte der Medien zurückkehren?

    Mich hat Kurt Imhofs Satz, den ich teile, doch einigermassen geschockte:

    ” Es geht simpel um das Ueberleben des Journalismus, um Redaktionen, die in der Lage sind, den Nachrichtenfluss in den unabdingbaren General-Interest-Medien zu bewältigen, d.h. fachkundig eine Agenda zu produzieren, Nachrichten einzuordnen und zu recherchieren. Es ist ganz offensichtlich nicht mehr möglich, hier genügend (Werbe-)Einnahmen zu generieren.”

    Das ist eine knallharte Aussage, ein Befund.

    Trifft er zu? Was sagen die Redaktionen der General Interest-Medien dazu? Es geht darum, wie ihr Uberleben künftig finanziert werden soll. Und was spüren die Leser davon? Wie kommt das bei ihnen an?

  20. Skepdicker:

    An BC:
    Ich wiederhole: Dazu brauche ich das Jahrbuch nicht zu lesen. Medienqualität lässt sich kaum bis gar nicht operationalisieren.

    Prof. Heinz Bonfadelli, Abteilungsleiter der Abteilung Medienrealität & Medienwirkung des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung an der Uni Zürich, schreibt zum Monitoring von Medienqualität*: “Was unter ‘Medienleistung’ oder ‘Medienqualität’ verstanden wird, ist oft implizit. Dementsprechend sind die Kriterien vieldeutig, unklar und mehrdimensional. Die angelegten Massstäbe und Beurteilungskriterien sind oft nicht explizit, liegen auf unterschiedlichen Ebenen und widersprechen sich”.

    Deshalb wiederhole ich nochmals für Sie, BC: Prof. Imhof und sein Team mögen ein grossartiges Jahrbuch publiziert haben. Dafür hat er bzw. sein Team Lob verdient: Applaus! Chapeau! Fanfaren! (Keine Ironie!)
    Wie bereits geschrieben teile ich seine subjektive Einschätzung ja sogar. Wissenschaftlich bewiesen ist dadurch aber noch gar nichts. Sogar für ein Genie wie Prof. Imhof ist es unmöglich, “Medienqualität” zu messen. Denn “Medienqualität” ist nicht das, was Soziologen mit einer Aversion gegen die neoklassische Theorie unter “Medienqualität” verstehen.

    * Heinz Bonfadelli: Medieninhaltsforschung: Grundlagen, Methoden, Anwendungen, Seite 111

  21. Skepdicker:

    “Eine stärker volkswirtschaftlich orientierte ökonomische Berichterstattung wurde ab den 1980er Jahren durch eine auf die Performance von Unternehmen und auf dessen CEO fokussierte Berichterstattung abgelöst (Meso- und Mikro-Perspektiven). Gleichzeitig wurden die Perspektiven dieser Berichterstattung auf den sharholder value bzw. auf die Performance von Unternehmen eingeschränkt.”

    Das will ich nicht bestreiten. Und ich bestreite auch nicht, dass sich dieser Trend mit empirischen Methoden nachweisen lässt. Ich bezweifle hingegen die von Ihnen angeblich erwiesene (und implizit als schädlich dargestellte Dominanz der “Neoklassischen Theorie”) in der Wirtschaftsberichterstattung.

    Dass der Keynesianismus seit 1960 bzw. 1970 in den Medien an Bedeutung verloren hat, trifft höchstwahrscheinlich zu. Das liegt – erstens – daran, dass wesentliche Elemente des Keynesianismus in die Neoklassische Theorie aufgenommen wurden (“Neoklassische Synthese”). Die “böse” Neoklassik enthält also eine relativ grosse Portion des “guten” Keynesianismus; jeder VWL-Student wird also im 1. Makro-Semester mit dem IS-LM-Modell bearbeitet. Andere Teile des Keynesianismus, z.B. der Vulgär-Keynesianismus, verloren (wie z.B. auch die Lobotomie oder der Neptunismus) an Bedeutung, weil sie heute – zweitens – als wissenschaftlich widerlegt gelten. Und – drittens – wurde der politische Vulgär-Keynesianismus durch die Stagflationsperdiode der 1970er beerdigt.

    Bedenkt man die geringe Bedeutung des Vulgär-Keynesianismus in der VWL, erhält er meines Erachtens in den Wirtschaftsressorts sogar zu viel Platz. Aber das ist eine Wertung, die in einer Studie über Medienqualität eigentlich nichts zu suchen hätte. Eigentlich…

    Mich würde aber vor allem interessieren, welche Indikatoren aus einem Artikel einen Artikel machen, welcher zum Konstrukt “Neoklassik” gehört. Gewähren Sie Interessierten Einblick in die konkreten Kategorisierungen der Artikel in “neoklassisch”, “emotional” oder “sachgerecht”?

    Als objektiver Forscher werden Sie Falsifikationsversuchen sicherlich offen begegnen… ;-)

  22. Kurt Imhof:

    @Skeptiker. Es ist so etwas schwierig, weil Sie meine Ausführungen nicht aufnehmen. So bezogen sich diejenigen zur Neoklassik oben auf die Typen von Experten mit Quotes in den Medien.
    Und: Von der Lektüre des Buches befreit Sie auch das Zitat des Kollegen Bonfadelli nicht. Seine Aussage bezieht sich zu Recht auf viele Einzelfallstudien und nicht auf einen systematischen Vergleich einer Medienarena mit klar definierten und begründetet Indikatoren.

  23. @Kurt Imhof: Wie stellen Sie sich denn die «Elimination der Gratiskultur auf Holz und Online» vor? Angenommen, die hiesigen Verlage würden übereinkommen, keine tagesaktuellen News mehr gratis anzubieten – wie könnte ein ausländischer Verlag oder eine PR-Agentur davon abgehalten werden, in die Lücke zu springen? Es bräuchte staatliche Eingriffe. Diese könnten nach Bobby Californias Vorschlag versuchen, die Kosten zu verteuern. Ich denke aber nicht, dass das gelingen wird, denn die Abfallentsorgung wird indirekt durch die Zahlung für das Aufstellen der Zeitungsboxen bereits grösstenteils abgegolten, und weitere Strafsteuern haben wirklich einen Zensurcharakter und werden weder demokratisch noch juristisch durchsetzbar sein. Darum sehe ich keinen Ansatz für eine «Elimination der Gratiskultur auf Holz und Online». Wenn Sie einen hätten, würde mich dieser brennend interessieren.

  24. Skepdicker:

    @ Kurt Imhof:
    Mir war klar, dass Sie sich auf Experten mit Quotes in den Medien bezogen. Nur bewerten Sie implizit die Neoklassik bzw. betreiben “soziologischen Imperialismus”, indem Sie bemängeln, dass “einseitig” die Neoklassiker zu Wort kamen (was Sie persönlich von der Neoklassik halten, ist ja kein Geheimnis). Absolut kommen die Neoklassiker wohl auch in der Tat öfter zu Wort. Verglichen mit ihrem Gewicht in Forschung und Lehre – d.h. relativ – sind die Neoklassiker in der Presse aber wohl unter- und nicht übervertreten.
    Sie beklagen sich ja auch nicht, dass den Anhängern der Lobotomie oder SVP in der Presse zu wenig Raum gegeben wird.

    Aber viel mehr würde mich wirklich interessieren, welche Artikel Sie in die Schubladen “Neoklassik” und “emotional” gesteckt haben. Und mit welchen “klar definierten und begründeten Indikatoren” Sie “Neoklassik” und “Emotionalität” gemessen haben.

  25. Marc Böhler:

    @Kurt Imhof: Ihre Analyse des Zustands der klassischen Medien ist leider zutreffend. Ich teile aber die Kritik von Skeptiker an Ihrer Methodik und ich möchte hier noch zwei weitere Fronten öffnen.

    1. Sie übersehen beziehungsweise negieren seit Mitte der neunziger Jahre konsequent die Tatsache, dass durch die neuen interaktiven Online-Medien ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit stattgefunden hat. Ihre eigenen Online-Angebote unter foeg.unizh.ch sind genauso Teil der Öffentlichkeit wie auch Wikipedia oder Online-Angebote von anderen Forschungsinstitutionen, solche von Ämtern, Firmen, NGOs etc. Vor dem Internet-Zeitalter gab es diesen Teil der direkten öffentlichen Kommunikation nicht. Bei den obengenannten Websites findet man durchaus hochgradige Informationen und Hintergründe und es gibt auch in der Blogosphäre genügend Beispiele, die das Attribut «Service Public» verdient haben. Im Bereich der Medienkritik ist dieses Angebot hier unter http://www.medienspiegel.ch zu nennen. Die hochgradige Diskussion, an welcher sich der «Experte» in spe beteiligt, ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass gerade im Online-Bereich neben Angeboten der klassischen Medien (NZZ Online) auch andere Akteure Hochwertiges leisten. Wenn ich Sie richtig verstehe, würden jedoch solche Angebote kaum von der staatlichen Förderung, die Sie postulieren, einen Anteil erhalten?

    2. Bekanntlich führen Regulierungen auf der Angebotsseite meistens nicht dazu, dass die Nachfrage nach den geförderten Angeboten steigt. Daher stimme ich Ihnen zu, dass die Medienkompetenz in der Bildung neben Lesen, Schreiben und Rechnen als vierte Grundkompetenz etabliert werden muss. Zudem ist der Stellenwert der Bildung grundsätzlich höher zu positionieren, als dies zur Zeit in der Schweiz der Fall ist. Dann würden hochgradige Informationen automatisch mehr nachgefragt und somit auch finanzierbar. Die Förderung der Medien würde unnötig. Bei der jetzigen Ausgangslage seitens der Nachfrage würde ein weiterer Topf mit Mediengeldern sich kontraproduktiv auswirken: Die Substitution der klassischen Medien durch andere Institutionen, die sich via Online-Distribution der Inhalte direkt an der Öffentlichkeit beteiligen, würde noch mehr Auftrieb erhalten, weil die Relevanz der klassischen Medien durch beschleunigten Leser- und Nutzerschwund weiter abnehmen würde. Warum wollen Sie Perlen vor die Säue werfen?

    Darf ich mir noch zwei persönliche Fragen erlauben?

    1. Sie wettern gegen den Boulevard und machen dabei selber Boulevard, insbesondere bei Ihren Auftritten in den klassischen audiovisuellen Medien. Wie können Sie es vereinbaren, dass Sie wissenschaftliche Erkenntnisse in einer Art und Weise kommunizieren, wie sonst die Boulevard-Medien ihre «Erkenntnisse» kommunizieren? Die Antwort, man müsse sich anpassen, sonst werde man nicht gehört, ist unreflektiert sowie zynisch und will ich von einem Akademiker nicht hören. Die Wissenschaft hat andere Kanäle, auf denen sie sich Gehör verschafft.

    2. Sie sind der Meinung, die Hoffnung auf die deliberativen Kräfte durch die veränderten Bedingungen dank der Online-Medientechniken seien sinnlos. Zugleich spielen sie selber Akteur mit Hilfe der Techniken der Online-Medien. Sie nutzen die Möglichkeiten der neuen technischen Medienerrungenschaften, um Ihre politische Meinung in die Öffentlichkeit zu drücken, sind dabei aber der Meinung, dass all das Online-Zeugs für Gesellschaft und Demokratie nichts bringt. Warum haben Sie Ihr Jahrbuch gratis und franco auf dem Netz veröffentlicht und nicht einem Verleger oder einer Gruppe von Verlegern exklusiv zur Distribution weitergegeben?

    Ich vermisse Konsistenz und schaffe es nicht, die erste Wahrnehmung von Ihnen abzuschütteln, die ich als Student 1996 erhalten habe: Vor mir steht ein Ideologe.

  26. Fred David:

    @) Marc Böhler: Mir scheint, in der Schweiz müsse ein Professor Parteimitglied von FDP oder SVP sein, um Gehör zu finden. CVP (ausser an der Uni Fribourg) gilt schon als relativ unzuverlässig. Von SP und Grünen gar nicht zu reden.

    Pluralismus stelle ich mir – auch in den Medien – etwas anders vor.

    Ich hab’s halt gern etwas konkret. Imhof weist weiter oben auf das Beispiel des Wirtschaftsjournalismus hin. Er schreibt, volkwirtschaftliche Zusammenhänge würden seit etwa den neunziger Jahren von interessengebundener Unternehmensberichterstattung weitgehend verdrängt. Dies habe weitreichende und unmittelbare Auswirkungen auf basisdemokratische Entscheidungen. Jedenfalls habe ich ihn so verstanden.

    Das sind doch schon mal sehr konkrete Anätze – Methodik hin, Methodik her. Stimmt seine Beobachtung und welche Konsequenzen hat dies?

    Das ist keine linke Position, sondern einfach eine Fragestellung, die einen als Leser schon interessiert, umso mehr, wenn mit dieser Entwicklung die ökonomischen Probleme der Medienhäuser immer stärker zutage treten, d.h ihre völlige Abhängigkei vom stagnierenden Print-Anzeigenmarkt offenbar wird.

    Da würde ich schon gern wissen, was Medienmacher und Konsumenten dazu sagen. Denn dass sie durch diese Entwicklung in ihrer täglichen Arbeit nicht stark beeinflusst würden, ist nicht glaubhaft.

  27. Marc Böhler > «Die hochgradige Diskussion ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass gerade im Online-Bereich auch andere Akteure Hochwertiges leisten»: Auch Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Blogs erreichen nur ein kleines Spezialistenpublikum. Am Beispiel des Ronnie-Grob-Blogs konnte ich nachweisen, dass sich Ronnies Leserschaft vor allem aus Leuten zusammen setzt, die selber bloggen. Eine gute Tageszeitung hat hingegen eine Auflage von 100’000 und mehr. Das Thema des Jahrbuchs ist die Information der Massen zu politischen Themen, nicht das Vergnügen einiger Freaks am Feierabend.

    Die Forderung, dass ein Wissenschaftler nicht am Fernsehen auftreten soll, mutet auch ziemlich seltsam an. Für mich ist klar: Wissenschaftler sollten mehr an die Öffentlichkeit treten, nicht weniger oft. Texte in Fachzeitschriften, die in Bibliotheken verstauben, nützen niemandem etwas.

    Die Internetseite von Kurt Imhofs Forschungsbereich ist sicher kein Ersatz und auch keine Konkurrenz für Tageszeitungen. Auch hier vermischt Marc Böhler Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Die Aufgabe einer Tageszeitung ist nicht, Studien abzudrucken, sondern den Kontext zu zeigen, mit verschiedenen Akteuren zu sprechen, die Studie einzuordnen und zu kommentieren usw.

    Warum muss man Leuten wie Marc Böhler, die sich im Kommentarfeld eines Medienblogs zu Wort melden, solche elementaren medienkundlichen Dinge noch erklären?

  28. Fred David > Ein Professor, der in der FDP ist, ist für Leute wie Marc Böhler vermutlich auch schon verdächtig – siehe Georg Kreis ;-)

  29. Fred David:

    Um es noch ein wenig konkreter zu machen, was den ökonomischen Druck betrifft, dem Medienhäuser und damit deren Redaktionen ausgesetzt sind: Ich hab die Anzeigen-Seiten der heutigen NZZ-Ausgabe mal durchhgezählt. Es sind 4 (vier!) von insgesamt 49. Dafür jede Menge unbezahlter Eigeninserate.

    Natürlich spielt da die übliche Sommermagersucht bei der Anzeigenbelegung eine Rolle. Aber wir haben jetzt Mitte August. Seit Wochen wird die wichtige Doppelseite “Meinung & Debatte” – die Visitenkarte eines, nach eigener Einschätzung (und auch meiner), “Weltblattes” – auf die karge Hälfte reduziert.

    Mich beunruhigt das. Und die NZZ ist ja nur ein Beispiel von vielen.

    Welche Konsequenzen hat das? Und da sind wir wieder bei Imhofs Studie.

  30. @Skeptiker; @Böhler Dieser seltsame Habitus, Positionen zu teilen, aber den Überbringer der Botschaft hinsichtlich seiner persönlichen Einstellungen zu hinterfragen, bringt nichts. Mich freut die Zustimmung zu den Befunden. Noch mehr würde ich mich freuen, wenn das Orientierungswissen, das ich mit vielen Forscherinnen und Forschern zusammen produziert habe, inhaltlich und nicht personalisiert diskutiert würde. Ausser mit Bezug auf das Erkenntnisinteresse der Qualität der Medien in der Demokratie spielen meine politischen Positionen als Staatsbürger und diejenigen meiner Mitforschenden keine Rolle hinsichtlich der Resultate. Wer Staatsbürger- und Berufsrollen selbst nicht trennen kann, weil er Argumente gegen Argumente mit Argumenten gegen Personen vertauscht, ist kein guter Diskutant und bringt die Debatte nicht weiter.

    @Skeptiker: Bezüglich Methodik verweise ich auf das Buch; hier wird gezeigt, wie die Qualitätsindikatoren (Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität), operationalisiert wurden und wie in den Vertiefungsstudien gemessen wurde. Ausserdem findet sich daselbst weiterführende Literatur. Zuerst wird gelesen, dann diskutiert und ich freue mich auf die Verifikation durch seriöse Falsifikationsversuche.

    @Böhler: Ich bitte um Präzision. Das Argument, ich würde die Potentiale des Netzes negieren (offenbar etwas ganz Schreckliches), stimmt nicht. Zurück auf das bereits genannte Argument: Gesellschaften brauchen General-Interest-Medien, egal in welcher Vermittlungsform, weil Demokratie Koorientierung auf gemeinsam zu lösende Probleme voraussetzt. Die Auswahl dieser Probleme findet im öffentlichen Raum statt, Definitionsmacht verwandelt sich im Parlament in politische Macht und hinten raus steuert das politische System in der Sprache des Rechts und mittels administrativer Macht. Damit solche Entscheidungsfindungsprozesse funktionieren, braucht es einen Journalismus, der die Bürgerinnen und Bürger erreicht. Ohne diesen Journalismus können keine Meinungsbildungsprozesse auf der Aggregatsebene von Gesellschaften stattfinden. Das negiert in keiner Art die Potenziale weitverzweigter Netzwerkmedien, es zeigt nur, dass wir moderne Demokratien nicht auf themenzentrierte Blogs umstellen können.
    Ihr zweiter Einwand insinuiert ich hätte eine Position, die dem Strukturerhalt diene qua Förderung der Presse (Perlen vor die Säue). Nun, Zeitungen sind keine Säue, solche Aussagen sind einfach falsch. Wichtiger aber: eine solche Position habe ich nicht, warum unterstellen Sie sie mir? Es geht nicht um Presseförderung, sondern um die Förderung des Informationsjournalismus.
    Schliesslich: Die Boulevardbehauptung ist nicht belegt, abgesehen davon scheinen Sie ein eunuchisches Verständnis von Sozialwissenschaftlern zu haben. Gleichzeitig bestehen sie wohl sicher auch auf deren Nutzen für die Steuerzahler. Zur Gratisfrage: Lesen sie die Beiträge, dann finden sie die Antwort. Nützen Sie die Potenziale des Netzes für eine rationale Debatte.

  31. Kurt Imhof:

    @David. Zur Elimination der Gratiskultur auf Holz und Online. Delikate Frage. Aber um alle Missverständnisse auszuschliessen: ES GEHT NUR UM GENERAL-INTEREST-MEDIEN. Ich würde in einer medienpolitischen Debatte umgekehrt vorschlagen über Anreizstrukturen zu wirken. Konkret würde dies bedeuten, dass Verlage, die eine Selbstkannibalisierung ihrer qualitätsorientierten Bezahlmedien über qualitätsschwache Gratismedien betreiben, weder zivilgesellschaftliche noch öffentliche Förderungsmittel für Informationsjournalismus erhalten.

  32. @Kurt Imhof: Danke für die Antwort. Jedoch überzeugt sie mich nicht. Vielleicht könnte man dadurch die grossen Medienhäuser von der «Selbstkannibalisierung» abhalten, aber es werden andere in die Lücke springen.
    Ihre Unterscheidung in General-Interest- und Special-Interest-Medien scheint mir im Online-Bereich auch nicht schlüssig zu sein. Im persönlichen Feedreader oder bei Google News werden Special-Interest-Medien aus -zig oder hunderten Quellen zusammengeführt zu General-Interest-Medien mit individuellen Schwerpunkten. Und umgekehrt kann man auf General-Interest-Seiten einzelne Ressorts abonnieren und hat damit ein Special-Interest-Medium. Die Grenzen verfliessen.

    Noch eine andere Frage: Haben Sie sich auch mit Alternativen zu Paywalls beschäftigt? Gerade flattr.com würde einige Aufmerksamkeit verdienen. Die TAZ macht damit erstaunlich gute Erfahrungen.

  33. Skepdicker:

    @ Kurt Imhof:
    Okay, werde das Buch kaufen und kritisch lesen.

    “Wer Staatsbürger- und Berufsrollen selbst nicht trennen kann weil er Argumente gegen Argumente mit Argumenten gegen Personen vertauscht ist kein guter Diskutant und bringt die Debatte nicht weiter.”

    Nun wedeln Sie aber mit einem Strohmann-Argument, Herr Imhof. Niemand hat ad personam im bösen Sinne gespielt. Höchstens Soft-Formen von “Bias Ad Hominem” oder “Circumstantial Ad Hominem” wurden bemüht. Bei einem meinungsstarken Medien-Star wie Ihnen, der gelegentlich die Methoden der Skandalisierung bzw. Empörungsbewirtschaftung auch für seine Zwecke usurpiert, ist das meines Erachtens nicht ganz illegitim. Es dient ja nicht der Fertigmacherei des Staatsbürgers Imhof, sondern der Falsifizierung der Kernaussagen von Professor Imhof.

    Generell bin ich aber der Meinung, dass mehr wissenschaftliche Objektivität geschaffen wird, wenn der Forscher seine persönliche Haltung transparent macht. Eine professionelle Trennung zwischen Forschung und politisch-philosophisch-religiöser Privatmeinung halte ich für unmöglich – vor allem in den Sozialwissenschaften. Wenn das “Messgerät” Kurt Imhof falsch kalibriert ist, dann ist auch das Messergebnis zu bezweifeln. Da in den Sozialwissenschaften die Messgeräte oftmals Menschen sind, ist eine Kalibrierung unmöglich. Ebenso unmöglich sind Doppelblindstudien, die ja nicht von ungefähr durchgeführt werden. Deshalb ist es für einen Rezipienten wichtig, wo sich der Sozialforscher im Koordinatensystem befindet, der behauptet, Punkt X befinde sich “unten links”.

    Danke, dass Sie sich überhaupt Zeit für mich genommen haben. Ich will Ihr sicherlich knappes Zeitbudget nicht weiter belasten. Bitte brechen Sie auch weiterhin ab un zu aus dem Elfenbeinturm aus.

  34. ras.:

    Ein paar Fränkli, äh, Euro, verdient die Taz mit Flattr. Das ergibt nur Hungerlöhne für Medienarbeiter.

  35. Marc Böhler:

    @ Bobby California: «Die Aufgabe einer Tageszeitung ist nicht, [...]»

    Niemand weiss heute genau, wer welche Aufgaben in der «Moderne 2.0» zu übernehmen hat. Dank der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und den darin sichtbaren Elementen von Zivilgesellschaft sehe ich durchaus das eine oder andere funktionale Äquivalent zu den klassischen Medien. In Zeiten eines technologischen Stilwandels, wie wir ihn durch die Digitalisierung erleben, sollte man vorsichtig sein mit voreiligen Aufgabenverteilungen. Insbesondere dann, wenn dabei staatliches Social Engineering, Medienökologie und Interventionismus eingesetzt werden soll. Im Gegensatz zu Kurt Imhof bin ich optimistisch. Ich erkenne keine Krise des Journalismus. Ich erkenne lediglich eine Krise der klassischen Medienkonzerne.

    Und ja, Wissenschafter sollen im Fernsehen auftreten. Je häufiger, desto besser. Es geht mir nicht um die Mediengattung zur Verbreitung von Inhalten. Es geht mir lediglich um den Stil.

    @ Kurt Imhof: «Mit Perlen vor die Säue werfen» – Pardon my French – meinte ich etwas anderes. Ich meinte, dass ihre Vorschläge für mehr Interventionismus und mehr Staatsfinanzen für die Medien bedeuten würde, dass die klassischen Medienunternehmen in der Schweiz zum Schaffen von noch mehr Perlen aufgefordert werden, obschon die entsprechende Nachfrage dafür nicht existiert. Es existiert eine Nachfrage und es werden auch Perlen geschaffen. Damit es sich lohnt, noch mehr Qualität der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, muss zuerst die Nachfrage gesteigert werden. Vielleicht könnte man dies Medien-Keynesianismus nennen? Der Hebel müsste bei den Konsumenten angesetzt werden, nicht bei den Produzenten. Deswegen sollte in der öffentlichen Auseinandersetzung die Bedeutung des Bildungssystems stärker gewichtet werden und nicht die Bedeutung der Krise der klassischen Medienunternehmen.

    Der erste Satz auf Ihrer Website des Jahrbuchs «Qualität der Medien» lautet: «Das Medienwesen bildet den wichtigsten ‘Service Public’ der modernen Gesellschaft.» Für den Medienwissenschaftler stimmt es angeblich so. Für den Soziologen müsste es heissen «Das Medienwesen bildet einen der wichtigsten ‘Service Public’ der modernen Gesellschaft».

    Im übrigen schliesse ich mich Skepdicker an: Danke dass Sie sich Zeit für diese Diskussion nehmen. Bitte brechen Sie auch weiterhin ab un zu aus dem Elfenbeinturm aus und nehmen Sie einige Kollegen anderer Fachrichtungen mit, um den Experten-Meinungen in der Schweiz mehr Gewicht zu verleihen…

  36. @ras.: 1420 Euro im Juli, während flattr noch In der geschlossenen Beta-Phase war. Da ist noch sehr viel Potenzial nach oben vorhanden, insbesondere, wenn die grossen Verlage aufspringen und den Dienst promoten würden.

  37. Marc Böhler:

    PS: @ Kurt Imhof: Ich bereue die Verwendung des Begriffs «Elfenbeinturm» in meinem Post von 17 Uhr 51… Ich merkte erst jetzt, dass ich damit in die Mottenkiste des populistischen Sprachgebrauchs gegriffen habe, was ich ihnen ja selbst vorwerfe. Ich kann diesbezüglich übrigens keine Inhaltsanalyse liefern. Ich erinnere mich lediglich an zum Beispiel folgenden Spruch, den ich mehrmals in Vorlesungen hören durfte: «Wann sinkt der Gladiator in den Sand?» Braucht es wirklich solche Metaphern, um die Personalisierung und Skandalisierung in den Medien zu verbildlichen?

  38. Weil sich die Debatte hier abspielt, möchte ich noch einen Kommentar teilweise duplizieren, den ich als Antwort für Bobby California bei mir im Blog verfasst habe. Dabei stimme ich mit den Voten von Marc Böhler weitgehend überein.

    Ganz grundsätzlich empfehle ich in diesem Zusammenhang – falls noch nicht geschehen – die Lektüre eines vielbeachteten Textes von Clay Shirky, einem amerikanischen Professor für Neue Medien. Ein paar Zitate daraus:

    “With the old economics destroyed, organizational forms perfected for industrial production have to be replaced with structures optimized for digital data. It makes increasingly less sense even to talk about a publishing industry, because the core problem publishing solves — the incredible difficulty, complexity, and expense of making something available to the public — has stopped being a problem.”

    oder

    “Print media does much of society’s heavy journalistic lifting, from flooding the zone — covering every angle of a huge story — to the daily grind of attending the City Council meeting, just in case. This coverage creates benefits even for people who aren’t newspaper readers, because the work of print journalists is used by everyone from politicians to district attorneys to talk radio hosts to bloggers. The newspaper people often note that newspapers benefit society as a whole. This is true, but irrelevant to the problem at hand; “You’re gonna miss us when we’re gone!” has never been much of a business model. So who covers all that news if some significant fraction of the currently employed newspaper people lose their jobs?”

    oder

    “Society doesn’t need newspapers. What we need is journalism. For a century, the imperatives to strengthen journalism and to strengthen newspapers have been so tightly wound as to be indistinguishable. That’s been a fine accident to have, but when that accident stops, as it is stopping before our eyes, we’re going to need lots of other ways to strengthen journalism instead.”

    Den ganzen Text gibt es hier, gratis und franko:
    http://www.shirky.com/weblog/2009/03/newspapers-and-thinking-the-unthinkable/

    Zusammengefasst: Vor unseren Augen spielt sich eine Revolution ab, ihre Folgen sind nicht absehbar, deshalb sind neue Modelle gefragt, anstatt Altes um jeden Preis bewahren zu wollen. Wenn man aber sagt, dass die traditionelle, gute, alte Qualitätspresse von frei verfügbaren, „schlechten“ Informationsangeboten (noch einmal: meiner Meinung nach sind gedruckte Gratiszeitungen ein Übergangsphänomen) bedroht wird und damit die Demokratie an sich in Gefahr ist, dann ist das nicht zuletzt auch eine Forderung an die Poltik, etwas zu unternehmen. Schliesslich geht es ihr an den Kragen, steht da implizit. Und das ist der grundlegende Punkt, um den es mir geht: Wer sagt, dass in dieser neuen Kommunikationswelt nur die Qualitätspresse als legitime Hüterin der Demokratie auftreten kann? Wäre es nicht vielleicht besser und der Demokratie dienlicher, daneben auch neue Formen der gesellschaftlichen Kommunikation und Konsensfindung zu suchen? Wieso keine Forderung nach Experimenten?

  39. Marc Böhler > «Ich erkenne keine Krise des Journalismus. Ich erkenne lediglich eine Krise der klassischen Medienkonzerne»: Jä so. Das Dumme ist nur, dass seriöser Journalismus heute fast ausschliesslich in den Produkten der «klassischen Medienkonzerne» stattfindet. Wer soll in die Bresche springen, wenn die Zeitungen abserbeln? Vielleicht der Journalistenschredder? Oder 20min Online? Träumen Sie weiter von Ihrer schönen neuen Online-Welt. Ihr internet-religiöser Newspeak mutet ungefähr so an, wie wenn arabische Geistliche den Jungs zwei Dutzend Jungfrauen im Paradies versprechen. Ihre Vorstellungen davon, wie sich seriöser Journalismus in Zukunft finanzieren lässt, sind viel zu vage, als dass es sich lohnen würde, darüber zu diskutieren.

    David > «Im Feedreader werden Special-Interest-Medien aus hunderten Quellen zusammengeführt zu General-Interest-Medien»: Na dann wünsche ich viel Spass beim sich-Durchpflügen durch die Informations-Sintflut. Mir würde so ein Menü nur Bauchweh, Kopfweh, Hirnkrebs und Hämorrhoiden verursachen. Das ist so, wie wenn der Koch aus der Küche stapfen würde und vor dem Gast den Inhalt von hundert verschiedenen Konservenbüchsen auf dem Tisch ausleeren würde, mit der Bemerkung: Stell dir dein Menü selbst zusammen, ich geh jetzt nach hause, weil mein Chef mir den Lohn nicht mehr zahlen kann. En Guete!

  40. @Bobby California: Es ist wie wenn man durch einen grossen Markt mit üppig gefüllten Marktständen voller Köstlichkeiten schlendert. Die Abo-Zeitung ist dagegen das währschafte Tagesmenü im Restaurant. Ich will beides nicht missen. En Guete.

  41. David > Die Markt-Metapher passt auch gut: Wer will denn schon nur rohes Zeug essen und sich mit der Aufgabe herumplagen, aus der Überfülle das Passende auszusuchen? Zuerst müsste jemand in die Küche stehen, bevor das Grünzeug vom David’schen Markt geniessbar wird.

    Der Feedreader ist vielleicht etwas für arbeitslose Nerds, die nichts zu tun haben, ausser den ganzen Tag lang im Internet zu surfen. Aber Normalbürger kann man so nicht mit Informationen versorgen.

    Abgesehen davon: Hundert Special-Interest-Seiten zusammen ergeben eine Sintflut von nerdigen, neurotischen Aussenseiter-Themen – auf diese Weise kann man kein ausgewogenes General-Interest-Menü komponieren. Ugugu + Bugsierer + Medienspiegel + Bobby-California-Blog: Das ist bestenfalls amüsant, aber wenn Sie sich das reinziehen, sind Sie noch nicht informiert über die bevorstehende Bundesratswahl, über die Lage in Pakistan, über die Europa-Debatte und x-weitere wichtige, aktuelle Themen. Fazit: Den Feedreader können Sie kübeln.

    So. Jetzt bin ichs leid, mich immer im Alleingang mit den Internet-Heinis zu prügeln. Ich komme mir vor wie Odysseus, der gegen die Hydra kämpft. Vielleicht liest ja auch noch der eine oder andere Journalist mit, der mich mal ablösen kann. Ich klink mich aus und mach Pause.

  42. Fred David:

    @) Thoma Nagy: Ihr post und die quotes find ich durchaus interessant. Allerdings wabbern Sie im Schlusssatz in phantastischen Sphären:”…neue Formen der gesellschaftlichen Kommunikation und Konsensfindung…”.

    Pfeifendeckel! Das Medienbusiness ist ein Milliardenbusiness. Da wird knallhart um Marktanteile gefightet, auch in der Schweiz. Das ist nun mal so. Diesen Mechanismus kann man nicht unterlaufen. Man muss ihn vielmehr nutzen. Aber das sagt sich leicht.

    Wenn hier im Blog erwähnt wird, die TAZ verdiene mit flattr.com 1450 Euro brutto im Monat, dann sind das, auch wenn’s mehr werden sollte, nur lousy pennys, selbst im Budget der TAZ. Lousy pennys! Das ist nun mal die doofe Realität, mit der man umgehen muss.

    Es geht, einmal mehr, NICHT um Print gegen Internet oder gratis! gegen bezahl! oder Imhof gegen alle.

    Es geht um die Qualität des Journalismus (digital, print whatever) in General interest- Medien und wie er noch finanziert werden kann.

    Mehr Fragen will, so wie ich es verstehe, die Studie nicht klären. Aber weniger auch nicht. Das ist für sich schon ein Riesenbrocken.

    Praktisches Beispiel aus dem Leben: Der “Tagi” bringt heute Dienstag eine Story über eine erfundene Medien-Geschichte:”Die eingebildete Austronautin”. Lesenswert.

    Eine 25jährige Lehrerin aus dem schönen Toggenburg narrte monatelang Schweizer Medien mit erfundenen Geschichten als “NASA-Mitarbeiterin” und mögliche Anwärterin fürs Trainigsprogramm der US-Astronauten, kurz: “Unsere Frau bei der NASA” (Blick).

    Alles zusammenphantasiert. Sie war Fremdenführerin in Housten, fernab der NASA. Die Geschichte ist weniger peinlich für die “Autronauten-Anwäterin” als vielmehr für die Heerscharen von Journalisten, die ihr auf den Leim krochen, der noch nicht mal besonders raffiniert angerührt war.

    Sie brachte es auf 60 Printartikel, grosse Aahh & Ohhhh!-Stories in Blick und Schweizer Illustrierte (samt Fotos im Astronautenlook), Titel-Story bei der Coop-Zeitung, junges , geniales Talkwunder bei Aeschbacher usw. usw.

    Jeder schrieb dem andern nach und ab, keiner checkte richtig die Grundfakten, bis der “Tagi” sich mit reichlich Verspätung endlich die Mühe nahm, aber dann auch sauber recherchiert.

    Man hat als Leser von solchem Schrott einfach genug, gratis oder bezahlt, digital oder print. Ich habe selber auch schon Boulevard gemacht und schäme mich dafür keinesweg, da ich weiss, wie schwer guter Boulevard ist.

    Aber Schrott bleibt Schrott , und der multipliziert sich. Es ist unerträglich! MAN WILL IHN NICHT MEHR!

    Der Journalismus schadet seiner Glaubwürdigkeit mit solchem Schrott in einem unglaublichen Mass, auch wenn dieser Fall für sich genommen irrelevant sein mag.

    Glaubwürdigkeit kann man nicht einfach zurückholen, dann , wenn es unbedingt notwendig wäre und die Zusammenhänge nicht mehr so harmlos sind.

    Es hat mit den Menschen zu tun, die Journalismus machen (kein Beruf für Kinder, Studium allein genügt auch nicht, er setzt zwingend einige Lebenserfahrung ausserhalb von Newsrooms voraus) , und es hat mit den beschriebenen Marktmechanismen zu tun.

    Dem muss man sich stellen, und zwar energisch.

    Vielleicht kann Professor Imhof seiner Studie (sofern noch nicht vorhanden) im Anhang eine Schrottsammlung beifügen: Fälle der beschriebenen Art, von ihren Anfängen bis zur Aufdeckung, mit allen lächerlichen Beispielen.

    Es würde den Lesewert weiter erhöhen und jeder würde sofort begreifen, dass es hier nicht um eine akadenmische Auseinandersetzung geht, sondern um unser aller Alltag.

  43. @Fred David: Wobei noch hinzuzufügen ist, dass das, was der Tagi jetzt im Sommerloch herausgefunden hat, mehr oder weniger bereits im Januar im Blog nebenan stand: http://infam.antville.org/stories/1968051/

  44. @Bobby Im Namen aller Heinis: endlich, danke, und bitte – eine gaaaaanz lange Pause! Geh, kämpfe mit deiner Hydra, aber lass das Geblubber. Möge sich nun die ernsthafte Diskussion fortsetzen.

  45. Jenny > Die ernsthaftesten Beiträge dieser Diskussion stammen zweifellos von Jenny V.

    David > Wow. Danke für den Link. Das habe ich seinerzeit verpasst. Wenn Blogs mehr solche Sachen bringen würden, sähe ich mich amänd gezwungen, mein Urteil über die Schweizer Bloggerszene zu revidieren. Andererseits: Bei P. Tschudin handelt es sich um einen gewieften Journalisten, nicht um einen Hobby-Blogger.

  46. @Bobby California: Bitteschön. Ich leite den Dank zur Hälfte an Hobby-Blogger Ugugu weiter, denn dieser führte mich dahin. ;-)

  47. Fred David:

    @) David: Naja, ein wenig professionelle Nachrecherche brauchte der Fall denn schon noch. Aber immerhin ein Beispiel, wie sich Blogs und Print durchaus ergänzen können. Kein Entweder / Oder.

  48. Ich habe noch eine sehr grundsätzliche Kritik am Jahrbuch:

    Eine Grundannahme, die sich durch das gesamte Buch zieht und anscheinend überhaupt nicht in Frage gestellt wird, ist jene, dass Berichterstattung über ein bestimmtes Thema immer auf Kosten der Berichterstattung über die anderen Themen geschieht. Es würde also z.B. über Carl Hirschmanns Lebenswandel berichtet STATT über die politische Situation in Afghanistan. Deshalb wird auch immer mit relativen Zahlen, also mit Anteilen an der gesamten Berichterstattung, gearbeitet.

    Ich bezweifle stark, ob dies eine korrekte Grundannahme ist. Wenn nun eine Zeitung oder eine Newssite die Softnews in ein eigenes Medium auslagern würde, dann würden sich ihre Kennzahlen in der Studie schlagartig verbessern. Herr Imhof wäre happy, denn endlich würde sich die Zeitung oder die Newssite zu 80 % den relevanteren Themen widmen. Aber: Ob die entsprechenden Artikel dann mehr gelesen werden, ist äusserst fraglich. Softnews-Interessierte werden dann vielleicht nur das Medium mit der ausgelagerten Berichterstattung lesen, und die Newssite mit den Hardnews würde insgesamt viel weniger Beachtung finden.

    Da bei Newssites keine Druckkosten anfallen und unendlich Platz vorhanden ist, tendieren sie dazu, eine grosse Menge Special-Interest-Themen auch noch anzubieten. Stört ja niemanden. Im Jahrbuch wird das aber negativ bewertet.

    Entscheidend wären absolute Zahlen: Wie viele Leute pro Tag lesen einen Artikel in welcher Qualität, und wie entwickelt sich diese absolute Zahl. Ob die Leute zusätzlich zur Analyse zur Lage in Afghanistan auch noch etwas über Hirschmann lesen oder ob sie stattdessen ein Sudoku lösen oder die Zeitung ganz weglegen, spielt ja eigentlich keine Rolle.

    Es ist natürlich denkbar, dass die Leute die Anghanistan-Analyse nicht lesen, weil sie an der Hirschmann-Story schon genug zu lesen haben. Aber ich finde das eine gewagte These, die man überprüfen müsste. Ich denke eher, dass Leute, die Softnews lesen, dies nicht auf Kosten von Hardnews tun, sondern auf Kosten von anderen Tätigkeiten.

  49. Also die Website von Infamy bringt auch sonst -abgesehen von der NASA-Frau – interessante Neuigkeiten.
    Und wenn Leute sich 20min-Klatsch reinziehen, sind sie nicht dümmer als andere, die das nicht tun. Mal ehrlich: Wer interessiert sich für die zweite Teillesung des kantonalen Abfall-Richtplans, ausser die Politiker, die darin zitiert werden? Und den Lesern einfach so die Medienkompetenz abzusprechen, finde ich dann doch etwas voreilig.
    Aber mal ganz was anderes: Gibt es eigentlich – ausser Tamedia – noch ein anderes börsenkotiertes Unternehmen, das einen wichtigen Teil seiner Produkte verschenkt? Und: Ist Tamedia deshalb eine Wohltäterin oder einfach nur verzweifelt?

  50. Fred David:

    @) David: Es spricht nichts gegen “Softnews”. Was hingegen auffällt, ist dieser entsetzliche Follow-Journalismus, der die Gewichte verschiebt.

    Beispiel: Zehn Tage lang wurde ich in allen Spalten und auf allen Kanälen mit dem schlimmen Bootsunfall im Bielersee tracktiert. Und dann, wie abgeschnitten, kein Wort mehr. Nirgendwo. Was ist daraus geworden? Aehnliches bei der Aktion “Free Kachelmann!” usw. usw. usw.

    @) faulmurf (übrigens ein witziges Pesudonym): Ich schätze, es ist – nachvollziehbare – Ratlosigkeit.

  51. Kurt Imhof:

    @David Interessanter Versuch. Nun, wer einen Vergleich macht kann nicht anders als relative Zahlen zu verwenden. Es geht also, um ein einfaches Beispiel zu nehmen, um den Vergleich der Anteile gezeichneter Beiträge versus nicht-gezeichneter Beiträge (70% auf Gratis-Online!). Das sind harte Aussagen oder in der Journalistensprache Hardnews.

    Wenn also ein Medium, um in den Termini zu bleiben alle Softnews auslagern würde, dann wäre natürlich der Anteil der Hardnews in diesem Medium wesentlich höher. Da hat @David recht. Nur, das macht kein Medium.

    Nun aber bezieht @David die Frage der Zusammensetzung der Medieninhalte auf den Medienkonsum und meint, dass das Publikum einfach den Softnews nachrennen würde. Weil jedoch Angebot und Nachfrage immer dialektisch aufeinander bezogen sind, das eine also das andere beeinflusst, lässt sich das so nicht sagen. Entsprechend haben wir unterschiedliche Konsumformen bei Altersgruppen. Je stärker im Medium des Gratisjournalismus sozialisiert, desto stärker die Affinität zu Gratisjournalismus und umgekehrt.

    Schliesslich: Selbstverständlich nehmen sich Kommunikationsereignisse – wie wir sie nennen – wechselseitig Platz und Aufmerksamkeit weg. Die Öffentlichkeit der Informationsmedien ist endlich. Wenn Merz eine Woche später, also am Freitag, dem 13., seinen Rücktritt verkündet hätte (was er offensichtlich nicht wollte), wäre die Präsentation des Jahrbuches in einem schwarzen Loch verschwunden.

  52. @Fred David: Sie haben recht, beim Durchlesen meines Kommentars muss ich mich bei einigen Formulierungen tatsächlich der schwammigen Fantasterei schuldig bekennen. Ich bin nun einmal ein Optimist und mein Enthusiasmus brennt da manchmal mit mir durch. Ob zu Recht oder nicht, wird sich wohl in den nächsten Jahren zeigen.

    Grundsätzlich bedaure ich einfach, dass die Kernpunkte der Studie (beobachteter Qualitätsverlust der Medien) mit solch klaren Rollen- und Schuldzuweisungen kommuniziert wurden, dabei m.E. aber vernachlässigt wurde, über den Tellerrand zu blicken und die Ergebnisse in den grösseren Zusammenhang des durch Internet ausgelösten Wandels der gesellschaftlichen Kommunikation zu stellen. Womöglich wäre das aber schon wieder zu weit gegangen und hätte mangels klar aufgreifbarer Talking Points zu weniger medialem Interesse geführt.

    @David: Sehr richtig, was Sie da schreiben.

  53. @Kurt Imhof: Einverstanden, die Aufmerksamkeit hat eine Grenze. Aber ob mehr Leute sich mehr mit Hardnews beschäftigen, wenn deren Anteil an der Berichterstattung höher ist, und ob eine Softnews-Berichterstattung auf Kosten der Hardnews-Berichterstattung betrieben wird, ist für mich völlig unklar, und darauf gibt es im Jahrbuch leider keine Antwort, obwohl das Ganze Jahrbuch anscheinend von dieser Grundthese ausgeht.

    Es ist für mich durchaus denkbar, dass Softnews so quasi als “Einstiegsdroge” für Hardnews dienen könnten. (Ich jedenfalls begann meine Zeitungslesekarriere als Schüler auch mit der Kehrseite. Irgendwann wurde diese dann uninteressant und ich begann die Zeitung von vorne zu lesen.) Und es ist für mich ebenfalls denkbar, dass mit Softnews-Berichterstattung die Hardnews-Berichterstattung quersubventioniert werden kann und letztere also von ersterer profitiert.

    Ich hätte dazu gerne belastbare Zahlen. Sonst sind das alles unbelegte Thesen, und jeder kann glauben was er will.

  54. David > «Softnews-Berichterstattung auf Kosten der Hardnews-Berichterstattung»: Of course ist das so. Wenn zum Beispiel auf der Kulturseite des Tages-Anzeiger sich Leute wie Simone Meier oder Bettina Weber seitenweise über Klatsch und Belanglosigkeiten auslassen dürfen. Es ist eine Platzfrage: Je mehr Raum die Soft-Berichte einnehmen, umso weniger Raum steht für die Hardnews zur Verfügung. Schauen Sie mal das Impressum an: Das Kulturressort des Tages-Anzeiger verfügt kaum noch über Leute, die in einer bestimmten Kultursparte sattelfest sind.

    Ob Hardnews davon profitieren, dass Softnews die Leute anziehen, kann man nie genau messen. Dann müsste man ja von einem Titel zwei verschiedene Versionen produzieren lassen und das Aufmerksamkeitslevel bei einer Kontrollgruppe messen. Es kann auch der umgekehrte Effekt eintreten: die Leute werden an Softnews gewöhnt und finden dann plötzlich die «harten» Berichte langweilig. Auch dieser Effekt lässt sich kaum messen. Es ist auch nicht nötig.

    Also David: Gesunden Menschenverstand einschalten, weniger pseudo-kritische Fragen stellen.

  55. @Fred David: Ja, da sprechen Sie wichtige Qualitätsmerkmale an. Ich habe das Jahrbuch nicht komplett gelesen, aber soweit ich gesehen habe, wird auf diese Probleme auch nicht eingegangen:

    Zitat: “Professionalität ist eine der vier in dieser Studie zentral untersuchten Qualitätsdimensionen und wird über vier Indikatoren erfasst: Bedeutung eines sachlich-argumentativen (kognitiv-normativen) gegenüber einem emotionalisierenden (moralisch-emotionalen) Berichterstattungsstil; Quellentransparenz und Eigenleistungsanteile (Verhältnis redaktionelle Beiträge vs. Agenturbeiträge) sowie Verhältnis zwischen tatsachen- und meinungsbezogenen Darstellungsformaten.”

    Eigenleistung wird nur als Verhältnis zwischen Agentur- und eigenen Beiträgen gemessen. Aber ob die eigenen Beiträge etwas inhaltlich Neues liefern oder nur wiederkäuen, wird nicht untersucht. Und auch nicht, ob Themen über die Zeit hinweg vollständig dargestellt werden.

    Ich sehe ein, das ist auch sehr schwer zu messen. Aber man sollte nicht glauben, die Studie zeige die ganze Wahrheit. Würde man anders messen, würden vielleicht ganz andere Wahrheiten resultieren.

  56. @Bobby: Bei Printprodukten ist es zum Teil eine Platzfrage, ja. Aber auch dort ist der Platz keine unveränderliche Grösse. Online ist die Platzfrage inexistent, trotzdem analysiert die Studie bloss die Anteile.

    Warum ist es nicht nötig zu wissen, wie sich das auswirkt auf die absoluten Leserzahlen? Was ist denn das Ziel der Übung: Möglichst hochwertige Produkte zu haben, oder möglichst viele Leser mit möglichst gutem Journalismus zu erreichen?

    Und wenn du Sätze wie den letzten weglassen würdest, wärst du ein wenig glaubwürdiger, wenn du dann wieder über die überheblichen, besserwisserischen Blogger herziehst.

  57. David > «Auch bei Printmedien ist der Platz keine unveränderliche Grösse»: Wenn du so argumentierst, zeigt das, dass du nicht besonders viel über die Bedingungen der Produktion von Printmedien weisst. Zur Information: Der verfügbare Platz ist abhängig von den Einnahmen und von den geschalteten Inseraten. Beides sind Grössen, die ein Medienunternehmen nicht nach Belieben ändern kann.

    «Online ist die Platzfrage inexistent»: Auch hier ist deine Argumentation getrieben von fanatischer Ideologie, und deshalb negierst du bewusst ökonomische Gegebenheiten. Online ist es so, dass das Content-Angebot abhängig ist von der Grösse der Redaktion. Auch das ist eine wirtschaftliche Frage.

    «Was ist denn das Ziel der Übung: Möglichst hochwertige Produkte zu haben, oder möglichst viele Leser mit möglichst gutem Journalismus zu erreichen»: Offenbar vertrittst du die Meinung, dass Zeitungen möglichst viele Leser mit möglichst seichtem Journalismus erreichen sollen… Anders kann ich mir dein dauerndes Loblied auf Softnews und dein erbsenzählerisches Herumkritteln an Kurt Imhofs Arbeit nicht erklären.

    Weil du auch das abstreiten wirst, füge ich hier noch ein Beispiel an: «ob eine Softnews-Berichterstattung auf Kosten der Hardnews-Berichterstattung betrieben wird, ist für mich völlig unklar»: Junge, dann schau doch mal eine Zeitung an, und vergleiche sie mit dem gleichen Titel, wie er vor 20 Jahren aussah, dann wird auch dir der Unterschied klar. Um den Unterschied zu erkennen, brauchts nicht mal eine wissenschaftliche Studie.

  58. Sorry, du machst es dir wieder einmal sehr einfach.

    Wenn eine Zeitung mehr Leser dank Softnews gewinnen kann, könnte sie auch mehr Werbung gewinnen und dadurch den zusätzlichen Platz und zusätzliche Redaktionsstellen für Hardnews finanzieren. Und solche Quersubvention könnte es auch bei Online geben.

    Dass eine Zeitung vor 20 Jahren durchschnittlich qualitativ hochstehender war, muss nicht bedeuten, dass die Leute mehr Zeit für die Lektüre solch qualitativ hochstehender Berichte investiert haben. Und erst recht nicht, dass sie das heute tun würden, wenn die Zeitungen heute so wie vor 20 Jahren aussehen würden.

    Ich mach überhaupt kein Loblied auf Softnews. Und ich zähle keine Erbsen. Aber ich würde gerne wissen statt nur vermuten. Darum stelle ich Fragen. Leider habe ich bisher noch keine überzeugenden Antworten erhalten.

  59. Kurt Imhof:

    @David ist hartnäckig und das ist ja auch gut so. Allerdings kritisiert er etwa die Operationalisierung von Professionalität (sachlich-argumentativ versus moralisch-emotional der Sprachstil, Quellentransparenz, redaktioneller Eigenleistungsanteil, Verhältnis Tatsachen- und Meinungsbezogene Darstellungsformate) auf eine Weise, die nicht ‚statthaft’ ist. Warum? Er behauptet zu Recht, dass wenn man Professionalität anders messen würde, ein anderes Resultat herauskommen würde. Natürlich! Was denn sonst? Die Frage ist, ob die Professionalität mittel der obigen Indikatoren plausibel operationalisiert worden ist. Die ‚Wahrheitsproblematik’ liegt in der Operationalisierung. Wenn die Operationalisierung plausibel ist, dann geben die Divergenzen unter den gemessenen Medien relevante Qualitätsunterschiede hinsichtlich des Merkmals journalistische Professionalität an. Eine Aussage des Typs: Wenn anders gemessen worden wäre, käme eine anderes Resultat heraus, führt uns nirgendwo hin. Warum verbeisst sich die Debatte am falschen Gegenstand?

    Ausserdem: Der Lektüre von @David ist noch entgangen, dass wir durchaus ‚neue’ Inhalte messen. Wir erfassen ja alle Kommunikationsereignisse der untersuchten Medien und machen synchrone und diachrone Agendavergleiche. Dies erlaubt eine Fülle von Aussagen bezüglich Medienarenen, Gattungen, Medientypen und -titeln. Natürlich können wir via Argumentationsanalytik noch weiter in die Tiefe der Beiträge, das wollen wir im Rahmen, den die Forschungsökonomie zulässt, auch tun. Ob aber eine Redaktion noch in der Lage ist wesentliche Aspekte des Nachrichtenflusses selbst, also ohne Agenturen zu behandeln, das ist schon mit Blick auf die Skills der Journalisten eine zentrales Professionalitätskriterium.

    Viel wichtiger aber – und das lehrt mich etwas das Fürchten – scheint mir das Faktum, dass innerhalb der Expertenkultur des Journalismus keine klaren Vorstellungen vorhanden sind, was Professionalität ist! Hier müsste die Diskussion ansetzen.

  60. @Kurt Imhof: Sie haben recht mit ihrer Argumentation zur Operationalisierung von Professionalität, aber ich glaube eine gewisse Schwammigkeit liegt diesbezüglich in der gezwungenermassen komplexitätsreduzierenden Natur der Wissenschaft an sich.

    Trotzdem wurde @Davids (und auch meine) Frage bisher von niemandem schlüssig beantwortet. Und zwar: Führt ein qualitativ hochstehendes Medienangebot (nach ihrer Definition) zwangsläufig zu deren breiter Nutzung? Oder müsste man bei der Rettung der Demokratie nicht vielleicht schon früher ansetzen, zum Beispiel bei der Bildung.

  61. Kurt imhof:

    @Thom Nagy. Natur oder Logik der Wissenschaft: komplexitätsreduzierend ja, schwammig auf keinen Fall. Das Problem vergleichender Messung ist die Eindeutigkeit der Messindikatoren und der sogenannten Code-Bücher der ‘Messenden’. Die vergleichende Messung muss so eingerichtet werden, dass sie bei der erfassten Grundheinheit (zumeist Artikel) dasselbe Ergebnis produzieren.

    Da gibt es einfachere und komplexere Fälle. Ob ein Betrag gezeichnet ist oder nicht, ist einfach. Das Problem ist, inwieweit Professionalitätstfaktoren wie etwa Faktengerechtigkeit gemessen werden können. Das übersteigt die Kapazitäten einer kleinen Forschungsorganisation bei weitem. Ein interessanter Ersatzindikator hierfür wäre, ob die die Redaktionen ein systematisches Checking der Fakten unabhängig vom Autor betreiben oder ob innerhalb des Informationsjournalismus in einer bestimmten Medienarena eine wechselseitige Auseinandersetzungen über die Faktengerechtigkeit von recherchierten Storys stattfindet. Wir können beides messen, aber es macht in der Schweiz keinen Sinn (mehr) (hier durchaus im Unterschied zur Ära der Parteizeitungen), weil beides praktisch nicht existiert. Die NASA-Story, die man bei infamy nachlesen kann, ist kein Zufall.

    Zur schwierigen Frage der Nutzung von Qualität:
    1. Das Angebot bestimmt die Nachfrage mit, bei Grund- und Vertrauensgütern wie den Medien erst recht. Das heisst es gibt Sozialisationseffekte (deshalb – und natürlich weil es Gratisangebote gibt – abonnieren die jüngeren Altersgruppen im Gegensatz zu ihren Vorgenerationen auch signifikant weniger Zeitungen.
    2. Ob ein gutes Angebot von allen oder zumindest von vielen gelesen wird, ist in Bezug auf die Demokratie (ich weiss das klingt schrecklich und wird für Verstimmung sorgen, stimmt aber trotzdem) nicht relevant, solange a) diese guten Vermittlungsleistungen die Debatten der aktiven Bürgerschaft bestimmen und wenn es b) keine schlechten Angebote daneben gibt, die bloss fallweise die am wenigsten informierten Nicht- oder Protestwähler auf der emotionalen Schiene mobilisieren. Diese Volatilitäten bestimmen Aufstieg und Niedergang von populistischen Akteuren (wie etwa jüngst in Holland, aber auch in den Transformationsländern Osteuropas, in denen sich ein qualitativ gutes Medienangebot kaum entwickeln konnte). Ein qualitätsschwaches Medienangebot beeinflusst die politische Kultur, mithin die Qualität der Debatte zwischen den politischen Akteuren.
    3. Es besteht ein demokratiefördernder sozialer Zwang zur Kenntnisnahme der öffentlichen Kommunikation. Das gilt für alle Alltagsinteraktionen, die irgendeinen Bezug zu etwas aufnehmen, wovon erwartet wird, dass der Gesprächspartner davon Kenntnis hat. Am besten kann man sich diesen sozialen Zwang im Balzverhalten vergegenwärtigen: Wer keine Bezüge zur Welt, die in der öffentlichen Kommunikaton überhaupt erst zur Geltung kommt, aufnehmen kann, muss sich schon gar nicht bei Internet-Kontaktbörsen anmelden. Befürchtungen, dass das, was öffentlich ist, nicht wahrgenommen wird, müssen wir uns nicht machen.

  62. Fred David:

    @) Kurt Imhof . wie würden Sie denn die Anforderungen an journalistische Professionalität in, sagen wir: vier, fünf Sätzen definieren?

    Uebrigens danke, dass Sie sich hier kräftig in die Debatte reinhängen, da kommt eine ganze Menge rüber.

  63. OK, das mit der Komplexitätsreduzierung kann ich gut verstehen.

    Die Hauptfrage, die sich mir weiterhin stellt, ist, ob man von der Messung den Anteilen an hochstehenden Hardnews Rückschlüsse auf den Informationsstand der Gesamtbevölkerung bzw. der “aktiven Bürgerschaft” machen kann.

    Meine persönliche Erfahrung widerspricht dem nämlich total: Das Internet hat mir eine Welt geöffnet, die mir vor 20 Jahren verschlossen geblieben wäre. Ich lese die interesssantesten Artikel aus den deutschsprachigen Zeitungen, ich kann oftmals Quellen überprüfen und Gegendarstellungen finden, ich verpasse die besten Sendungen nicht, weil ich sie dann schauen/hören kann, wenn ich Zeit habe, ich kann mich dann in ein Thema vertiefen, wenn es mir unter den Nägeln brennt, ich kann the Daily Show oder TED-Vorträge schauen, ich finde Thesen und Meinungen, die nie in der Zeitung stehen würden, und ich kann mit Kurt Imhof diskutieren.
    Ich finde nicht, dass ich schlecht informiert bin. Was mir wahrscheinlich im Vergleich zu vor 20 Jahren am meisten fehlt sind die aufwändigen investigativen Geschichten. Skandale, die nie aufgedeckt werden. Ich finde, die sollte man nicht dem Zufall überlassen und mit Gebühren-/Steuergeldern dafür sorgen, dass wieder aufwändiger Investigativjournalismus betrieben werden kann.

    Den soeben geäusserten Punkt 2) finde ich eine sehr steile These. Für die Demokratie soll es besser sein, wenn das Volk mit Nonews statt mit Softnews bedient wird? Wollen Sie damit das Volk als unmündig und die Aufklärung als gescheitert erklären? Das sehe ich nun wirklich komplett anders, und ausserdem wird der Wunsch nach Nonews nie mehr in Erfüllung gehen, weshalb das Gedankenspiel nicht sehr nützlich ist für die Lösung der Probleme.

  64. David > «Ich lese die interesssantesten Artikel aus den deutschsprachigen Zeitungen»: Wie immer präsentierst du uns nur die Schoggiseite deiner schönen neuen Computerwelt, und du vergisst, dass jemand den Preis für die Schoggi bezahlen wird.

    Es ist eher so: **IM MOMENT NOCH** liest du die interessanten Artikel, die die Zeitungen **IM MOMENT NOCH** verschenken… **SO LANGE** bis die Verlage merken, dass Kurt Imhof recht hat, und dass sie mit ihrem Gratisangebot ihre Bezahlangebote kannibalisieren und ihre Substanz aushöhlen.

    **DOCH BALD** werden die Verlage Paywalls hochziehen. Und das ist gut so. Und **DANN** wirst du mit all deinen teuer erworbenen, nutzlos gewordenen elektronischen Spielzeugen, Eipads und Eiphones dasitzen und bitterlich weinen. Und du wirst dir sagen: Hätte ich doch auf Kurt Imhof gehört, statt den aussichtslosen Versuch zu unternehmen, Imhof im Kommentarfeld des Medienspiegels mit immer spitzfindigeren und immer irrwitzigeren Pseudo-Argumenten zu widerlegen.

  65. Bobby, es ging nicht um die Frage, ob das ein funktionierendes Geschäftsmodell ist, sondern um die Frage, ob der Anteil an Softnews Rückschlüsse auf den Informationsstand der Bevölkerung zulässt. Du bist hervorragend darin, die Argumente zu verdrehen.

    Bezüglich Geschäftsmodell bin ich sowohl bei den Gratisangeboten wie bei den Paid-Content-Angeboten höchst skeptisch, dass sich damit jemals wieder aufwändiger investigativer Journalismus finanzieren lässt. Viele Anzeigenkunden werden nie mehr zurückkehren. Und auch die Zahl der Abokunden wird kaum wieder wachsen, auch nicht mit Paywalls. Es IST aussichtslos, so oder so, évidemment, und wir werden beide weinen (ich brauch dazu bloss ein Laptop) – ausser man greift auf neue Mittel, z.B. Steuern, zurück.

  66. David > Den Vorwurf des Verdrehens weise ich zurück. Denn erstens hat ein grosser Teil der Bevölkerung nicht, wie David, so genügend Freizeit, um das Netz nach interessanten Gratis-Texten zu durchforsten und auf diese Weise den Mangel an Hardnews in der abonnierten Zeitung auszugleichen. Und zweitens geht es eben sehr wohl doch auch darum, ob es ein funktionierendes Geschäftsmodell ist. Denn bald wird es nicht mehr funkionieren, und dann kann auch David seine Hardnews nicht mehr gratis aus dem Netz zusammenklau(b)en. Und das ist gut so.

    Natürlich bist du skeptisch. Wer ist es nicht. Mit Weinen ist es aber nicht getan. Die Idee, auf neue Mittel zurückzugreifen, wird in den nächsten Jahren viele Anhänger gewinnen. Auch das ist gut so. Die Idee, dass man Hardnews, also investigativen Journalismus, gratis im Internet beziehen soll, kann langfristig nicht funktionieren. Je schneller damit Schluss ist, umso besser.

  67. @Kurt Imhof: Erst einmal möchte ich mich Fred David anschliessen und mich bedanken für die Zeit, die Sie sich hier im Kommentarfeld nehmen. Auch wenn es das eigentlich sein sollte, ist das überhaupt keine Selbstverständlichkeit und trägt eine Menge zum besseren Verständnis der Studienergebnisse bei (mehr, als das im klassischen redaktionellen Umfeld je möglich gewesen wäre).

    Zur Diskussion:

    Die Vorteile der heutigen Kommunikationswelt hat David viel bildlicher auf den Punkt gebracht, als ich es geschafft habe. Auch mir ist bei Imhofs Punkt 2 unwohl. Es wird nämlich in einer vernetzten Zukunft *immer* die “schlechten Angebote” geben, die mittels emotional aufgeladenem Journalismus die Aufmerksamkeit der grossen Masse auf sich ziehen. Ausser man baut eine chinesische Firewall. So scheint der Mensch nun einmal zu funktionieren. Die Frage ist doch, wie man es schafft, auch für den ausgewogenen, er- und aufklärenden Journalismus ein Interesse – und damit eine finanzielle Grundlage welcher Art auch immer – zu schaffen. Ich wage mich damit vielleicht auf die Äste hinaus, aber ich würde behaupten, dass die Gratispresse diesbezüglich auch die Funktion einer Einstiegsdroge haben kann.

  68. Kurt Imhof:

    @Fred David. Ad Professionalität in der Publizistik: Professionalität ist die Etablierung und Durchsetzung beruflicher Standards. Hinsichtlich des Angebotes öffentlicher Kommunikation sind die wichtigsten (Quellen-)Transparenz, Sachgerechtigkeit (thematische Kompetenz), Ausgewogenheit, Neutralität und Sachlichkeit (Objektivität) sowie Verständlichkeit. Daraus erschliessen sich Reputationsmerkmale auf Seiten des Publikums wie Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit.

  69. Kurt Imhof:

    @David. Ihr Satz oben ist interessant: “Für die Demokratie soll es besser sein, wenn das Volk mit Nonews statt mit Softnews bedient wird? Wollen Sie damit das Volk als unmündig und die Aufklärung als gescheitert erklären?” Warum? Er stellt die Verhältnisse von den Füssen auf den Kopf, weil er die Aufklärung im “Volk” statt in der Kommunikation, namentlich in der öffentlichen Kommunikation, verortet. Für die Aufklärung war das Öffentliche der Raum der Zivilisierung des Menschen, das Private die Sphäre seiner ‘natürlichen Triebe’. Und nur durch das ‘Licht der Öffentlichkeit’ das aus der Öffentlichkeit in die privaten Gemeinschaften dringt, können auch diese Sphären zivilisiert werden. Nun wissen wir spätestens seit den totalitären Systemen, die das Öffentliche wie das Private zerstören, dass die öffentliche Kommunikation von entscheidender Bedeutung für den Prozess der Zivilisierung ist. Nur wenn die öffentliche Kommunikation total vermachtet ist, ist der totale Krieg möglich. Das “Volk” an und für sich hat nicht eine genetische Ausstattung zur Aufklärung. Diese war und ist ein kulturelles Projekt der Selbstzivilisierung der Gattung und dieses Projekt der Moderne ist auf einen guten Informationsjournalismus angewiesen.

  70. @Kurt Imhof: Dass die Aufklärung und die Demokratie auf guten Informationsjournalismus angewiesen sind, stelle ich nicht in Abrede. Mein Satz nahm ja Bezug auf Ihre Aussage: «Ob ein gutes Angebot von allen oder zumindest von vielen gelesen wird, ist in Bezug auf die Demokratie nicht relevant, (…) wenn es b) keine schlechten Angebote daneben gibt, die bloss fallweise die am wenigsten informierten Nicht- oder Protestwähler auf der emotionalen Schiene mobilisieren.»
    Wie soll denn die “Zivilisierung” der am wenigsten informierten Leute funktionieren?
    Ich denke: Wenn sie nicht einmal mehr “20 Minuten” lesen, sind sie erst recht anfällig auf Propaganda. Der Versuch, bloss schlechte Angebote von den Leuten fernzuhalten, ist zum Scheitern verurteilt. Ich denke, besser sie lesen “20 Minuten” als die Parteizeitung. Und: Wenn sie sich doch einmal eingehender mit einem Thema beschäftigen wollen, ist es besser, die finden barrierefrei fundierte Informationen im Internet, statt nur Propaganda. Ich denke, nur die “aktive Bürgerschaft” zu erreichen genügt nicht. Wenn uns die Demokratie am Herzen liegt, sollten wir alles daran setzen, die gesamte Bevölkerung mit guten Informationen zu versorgen, nicht nur die “aktive Bürgerschaft”, und den Rest ausschliessen.

  71. Schade, ich hätte mich wirklich sehr über eine Antwort hierzu gefreut!

  72. Kurt Imhof:

    @David. Ok, eine Antwort. Zunächst: Welche Propaganda und welche Parteizeitung? Es bestehen ja neben den Medien, die einen Qualitätsanspruch aufrechterhalten, und denjenigen, die dies nicht mehr tun, keine nennenswerten Alternativen im Sinne von gesellschaftsweiter Resonanz und politischer Wirkmächtigkeit. Es sind die Medienarenen des Informationsjournalismus die Koorientierung herstellen, also gesellschaftsweite Aufmerksamkeit erzeugen. Unabhängig davon, ob man die verflossenen Schweizer Parteizeitungen massiv unterschätzt, es gibt sie in gesellschaftspolitisch relevantem Sinn praktisch nicht mehr. Woher also die Propaganda?

    Dann: Die liberale Demokratie funktioniert über zwei Regelkreise: aktive Öffentlichkeit, d.h. intensive Auseinandersetzungen in der öffentlichen Kommunikation, also Aufmerksamkeitskonzentration auf dasselbe Thema und u.U. auch physische Öffentlichkeit in Gestalt von Manifestationen etc. Unter diesen Bedingungen pocht öffentlich entstandene Definitionsmacht (in Gestalt von Relevanzhierarchien und Meinungen) an die Tore des politischen Systems, das sich dem Problemzusammenhang annehmen muss. Im Parlament verwandelt sich diese Definitionsmacht in politische Macht (auf der Basis des Repräsentanzprinzips) und hinten raus steuert die Politik in der Sprache des Rechts und mittels administrativer Macht.

    Demgegenüber besteht der Regelkreis der passiven Öffentlichkeit in der blossen Kenntnisnahme der Steuerungsbemühungen der Politik in Exekutive und Legislative. Die Bürgerschaft delegiert die Politik an das zu diesem Zweck angeheuerte (gewählte) politische Personal und verlässt sich darauf, dass die Kontrollmechanismen reifer Demokratien in Gestalt der Gewaltentrennung und der Medienberichterstattung ausreichen, damit demokratische Herrschaft legitim funktioniert.

    D.h. liberale Demokratien sind nicht auf eine beständig politisierte Bürgerschaft angewiesen, aber auf eine solche, die sich im Zweifelsfall informieren und einmischen kann. Beide Regelkreise setzen guten Informationsjournalismus, also einen auf Dauer gestellten service public der politischen Berichterstattung voraus.

    Genau dies ist jedoch nicht mehr gewährleistet. Vorab die Gratismedien On- und Offline haben die journalistische Einordnung zugunsten eines nachrichtenwertorientierten, personalisierten, konfliktstilisierenden und episodischen Journalismus aufgegeben, der den Anforderungen der Bewältigung von Ordnungsproblemen in modernen Gesellschaften in keiner Weise genügt. Wenn Abstimmungskampagnen in der direkten Demokratie durch Plakate und Internetspiele ausgelöst und bestritten werden können, also über diese Themenaspekte statt Argumente Resonanz erhalten, und wenn diese Resonanz in den Medien massive Parlamentsmehrheiten einfach umkehrt, dann tritt die Bewirtschaftung von Emotionen und die Desinformation an die Stelle des demokratischen Meinungsstreits. Dann werden die, die sich in der Regel der Politik entziehen um dann über einen solchen “Informationsjournalismus” aktiviert zu werden, zum entscheidenden Faktor der demokratischen Lösung von Ordnungsfragen.

    Kurz: natürlich gibt es schlimmeres als den schwachen Informationsjournalismus vorab im Gratissektor. Unsinn kann man genug lesen, jede politische Sekte bewirtschaftet zumindest eine Homepage, aber diese Pages sind für die Demokratie irrelevant. Schlechter Informationsjournalismus der ganz grossen Anbieter ist es definitiv nicht.

  73. OK, herzlichen Dank für die ausführliche Antwort. Ich verstehe jetzt besser, wie Sie die Zusammenhänge sehen. Überzeugt bin ich trotzdem nicht.

    Klar, man erzeugt Resonanz heutzutage nicht hauptsächlich mit Argumenten, sondern mit Provokationen oder Originalität. Nicht einleuchten will mir aber insbesondere der angebliche direkte Zusammenhang zwischen erzeugter Resonanz und politischem Druck. Resonanz in der Öffentlichkeit ist eine Voraussetzung, um politischen Druck zu erzeugen – aber längst nicht die einzige. Wenn auf die Provokation keine überzeugenden Argumente folgen, verpufft die Provokation ohne politische Wirkung. Die durch die Provokation geschaffene Öffentlichkeit gibt auch der Gegenseite die Möglichkeit, ihre Argumente vorzubringen. Die Leute ändern ihre politischen Ansichten nicht wegen der Resonanz in den Medien zu einem Plakat. Da braucht es doch einiges mehr, um massive Parlamentsmehrheiten einfach umzukehren. Nämlich die überzeugenderen Argumente als die Gegenseite. Mag sein, dass diese Argumente prägnanter und zugespitzter sein müssen als früher. Als Gefahr für die Demokratie sehe ich das aber nicht.

  74. David > «Die Leute ändern ihre politischen Ansichten nicht wegen der Resonanz in den Medien zu einem Plakat»: Die Minarett-Initiative zeigt deutlich, dass ein Plakat matchentscheidend sein kann. Dank des SVP-Plakats erhielt die Minarett-Initiative eine unverhältnismässig grosse Resonanz in den Medien.

    «Wenn auf die Provokation keine überzeugenden Argumente folgen, verpufft die Provokation ohne politische Wirkung»: Auch das stimmt nicht, wie das Minarett-Beispiel zeigt. Die Urheber der Initiative hatten keine überzeugenden Argumente, dennoch hatte die Provokation maximale Wirkung. Weil die Medien eben gerne auf Provokationen reagieren.

    «Als Gefahr für die Demokratie sehe ich das aber nicht»: Doch, es ist eine grosse Gefahr für die Demokratie. Weil die «Diskussion» in den Medien heute oft auf der Bauchebene abläuft. Von diesem Mechanismus profitierten auch die Nazis: Unterstützt von grossen Industriekonzernen, bewirtschafteten die Nazis die Bauchgefühle der Kleinbürger höchst erfolgreich. Auf eine ähnliche Art operiert heute auch die SVP (ebenfalls mit Unterstützung der Wirtschaft). Mit ihrer spektakulären Propaganda bekommt die SVP in den Medien viel mehr Raum als alle anderen Parteien.

  75. Kurt Imhof:

    @David. Die Davidsche Hartnäckigkeit again. Nachdem Ihr ursprüngliches Argument (besser schlechte Information als gar keine, sonst werden die Bürgerinnen und Bürger der Propaganda ausgeliefert) nicht funktioniert, konzentrieren Sie sich nun auf den Begriff der Resonanz. Diese Resonanz würde durch Provokation und Originalität erst hergestellt und dies würde dann den Meinungsstreit auslösen und dadurch der sanften Gewalt des besseren Arguments zum Durchbruch verhelfen. Spätestens an diesem Punkt können Sie doch der Frage der Qualität des Informationsjournalismus – dem eigentliche Kern unserer Debatte – nicht mehr ausweichen. Politische Argumente, denen wir in einer ernsthaften Auseinandersetzung Respekt zollen, haben die logische Struktur von Sachverhaltsaussagen und normativen Positionen. Guter Informationsjournalismus ist exakt durch diese Kombination gekennzeichnet. Und zwar durch die Berichterstattung über Sachverhalte und geäusserte normative Überzeugungen und/oder vorab in Kommentaren durch eine normative Stellungnahme zum Ordnungsproblem, das in Frage steht. Schlechter Informationsjournalismus verschiebt hingegen diesen Modus der Berichterstattung auf das Moralisch-Emotionale in Gestalt eines episodischen und konfliktstilisierenden Journalismus der den affektiven Modus der Kampagnen nicht bricht sondern kolportiert. Je stärker eine moralisch-emotionale Berichterstattung dominiert, desto dünner ist der argumentative Unterbau von Auseinandersetzungen zu Gunsten der Affektsteuerung von politischen Entscheidungen. Diese Verschiebung zum moralisch-emotionalen Modus lässt sich messen (ist ein Qualitätskriterium des Jahrbuches) und darin unterscheiden sich die Informationsmedien deutlich.

  76. OK, ich glaube ich verstehe die Argumentation mittlerweile. Danke für die Ausführungen. Ich zweifle einfach weiterhin an der Kernaussage: «Je stärker eine moralisch-emotionale Berichterstattung dominiert, desto dünner ist der argumentative Unterbau von Auseinandersetzungen zu Gunsten der Affektsteuerung von politischen Entscheidungen.»

    Das mag kurzfristig stimmen. Wenn es beispielsweise eine Woche vor den Wahlen zu Strassenschlachten kommt, dann wird emotional aufgeladen statt nüchtern abgewogen gewählt, auch weil die Medien moralisch-emotional berichten. Auf etwas längere Sicht denke ich aber nicht, dass sich die Leute im moralisch-emotionalen Modus befinden. Die Leute können die Pro- und Contra-Argumente trotz schlechterer Berichterstattung in der Regel nüchtern abwägen. Die Leute sind mündig genug. Und ich denke auch nicht, dass sie weniger Wissen haben bei einer Abstimmung als früher. (Dies zu untersuchen fände ich aber in der Tat sehr interessant.)

    Und falls Sie doch recht hätten, dass die Leute nicht mündig genug sind, müssten sie dringend in Medienkompetenz geschult werden. Die Menschen vor qualitativ schlechter Information zu schützen, ist meines Erachtens hingegen kein gangbarer Weg, da dies nur durch Einschränkung der Meinungsfreiheit zu erreichen wäre.

  77. Skepdicker:

    Achtung, dieser Beitrag ist provokativ und unwissenschaftlich!

    Schon meine Eltern und Grosseltern bildeten sich ihre Meinung über Abstimmungen nicht primär durch passiven Medienkonsum, sondern durch aktive Diskussionen in verrauchten Beizen und an anderen bierseligen Orten. Die entscheidenden Fragen lauten deshalb: Unterminiert das Rauchverbot indirekt die liberale Demokratie? Sollten die aussterbenden Dorfbeizen – diese Agoren des ruralen Demos – aus staatspolitischen Überlegungen subventioniert werden?

    Ich habe den Verdacht, dass es sich bei der “Medienqualitätsdiskussion” um eine Zwillingsschwester der Diskussion um sog. Hochkultur handelt. Um gewissen sozialen Rollen in gewissen sozialen Schichten oder Berufsgruppen gerecht zu werden, musste man einst mit einer NZZ unter dem Arm über die Strasse paradieren. Ob der “Blick” früher zu Camouflagezwecken tatsächlich mit einer NZZ umwickelt wurde, entzieht sich aus Altersgründen meiner Kenntnis. Dass diese Legende überhaupt existiert, sagt aber genug über eine Teil-Funktion eines Mediums aus: Medienkonsum war und ist auch ein Mittel zur Distinktion.

    Da sich auch das unmündige Stimmvieh für Kurz-News, TV-Programm, Todesfälle sowie Wohngs- und Fahrzeuginserate interessierte, war es gezwungen, eine Tageszeitung zu abonnieren. 90% der Inhalte waren für die Populismusanfälligen zwar uninteressant. Aber das war den Verlagen egal, solange die Zahlen stimmten. Mit den Alternativen, die durch Gratiszeitungen, eBay, Ricardo, TV etc. geschaffen wurden, wurden die Bedürfnisse der Aufzuklärenden besser abgedeckt. Und zwar zu geringeren Kosten. Damit fiel allerdings auch die Quersubventionierung der wohlhabenden Citoyens durch den sensationsgeilen Pöbel weg. Dass die Journalisten nun aufschreien, ist ihnen nicht zu verübeln (Stichwort Rentseeking). Die liberalen Demokraten aus der gesellschaftlichen Oberschicht, die das Volk gerne in Anführungszeichen setzen, bestimmen nicht nur, was “Kultur” sei – sie bestimmen auch, was eine “richtige Demokratie” oder etwa “Medienqualität” sei. “Kultur” sind beispielsweise Opern, Theaterstücke und klassische Konzerte, die nur noch überleben können, weil die Eintrittspreise, die sich ohnehin nur Wohlhabende leisten können, zusätzlich durch das “Volk” via Steuergelder verbilligt werden. “Richtige Demokratie” ist, wenn das “Volk” so abstimmt, wie es die Bewahrer des Rechtsstaats und der “richtigen Demokratie” es verlangt haben. “Medienqualität” ist, wenn die Medien über Themen schreiben, die nur eine Minderheit interessiert (das nennt man dann Relevanz) und dabei dezidiert die Meinung vertritt, die in der soziokulturellen Elite momentan en vogue ist (das nennt man dann sachgerecht, objektiv und nicht emotional).

    Fazit: Wenn wir weiterhin eine Zeitung wie die NZZ wollen, dann müssen wir halt künftig den realen Preis dafür bezahlen. There is no such thing as a free lunch. Vorgeschobene Argumente, mit denen Rentseeking betrieben wird, sind unredlich. Eine gekaufte und ungelesene NZZ trägt gleich viel zu einer liberalen Demokratie bei wie eine nicht gekaufte NZZ: nichts.

    Liebe Mitglieder der soziokulturellen Elite, schauen wir der Tatsache ins Auge! Unsere Leibblätter wurden jahrelang von Schreinern, Bäckerinnen und Lackierern subventioniert. Wer das Wörtchen “sozial” mit gutem Gewissen in den Mund nimmt, kann nur froh sein, dass dies endlich ein Ende hat.

  78. Ich entnehme Skeptikers Worten, dass er findet, Schreiner, Bäckerinnen und Lackierer würden für ihre Meinungsbildung keine fundierten Informationen benötigen, weil sie sich ihre Meinung eh nur am Biertisch bilden.

    Eine solche Haltung ist extrem zynisch und elitär. Damit spricht man einem grossen Teil der Bevölkerung das Interesse und die Fähigkeit ab, differenziert zu denken und sich ernsthaft mit anderen Dingen zu befassen als mit solchen, die das Überleben sichern (Essen und Sex, basically).

    Im Detail:
    «Unterminiert das Rauchverbot indirekt die liberale Demokratie?»: Natürlich nicht, das Diskutieren geht besser ohne Rauch, weil man keinen Lungenkrebs kriegt und länger lebt.

    «Sollten Dorfbeizen subventioniert werden»: Sicher nicht, das würde auf die Subventionierung einer einzigen Partei hinauslaufen, die sowieso zuviel Geld hat (SVP).

    «Medienkonsum war und ist auch ein Mittel zur Distinktion»: Wenn Sie den Zeitungslesern unterstellen, sie würden sich gar nicht für den Inhalt interessieren, sondern die Zeitung nur zum Angeben kaufen, ist das auch ein Zeichen grenzenloser Arroganz. Wenn jemand so spiessig ist, und sich nicht getraut, die Girls im Blick ohne NZZ-Hülle zu betrachten, à la bonne heure. Mir persönlich macht es Spass, eine seriöse Zeitung zu lesen, und ich kann dabei gut auf sexistische Fotos verzichten. Ich finde real existierende Frauen anregender als Blick-Fotos, und zwar erstreckt sich meine Faszination nicht nur auf bestimmte Körperteile, sondern ich schätze vielmehr Frauen, die auch ein funktionierendes Gehirn besitzen.

    «90% der Inhalte waren für die Populismusanfälligen uninteressant»: Eine arrogante Unterstellung. Woher wollen Sie das denn wissen?

    «Kultur sind Opern, Theaterstücke und klassische Konzerte»: Diese Art von Snobismus ist doch seit 50 Jahren vorbei. Längst haben sich auch die NZZ, Museen, Stadtverwaltungen, Unis usw. der Populärkultur geöffnet.

    «Richtige Demokratie ist, wenn das Volk so abstimmt, wie die Bewahrer des Rechtsstaats es verlangt haben»: Unsinn. Niemand sagt so etwas. Richtige Demokratie ist, wenn man sich fundiert und ergebnisoffen informiert.

    «Medienqualität ist, wenn die Medien über Themen schreiben, die nur eine Minderheit interessiert»: Damit unterstellen Sie der Mehrheit des Volkes, sie würde sich nicht für Politik interessieren. Dem sag ich Arroganz (siehe oben).

    «There is no such thing as a free lunch»: Sag das David und den anderen Gratis-Fans.

    «Eine gekaufte und ungelesene NZZ trägt gleich viel zu einer liberalen Demokratie bei wie eine nicht gekaufte NZZ»: Sicher, aber eine gekaufte und gelesene NZZ trägt sehr viel dazu bei.

  79. Kurt Imhof:

    @Skepdicker. Provokativ & unwissenschaftlich hin oder her: Wo hat der Skepdicker recht, wo nicht?

    Recht hat er mit dem Aspekt des Hochkulturellen. Die Aufklärungsbewegung, der wir die Demokratie und die Qualitätskriterien öffentlichen Sprechens verdanken, kam nicht aus der „Mitte des Volkes“. Sozial war das eine durchaus elitäre soziale Bewegung und sie nahm nicht jeden auf. Besitz und Bildung und das richtige Geschlecht war Bedingung. Jedoch: Die Aufklärungsbewegung richtete sich gegen die anciennes régimes; sie partizipierte wenig bis kaum an der Herrschaft. Deshalb animierte sie auch eine Kulturrevolution, die nichts weniger als die Herrschaft auf der Basis von Herkunft durch legitime Macht auf der Basis von Bildung und Wahlen ersetzte. Kurz, die Aufklärung kam von oben (aber wie erwähnt, nicht von der Herrschaft). Ihr verdanken wir doch immerhin die Verbindung von Demokratie und Rechtsstaat, eine gerade in der Schweiz ausgezeichnete politische Publizistik mit ihren Binnennormen und die allgemeine Schulpflicht. Die Medienqualitätsdebatte ist nun in der Tat so alt wie die Moderne und die Qualitätsnormen von Selbstregulierungsinstitutionen der Medien, journalistische Leitlinien und Selbstverpflichtungen und die Konzessionsbedingungen des öffentlichen Rundfunks etc. lassen sich bis zur Aufklärung zurückverfolgen. Dies gilt ebenso wie die vom Skepdicker genannten Formen der Hochkultur. Wir verdanken diese Formen den anciennes régimes, ihre normative Dignität ist aber schlicht bildungsbürgerlichen Ursprungs.

    Nicht recht hat er (lassen wir die Rauchverbotsdebatte weg, wo er wahrscheinlich auch etwas recht hat) in der Frage, wie denn der von ihm so genannte Pöbel, also das gemeine Volk früher sein Urteil bildete. Ausschlaggebend war die Zugehörigkeit zu den politischen Milieus freisinniger, katholisch-konservativer und sozialdemokratischer Provenienz. Diese in sich wiederum versäulten Milieus (etwa freisinnige Grossfamilie oder die Fassetten der Arbeiterbewegung) wurden durch vielfältige Vereinigungen säkularer wie sakraler Natur, Parteien und eben Zeitungen integriert. Hier wirkten Weltanschauungen und massive Mobilisierungsanstrengungen um Argumentationskanonaden gegen die anderen Weltanschauungspositionen, um die eigenen Stammwähler an die Urne zu bringen. Das beschränkte sich keineswegs auf die NZZ, sie vertrat immer nur einen relativen kleinen Teil der freisinnigen Grossfamilie. Diese Parteizeitungen wurden nicht von Schreiner, Bäckern und Lackierern subventioniert. Ganz einfach, weil sie als gesinnungsethische Medien keine oder kaum Renditeträger waren. Praktisch alle diese Parteizeitungen verwandelten sich (wenn sie nicht untergingen) ab den 1970er Jahren in Forumsmedien, die den Meinungsstreit zwischen den Parteizeitungen nun in sich selbst reproduzierten, aber nach wie vor nicht davor zurückschreckten, meinungsbildende politisch-publizistische Konflikte zwischen den Medien zu führen. Die Genügsamkeit des Forumszeitungswesens durch Verlegerfamilien in Stadt und Land grenzte auch die Quersubventionierung durch den Schreiner, Bäcker und Lackierer eng ein. Durchaus im Gegensatz zu den Boulevardmedien.

    Nicht recht hat er mit der dichotomen Gegenüberstellung von Oberschicht und Pöbel. Weder ist die Oberschicht homogen, noch rechtfertigt sich der Bergriff Pöbel oder Stimmvieh für die noch heterogeneren Bürgerinnen und Bürger, die eigentlich nur an Wohnungs- und Fahrzeuginseraten sowie Emotionen interessiert seien.

    Nicht recht hat er schliesslich mit dem Vorwurf des simplen Rentseekings via Qualitätsanspruch von Seiten der Journalisten. Dieser ökonomische Reduktionismus negiert, dass jede funktionierende Berufskultur normative Standards aufrechterhält, die sich mit kurzfristigen ökonomischen Renditen nicht begründen lassen. Besonders zentral sind die normativen Standards der Expertenkultur des professionellen Journalismus. Nur sie rechtfertigen in letzter Instanz die gegenüber allen anderen Gewerben herausgehobenen Freiheiten und Privilegien der Publizistik in der Demokratie. Publizistik als blosses Geschäft oder als blosse Geschäftsbeilage verdient diese Privilegien nicht.

    Kurz: Die Demokratie mit ihren Ansprüchen an Diskursqualität kam von einer Gegenelite (das ‚Volk’ setzte sie allerdings zumeist durch), die Meinungsbildung war höchst kontrovers, von Subventionierung der Parteizeitungen keine Spur (das Gegenteil bei den vielen Zuschussunternehmen), Gesellschaften bestehen nicht aus Oberschicht und Pöbel und ein Journalismus ohne Qualitätsnormen ist keiner mehr.

  80. Skepdicker:

    «Ich entnehme Skeptikers Worten, dass er findet, Schreiner, Bäckerinnen und Lackierer würden für ihre Meinungsbildung keine fundierten Informationen benötigen, weil sie sich ihre Meinung eh nur am Biertisch bilden.»

    Ja, ein Grossteil der Schreiner, Bäckerinnen und Lackierer (und übrigens auch Studenten) braucht keine “fundierte” Informationen für die Meinungsbildung. “20 Minuten”, Tagesschau, eigenes Denken und Diskussionen in der Beiz oder Rauchpause genügen für diese Meinungsbildung. Die meisten Menschen haben schlicht keine Zeit, seitenlange Essays über Sterbehilfe oder Bioethik zu lesen. Und das ist auch nicht nötig für eine Ausübung der Volksrechte.

    Wenn ein Büezer gerne intelligente Artikel liest, dann kann er sich für läppische 512 Fränkli pro Jahr die geniale NZZ abonnieren. Das entspricht etwa einem Viertel der Kosten, die ein Raucher jährlich für Zigaretten ausgibt. Oder den Kosten für die Automiete in den Mallorca-Ferien.

    Die Empirie zeigt aber, dass selbst Studenten bei einem Preis von 0 Franken im Hörsaal lieber zur Gratispresse greifen. Wenn die Zahlungsbereitschaft für eine Tageszeitung mit “fundierter” Information 0 Franken beträgt, dann schliesst der Ökonom (Stichwort Konsumentensouveränität bzw. methodologischer Individualismus) daraus, dass der Wert einer Tageszeitung für die entsprechenden Subjekte nicht existent ist. Folglich könnten die entsprechenden Subjekte nur durch Zwang bzw. materielle Anreize dazu gebracht werden, ein Produkt zu kaufen, in dem sie keinen Nutzen sehen. Früher bestand dieser Anreiz aus Distinktionsgewinnen sowie aus den vermeintlich nebensächlichen Informationen (Wohnungsinserate, Arbeitsstellen, TV-Programm, Wetter), welche die vermeintlich hauptsächlichen Informationen (“fundierter” Journalismus) umrahmten. Zudem gibt es heute im Gegensatz zu früher Medien, die sich an den Bedürfnissen der Konsumenten orientieren. Diese Verschiebung manifestiert sich in den Leserzahlen und Einschaltquoten. Natürlich gibt es Büezer, die in der NZZ einen Nachruf auf Tony Judt lesen oder “Sternstunde Philosophie” schauen. Dass dies relativ selten der Fall ist, ist keine “arrogante”, “elitäre” oder “zynische” Aussage. Sie wird immer wieder bestätigt durch die Empirie.

    «Sicher, aber eine gekaufte und gelesene NZZ trägt sehr viel dazu bei.»

    Es würde aber noch nicht einmal reichen, die NZZ gratis zu machen. Damit Du die Zynismus-Keule nochmals hervorholen kannst:

    1. Wenn man an allen Bahnhöfen eine NZZ-Box neben die 20-Minuten-Box stellen würde, dann würde die NZZ ganz klar verlieren.

    2. Auch wenn die NZZ dadurch mehr gelesen würde: Die “fundierten” Artikel, die sich mit komplexen Themen befassen, fänden dadurch nur unmerklich mehr Beachtung.

    Aus 1. und 2. folgt: Unterstellt man den “Qualitätsmedien” positive externe Effekte (was sehr diskutabel ist), dann ist der liberalen Demokratie mit massiven Subventionen noch nicht geholfen. Schliesslich müssten die Leser auch noch dazu gebracht werden, die “fundierten” Informationen zu konsumieren. Das gelingt momentan nicht einmal beim Fernsehen, das dem Rezipienten viel weniger Anstrengung abverlangt. Wie sollte es dann bei der Presse funktionieren? Ohne autoritäre Methoden oder materielle Prämien scheint mir dies kaum möglich. Aber völlig zu Recht gibt es in der Bundesverfassung nur das Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit, nicht jedoch die Pflicht. Und völlig zu Recht ist der Bürger in der Schweiz ab dem 18. Altersjahr mündig und kann seine politischen Rechte ohne die Leitung von Präzeptoren ausüben.
    Eine materielle Prämie für das Lesen “fundierter” Presseerzeugnisse auf der anderen Seite ist nicht praktikabel. Schliesslich müsste geprüft werden, ob die staatstragenden Artikel auch tatsächlich gelesen würden. Sonst hätten wir wieder eine Grosszahl von Phantomlesern.

    Wer sich um die liberale Demokratie Sorgen macht, sollte sich meines Erachtens besser mit Bildungspolitik befassen. Oder mit dem real existierenden Staatssender mit Bildungsauftrag, der seltsamerweise hauptsächlich auf Unterhaltung setzt.

    Abschliessend: Ich bin NZZ-Fan, kein Gratis-Fan. Aber ich will mein Hobby nicht von Büezern finanzieren lassen. Die finanzieren schon mein Studium.

  81. Skepdicker:

    @ Kurt Imhof:
    Die Begriffe “Stimmvieh”, “Pöbel” etc. habe ich ausschliesslich ironisch verwendet. So nimmt man das “Volk” (man beachte die Anführungszeichen, die signalisieren sollen, dass man seinen Brecht gelesen hat) doch oftmals in den Zirkeln der soziokulturellen Elite wahr, welche “die Aufklärung” für sich monopolisiert hat. Diese selbsternannten Aufklärer setzen “die Aufklärung” gerne mit Rousseau und – obschon kein Aufklärer – Tocqueville gleich. Die Schotten hingegen werden gerne “vergessen” oder zumindest nur sehr selektiv berücksichtigt, weil sie der eigenen Variante der Aufklärung (d.h. die “sozialliberale”), die man als “DIE Aufklärung” ausgibt, widersprechen. Widersprüchlich ist auch, dass viele der Neo-Aufklärer ehemalige Adorno-Groupies oder heutige Homöopathie-Fans sind. Von den ehemaligen Mao-Büchlein-Schwenkern sprechen wir gar nicht erst. Das wäre zu emotional, nicht sachgerecht, nicht objektiv und womöglich gar populistisch. Und wahrscheinlich auf der Mikroebene angesiedelt.

    “Publizistik als blosses Geschäft oder als blosse Geschäftsbeilage verdient diese Privilegien nicht.”

    Einverstanden. Wenn es nicht um blosses Geschäft geht, dann geht es in der Regel um weltanschauliches Sendungsbewusstsein. Dieses Sendungsbewusstsein findet man heute aber kaum mehr. Erwähnenswerte Ausnahmen sind die WoZ, die “Weltwoche” und die NZZ. Wobei dieses Sendungsbewusstsein von der soziokulturellen Elite, die sich angeblich für Medienvielfalt ausspricht, nicht goutiert wird, wenn die publizierte Meinung nicht der eigenen Meinung entspricht. Die “Weltwoche” führt bei vielen Citoyens zu regelrechter Hysterie, die sie nicht nur Voltaires, sondern auch Luxemburgs Aphorismus zur Meinungsfreiheit vergessen lassen.
    Oder nehmen wir das paradoxe Beispiel Henryk M. Broder: Der wurde wegen seinen Tiraden gegen den Islamismus von der sozialliberalen “Süddeutschen” tatsächlich als “Fundemantalist der Aufklärung” beschimpft.

    Man sieht: “Medienqualität”, “Aufklärung” etc. sind – wie “Heimat” – unscharfe Begriffe, die anfällig auf den Zeitgeist sind. Es ist unredlich, diese zu monopolisieren oder politisch zu missbrauchen.

  82. Skeptiker > Es mutet seltsam und schizophren an, wenn ein Student über die «Elite» herzieht, zu der er bald gehören wird.

    «20 Minuten und Diskussionen in der Beiz genügen für diese Meinungsbildung»: Das ist nichts anderes als abgrundtiefer Zynismus. 20Min genügt nie und nimmer, um sich eine Meinung zu bilden. Wenn die Leute ihre «Informationen» nur noch aus den erwähnten Quellen beziehen, ist es kein Wunder, wenn irrationale Bauchentscheide wie die Minarett-Initiative passieren.

    «Die meisten Menschen haben keine Zeit, seitenlange Essays zu lesen. Das ist nicht nötig für die Ausübung der Volksrechte»: Bitte bleiben Sie sachlich. Die seriösen Zeitungen bestehen nicht nur aus langweiligen Essays. Fundierte, attraktiv aufbereitete Artikel, wie sie viele Zeitungen enthalten, sind und bleiben unverzichtbar für eine Meinungsbildung, die nicht auf Ressentiments basiert.

    «Wenn die Zahlungsbereitschaft 0 Franken beträgt, dann schliesst der Ökonom, dass der Wert einer Tageszeitung 0 ist»: Das ist kein logischer Schluss, es ist nur ein Trugschluss. Denn die Zahlungsbereitschaft ist abhängig vom Angebot. Das lernen Wirtschaftsstudenten im ersten Semester. Wenn die Zeitung gratis ist, sinkt die Zahlungsbereitschaft logischerweise. Dass das katastrophale Folgen für die seriösen Zeitungen hat, zeigte Kurt Imhof deutlich.

    «Früher bestand der Anreiz zum Zeitungkauf aus Distinktionsgewinnen sowie aus Wohnungsinseraten und dem Wetterbericht»: Das ist reine Blödelpolemik. Es widerstrebt mir, auf so tiefem Niveau zu diskutieren. Für mich bestand der Anreiz, eine Zeitung zu lesen, schon immer darin, dass die Zeitung mir interessante Informationen und anregende Debatten liefert. Wegen dem Wetterbericht habe ich meine Zeitung nie abonniert.

    «Natürlich gibt es Büezer, die Sternstunde Philosophie schauen»: Vergessen Sie doch mal für einen Augenblick Ihren Büezer. In der Schweiz gibt es sowieso keine Arbeiterklasse mehr, dank der blutsaugerischen Raider wie Rey und Ebner, die Sie zweifellos heiss verehren. Und es gibt auch nicht nur die NZZ. Ein Blatt wie der Tages-Anzeiger bereitet fundierte Informationen so auf, dass sie auch für eine Coiffeuse geniessbar sind.

    «Wenn man eine NZZ-Box neben die 20-Minuten-Box stellen würde, würde die NZZ verlieren»: Woher wollen Sie das denn wissen? Sie können auf ihren pseudowissenschaftlichen Jargon {«aus 1 und 2 folgt xy») verzichten, wenn Sie mit solchen unbewiesenen Behauptungen um sich werfen. Ich würde nicht das dünne Pendlerblättchen nehmen, das eine Beleidigung für meine Intelligenz darstellt. Ich würde die NZZ nehmen.

    «Schliesslich müssten die Leser auch noch dazu gebracht werden, die fundierten Informationen zu konsumieren… ohne autoritäre Methoden scheint mir dies kaum möglich»: Auch hier greifen Sie zu extremen Überzeichnungen… muss das sein? Es geht doch nicht darum, jemanden zu etwas zu zwingen. Es geht darum, das Überleben der seriösen Presse zu ermöglichen – im Interesse der vielen Bürgerinnen und Bürger, die fundierte Informationen wollen. Wer es vorzieht, beim Lesen der Gratiszeitungen zu verblöden, darf das selbstverständlich weiterhin tun.

    «Ich will mein Hobby nicht von Büezern finanzieren lassen»: In einer Demokratie zu leben, ist nur möglich, wenn man diese Staatsform ernst nimmt und fundierte Entscheide trifft, nachdem man sich fundiert informiert hat. Das als «Hobby» zu bezeichnen, ist, ich sags nochmals, abgrundtiefer Zynismus. Sie wissen genau so gut wie ich, was passierte, als die Demokratie 1933 in Deutschland hopps ging. Und wenn Sie, wie Sie sagen, «FROH» sind, dass ein Eckpfeiler der Demokratie wegzubrechen droht, finde ich Ihre Aussage extrem verantwortungslos.

  83. Skepdicker:

    «Es mutet seltsam und schizophren an, wenn ein Student über die “Elite” herzieht, zu der er bald gehören wird.»

    Marx lag eben falsch: Das Sein bestimmt nicht immer das Bewusstsein. Auch das War spielt mit.

    «Wenn die Leute ihre “Informationen” nur noch aus den erwähnten Quellen beziehen, ist es kein Wunder, wenn irrationale Bauchentscheide wie die Minarett-Initiative passieren.»

    Und wer bestimmt, was “irrationale Bauchentscheide” sind? Die Bobby-California-Wahrheitskommission? Der Club Hélvetique? Der Vizepräsident und Chefstratege der SVP? Ein Politbüro? Alle Schweizer mit einem tertiären Abschluss? Die Philosophenkönige? Der Wohlfahrtssausschuss? Der volonté générale? Die Antwort kann in der Demokratie namens Schweiz nur lauten: Die Bürgerinnen und Bürger der Schweiz, die über 18 Jahre alt sind, nicht geisteskrank sind und an der Abstimmung bzw. Wahl teilnehmen. Einen besseren Mechanismus gibt es in einer liberalen Demokratie nicht. Ansonsten müsste man wieder das Zensuswahlrecht einführen oder zu oben genannten autoritären Regierungsformen wechseln. Alles andere als das Mehrheitsprizip ist Anmassung von Wissen durch die selbsternannten Präzeptoren.

    «Fundierte, attraktiv aufbereitete Artikel, wie sie viele Zeitungen enthalten, sind und bleiben unverzichtbar für eine Meinungsbildung, die nicht auf Ressentiments basiert.»

    Nein, finde ich nicht. Sie mögen für die Meinungsbildung dienlich sein, unverzichtbar sind sie nicht. Ich kenne – wie erwähnt – sehr viele Bürger, die keine “fundierte, attraktiv aufbereitete Artikel” lesen und dennoch hervorragend über die Abstimmungsvorlagen informiert sind.

    «Das ist kein logischer Schluss, es ist nur ein Trugschluss. Denn die Zahlungsbereitschaft ist abhängig vom Angebot. Das lernen Wirtschaftsstudenten im ersten Semester.»

    Nein, das ist nicht ganz richtig. Die indviduelle Zahlungsbereitschaft entspricht dem maximalen Preis, den ein Konsument für ein Produkt zahlen würde. Die aggregierten Zahlungsbereitschaften entsprechen der fallenden Nachfragekurve im Marktdiagramm. Wird nun der Preis der NZZ von 3.50 Franken auf 0 Franken gesenkt, dann passiert mit der Nachfragekurve ceteris paribus gar nichts. Denn an den Zahlungsbereitschaften hat sich nichts geändert. Nehmen wir an, die NZZ könnte sich komplett durch Anzeigen finanzieren, verschöbe sich nur die steigende Angebotskurve nach rechts, so dass eine grössere Menge zu einem kleineren Preis (d.h. hier zum Preis = 0) angeboten bzw. nachgefragt würde. Die angebotene bzw. nachgefragte Menge zum Preis 0 entspräche im Gleichgewicht der Sättigungsmenge; die Konsumentenrente wäre maximal. Wollte man nun noch jemanden dazu bewegen, die kostenlose NZZ aus der Box zu nehmen, dann müsste man ihn dafür bezahlen. Oder man könnte ihn mit polizeirechtlichen Methoden dazu zwingen.
    Wenn wir die unrealistische Ceteris-paribus-Klausel aufheben, dann wird Ihr Einwand etwas besser, dass die Gratiszeitungen die Nachfrage nach der NZZ beeinflussten. Allerdings müsste man dann per defintionem annehmen, dass “20 Minuten” ein substitutives Gut für die NZZ sei. Ansonsten hätten die Gratiszeitungen keinerlei Einfluss auf die Nachfrage.

    «Es widerstrebt mir, auf so tiefem Niveau zu diskutieren. Für mich bestand der Anreiz, eine Zeitung zu lesen, schon immer darin, dass die Zeitung mir interessante Informationen und anregende Debatten liefert. Wegen dem Wetterbericht habe ich meine Zeitung nie abonniert.»

    Das glaube ich Ihnen gerne. Mir geht es ja auch so. Deshalb lesen Sie und ich ja weiterhin Bezahlzeitungen. Aber Frau Hugentobler, die sich nur für das Wetter und People-News interessiert, ist mittlerweile auf “20 Minuten” umgestiegen. Und Herr Müller braucht die Sport-Berichte aus der Zeitung nicht mehr, seit er die Zusammenfassungen der Fussballspiele am Morgen auf http://www.sf.tv im Büro ansehen kann. Und Frau Bürgi geht für die Wohnungssuche heute auf http://www.immoscout.ch und kann sich den Kauf einer Zeitung sparen. Das ist natürlich schlecht für die Zeitungen. Und es ist schlecht für Sie und mich, weil wohl die Abo-Preise steigen werden oder schlimmstenfalls viele Titel verschwinden. Aber Hugentoblers, Bürgis und Müllers profitieren, weil sie Sie und mich nicht mehr subventionieren müssen. Wir müssen nun unser Hobby, dem wir gerne einen staatstragenden Anstrich geben, zunehmend aus der eigenen Tasche finanzieren.

    «In der Schweiz gibt es sowieso keine Arbeiterklasse mehr, dank der blugsaugerischen Raider wie Rey und Ebner, die Sie zweifellos heiss verehren.»

    Irrtum, ich kenne sehr viele Menschen aus der Arbeiterklasse. Aber da sich die SP nicht mehr mit denen befassen will (und lieber Jobs bei der Verwaltung und zugewandten Orten schafft), muss ein liberaler Student diesen Arbeitern die Minarett-, Ausschaffungs- und sonstigen Scheiss-Intiativen austreiben. “Blutsaugerische Raider” ist übrigens eine emotionale und nicht sachgerechte Ausdrucksweise und erinnert vom Sprachbild her an den “Stürmer”. (Sie waren übrigens derjenige, der Godwin’s law bestätigte, indem er die Nazis ins Spiel brachte. Siehe unten.)

    «Ein Blatt wie der Tages-Anzeiger bereitet fundierte Informationen so auf, dass sie auch für eine Coiffeuse geniessbar sind.»

    Das glaube ich nicht, Bobby. Ich war (man beachte die Vergangenheitsform) “Bund”-Abonnent, bis er den schockierend schlechten Mantel übernahm. Der “Tagi” besteht heute grösstenteils aus Boulevard für die linke Sickeria und unfundiertem Betroffenheitsjournalismus. Die Coiffeuse ist mit den SDA-Meldungen in “20 Minuten” besser bedient.

    «Ich würde nicht das dünne Pendlerblättchen nehmen, das eine Beleidigung für meine Ingelligenz darstellt. Ich würde die NZZ nehmen.»

    Siehe oben. Sie sind halt nur eine einzige Person des Lesermarktes. Wie sich die Leser entscheiden, kann man ja in der Entwicklung der Leserzahlen nachschauen. Oder eben im Hörsal, wo die NZZ weniger beliebt ist als “20 Minuten”. Oder wollen wir das Experiment einmal zusammen am Bahnhof Zürich druchführen?

    «Es geht darum, das Überleben der seriösen Presse zu ermöglichen – im Interesse der vielen Bürgerinnen und Bürger, die fundierte Informationen wollen.»

    Das Überleben der seriösen Presse lässt sich auch ermöglichen, indem Sie und ich höhere Abo-Preise zahlen. Oder indem Sie als kritischer Bürger zusammen mit dem kritischen Bürger Kurt Imhof nicht Geld für ein Jahrbuch über Medienqualität sammeln, sondern für den Aufbau eines Mediums von hoher Qualität. Dann müssen Sie die Konsumenten nur noch dazu bringen, dieses Medium zu konsumieren…

    Wenn Sie aber Steuergelder oder gar staatlichen Zwang für die Rettung einsetzen wollen, dann müssen Sie zunächst den Nutzen dieser seriösen Presse für die Staatsbürger nachweisen. Ferner müssen Sie nachweisen, dass es keinen effizienteren Weg gibt, diese Nutzen zu stiften. Wenn Sie das nachweisen können, müssen Sie einen Vorschlag einbringen, der politisch Chancen hat. Vielleicht müssen Sie dann einsehen, dass Ihre Meinung bezüglich “Qualität”, “Sachgerechtigkeit”, “Unverzichtbarkeit” etc. nicht überall geteilt wird. Vielleicht wird diese “seriöse Presse” ja nicht ganz so links stehen wie Sie, weil die Mehrheit der Schweizer eher bürgerlich denkt. Würden Sie Weisungen des staatlich eingesetzten Chefredaktors akzeptieren, gefälligst etwas ausgewogener, sachgerechter und weniger emotional über die ALV-Revision zu schreiben? Wie dem auch sei: Dann legen Sie mal Ihre Vorschläge auf den Tisch. Alles andere erinnert mich an die Dragoner-Geschichten meines Grossvaters. Der hielt die Dragoner auch für unverzichtbar. So wie Ueli Maurer neue Kampfflugzeuge für unverzichtbar hält. Nur spielt es in einer liberalen Demokratie keine Rolle, was Ueli Maurer und Sie für unverzichtbar halten. Zuerst müssen Sie die Stimmbürger, das Parlament und/oder den Bundesrat von der Unverzichtbarkeit überzeugen.

    «In einer Demokratie zu leben, ist nur möglich, wenn man diese Staatsform ernst nimmt und fundierte Entscheide trifft, nachdem man sich fundiert informiert hat.»

    Nein, da stimme ich Ihnen nicht zu. Wer sich nicht für die ALV-Revision interessiert, der interessiert sich halt einfach nicht dafür. Da kann man nichts machen. Der Staat hat während der Schulzeit via Staatskundeunterricht die Möglichkeit, seine Bürger zu guten Demokraten zu machen. Danach ist finito, der Bürger ist mündig. Wenn sich jemand nicht für Politik interessiert, dann soll er in einer liberalen Demokratie auch nicht dazu gezwungen werden, sein Stimm- bzw. Wahlrecht auszuüben. Deshalb gibt es abgesehen von Schaffhausen auch keine Stimmpflicht.
    Ich persönlich halte eine Nothelferkurs-Pflicht und eine Organspendepflicht (Ausnahme nur per Opting-Out) für dringlicher.

    «Sie wissen genau so gut wie ich, was passierte, als die Demokratie 1933 in Deutschland hopps ging.»

    Sympathisanten totalitärer Bewegungen wird es immer geben, da helfen weder Antirassismusstrafnormen noch seriöse Zeitungen. Trotzdem waren und sind durchgedrehte Frontisten, Neonazis und Kommunisten in der Schweiz stark marginalisiert. Anders als in Deutschland konnten sich in liberalen Demokratien wie der Schweiz, den USA, Frankreich, den Niederlanden oder Grossbritannien die zwei grossen Totalitarismen Faschismus und Kommunismus bei der breiten Bevölkerung nie recht einnisten. Vielmehr war es in diesen Staaten eher die präzeptorale soziokulturelle Elite, die sich empfänglich für den linken und rechten Totalitarismus zeigte.

    Wer mit dem Böckenförde-Diktum (“Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.”) nicht leben kann, sollte in eine gelenkte Demokratie auswandern oder aus Angst vor dem Tod Suizid begehen.

    «Und wenn Sie, wie Sie sagen, “FROH” sind, dass ein Eckpfeiler der Demokratie wegzubrechen zu droht, finde ich Ihre Aussage extrem verantwortungslos.»

    Sie müssten – wie bereits erwähnt – mich zuerst davon überzeugen, dass die “seriöse Presse” ein Eckpfeiler der Demokratie ist. Das war sie wohl früher, heute finde ich diese Behauptung nicht mehr evident.
    Bevor Sie mich davon nicht überzeugen konnten, bin ich als Staatsbürger froh, dass die unsoziale Subventionierung meines Hobbys endlich ein Ende hat. So wie ich als Staatsbürger froh sein würde, wenn die Opern, Ballette, Schiessstände und FC St. Gallens von denen finanziert würden, die diesen Hobbys frönen.

  84. @Skepdicker: Sehr interessante Beiträge, vielen Dank.

    Ich teile Ihre Ansicht, dass die Demokratie nicht an 20 Minuten und Newsnetz zugrunde gehen wird, und dass es aussichtslos ist, erwachsene Leute zum Lesen von gutem Journalismus erziehen zu wollen.
    Jedoch bin ich überzeugt, dass die Presse eine wichtige Rolle in der Demokratie spielen könnte und sollte, nämlich die Rolle der Aufsicht der Politik durch investigativen Journalismus. Und ich denke, dass man auch die Stimmbürger und Steuerzahler davon überzeugen kann, dass diese Rolle als vierte Macht im Staat eine wichtige ist. Es müsste aber sichergestellt sein, dass die Steuergelder tatsächlich in diese Art Journalismus fliessen.

  85. Skeptiker > «Das Sein bestimmt nicht immer das Bewusstsein. Auch das War spielt mit»: Quatsch. Wer gut verdient und einen gewissen IQ hat, gehört zur Elite, egal, ob er in der Gosse aufgewachsen ist oder am Züriberg. Deshalb ist das Elite-Bashing so scheinheilig, denn auch Exponenten der SVP, die gerne über die Elite herzieht, gehören zur Elite.

    «Und wer bestimmt, was irrationale Bauchentscheide sind»: Es ist für mich klar, dass es ein irrationaler Bauchentscheid ist, wenn man einer Initiative zustimmt, bei der sogar die Urheber sagen, dass sie gar nichts gegen das Objekt haben, um das sich die Initiative dreht (Minarette). Solche irrationalen Entscheide werden wir viel häufiger erleben, wenn sich die Leute nicht mehr fundiert informieren können.

    «Ich kenne sehr viele Bürger, die keine Zeitung lesen und dennoch hervorragend über die Abstimmungsvorlagen informiert sind»: Ich weiss nicht, wer Ihre «sehr vielen Bürger» sind. Es würde mich dann wunder nehmen, woher diese Bürger ihre Informationen beziehen: vermutlich telepathisch direkt vom lieben Gott?

    Spass beiseite: Eine gute Zeitung ist der einzige Ort, wo fundierte Meinungsbildung möglich ist. Der Biertisch bestärkt Vorurteile, die Abstimmungszeitungen der Regierung sind einseitig, 20min enthält zuwenig Informationen usw. Sie können es drehen und wenden, wie Sie es wollen: Ohne Zeitung ist man nicht genügend informiert, man kann es gar nicht sein. Ausser man hat, wie Ihre Freunde, einen direkten Draht zum lieben Gott.

    «Die indviduelle Zahlungsbereitschaft entspricht dem maximalen Preis, den ein Konsument für ein Produkt zahlen würde»: Der Preis ist abhängig von Angebot und Nachfrage, das ist Erststemester-Stoff. Wenns etwas gratis gibt, sinkt die Zahlungsbereitschaft automatisch.

    «Frau Hugentobler, die sich nur für das Wetter und People-News interessiert, ist auf “20 Minuten” umgestiegen»: Who the fuck ist Frau Hugentobler? Ich kenne keine gehirnamputierten Leute, die sich nur für das Wetter und «People-News» interessieren. Nicht mal die Realschulabgänger in meinem Bekanntenkreis sind so stumpfsinnig. Die interessieren sich sehr wohl für Politik, und sie haben deshalb auch eine Tageszeitung abonniert.

    «Unser Hobby, dem wir gerne einen staatstragenden Anstrich geben…» Guter Mann, verstehen Sie denn nicht, dass es nicht um ein Hobby geht? Es geht um die Frage, wie wir unser Land gestalten, warum bezeichnen Sie das so despektierlich als Hobby? Das Recht auf Selbstbestimmung haben sich unsere Ahnen bitter erkämpft… es ist geschmacklos, dass Sie das als «Hobby» abtun. Wenn noch mehr Leute finden, Demokratie sei ein verzichtbares «Hobby», dann ist es bald vorbei mit der Demokratie.

    «Blutsaugerische Raider ist eine emotionale und nicht sachgerechte Ausdrucksweise»: Keineswegs. Raider haben unsere einstmals blühende Industrie ausgesaugt, die Arbeiter auf die Strasse gestellt und die Immobilien verscherbelt. Das ist ein parasitäres Verhalten.

    «Die Coiffeuse ist mit den SDA-Meldungen in “20 Minuten” besser bedient als mit dem Tages-Anzeiger»: Das ist einmal mehr reine Polemik, es ist mir zu blöd, darauf einzugehen.

    «Vielleicht wird diese “seriöse Presse” ja nicht ganz so links stehen wie Sie»: Links? Die NZZ ist links? Die Basler Zeitung ist links? Die Berner Zeitung, der Tages-Anzeiger (mit Co-CR Eisenhut), diese Zeitungen sollen links sein? Diese Definition geht nur auf, wenn man alle Meinungen als «links» definiert, ausser derjenigen der PNOS.

    «Wer sich nicht für die ALV-Revision interessiert, der interessiert sich halt einfach nicht dafür. Da kann man nichts machen»: Einverstanden. Aber darum gehts nicht. Es geht darum, die Information der vielen Bürger zu gewährleisten, die sich für Politik interessieren.

    «Sympathisanten totalitärer Bewegungen wird es immer geben, da helfen weder Antirassismusstrafnormen noch seriöse Zeitungen»: Soziologen haben gezeigt, dass das nicht stimmt. Franz Neumann fand heraus, dass das deutsche Volk «das am wenigsten antisemitische» ist. Das Volk wurde aufgehetzt von Leuten, die daran ein Interesse hatten.

  86. Skepdicker:

    «Wer gut verdient und einen gewissen IQ hat, gehört zur Elite, egal, ob er in der Gosse aufgewachsen ist oder am Züriberg.»

    Nein, wenn Sie den Geschmack und die veröffentlichte Meinung der Elite nicht teilen, dann gehören Sie nie zur Elite.

    «Es ist für mich klar, dass es ein irrationaler Bauchentscheid ist, wenn man einer Initiative zustimmt, bei der sogar die Urheber sagen, dass sie gar nichts gegen das Objekt haben, um das sich die Initiative dreht (Minarette).»

    Anscheinend halten es viele Menschen für rational, ein Zeichen zu setzen bzw. Symbolpolitik zu betreiben. So hielten es die Stimmbürger halt für richtig, ein islamisches Türmchen zu verbieten. So halten es die Genossen immer wieder für richtig, die Internationale zu singen und die Forderung nach der Abschaffung des Kapitalismus ins Parteiprogramm zu schreiben. Oder Peter Vollmer hielt es für richtig, Erich Honecker die Aufwartung zu machen. So what? Unsere Demokratie hat schon viele Fehlentscheide erlebt.
    Aber ich kenne Ihre präzeptorale Haltung mittlerweile: irrational, emotional, nicht sachgerecht, nicht objektiv sind immer die anderen.

    «Der Preis ist abhängig von Angebot und Nachfrage, das ist Erststemester-Stoff. Wenns etwas gratis gibt, sinkt die Zahlungsbereitschaft automatisch.»

    Nein, die Zahlungsbereitschaft und die Nachfrage bleiben gleich, nur die nachgefragte Menge verändert sich. Wenn Ursula maximal 1.50 Franken für eine Zeitung zahlen würde (Zahlungsbereitschaft) und der Preis einer Zeitung 2.50 beträgt (Marktpreis), dann kauft sie sich keine Zeitung. Fällt der Marktpreis auf 0.00 Franken, bleibt die Zahlungsbereitschaft von Ursula weiterhin bei 1.50 Franken. Weil sie aber nur 0.00 Franken “zahlen” muss, erzielt sie eine Konsumentenrente von 1.50 Franken (Zahlungsbereitschaft minus Marktpreis). Vor der Einführung der Gratiszeitungen hätte sie gar keine Zeitung gelesen. Nun liest sie eine Zeitung.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Konsumentenrente

    «Es würde mich dann wunder nehmen, woher diese Bürger ihre Informationen beziehen: vermutlich telepathisch direkt vom lieben Gott?»

    Fernsehen, Parteiparolen, persönliche Gespräche, “20 Minuten”, Radio, Abstimmungsbüchlein, Bauchgefühl.

    «Der Biertisch bestärkt Vorurteile, die Abstimmungszeitungen der Regierung sind einseitig, 20min enthält zuwenig Informationen usw. Sie können es drehen und wenden, wie Sie es wollen: Ohne Zeitung ist man nicht genügend informiert, man kann es gar nicht sein.»

    An den Biertischen, die ich kenne, wird sehr fundiert und kontrovers diskutiert. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Denn ein Bürger hat nicht die PFLICHT, sich “fundiert” zu informieren. Er hat das RECHT, politisch zu partizipieren. Die Bedingungen zur politischen Partizipation werden nicht von Präzeptor Bobby gemacht, sondern von der Bundesverfassung. Ein Bürger hat laut Bundesverfassung das Recht, mit einem Münzenwurf zu entscheiden, ob er eine Initiative annimmt oder ablehnt. Hätte er das nicht, stünde es in der Bundesverfassung. Sind Sie etwa ein Gegner des Rechtsstaates, der Bundesverfassung und haben keinen Respekt vor unseren Institutionen?

    Desinteresse an Politik bzw. Ignoranz eines Teils der Wähler gehört zu einer Demokratie. Will man diese bekämpfen, gibt dafür bereits zahlreiche Mittel: Staatskundeunterricht, staatliche Websites, staatliche Aufklärungsheftli, staatliche Radioprogramme, staatliche Fernsehprogramme, Jugendparlemente, moralische Aufrufe am 1. August. Braucht es wirklich noch mehr?

    «Ich kenne keine gehirnamputierten Leute, die sich nur für das Wetter und «People-News» interessieren.»

    Das sind nicht gehirnamputierte Leute. Die kriegen sicher nicht den Bobby-California-Orden für 1A informierte Staatsbürger, einverstanden. Aber sie spenden vielleicht regelmässig Blut, sind bei der freiwilligen Feuerwehr oder helfen beim Skilager. Nochmals: Ohne polizeirechtliche Methoden werden Sie nie erreichen, dass sich alle mündigen CH-Bürger für Politik informieren und sich “fundiert” damit befassen. Politische Ignoranz kann übrigens auch rational sein.

    «Es geht um die Frage, wie wir unser Land gestalten, warum bezeichnen Sie das so despektierlich als Hobby?»

    Laut Wikipedia bezeichnet ein Hobby “im Gegensatz zu Arbeit eine Tätigkeit, der man sich nicht aus Notwendigkeit, sondern freiwillig und aus Interesse, Faszination oder sogar Leidenschaft unterzieht.” Laut der geltenden Verfassung ist politische Partizipation freiwillig. Da die Teilnahme an einer Wahl oder Abstimmung eigentlich irrational ist, muss es die Lust, Leidenschaft und/oder Spass sein, die zur Partizipation führen. Natürlich kann man diesem Hobby auch eine staatspolitische Bedeutung zuschreiben. Die Schützen halten ihre Schiessstände ja auch für unverzichtbar für unseren Staat. Wer will schon, dass sein Hobby nur ein Hobby ist…

    «Wenn noch mehr Leute finden, Demokratie sei ein verzichtbares “Hobby”, dann ist es bald vorbei mit der Demokratie.»

    Nein, glaube ich nicht. Ob die Stimmbeteiligung wie in Schaffhausen dank Stimmzwang eher 65% beträgt oder eher 45%, ist für die Demokratie nicht sehr wichtig. Untersuchungen aus dem Kanton Schaffhausen zeigen zudem, dass die unteren Schichten sich auch durch den Stimmzwang nicht zu mehr politischer Partizipation verleiten lassen. Aus Ihrer Sicht wäre das ohnehin eine Katastrophe. Denn die untere Schicht wählt überproportional die böseste Partei aller Zeiten und ist eher ausländerfeindlich eingestellt.
    Das Überleben unserer Demokratie hängt sicher nicht von ein paar Zeitungen ab, die ohnehin primär diejenigen lesen, die sich – erstens – ihre Meinungen eh schon gemacht haben und – zweitens – ohnehin schon gut informiert sind. Ich nehme beispielsweise nicht an, dass 10’000 Stunden Lektüre fundierter NZZ-Artikel Sie je dazu bringen würden, die ALV-Revision anzunehmen. Die Parteiparolen der linken Parteien und die Meinung ihrer Peers reichten vollkommen aus, damit Sie sich eine fundierte Meinung bilden konnte.

    «Keineswegs. Raider haben unsere einstmals blühende Industrie ausgesaugt, die Arbeiter auf die Strasse gestellt und die Immobilien verscherbelt. Das ist ein parasitäres Verhalten.»

    Aha. Das ist also die Sprache derjenigen, die gerne den Stil der SVP kritisieren und den Populismus-Alarm auslösen. Das ist wahrlich nicht emotional, objektiv, ausgewogen, sachgerecht und auf der Makroebene angesiedelt. Gratulation zu diesem beispielhaften Stück fundierter Information und Medienqualität!

    «Links? Die NZZ ist links? Die Basler Zeitung ist links? Die Berner Zeitung, der Tages-Anzeiger (mit Co-CR Eisenhut), diese Zeitungen sollen links sein?»

    Nein, diese Zeitungen stehen nicht links. Das habe ich nie behauptet. Ich behaupte, dass Sie ein Problem damit hätten, bei einer staatlichen Zeitung ausgewogen über die ALV-Revision zu schreiben. Weil Sie Qualität, Fundiertheit, Rationalität mit Ihrer politischen Haltung gleichsetzen – und somit ähnliche Denkstrukturen aufweisen wie Doktor B. und seine Jünger.

    «Franz Neumann fand heraus, dass das deutsche Volk “das am wenigsten antisemitische” ist.»

    Und wo ist jetzt das Argument bzw. der Zusammenhang mit unserer Diskussion? Dass wenn es mehr Zeitungen gegeben hätte, Hitler nie an die Macht gekommen wäre? Come on! In der Weimarer Republik gab es 3’356 Tageszeitungen, davon 147 in Berlin. Was nützte es?
    In der Schweiz lobte sogar die “Tagwacht” 1943 Mussolini für seine “persönliche Sauberkeit”, “Tatkraft”, “eminenten Fähigkeiten” und bezeichnete ihn als “politisches Genie”.

    «Das Volk wurde aufgehetzt von Leuten, die daran ein Interesse hatten.»

    Einverstanden. Deshalb sollten Sie statt für Geld aus Pflichtgefühl die Wahrheit verkünden. Schliesslich haben alle anderen Interessen. Sie hingegen sind ein altruistisches Wesen. Bitte retten Sie mit Ihrer spitzen Feder die Demokratie vor den Volksverhetzern, o edler Bobby! Vive la résistance!

  87. Skepdicker:

    @ Bobby:
    Bitte den letzten Abschnitt wieder aus Ihrem Gedächtnis streichen. Da sind die Pferde mit mir durchgegangen. Ich nehme Ihnen Ihr Engagement für die Demokratie ab.

    Enschuldigen Sie.

  88. Kurt Imhof:

    Es ist schade, dass eine Debatte zur Frage der Bedingungen liberaler Demokratien im systematischen Ignorieren der Argumentation der Gegenseite ertrinkt. So vertritt etwa Bobby California keineswegs die Position, dass die Bürgerinnen und Bürger permanent politisiert sein müssen (diese Frage wurde weiter oben längst diskutiert). Das hindert Skepticker nicht wiederholt das Gegenteil zu unterstellen. Das bringt doch nichts und verstösst wie die Sophistereien bezüglich des von schlechthin niemandem bezweifelten Einflusses des Gratisangebots für die Bezahlmedien gegen rudimentäre Regeln von Auseinandersetzungen. Verliebtheit in die eigene Rhethorik schärft das Argument nicht und lässt die Argumentationsteilnehmer bloss resignieren. Und das ist schade, denn die Auseinandersetzung windet sich nun mühsam um eine Einsicht, der ebenfalls niemand widerspricht: Demokratie lebt von der Auseinandersetzung, die Qualität dieser Auseinandersetzung beeinflusst die Qualität der Entscheide. Dabei spielen die Vermittlungsleistungen der Medien eine zentrale Rolle. Direkt über die Qualität der Berichterstattung und indirekt über die Nachrichtenwertorientierung des politischen Personals.

  89. Skepdicker:

    @ Kurt Imhof:
    Was nichts bringt, welche Argumente sophistisch sind, welche Seite Argumente ignoriert etc., können Sie dank den Sanktionsmöglichkeiten Ihre sozialen Rolle im Hörsaal bestimmen. Im anonymen Internet zieht diese Masche leider oder zum Glück – je nach Position – nicht. Ich bitte Sie deshalb, das professorale Verteilen von Noten einzustellen und auf meine Argumente einzugehen. Das Gegenteil wäre emotional, nicht sachgerecht und nicht ausgewogen. Vielen Dank.

    «So vertritt etwa Bobby California keineswegs die Position, dass die Bürgerinnen und Bürger permanent politisiert sein müssen (diese Frage wurde weiter oben längst diskutiert).»

    Wenn er die Tatsache bezweifelt, dass es Leute gibt, die in Zeitungen nur People-News und das Wetter lesen, dann ist das eine deskriptiv falsche Behauptung. Wenn er solche Leute auch noch als “gehirnamputiert” bezeichnet, dann vertritt er die (normative) Position, dass sich die Bürger mit Politik befassen MÜSSTEN. Oder warum bezeichnet er solche Menschen, die es in der Realität gibt, faktenwidrig (fragen Sie einen Neurologen) als “gehirnamputiert”?

    «Das bringt doch nichts und verstösst wie die Sophistereien bezüglich des von schlechthin niemandem bezweifelten Einflusses des Gratisangebots für die Bezahlmedien gegen rudimentäre Regeln von Auseinandersetzungen.»

    Der Unterschied zwischen Nachfrage und nachgefragter Menge ist nicht sophistisch, sondern wesentlich. Wenn man die Grundlagen der Mikro-Sophistik verstanden hat, dann erkennt man, dass Gratiszeitungen die Konsumentenrente erhöhen. Das ist gut für den souveränen Konsumenten, der von der Bezahlzeitung auf die Gratiszeitung umsteigen kann oder sich erstmals eine Zeitung “leistet”. Natürlich ist das gleichzeitig schlecht für die Bezahlzeitungen; das Gegenteil habe ich nie behauptet. Nur handelt es sich dabei um einen wünschenswerten Vorgang (pekuniärer externer Effekt), der die Wohlfahrt der Gesellschaft im Sinne der Mikro-Sophistik erhöht.

    Wenn Sie seriös argumentieren wollen (statt Zensuren zu verteilen), dann bleiben Ihnen ohnehin nur zwei Pfade:

    Pfad 1: Sie zeigen auf, dass die in der Mikro-Sophistik unterstellte Konsumentensouveränität blödsinnig ist, weil die Leute (ausser Sie) zu blöd sind, um zu wissen, was für sie gut ist.

    Die Lösungen für dieses vermeintliche oder tatsächliche Problem sind ziemlich degoutant: eine Art Zensuswahlrecht (höhere Gewichtung der Stimmen von Akademikern oder Zeitungsabonnenten); die Stimme zählt nur, wenn ein den Abstimmungsvorlagen beigelegtes Quiz korrekt beantwortet wurde; eine abzulegende Prüfung, die die Teilnahme an Abstimmungen erlaubt.

    Pfad 2: Sie zeigen auf, dass Tageszeitungen von hoher Qualität zu positiven externen Effekten führen.

    Wenn wir annehmen, dass die Lektüre von Tageszeitungen tatsächlich wesentliche positive Externalitäten verursacht (was ich bezweifle, aber nicht belegen kann), dann müssten wir zwei Dinge prüfen:

    1. Gibt es nicht effizientere Wege, die durch die Zeitungslektüre entstandenen externen Nutzen zu generieren (Staatskundeunterricht, Verbesserung des staatlichen Radio- und TV-Programms, Internet-Plattformen)?

    2. Wie würde sich die tatsächliche Leserzahl entwickeln (und welche Artikel würden gelesen), wenn die Tageszeitungen von hoher Qualität mittels Subventionen massiv verbilligt würden? Aus empirischen Beobachtungen (Gratis-NZZ vs “20 Minuten” an der Uni, Klickraten auf Newsnetz) schliesse ich, dass die Tageszeitungen von hoher Qualität nicht viel mehr gelesen würden – insbesondere nicht nicht emotionale, sachgerechte und ausgewogene Artikel zu politischen oder wirtschaftlichen Themen. Da mir kein Forschungsteam zur Seite steht, kann ich meine These leider nicht seriös prüfen. Aber Sie könnten ja mit Ihrem Team testen, ob eine Gratis-NZZ am Hauptbahnhof Zürich das Wissen der Bürger bezüglich ALV-Revision siginifikant erhöhen würde. Und ob das hochgerechnet auf die Schweiz zu einem siginifikant anderen Abstimmungsresultat führen würde.

    «Dabei spielen die Vermittlungsleistungen der Medien eine zentrale Rolle. Direkt über die Qualität der Berichterstattung und indirekt über die Nachrichtenwertorientierung des politischen Personals.»

    Ja, die Medien mit ihrer Informations-, Meinungsbildungs- und Kontrollfunktion spielen sicher eine zentrale Rolle. Das bestreite ich nicht. Ich bestreite aber, dass die BEZAHLPRESSE in der HEUTIGEN FORM in Zukunft noch eine zentrale Rolle spielen wird. Diese Funktionen werden andere Medien übernehmen. Ich bestreite weiter, dass Sie und Ihr Team beurteilen können, welche Pressetitel den oben erwähnten Funktionen gerecht werden. Sie hätten sich darauf beschränken können, die Fakten in den Artikeln zu checken. Das haben Sie aber nicht getan. Ihre Einteilung in Kategorien wie “emotional”, “sachgerecht” oder “ausgewogen” beruhte auf normativen Positionen. Diese Einteilung ist nicht wiederholbar bzw. intersubjektiv überprüfbar, weil Ihre normativen Position keinem wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Konsens entsprechen.

    Wie bereits einmal erwähnt: Ich danke Ihnen trotz der offensichtlichen Uneinigkeit aufrichtig für den sachlich gehaltenen Teil Ihrer Entgegnung (mir ist bewusst, dass ich mit dieser Anmerkung im Glashaus sitze…). Die Diskussion führt aber nicht nur bei Ihnen zu Resignation, sondern auch bei mir. Wenn ich etwas Zeit finde, werde ich meine Einwände wissenschaftlich formulieren und Ihre Arbeit damit konfrontieren. Die Gefahr, dass diese Diskussion zu einer verbalen Keilerei eskaliert, erscheint mir zu gross. Schliesslich ist Ihre geringe Neigung, abweichende normative Positionen zu akzeptieren sowie gültige Gegenargumente als solche zu würdigen, bei der Studentenschaft legendär… ;-)

  90. Kurt Imhof > Danke für die Unterstützung. Tatsächlich versuchte ich schon mehrmals, dem Skeptiker klar zu machen, dass es nicht darum geht, jemanden zur Urne zu zwingen. Sondern dass es darum geht, die Bürger, die sich für Politik interessieren, mit fundierten Informationen zu versorgen. Doch der Skeptiker will es partout nicht hören…

    Skeptiker > «Wenn Sie den Geschmack und die veröffentlichte Meinung der Elite nicht teilen, dann gehören Sie nie zur Elite»: Was ist denn der Geschmack der Elite? Kommen Sie mir nicht mit der Oper, das ist seit 50 Jahren vorbei. Die politische Meinung der Elite war früher stramm rechtsbürgerlich, sie ist heute vielfältiger, und das ist gut so.

    «Ich kenne Ihre Haltung: irrational sind immer die anderen»: Sie kennen gar nichts. Sie werfen nur mit haltlosen Unterstellungen um sich. Tatsache ist: Irrationales Verhalten findet sich überall. Auch die SP sagte Ja zur Komplementärmedizin, das war hochgradig irrational.

    «Vor der Einführung der Gratiszeitungen hätte Susi gar keine Zeitung gelesen»: Auch das ist eine reine Behauptung, die ganz offensichtlich einen schwachen Bezug zur Realität hat.

    Die Kanäle, die Sie erwähnen, genügen nie und nimmer für die Meinungsbildung:

    – Das Fernsehen ist ein Unterhaltungsmedium mit geringer Informationsdichte;
    - Parteiparolen sind, wie es der Name sagt, parteiisch;
    - persönliche Gespräche geben nur einen extrem begrenzten Ausschnitt der Realität wider;
    - 20 Minuten enthält Informationen nur in homöopathischer Dosis;
    - Radiosendungen gehen zum einen Ohr rein, zum andern raus;
    - Abstimmungsbüchlein enthalten keine unabhängigen Recherchen;
    - Bauchgefühl: wenn Sie das als «Informationsquelle» erwähnen, erübrigt sich ein Kommentar meinerseits.

    «Nochmals: Ohne polizeirechtliche Methoden werden Sie nie erreichen, dass sich alle mündigen CH-Bürger für Politik informieren»: Nochmals: darum geht es nicht (siehe oben).

    «Die Schützen halten ihre Schiessstände ja auch für unverzichtbar für unseren Staat»: An diesem Punkt können wir die Diskussion getrost abbrechen. Offenbar geht es Ihnen nur noch darum, ein bisschen herumzublödeln und möglichst lärmig zu polemisieren. Viel Spass, das können Sie auch ohne meine Mitwirkung machen.

    «Bitte den letzten Abschnitt wieder aus Ihrem Gedächtnis streichen»: Weil ich ein grosszügiger Mensch bin, streiche ich Ihr Gesamtwerk aus meinem Gedächtnis.

  91. Skepdicker:

    «Was ist denn der Geschmack der Elite?»

    Es ist einfacher zu definieren, was nicht dem Geschmack der soziokulturellen Elite entspricht. Der leider verstorbene Dietrich Schwanitz hat in seinem Bestseller “Bildung” Wissen aufgezählt, das man besser verheimlicht, wenn man in der Konversation mit einem Angehörigen der Elite nicht negativ auffallen will: z.B. Wissen über europäische Fürstenhäuser, das Fernsehprogramm (v.a. Pöbel-Talkshows, Reality-TV, Soaps, Schlagersendungen – “Arte” ist natürlich erlaubt), Wissen aus der Regenbogenpresse, zu zu vertieftes Sport-Wissen.

    Bourdieu ist übrigens zeitlos. Nur weil die heutige Elite gerne Pullover oder ungekämmte Haare trägt, heisst das noch lange nicht, dass es keine elitären Geschmack oder Code mehr gibt. Goethe, Schiller, Bach wurden einfach durch Adorno, Derrida, Rolling Stones und – pardoxerweise – Bourdieu ersetzt. Die gesellschaftliche Guillotine ist aber noch immer in Betrieb: Oder kennen Sie einen Soziologie- oder Politologieprofessor, der öffentlich die SVP verteidigen würde? An den meisten Fakultäten begehen Sie ja schon sozialen Suizid, wenn Sie sich nicht dem linken Lager zurechnen.

    «Auch die SP sagte Ja zur Komplementärmedizin, das war hochgradig irrational.»

    Nein, das war hochgradig rational. Viele Impfgegner, Homöopathie-Fans, Hadystrahlungophobe und Kaiserschnitt-Hysterikerinnen wählen SP oder Grüne. Für eine Partei ist es oftmals hochgradig rational, das hochgradig Irrationale zu befürworten. Das gilt nicht nur für die böseste Partei aller Zeiten, die wir ja alle igitt finden (soziale Erwünschtheit lässt grüssen), sondern auch für die liebste Partei aller Zeiten und ihre kleine Zwillingsschwester.

    «Auch das ist eine reine Behauptung, die ganz offensichtlich einen schwachen Bezug zur Realität hat.»

    Meine Einstiegsdroge im Gymi war “20 Minuten”. Von meinen Bekannten unter 25 Jahren liest niemand Bezahlpresse (Ausnahmen: “Annabelle”, “Spiegel”, “Weltwoche”, “Tagi-Magi” und diese seltsamen Heftchen mit Schmink-, Sex- und Mode-Tipps), jedoch fast alle ÖV-Benutzer “20 Minuten”.
    Und nochmals die mirko-sophistische Argumentation, die leider nicht von der Hand zu weisen ist und auf die Sie nicht eingegangen sind: Wenn Susis maximale Zahlungsbereitschaft für eine Zeitung 0.50 Franken beträgt, dann wird Sie keine Zeitung lesen, sofern die billigste Zeitung für 2.50 zu haben ist. Wenn es aber eine Gratiszeitung gibt, wird sie eine Zeitung lesen (und eine Konsumentenrente von 0,50 Franken realisieren).

    Natürlich sind nicht alle Leser von Gratiszeitungen Menschen, die bei der Nicht-Existenz von Gratiszeitungen gar keine Bezahlzeitung gekauft hätten. Bei einem beträchtlichen Teil der Leser muss es sich aber um solche handeln (sagen zumindest die Grundlagen des Mikro-Sophismus). Diejenigen Leser, welche von den Bezahlzeitungen zu den Gratiszeitungen wanderten, können zudem nicht typischerweise diejenigen sein, die sich für nicht emotionale, sachgerechte und ausgewogene Artikel zu wirtschaftlichen oder politischen Themen sonderlich interessieren. Denn die Presse von hoher Qualität ist ihnen nicht einmal das Äquivalent von 70 Päckchen Zigaretten pro Jahr wert. Wäre ihnen die Qualität einer NZZ mehr wert als 1.40 Franken pro Tag, dann würden Sie nämlich die NZZ einer Gratiszeitung vorziehen. Diese Argumentation ist meines Erachtens stichhaltig und ich lasse mich erst vom Gegenteil überzeugen, wenn sie mit Argumenten widerlegt wurde.

    «Die Kanäle, die Sie erwähnen, genügen nie und nimmer für die Meinungsbildung.»

    Ich persönlich bin der Meinung, dass 99.9% der Stimmbürger und 97% der Akademiker keinen Plan haben, wie eine Pensionskasse genau funktioniert. Trotzdem stimmten wir kürzlich über den Umwandlungssatz ab. Praktisch alle, die von Versicherungsmathematik, Demografie und Volkswirtschaftslehre etwas verstehen, unterstützten die Senkung. Trotzdem stimmte die Mehrheit der Nicht-Versicherungsmathematiker, Nicht-Demografen und Nicht-Ökonomen aus Überzeugung oder Eigeninteresse gegen die Senkung. So what? That’s democracy!
    Einverstanden, das haben Sie ja auch nicht negiert. Nun handelt es sich bei Informationen zu einer Abstimmungsvorlage oftmals um Vertrauensgüter, bei denen man sich – wie bei anderen Vertrauensgütern auch – für die Entscheidung auf Informationssubstitute (wie z.B. eben Parteiparolen, Arena-Diskussionen, Experten-Meinungen oder kurze Artikel in “20 Minuten”) verlassen kann oder muss. Denn auch die beste Zeitung kann ihren Lesern keine Versicherungsmathematik beibrigen. Und wenn sie es könnte, dann würden die Artikel, die dies bezweckten, eh nicht gelesen. Und selbst Soziologieprofessoren würden Sie als Sophisterei abtun, weil es ja schliesslich um soziale Gerechtigkeit gehe und nicht um Zahlen… ;-)

    Zudem bezweilfe ich generell, dass es so etwas wie “unabhängige Recherche”, “unparteiische Information” etc. gibt. Es gibt sicher Journalisten, die sich darum bemühen. Wenn ich aber die Positionen von politisch mehr oder weniger klar positionierten Erzeugnissen wie der “WoZ”, der NZZ und der “Weltwoche” (igitt!) zu einer Abstimmung gelesen habe, dann kenne ich die Pros und Kontras. Die Scheinobjektivität von im Mainstream angesiedelten Zeitungen geht hingegen eher in Richtung gewollte oder ungewollte Manipulation. Ich würde mir beispielsweise wünschen, dass sich der Tagi wieder etwas emotionaler, weniger sachgerecht, weniger augewogen und klarer links positionieren würde. Meines Erachtens würde ein solcher Tagi seine Funktion als Teil der vierten Gewalt besser gerecht. Ein solcher Tagi würde aber eine professorale Schelte kassieren.

    «An diesem Punkt können wir die Diskussion getrost abbrechen. Offenbar geht es Ihnen nur noch darum, ein bisschen herumzublödeln und möglichst lärmig zu polemisieren.»

    Schützen finden durchaus, dass ihre Schiessanlangen für die bewaffnete Neutralität (welche in Schützenkreisen kaum hinterfragt wird) und die Sicherheit der Schweiz unverzichtbar seien. Dass Sie das für eine Blödelei halten, liegt offenbar daran, dass die Schützen in der soziokulturellen Elite der urbanen Regionen keine Lobby haben. Die Argumentation ist strukturell der Ihrigen aber sehr ähnlich. Und Sie dürften mit Ihren Sorgen um die Demokratie in Folge einer serbelnden Bezahlpresse in den ländlichen Gegenden etwa so viel Verständnis finden, wie Sie den Schützen entgegen bringen.

    Ich denke auch, dass die Diskussion nichts mehr bringt. Ich bleibe dabei, dass diejenigen, die staatliche Unterstützung für sich einfordern, diese Subventionen im politischen Prozess sehr gut begründen müssen. Gelingt diese Begründung nicht, werden viele Hobby-Staatsbürger (wie z.B. ich) diesen Rentseeking-Versuch politisch bekämpfen.

    Abschliessend möchte ich Ihnen dennoch für die engagierte und doch relativ zivilisierte Diskussion danken. Sie haben mich zwar als Anhänger blutsaugerischer Spekulanten dargestellt, aber immerhin nicht als Nazi beschimpft. Das ist bei Online-Diskussionen relativ selten.

    Bis zum nächsten Gefecht…

  92. Jonathan Elmer:

    Die schlechte Verfassung der Medien in der Schweiz zeigt sich alleine schon daran, dass sie alle über Imhofs Käse berichtet haben.

  93. Skepdicker:

    Letzter Nachtrag:
    In einem hypothetischen Artikel schreibt ein Journalist, dass ein namentlich genannter CEO bei Annahme der ALV-Revision weniger als 0,6% ihres Lohnes an die ALV abliefern müssten. Unterschlagen wird im Artikel jedoch die Tatsache, dass nur bis zu 126’000 Franken versichert sind. Unterschlagen wird ausserdem, dass sich daran auch mit einem Nein nicht viel ändern würde.

    Ich behaupte: Ein eher linker Medienwissenschaftler wird den Artikel als nicht personaliserend, nicht emotional und eher sachgerecht kategorisieren. Die unterschlagenen Fakten werden ihn nicht gross stören, die nackte Zahl kann man mit etwas Phantasie ja gelten lassen.
    Ein eher konservativer oder liberaler Medienwissenschaftler wird den Artikel hingegen als personalisierend, emotional und eher nicht sachgerecht kategorisieren. Für ihn werden wesentliche Fakten verschwiegen, die beim Leser zu einem falschen Bild führen.

    Ich behaupte also weiter: Die gemessene Medienqualität hängt wesentlich vom menschlichen Messinstrument ab. Ob das Messinstrument Prof. Kurt Imhof oder Prof. Norbert Bolz heisst, hat wesentlichen Einfluss auf das Forschungsergebnis.

  94. @Skepdicker: Kann man irgendwo mehr von Ihnen lesen (ausser in Blogkommentaren)? Macht süchtig!

  95. Ich stimme @David zu, von @Skepdicker müsste es definitiv mehr zu lesen geben. Schon mal an ein eigenes Blog gedacht? http://skepdicker.wordpress.com/ ist noch frei – ich helfe gerne beim Einrichten!

  96. Skepdicker:

    @ David:
    Danke für dieses schöne Kompliment, David!

    Nein, von mir kann man nirgends mehr lesen. Könnte ich mich nicht hinter einem Pseudonym verstecken, hätte das in Zeiten von Google negative Konsequenzen für Beruf und Studium.

  97. Skepdicker:

    @ Ronnie Grob:
    Herzlichen Dank für Ihr Angebot, mir beim Blog-Einrichten zu helfen. Ich werde es mir ernsthaft überlegen.

  98. Der eine erfindet immer irrwitzigere Syllogismen. Der zweite sagt, er sei süchtig nach den Syllogismen. Der dritte anerbietet sich, ein Blog einzurichten… ich glaub, ich bin im falschen Film. Die endlosen Wortfluten, die David und Skeptiker hier entfesseln, sind längst zum Selbstzweck geworden. Ich weiss schon lange nicht mehr, was uns der Skeptiker mit all seinen imaginären Susis, Ursulas und Frau Hugentoblers sagen will. Der Beifall der Internet-Sektierer, die glauben, auf Zeitungen verzichten zu können, ist ihm dennoch gewiss. Mit einer Diskussion haben diese atemlosen Wortkaskaden nichts mehr zu tun.

    Ach, war das eine schöne Zeit, als es noch kein Internet gab… als Leute wie Skeptiker, Ronnie und David ihren Neid auf die Journalisten noch in sich hinein fressen mussten, weil sie ihn noch nicht im Internet loswerden konnten.

  99. Skepdicker:

    @ Bobby California:
    Sie haben meinen “irrwitzigen” Syllogismen auf der sachlichen Ebene anscheinend nichts entgegenzusetzen, wenn Sie nur noch Hohn und Spott im Köcher haben.

    Was finden Sie an meiner These denn irrwitzig?

    1. Dass durch das Auftauchen von Gratiszeitungen nicht wenige Menschen, die aufgrund mangelnder individueller Zahlungsbereitschaft bisher gar keine Zeitung kauften bzw. lasen, nun eine Zeitung lesen? Dafür habe ich empirische und theoretisch-mikroökonomische Belege angeführt. Wenn Sie mich falsifizieren können, dann falsifizieren Sie mich doch. Ich bin zwar ein Rechthaber, aber kein Dogmatiker.

    2. Oder dass für jemanden, der von der NZZ (vom Tagi) zur Gratispresse wechselte, der Qualitätsjournalismus der NZZ (des Tagi) einen Nutzen von 1.40 Franken (1.00 Franken) pro Jahr nicht überseigt?

    Oder verstehen Sie die Argumente generell nicht, was ich eigentlich durch “atemlose Wortkaskaden” verhindern wollte?

    «Ach, war das eine schöne Zeit, als es noch kein Internet gab… als Leute wie Skeptiker, Ronnie und David ihren Neid auf die Journalisten noch in sich hinein fressen mussten, weil sie ihn noch nicht im Internet loswerden konnten.»

    Ja, für die selbsternannten Präzeptoren und den Feinden einer offenen Gesellschaft war die Zeit vor dem Internet in der Tat schön. Damals konnte man noch mittels sozialer Sanktionen (oder der Androhung selbiger) einen Studenten zum Schweigen bringen, wenn er unbotmässige Kritik an den Positionen der soziokulturelle Elite wagte.

    Es trifft hingegen zu, dass ich Sie um Ihre Arbeit als Journalist teilweise beneide. Umso unverständlicher, dass Sie für einen Berufsstand, der Neid erweckt, nun auch noch staatliche Krücken fordern (oder zumindest am Fundament für diese Forderung bauen). Wenn es trotz relativ schlechter Entlöhnung, Stress und eher schlechter Zukunftsaussichten keinen journalistischen Nachwuchsmangel gibt, dann kann der Journalismus ja nicht so schlecht dran sein, dass er die hohle Hand vor dem Steuerzahler machen muss. Die positiven Aspekte des Berufes überwiegen anscheinend die negativen Aspekte. Ansonsten hätten wir das, was man in der Ökonomie Fehlallokation der Produktionsfaktoren nennt. Sollte dies der Fall sein, dann müssten einige Journalisten halt in die PR-Branche oder einen anderen Beruf wechseln.

  100. Skepdicker:

    Korrektur:
    Unter 2. sollte es natürlich heissen:
    Oder dass für jemanden, der von der NZZ (vom Tagi) zur Gratispresse wechselte, der Qualitätsjournalismus der NZZ (des Tagi) einen Nutzen von 1.40 Franken (1.00 Franken) pro Tag nicht überseigt?

  101. Skeptiker > «Sie haben meinen Syllogismen anscheinend nichts entgegenzusetzen»: Doch, ich habe Ihnen extrem viel entgegenzusetzen. Und ich würde es auch aufschreiben, wenn ich arbeitslos wäre. Da ich noch ganz viel Wichtigeres zu tun habe, verzichte ich darauf.

    Nur ein Muster, das deutlich macht, wie Sie mit Ihrem unermüdlichen Hakenschlagen jeden Versuch einer ernsthaften Diskussion ad absurdum führen:

    1. Ich schrieb irgendwo weit oben, die Annahme der Minarett-Initiative sei ein irrationaler Entscheid gewesen.

    2. Sie warfen mir vor, irrationales Verhalten nur bei der SVP zu kritisieren.

    3. Ich widerlegte dies, indem ich ein Beispiel für irrationales Verhalten bei der SP erwähnte: die Ja-Parole zur Komplementärmedizin.

    4. Und was macht der Skeptiker: Er argumentiert, die Ja-Parole der SP sei «hochgradig rational» gewesen… Help!!

    Wenn Sie solche sinnlosen Hakenschläge vollführen, verliere ich die Lust am Diskutieren schlagartig. Irgendwann wird es vermutlich dann auch Kurt Imhof zu blöd, Ihnen noch zu antworten. Sie sollten sich aber nicht beklagen über «Hohn und Spott», wenn Sie versuchen, Ihre Diskussionspartner für blöd zu verkaufen.

    Ihre sogenannten «empirischen und theoretisch-mikroökonomische Belege» können Sie sich sonstwohin stecken. Das waren keine «Belege», es war nur warme Luft. «Uschi Hugentubel würde keine NZZ kaufen, wenn es 20Minuten nicht gäbe… usw… blabla…» Halten Sie mich für völlig bekloppt?

    Noch ein Beispiel für Ihren Hyper-Stuss: «Wenn es keinen Nachwuchsmangel gibt, dann kann der Journalismus ja nicht so schlecht dran sein»: Das ist einfach nur utter nonsense. Der Beruf ist spannend, deshalb gibts keinen Nachwuchsmangel. Das hat nichts damit zu tun und ändert nichts daran, dass die Ertragslage immer schlechter wird… Jedem Kindergärtler ist das sonnenklar. Dem Wirtschaftsstudenten Skeptiker muss man sowas erklären…

  102. Skepdicker:

    @ Bobby California:

    Es ist schade, dass Sie meine Aussagen inhaltlich verfälschen. Ich warf Ihnen nicht vor, Irrationalität nur bei der SVP zu suchen. Ich warf Ihnen ganz allgemein vor, dass Sie Irrationalität, Subjektivität etc. nur bei anderen suchen. Wenn Sie eine einzelne Position, bei der Sie zufälligerweise nicht mit der SP einverstanden sind, als irrational bezeichnen, dann bestätigt dies meinen Vorwurf.
    Zudem entgegnete ich, dass auf den ersten Blick irrationale politische Positionen auf den zweiten Blick sehr wohl rational sein können. Symbolpolitik war ein Stichwort – Wählermaximierung bzw. Durchsetzung der Interessen der Wähler das andere. Symbolpolitik und Wählermaximierung betreiben ausnahmslos alle Parteien. Die Mitteparteien etwas weniger, die Polparteien etwas mehr.
    Aber lassen wir das. Das ist sowieso nicht meine Hauptthese.

    Meine Hauptthese lautet nach wie vor (und dazu würden mich Ihre Argumente interessieren):
    Viele Menschen, die ansonsten gar keine Zeitung läsen, lesen heute Gratiszeitungen. Diejenigen, die von Bezahlzeitungen auf Gratiszeitungen umgestiegen sind, messen einer Gratiszeitung wie dem Tagi maximal einen Nutzen von 1.00 Franken pro Tag zu (ansonsten abonnieren sie eine Bezahlzeitung). Würde man die Bezahlzeitungen massiv subventionieren, so dass diese ebenfalls gratis angeboten werden könnten, würden qualitativ hochstehende Artikel nicht markant mehr gelesen. Denn diejenigen, die hochstehenden Artikeln einen grossen Wert beimessen, müssten laut obiger Logik bereits jetzt Bezahlzeitungsleser sein. Dies wird durch meine – natürlich nicht repräsentative – Beobachtung gestützt, dass sich selbst die grosse Mehrheit der Studenten mit “20 Minuten” begnügt, obwohl die NZZ und der “Bund” gratis verteilt werden.

    Aus obigem folgt, dass es zwei Möglichkeiten gibt, die Bürger zum Lesen von qualitativ hochstehenden Artikeln zu bewegen:

    1. Mehr oder weniger sanfte Bevormundung der mündigen Bürger.

    2. Die politischen Entscheidungsträger davon überzeugen, dass sog. Qualitätsmedien markante positive Externalitäten aufweisen. Und im gleichen Schritt aufzeigen, dass die Effekte dieser positiven Externalitäten nicht effizienter durch alternative Methoden (besseres Programm der audiovisuellen Staatsmedien, mehr oder besserer Staatskundeunterricht, mehr oder bessere Informationen im Internet) erreicht werden können.
    Denn es ist zwar einfach, jemanden zum Kauf einer Qualitätszeitung zu bewegen (z.B. mit Steuerabzügen, welche die Abo-Kosten übersteigen). Aber das Pferd muss nicht nur zur Tränke geführt werden, es muss auch saufen (d.h. die Käufer müssten die Qualitätszeitungen dann auch lesen). Säuft das Pferd nicht, ist der Untergang der Demokratie, vor dem wir angeblich unmittelbar stehen, nicht abgewendet.

    «Der Beruf ist spannend, deshalb gibts keinen Nachwuchsmangel.Das hat nichts damit zu tun und ändert nichts daran, dass die Ertragslage immer schlechter wird…»

    Ich habe ja explizit geschrieben, dass die Zukunftsaussichten für Journalisten relativ mies sind. Das gilt aber auch für Schweizer Tauchlehrer in Pattaya. Solange trotz schlechter Aussichten noch derart viele junge Schweizer ans MAZ pilgern oder in Pattaya Tauchschulen gründen, müssen die positiven Aspekte (Spass, Nähe zur Macht, intellektuelle Befriedigung, Sonne, Strand) die negativen Aspekte (Entlöhnung, Arbeitsplatzunsicherheit) überwiegen. Ich gehe davon aus, dass Qualitätsjournalisten nicht weniger mündig sind als Tauchlehrer. Letztere tragen die Konsequenzen ihrer Berufswahl und müssen bei Misserfolg eventuell wieder im alten Beruf (z.B. Automechaniker) arbeiten. Bis die Qualitätsjournalisten und ihre Unterstützer nicht hieb- und stichfest belegen konnten, warum sie im Gegensatz zu den Tauchlehrern staatliche Unterstützung verdienen (und dass es keine effizientere Alternative gibt), werde ich mich als Hobby-Politiker bzw. Staatsbürger dagegen wehren.

  103. Skeptiker > «Wenn Sie eine einzelne Position der SP als irrational bezeichnen, dann bestätigt dies meinen Vorwurf»: Quatsch mit Sosse. Ich habe auch nur EINE EINZELNE Position der Rechtskonservativen als irrational bezeichnet. Unterstellen Sie mir nicht Zeugs, das ich nie gesagt habe. Das ist sehr unfair.

    «Symbolpolitik und Wählermaximierung betreiben alle Parteien»: Nochmals Quatsch mit Sosse. Die SP hat nie eine Initiative lanciert, die auf etwas anderes abzielte, als der Initiativtext vorgaukelte.

    «Würde man die Bezahlzeitungen massiv subventionieren, so dass diese ebenfalls gratis angeboten werden könnten, usw»: Diesen Unsinn werde ich sicher nicht kommentieren. Niemand, der bei Trost ist, verlangt so etwas.

    «Wie kann man die Bürger zum Lesen von qualitativ hochstehenden Artikeln bewegen»: HALLOOOOO!! Lesen Sie überhaupt, was ich geschrieben habe? Ich sagte schon hundert mal: es geht NICHT darum, jemand zum Lesen zu zwingen. Sondern es geht DARUM, das Überleben der Qualitätszeitungen zu ermöglichen, damit DIEJENIGEN Bürger weiterhin mit Informationen versorgt werden, die das wollen… Wenn Sie konstant am Thema vorbei plaudern, ist die Diskussion sinnlos!

    Ich habe auch besseres zu tun, als jemandem die Bedeutung der Zeitungen für die Demokratie zu erklären, der glaubt, das Bauchgefühl, Biertische und Kaffeesatzlesen seien ein Ersatz für Zeitungen. Ich glaube nicht, dass Sie ausserhalb des Medienspiegels viele Verbündete für Ihren verbissenen Kampf gegen Qualitätszeitungen finden. Nicht mal die SVP argumentiert so realitätsfern und so irrational wie Sie.

  104. Skepdicker:

    «Die SP hat nie eine Initiative lanciert, die auf etwas anderes abzielte, als der Initiativtext vorgaukelte.»

    Ja, sicher. Und der Stuhlgang von Sozialdemokraten riecht nach Rosenblättern…

    «Diesen Unsinn werde ich sicher nicht kommentieren. Niemand, der bei Trost ist, verlangt so etwas.»

    Ich habe nirgends behauptet, jemand wolle die Qualitätspresse durch staatliche Subventionen gratis machen. Ich habe lediglich in einem idealtypischen Gedankenmodell demonstriert, dass selbst im Falle massivster Subventionen kaum mehr nicht emotionale, sachgerechte und ausgewogene Aritkel über Politik oder Wirtschaft gelesen würden.

    «HALLOOOOO!! Lesen Sie überhaupt, was ich geschrieben habe? Ich sagte schon hundert mal: es geht NICHT darum, jemand zum Lesen zu zwingen. Sondern es geht DARUM, das Überleben der Qualitätszeitungen zu ermöglichen, damit DIEJENIGEN Bürger weiterhin mit Informationen versorgt werden, die das wollen…»

    Wem Qualitätsjournalismus in Papierform etwas wert ist, der bekommt ihn für weniger als 1.00 Franken pro Tag. Studenten zahlen dank Rabattsystemen sogar wesentlich weniger (oder gar nichts, wenn sie sich mit der Bibliothek begnügen). Wenn niemand mehr bereit ist, für Qualitätszeitungen ein paar Franken auf den Tisch zu legen, dann besteht offensichtlich keine Nachfrage mehr danach.
    Dies ist zum Glück nicht der Fall, viele Zeitungen schreiben trotz Krise weiterhin schwarze Zahlen. Die Economist Group schreibt sogar beeindruckend schwarze Zahlen.
    Schliesslich gilt es noch anzumerken, dass die meisten Lesser der Qualitätspresse relativ hohe Einkommen erzielen. Die Qualitätspresse wird meines Erachtens nicht um eine Erhöhung der Abo-Preise herumkommen.

    Was wir momentan bei der Presse erleben, ist ein klassischer Strukturwandel. Wenn Kurt Imhof behauptet, dass die Qualitätsmedien in corpore gefährdet seien (was ich bezweifle), dann lässt sich daraus logisch eine Gefährdung der Demokratie ableiten. Soweit bin ich einverstanden.

    Wenn hingegen die Konsumenten von der klassischen Tageszeitung auf die zahlreichen Subsitute umsteigen, dann sehe ich darin keine Gefahr für die Demokratie. Die Eisenbahn setzte zwar der Postkutsche ein Ende, nicht aber der Mobilität. Und solange es Qualität in Internet, TV, Gratiszeitungen, Radio und Presetiteln, die sich den neuen Bedürfnissenen anpassen, gibt, sehe ich die Demokratie nicht in Gefahr. In Gefahr sind lediglich Unternehmen, die nicht auf die Konsumentenwünsche eingehen bzw. ihre Ressourcen lieber für Rentseeking verschwenden. Das ist schade für die Arbeitsplätze und das Geld der Aktionäre. Es legitimiert aber keine Privilegien gegenüber anderen Branchen.

    «Ich glaube nicht, dass Sie ausserhalb des Medienspiegels viele Verbündete für Ihren verbissenen Kampf gegen Qualitätszeitungen finden.»

    Ich führe keinen “verbissenen Kampf gegen Qualitätszeitungen”. Immerhin wandert das Äquivalent einer Monatsmiete von mir zur Qualitätspresse. Die “WoZ” hatte ich früher sogar aus rein philantropischen Gründen abonniert.
    Ich bin kein Feind der Qualitätspresse, sondern ein Feind der Verschwendung von Steuergeldern.

  105. «Die Eisenbahn setzte zwar der Postkutsche ein Ende, nicht aber der Mobilität»: Hör mal Junge: Die Eisenbahn hat die Mobilität massiv verbessert und verbilligt. Das können Sie nicht mit der Entwicklung von den Zeitungen zum Internet vergleichen. Das Internet hat die Information nicht verbessert, sondern massiv verschlechtert, und auch nicht verbilligt (man muss auch die Kosten der Hard- und Software in die Rechnung einbeziehen).

    Dass die Qualität der Presse akut gefährdet ist, liegt auf der Hand, nachdem hunderte von Journalisten entlassen wurden. Die Subventionierung der Presse wäre auf keinen Fall eine Geldverschwendung, denn man könnte damit spannende und beglückende Arbeitsplätze schaffen. Das war nicht der Fall, als man dem parasitären Bankensystem Milliarden nachwarf.

    Aber warum versuche ich das jemandem zu erklären, der glaubt, man könne sich im Internet genau so fundiert informieren wie mit einer Tageszeitung? Fragt sich, warum die Uni Leute aufnimmt und ausbildet, die nicht in der Lage sind, den Unterschied des Informationsgehalts von Bezahlzeitungen, Gratiszeitungen, Fernsehen, Internet und Biertischen zu erkennen. DAS nenne ich Verschwendung von Steuergeldern.

  106. Skepdicker:

    «Die Subventionierung der Presse wäre auf keinen Fall eine Geldverschwendung, denn man könnte damit spannende und beglückende Arbeitsplätze schaffen.»

    So argumentierten wahrscheinlich auch die Kutscher. Und Brockhaus.

    «Das Internet hat die Information nicht verbessert, sondern massiv verschlechtert, und auch nicht verbilligt (man muss auch die Kosten der Hard- und Software in die Rechnung einbeziehen).»

    Dieser Vergleich hinkt etwas gar stark. Mit Zeitungspapier kann ich keine Mails verschicken, keine Statistiken erstellen und auswerten, keine Filme schauen, keine Musik hören, keine Bilder bearbeiten, keine Uni-Arbeiten verfassen, keine Briefe schreiben und keine Applikationen programmieren.
    Welches Argument kommt als nächstes? Dass das Internet Delirium furiosum verursache?

    «Dass die Qualität der Presse akut gefährdet ist, liegt auf der Hand, nachdem hunderte von Journalisten entlassen wurden.»

    Das ist ein gesamtwirtschaftlich wünschenswerter Prozess, den Schumpeter “schöpferische Zerstörung” nannte. Wenn Sie ein Produkt oder eine Dienstleistung anbieten, die zum bisherigen Preis niemand mehr kaufen will, dann sind Kostensenkungen (z.B. eben durch Stellenabbau) oder gar eine Schliessung des Unternehmens die logische Konsequenz. Das ist für die Shareholder und Mitarbeiter des Unternehmens zwar tragisch, sozial aber wünschenswert sowie effizient, weil das Produkt ansonsten die Gesellschaft mehr kosten würde als es Nutzen stiftet. Letzteres nennt man Verschwendung oder Zerstörung von Wohlfahrt.
    Es gibt aber auch immer wieder Beispiele von Unternehmen, die gestärkt aus einem Strukturwandel hervorgehen. The Economist ist ein Beispiel dafür, dass man mit qualitativ hochstehendem Journalismus wirtschaftlich erfolgreich sein kann.
    (Es brauchte ziemliche Überwindung, hier Frau Hugentobeler aus dem Spiel zu lassen. Aber ich bin schliesslich ein netter Mensch…)

    «Das war nicht der Fall, als man dem parasitären Bankensystem Milliarden nachwarf.»

    Dem Bankensystem hat man nicht Milliarden nachgeworfen, um beglückende Arbeitsstellen zu erhalten. Es ging darum, eine unvorstellbare Depression abzuwenden. Sie müssen sich verstärkt mit der Marko- bzw. Meso-Ebene befassen und ihre Emotionalität zügeln. (Nebenbernerkung: Nach den “Blutsaugern” gesellen sich nun also auch noch die “Parasiten” dazu… Sind Sie Zoologe? Oder hat es einen anderen Grund, dass Sie gerne in der Rhetorik-Mottenkiste totalitärer Bewegungen wühlen?).
    Auf der Website des HEP-Verlages können Sie zu dieser Thematik übrigens (gratis!) ein 78-Seiten-Dokument von Prof. Aymo Brunetti downloaden, das auch für Laien verständlich ist: http://www.hep-verlag.ch/course/view.php?id=1064.

    «Fragt sich, warum die Uni Leute aufnimmt und ausbildet, die nicht in der Lage sind, den Unterschied des Informationsgehalts von Bezahlzeitungen, Gratiszeitungen, Fernsehen, Internet und Biertischen zu erkennen. DAS nenne ich Verschwendung von Steuergeldern.»

    Da haben Sie nicht unrecht. Ich habe regelmässig ein schlechtes Gewissen wegen den lächerlich tiefen Studiengebühren und meiner Subvention durch die Unter- und Mittelschicht. Ich bin dennoch der Meinung, dass der Informationsgehalt von Goethes “Faust” unabhängig davon ist, ob ich ihn auf gutenberg.spiegel.de, einem Amazon Kindle, als Reclam-Ausgabe oder als Retro-Edel-Hardcover-Buch lese.

    PS: Bitte entschuldigen Sie meine Ausdauer. Bald wird mein Zeitfenster wieder geschlossen sein, dann können Sie hier wieder stets das Schlusswort haben… ;-)

  107. «So argumentierten wahrscheinlich auch die Kutscher»: Kann sein, aber die Kutscher nützten der Bevölkerung nach dem Aufkommen der Eisenbahn nichts mehr. Die Journalisten sind hingegen nach wie vor unersetzlich.

    «Mit Zeitungspapier kann ich keine Mails verschicken, keine Filme schauen…»: Hallooo, ich sprach von INFORMATION, verstehen Sie?! Und zwar im Sinn von politischer Information, so wie es dem Inhalt dieses Threads entspricht. Filmli gucken kann man heute prima. Aber dennoch ist die abonnierte Zeitung immer noch das Medium, das mit Abstand die fundiertesten Informationen zum politischen Geschehen enthält. Und die Zeitung können Sie eben nicht im Internet gratis angucken, jedenfalls nicht in der gleichen Qualität. Das Newsnetz enthält nicht die gleichen Texte wie die Printausgabe des Tages-Anzeiger… muss man das Ihnen wirklich noch erklären? Ihr Faust-Vergleich ist sinnlos – weil die Gratis-Angebote im Internet eben nicht den gleichen Inhalt bieten wie die Qualitätszeitung.

    Und wenn Sie es als «wünschenswert» erachten, dass die Bevölkerung immer schlechter informiert ist, dann muss ich Ihnen eben einmal mehr Zynismus vorwerfen. Herr Schrumpfpeter hin oder her: Die Zerstörung der Qualitätszeitungen ist keine “schöpferische Zerstörung”, sondern eine grosse Katastrophe. Die Leidtragenden sind wir alle.

    Aber auch zu diesem Kommentar werden Ihnen zweifellos ein paar spassige zynische Bemerkungen einfallen. Ich freu mich darauf, dass Ihr «Zeitfenster» bald zu geht, und hoffe, dass es lange zu bleibt. Noch nie war eine Diskussion hier so mühsam und so unergiebig.

  108. Skepdicker:

    «Hallooo, ich sprach von INFORMATION, verstehen Sie?! Und zwar im Sinn von politischer Information, so wie es dem Inhalt dieses Threads entspricht.»

    Guten Tag auch Ihnen. Wieso rechnen Sie dann unzulässigerweise die Kosten für Software und Hardware den Kosten der via Internet aufgenommenen INFORMATION zu? Das ist Schwachsinn. Es handelt sich dabei ganz offensichtlich um sunk costs (irreversible Kosten, die eh schon bezahlt wurden).

    «Und die Zeitung können Sie eben nicht im Internet gratis angucken, jedenfalls nicht in der gleichen Qualität.»

    Sie können sich zu fast jedem Thema im Internet umfassend, gratis und fundiert informieren. It’s the Medienkompetenz, stupid! Obwohl ich persönlich momentan die Papierzeitung nicht missen möchte (solange die Reader noch nicht komfortabler sind), hat das Internet eben auch – ausser von Ihnen – unbestrittene Qualitäten: direkte Links auf weiterführende Artikel oder Quellen, animierte bzw. klickbare Info-Grafiken, Feedback-Möglichkeiten oder Volltextsuche.
    Aber ich will mich hier gar nicht auf eine Diskussion einlassen, weil ich zugegebenermassen ein Papier-Liebhaber bin. Da ich kein Präzeptor oder Philsophenkönig bin, will ich mein Verständnis von Qualität aber niemandem aufzwingen. Die aggregierten Entscheidungen der Individuen werden sich in den Leserzahlen bzw. Erfolgsrechnungen der Tageszeitungen niederschlagen.

    «Und wenn Sie es als “wünschenswert” erachten, dass die Bevölkerung immer schlechter informiert ist, dann muss ich Ihnen eben einmal mehr Zynismus vorwerfen.»

    Bravo, dieser Vorwurf ist gar nicht so falsch. Es heisst aber Kynismus, nicht Zynismus.
    Dass die Bevölkerung immer schlechter informiert sei, ist eine unbelegte Behauptung. Prof. Armingeon, Politologe an der Uni Bern, behauptet meines Wissens das pure Gegenteil: politisches Wissen sowie politisches Interesse hätten nicht abgenommen.

    Und auch wenn Ihre Behauptung tatsächlich wahr wäre: Ich hielte es trotzdem für wünschenswert, dass ein Produkt, das zu Wohlfahrtsverlusten führt (weil dessen Produktion mehr kostet, als jemand dafür zu zahlen bereit ist), von der Bildfläche verschwindet. Anders sähe es – wie bereits erwähnt – aus, wenn Sie plausibel positive Externalitäten ins Spiel bringen könnten. Dann würden Subventionen eventuell zu einer Wohlfahrsteigerung führen. Sie müssten aber – wie ebenfalls bereits erwähnt – zusätzlich aufzeigen, dass es keine effizientere Methode gäbe, die Bevölkerung zu informieren.

    «Noch nie war eine Diskussion hier so mühsam und so unergiebig.»

    Sie scheinen die Mühe zu lieben. Jetzt geht mir ein Licht auf: Sie sind ein Anhänger des Sisyphismus.

  109. «Wieso rechnen Sie unzulässigerweise die Kosten für Software und Hardware den Kosten der Information zu»: Wieso «unzulässigerweise»? Lernt man an der Uni so rechnen? Ihre seltsame Rechenmethode ist sicher später nützlich zum Bilanzen frisieren und Steuern hinterziehen… Spass beiseite: Sie müssen die Kosten ja wohl anteilmässig verteilen. Wenn ich so rechnen würde wie Sie, könnte ich sagen: Ich habe das Zeitungsabo eh schon bezahlt, es sind irreversible Kosten für Distinktion und fürs Ausstopfen der nassen Schuhe. Also ist das Zeitungsabo gratis! Har Har ;-)

    «Sie können sich zu fast jedem Thema im Internet umfassend, gratis und fundiert informieren»: Eben nicht! Ich habe in meinem Blog gezeigt, warum man sich im Internet NICHT zuverlässig informieren kann. Kurz zusammengefasst gibt es vier Probleme: 1. die Information ist oft von wirtschaftlichen Interessen beeinflusst; 2. die Information ist oft veraltet; 3. die Qualität ist oft mangelhaft; 4. der Anwendungskomfort ist miserabel.

    «It’s the Medienkompetenz, stupid»: Im Internet nützt die beste Medienkompetenz nichts. Weil auch der kompetenteste User oft nicht erkennen kann, ob eine Quelle aktuell, unabhängig und qualitativ hochstehend ist (siehe oben). Wenn man es doch versuchen will, wird es zum Full-Time-Job.

    «Da ich kein Präzeptor bin»: Sie haben ein kurioses Vokabular. Zuviel Römerfilme im Internet geguckt? Das klingt so römisch: Praeceptor Gaius Skepticus ;-)

  110. Es ist zum Verzweifeln: Die dummen Leute geben mehr Geld aus für anwendungsfeindliche, veraltete, schlechte PR, dabei könnten sie hochstehenden, neutralen, angenehm aufbereiteten Journalismus in praktischer Form zu einem günstigeren Preis haben. Einfach unfassbar, diese dummen Leute. Es ist nur gerecht, dass der Staat die Medien für die Dummheit der Leute entschädigt, schliesslich können sie nichts dafür.

  111. Mrs Hu:

    Herr Imhof. Bleiben Sie bei Ihrer Aussage “Befürchtungen, dass das, was öffentlich ist, nicht wahrgenommen wird, müssen wir uns nicht machen.”?
    (Von: Kurt imhof am 21.08.10 14:35)

  112. Kurt Imhof:

    @Mrs Hu. Ja. Wenn es keine Öffentlichkeit mehr gäbe, wäre auch unsere Rede von “Gesellschaft” obsolet, ohnehin diejenige von Demokratie. Erst die Öffentlichkeit macht aus der Gemeinschaft (Dorfgemeinschaften, ethnischen Gemeinschaften, Clans, Stämmen) eine Gesellschaft anonymer Bürgerinnen und Bürger, die im Rechtsstaat den Status des Souveräns innehaben. Ohne Öffentlichkeit könnten Ordnungsprobleme nicht entdeckt werden, die politischen Institutionen hätten keine Geltung (Legitimität), sie könnten nicht kontrolliert werden und der Souverän könnte sich mitsamt seinem Herrschaftsbereich im eigentlichen Sinn des Wortes nicht wahrnehmen.

  113. Mrs Hu:

    @Kurt Imhof. Danke für die Differenzierung resp. Erweiterung. Ich musste über Ihre Antwort nachdenken, da meine Frage sich v.a. auch auf die bisherige Diskussion bezog – dieser kleine Teil der Öffentlichkeit.

    Handelt es sich beim Thema “Qualität der Medien” denn um ein Ordnungsproblem? Und ist die Kommunikation der im System “Medien” tätigen Individuen eher systemrelevant als anderswo?

  114. Kurt Imhof:

    @Mrs Hu. Zu Ihrer Frage: “Handelt es sich beim Thema “Qualität der Medien” denn um ein Ordnungsproblem? Und ist die Kommunikation der im System “Medien” tätigen Individuen eher systemrelevant als anderswo?
    Ja und Ja. Die Öffentlichkeit (unter Einschluss des Parlaments) ist der politische Raum, in dem Ordnungsprobleme verhandelt, Definitionsmacht aufgebaut sowie Meinungs- und Entscheidungsbildungsprozesse ausgelöst werden. Wenn die Qualität der öffentlichen Kommunikation sinkt dann sinkt auch die Qualität der Meinungs- und Entscheidungsbildungsprozesse mitsamt der Auswahl der Ordnungsprobleme, die einer Lösung zugeführt werden sollen.

    Die in den Medien tätigen Individuen und die Strukturen, in denen sie tätig sind, spielen hier eine wichtige Rolle. Aber nicht nur diese Individuen, weil die Medienlogiken massgeblich darüber entscheiden, welche Ordnungsprobleme Resonanz erhalten und wie sich die gesellschaftspolitisch relevanten Akteure zu Wort melden können. Die sich wechselseitig beobachtenden Medien bilden die Arenen in denen diejenigen, die auftreten können, wissen, dass sie von allen anderen, die auch auftreten wollen, beobachten werden und dass auch die interessierten Bürgerinnen und Bürger an dieser Beobachtung teilnehmen. Das politische, ökonomische etc. Personal beobachtet sich selbst im Wissen um die Beobachtung aller anderen. Das charakterisiert öffentliche Kommunikation und die Medien spielen hier die Rolle des “Torwarts”, der Themen und Meinungen zulässt oder nicht, und die zugangswilligen Beobachter bobachten die Medien und lernen daraus wie sie sich Zugang zur Arena verschaffen können. Wenn nun die Qualität der Medien sinkt, dann verändert sich auch die Auswahl und die Präsentation von Themen und Meinungen.

  115. Mrs Hu:

    @Kurt Imhof. Systeme, Strukturen, (Medien-)Logiken: diese werden durch kommunikatives Verhalten aufrecht erhalten und veränderungsresistent gehalten. Gehen Sie darin mit mir einig? Falls ja, wie soll Veränderung vor sich gehen? Falls nein, dann was?

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