Jahrbuch 2010 zur Qualität der Schweizer Medien

Heute Freitag ist die erste Ausgabe des Jahrbuchs «Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera», herausgegeben vom Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich, der Öffentlichkeit vorgestellt worden – mit einem «insgesamt ernüchternden Befund», wie es in der Medienmitteilung (PDF) heisst:

    «Im einstigen ‹Presseland Schweiz› verlieren die in publizistischer Hinsicht zentralen Abonnementszeitungen bezüglich Auflagen, Nutzung und Einnahmen deutlich an Terrain und die redaktionellen Ressourcen schwinden. Gleichzeitig hat die Gratiskultur mit den Onlinemedien und den Pendlerzeitungen auf Seiten der Konsumenten das Kostenbewusstsein für professionellen Journalismus zerstört. Dies unterminiert die Qualität der Informationsmedien, befördert den Konzentrationsprozess, schwächt das Berufsprestige und erhöht die Unzufriedenheit unter den Journalisten.»

Ganz im Sinne der «Gratiskultur» ist die Studie online frei zugänglich. Mein bisheriger Lieblingssatz (fett hervorgehoben):

    «Die Kaufpresse steckt in einer grundsätzlichen Finanzierungskrise und die Nutzung von Gratiszeitungen und Onlinemedien wird im Vergleich zu Presse, Radio und Fernsehen weiter zunehmen, da vor allem die jüngeren Alterskohorten zwischen 15 und 35 in einer qualitätsschwachen Gratiskultur sozialisiert wurden. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass in Zukunft die Bedeutung gerade derjenigen Typen und Gattungen weiter zunehmen wird, die bereits heute schon weniger zur Qualität beitragen [Hervorhebung M.H.].»

Um die Lektüre des Jahrbuchs wird man als «Watchblogger» wohl nicht herumkommen.

Update, 14. August 2010: Im Zusammenhang mit dem düsteren Befund des Jahrbuchs habe ich mich soeben wieder an Clay Shirkys Essay «Newspapers and Thinking the Unthinkable» erinnert, wo es u.a. heisst:

    «Round and round this goes, with the people committed to saving newspapers demanding to know ‹If the old model is broken, what will work in its place?› To which the answer is: Nothing. Nothing will work. There is no general model for newspapers to replace the one the internet just broke. […]

    That is what real revolutions are like. The old stuff gets broken faster than the new stuff is put in its place [Hervorhebung M.H.]. […] Agreements on all sides that core institutions must be protected are rendered meaningless by the very people doing the agreeing. (Luther and the Church both insisted, for years, that whatever else happened, no one was talking about a schism.) Ancient social bargains, once disrupted, can neither be mended nor quickly replaced, since any such bargain takes decades to solidify.

    And so it is today. When someone demands to know how we are going to replace newspapers, they are really demanding to be told that we are not living through a revolution. They are demanding to be told that old systems won’t break before new systems are in place. They are demanding to be told that ancient social bargains aren’t in peril, that core institutions will be spared, that new methods of spreading information will improve previous practice rather than upending it. They are demanding to be lied to. […]

    Society doesn’t need newspapers. What we need is journalism. For a century, the imperatives to strengthen journalism and to strengthen newspapers have been so tightly wound as to be indistinguishable. That’s been a fine accident to have, but when that accident stops, as it is stopping before our eyes, we’re going to need lots of other ways to strengthen journalism instead.

    When we shift our attention from ‹save newspapers› to ‹save society›, the imperative changes from ‹preserve the current institutions› to ‹do whatever works.› And what works today isn’t the same as what used to work.»

Update: Die Debatte geht hier weiter.

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

27 Bemerkungen zu «Jahrbuch 2010 zur Qualität der Schweizer Medien»

  1. Ich finde es gut, dass die Studie online frei verfügbar ist, Gratiskultur hin oder her. Gibt es nicht schon genügend Studien und Forschungen, die ungelesen irgendwo in den Regalen modern?

    So kann man wenigstens darüber reden. Forschung kann doch nur einen Sinn machen, wenn die Ergebnisse öffentlich gemacht werden. Und öffentlich, das heisst heute und vor allem morgen: Im Internet frei und permanent zugänglich.

  2. Fred David:

    @) Ronnie Grob: Es sind nur Vorwort und zusammenfassende Befunde im Internet verfügbar. Für den grossen Rest werden, wie ich finde, sinnlose Hürden, aufgebaut: Man muss ein E-mail-senden, dann wird geprüft und erst dann kann man Kapitel für Kapitel abrufen, das dann, Kapitel für Kapitel, gemailt wird. Warum so kompliziert?

    Hallooo , Herr Imhof, bitte vereinfachen! Alles ins Netz, und wer will, holt sich, was er braucht. Ohne Sicherheitscheck.

  3. Kurt Imhof:

    @Fred David. Hallo Fred David. Es ist alles im Netz (http://www.qualitaet-der-medien.ch). Nur: Man kann es nicht einfach direkt runterladen. Und: Nach sechs Wochen kommt dann das E-Book. Wir wollen die Tantiemen für die Forschung.

  4. Amüsante «Diskussion»: Wir wollen alles gratis und wir wollen es jetzt. Wenn ein Ronnie Grob das sagt, ist es nicht überraschend. Wenn ein gestandener Journalist wie Fred David in den Gratis-Chor einstimmt, erstaunt es mich schon eher. Vor allem, wenn es um eine wissenschaftliche Arbeit geht, in der die Schäden der Gratis-Un-Kultur klar benannt werden.

    Bei allen anderen Gütern und Dienstleistungen ist es klar, dass Qualität einen Preis hat. Ronnie und Fred würden sich nie getrauen, zu fordern, dass sie ihre Currywurst bzw. Olmabratwurst gratis kriegen. Nur bei geistigen Leistungen soll alles gratis sein. Wer die geistige Arbeit finanziert, interessiert niemanden.

    Diese Gratis-Hysterie läuft auf eine Geringschätzung der geistigen Arbeit hinaus.

  5. Fred David:

    @) Danke für die Info, Kurt Imhof.

    Es geht mir nicht ums „gratis“, sondern um die möglichst einfache und rasche Handhabung. Text im Netz gegen angemessenen Obulus via Credit card. Schwupp und weg.

    Aber ich nehm natürlich auch ein paar Umwege in Kauf, wenn es sich lohnt, was hier der Fall ist.

    @) Bobby California: Es geht hier ausnahmesweis nicht um gute gegen böse Welt, oder umgekehrt. Einfach um Pragmatisches.

  6. Fred David:

    …wobei die Print-Version CFR 98.- kosten wird und die Hoffnung doch akut keimt, dass das e-book entsprechend günstiger zu haben sein sollte. Oder irre ich mich da?

  7. @Bobby: Sollen wir dir ein wenig flattern, damit die Un-Kultur nicht für umsonst ist?

  8. selbstverständlich müsste diese studie kostenlos ins netz gestellt werden. die zu erwartenden tantiemen für ein ebook dürften im vergleich zum gesamtbudget nicht wirklich entscheidend sein. dagegen ist die staatspolitische bedeutung dieser studie wichtig genug, dass man sie allen interessierten bürgern kostenlos zugänglich machen sollte.

    mit gratiskultur hat das nichts zu tun. die uni zürich ist ja nicht gratis, sondern wird vom volk alimentiert. und die stifter in der stiftung, die das projekt finanziert haben, sollten ja ein interesse daran haben, dass die resultate für alle zugänglich sind. schliesslich haben sie ein staatspolitisches anliegen. hoffentlich.

  9. «Es geht hier ausnahmsweise nicht um gute gegen böse Welt»: Nach den Meldungen der Gratisfans bin ich mir da nicht so sicher (zugegeben: Fred gehört nicht dazu, er will nur einen Rabatt herausschinden).

    Dass die Gratisfans die Fakten durcheinander bringen, erstaunt nicht, wenn man die bloggerischen Aktivitäten der selbigen kennt. Kurt Imhofs Forschungsbereich wird nicht «vom volk alimentiert», sondern von einer Stiftung finanziert.

    Selbst wenn es stimmen würde, ist es Unsinn. Oder soll ich dem Bauern sagen, er solle mir seine Milch gratis geben, weil die Bauern «vom volk alimentiert» werden? Soll ich im Orell Füssli sagen, ich zahle für die Bücher nichts, weil die Autoren «ein interesse daran haben», dass die Bücher «für alle zugänglich sind»?

    Im Netz ist eine ausführliche Zusammenfassung der Studie für alle gratis und subito zugänglich. Für 99% der Bevölkerung dürfte das genügen. Für Blogger wie Manfred Messmer genügt die Zusammenfassung, um Kurt Imhof als «Nostalgiker» und «linkslastig» zu diffamieren (natürlich tut Messmer das, ohne seine Vorwürfe zu begründen, das hat ein Blogger ja nicht nötig).

    Das restliche Prozent der Bevölkerung kann für das Jahrbuch sicher einen Lappen erübrigen – für einen guten Zweck.

  10. Kurt Imhof:

    Bezüglich Gratisdebatte: Das erste Jahrbuch kostet als Buch (ohne Hompage-Plattform) knapp eine Forschungsstelle an der Uni. Farbdruck wegen der Lesbarkeit der Graphiken, gutes Papier und gute Bindung, damit es als Jahrbuch auch langfristig hält (wichtig wird ja der diachrone Vergleich) und gutes Lektorat, Auflage 1000. Je grösser also der Abverkauf, desto mehr Mittel für die Analyse, also Förderung des Qualitätsbewusstseins via Jahrbuch. Nun kann man sich natürlich die Frage stellen, ob sich die Produktion eines physischen Buches überhaupt rechtfertigt. Neben wichtigen Nebenaspekten (Disziplinierung aller Beteiligten durch das Zeitdiktat der Buchproduktion, sanfte Erziehungsdiktatur gegenüber den Forschenden wegen ihrer durch die Binnennormen der Wissenschaft deformierten Schreibe und professionelle Betreuung bezüglich Layout und Darstellung) ist es ganz simpel die Beachtung.

    Die Lancierung einer durch systematischen Vergleich und möglichst gut begründete Indikatoren gestützten Qualitätsdebatte über die real existierende Publizistik (egal in welcher Vermittlungsform) braucht das älteste Medium der Publizistik, um Resonanz zu finden. Eine universitäre Homepage allein schafft das nicht. Ohne Beachtung keine Erfüllung des Stiftungszweckes (Förderung des Qualitätsbewusstseins) und keine weitere Mittel.

    @Fred David. Ich habe keine Ahnung, was das E-Book kosten wird (es wurde noch nicht verhandelt) und natürlich habe ich bezüglich dieses Preises zwei Seelen in meiner Brust.

  11. Ein Journalist:

    Amüsante Diskussion hier: Da erscheint also eine Studie, die einen Qualitätsverlust der Schweizer Medien festgestellt haben will und den Medien vorwirft, zunehmend Formfragen statt Inhalte zu erörtern. Und worüber diskutieren die Kommentatoren und Medienfachleute in diesem Blog? Ob die Studie kostenlos oder nur gegen Bezahlung erhältlich sein soll.

    Mein Befund der aktuellen Lage der Schweizer Medien: Ein Qualitätsverlust ist offensichtlich. Aber, und damit gehe ich mit dem von Martin Hitz erwähnten Essay einig: Es geht nicht darum, die Printmedien zu retten, sondern den Journalismus. Es geht nicht darum, die Verlage zu subventionieren und so ein überholtes Geschäftsmodell künstlich am Leben zu halten. Es geht um die Frage, wie sich die Existenz jedes einzelnen Journalisten – ob frei oder angestellt – künftig sichern lässt. Wie entgelten die Medienkonsumenten oder die Gesellschaft den Journalisten künftig deren gesellschaftsrelevante
    Tätigkeit? Hier sehe ich keinen existenzsichernden Ansatz. Es braucht deshalb wohl keinen Blick in die Kristallkugel, um vorherzusagen, dass die journalistische Qualität gerade im kleinen Markt Schweiz weiter sinken wird.

  12. @kurt imhof: danke für die aufdröselung. leuchtet ein.

    @bobby: du unterstellst mir thesen, die ich nie geäussert habe. die stiftung hab ich ja erwähnt. meine überlegung ist die, dass diese studie für sehr viele akteure von grossem nutzen sein könnte: politiker, verleger, journalisten, unternehmer, studenten, startups (z.b. regionale online medien), und nicht zuletzt interessierte bürger, die sich für die bedeutung der medien in einer demokratie interessieren. je tiefer also der preis, desto mehr leute werden sich die studie zu gemüte führen. das kann ja kein schlechtes anliegen sein.
    es geht mir übrigens nicht so sehr um diese eine studie, sondern um viele andere auch noch. die relativ neue idee, mehr solcher studien einem breiten publikum zugänglich zu machen, halte ich für vielversprechend und sinnvoll. gemeint sind z.b. themen wie gesundheit, landschaft, energie, politik, ökologie, etcpp.

  13. @Hitz zur Fixierung auf die Zeitung; @ein Journalist zur Frage „Was tun?“. Zuerst zum Problem:

    CH hat eine grossartige publizistische Tradition in drei grossen Sprachregionen mit einer Geschichte hervorragender Zeitungen die mit ihrer journalistischen Qualität auch einst den Standard für ein gutes öffentliches Radio, später das öffentliche Fernsehen bildeten. Diese Tradition ausgezeichneten Journalismus ist in einer tiefen Krise.

    Mangelnde Ressourcen durch sinkende Werbe- und Abonnementseinnahmen, stagnierende Gebühreneinnahmen, Abwanderung der Werbeetats zu Suchmaschinen und zum Sozial Web. All dies bedeutet Abbau von Ressorts und Redaktionen. Die Einnahmen in der Gattung Presse (-34% seit 99), im Onlinebereich und beim privaten Radio und TV lassen die Ausstattung von Redaktionen mit ausreichenden Ressourcen nicht (mehr) zu. Die Einnahmen im privaten und öffentlichen Fernsehen sind heute auf dem Niveau von 99 eingefroren.

    Gleichzeitig lässt sich ab 99 ein Siegeszug eines deutlich qualitätsschwächeren Informationsjournalismus in Gratismedien Off- und Online beobachten, der ausgerechnet von jüngeren Publika, die in der Gratiskultur sozialisiert worden sind, am meisten konsumiert wird. Und das ist kein beliebiges Publikum. Erstmals in der Moderne werden von den bildungsstarken wie den bildungstiefen Altersgruppen zwischen 15 und 34 dieselben schlechten Informationsmedien konsumiert. Und ausgerechnet die Newssites, die die Zukunft des Informationsjournalismus (aufgrund der Konvergenz von Radio, TV und Presse) haben Redaktionen mit einer sehr schlechten Ressourcenausstattung.

    Inhaltlich bedeutet dies eine Zunahme der Personalisierung, der emotionalen Aufladung auf Kosten sachlicher Information, eine Stärkung des Episodischen auf Kosten der journalistischen Einordnung und über Adaption und Ressourcenmangel ein Professionalitätsverlust bei den Informationsmedien insgesamt.

    Sozial bedeutet dies ein geradezu exponentiell steigender Vertrauensverlust in die Medien, ein gesellschaftspolitisch fataler Statusverlust des Journalismus, eine Entprofessionalisierung des Berufs, ein wachsendes Unbehagen auf Seiten der Journalisten in den qualitätsorientierten Medien, sinkende Zahlungsbereitschaft mitsamt einem sinkenden Kostenbewusstsein auf Seiten des Publikums und ein Rationalitätsverlust in der demokratischen Auseinandersetzung.

    Das alles ist sehr misslich, denn die Qualität der öffentlichen Kommunikation bedingt die Qualität der Demokratie. Die medienvermittelte öffentliche Kommunikation ist – unbesehen von der Finanzierung und egal in welcher Verbreitungsform – der wichtigste Service public überhaupt. Wenn den Demokraten die Demokratie lieb ist, dann dürfen sie sich keinen billigen Journalismus leisten.

    Also zur Frage: Was tun? (Diskussionsbeitrag):

    An dieser Kluft zwischen der Bedeutung der Medien und der Krise des Informationsjournalismus setzt das Jahrbuch an. Es will dazu beitragen, dass das Qualitätsbewusstsein auf Seiten der Medienmacher und des Publikums erhöht wird. Dem Publikum muss klar werden, dass es ressourcenschwachen und daher schlechten Informationsjournalismus dreifach zahlt – finanziell über die Werbekosten, kulturell über mangelhafte Wissensvermittlung und politisch über die sinkende Rationalität der Auseinandersetzungen. Es muss evident werden, dass guter Journalismus kostet. Mit anderen Worten: Der Wettbewerb um Anzeigen und Aufmerksamkeit gilt es durch einen publizistischen Qualitätswettbewerb zu ersetzen. Wenn überhaupt, dann kann dies nur durch eine Qualitätsdebatte gelingen, die auf der Basis gemessener Qualitätsstandards klare Unterschiede zwischen Informationsmedien in der Zeit und über die Zeit zeigt. Nur dies verhindert, dass wir nicht bloss wehklagend ersaufen.

    Allerdings: Das wird nicht reichen.

    Es braucht a) Medienkompetenz als institutionalisiertes Fach in den Berufsschulen, Berufsmittelschulen und Gymnasien und zwar nicht in der Form des bildungspolitischen Gutmenschentums, das den Versuch unternimmt, die Jugendlichen politisch korrekt durch Pornoseiten und Gewaltdarstellungen surfen zu lassen, sondern als Bildung über die Unterschiede der Informationsmedien anhand von Berichterstattungsfolgen, die die Jugendlichen interessieren.

    Es braucht b) die Elimination der Gratiskultur auf Holz und Online, sonst lässt sich guter Journalismus aufgrund der Konditionierungseffekte beim Publikum nicht finanzieren.

    Es braucht c) die Zusammenarbeit öffentlicher und privater Redaktionen im Onlinesektor mit einem Qualitätsanspruch, der dem dreisprachigen Journalismus der Schweiz auch wieder über die Schweiz hinaus Reputation verschafft.

    Es braucht d) die ergänzende qualitätsorientierte Förderung von Informationsmedien über zivilgesellschaftliche und staatliche Mittel.

    *************
    Anmerkung von Martin Hitz: die Debatte bitte hier weiterführen.

  14. Kurt Imhof > Herzlichen Dank für die glasklare Analyse. Genau hier muss die Diskussion ansetzen. So deutlich hat (ausser mir) noch niemand das Problem benannt (wobei ich das nicht annähernd so brillant formulieren könnte).

    «Es braucht die Elimination der Gratiskultur auf Holz und Online»: Genau so ist es. Wobei sich die Gratis-Un-Kultur nicht auf Online-News und «Pendlerzeitungen» beschränkt. Vielmehr ist der ganze Informations- und Desinformations-Müll im gesamten Internet problematisch. Viele Leute sagen heute: Ich brauche keine Zeitschriften und Zeitungen mehr, weil ich alles im Netz gratis finde – von News über Gesundheitstipps bis zu Plattenbesprechungen. Alles ist gratis zu haben, doch niemand ist in der Lage, Propaganda von unabhängiger Information zu unterscheiden, weil man zum Teil nicht einmal erkennen kann, wer einen Text verfasst hat. Ich befürchte, da ist der beste Medienkunde-Unterricht machtlos. Man müsste, wie das McLuhan vor 40 Jahren für den TV gefordert hat, neben jeden Computer sitzen und den Online-Schrott kommentieren… ein Ding der Unmöglichkeit.

    Ich hoffe übrigens nicht, dass wir schon soweit sind, dass man die Publikation eines Buches rechtfertigen muss. Für mich ist klar: Bücher sind sexy – E-Books machen impotent. Die Vorstellung, eine wissenschaftliche Studie auf dem Bildschirm lesen zu müssen, ist für mich der blanke Horror.

    Bugsierer > Sei nicht so knausrig. Ein selbständiger Werbetexter hat sicher das nötige Kleingeld für das Jahrbuch. Im Abo kostets sogar nur 78 Stutz, das ist wirklich nicht teuer. Wissenschaftliche Studien aus anderen Fachgebieten sind in der Regel auch nicht gratis abrufbar. Oder wenn, dann nur das Abstract, was für die meisten Leute genügt. Merke: Geiz ist NICHT geil!

  15. Hi,

    finde das schon ein bisschen komisch, wie sich jetzt (eine neue „Medienhype“…?) die Diskussion auf „Gratis“ oder „Nicht-Gratis“ zuspitzt, und das auch noch auf den Forschungsbericht selbst bezogen…

    Persönlich: Ein RIESENKOMPLIMENT an Kurt Imhof, dass er dieses Projekt gestemmt hat.

    Und damit die Frage an alle: Brauchen wir solch ein „Project for Excellence in Journalism“, das kontinuierlich und mit verlässlicher wissenschaftlicher Methodik (gibts die überhaupt???) die Medien und Redaktionen beobachtet, nicht für den gesamten deutsch-sprachigen Raum? Und wer soll es finanzieren???
    Sowohl Konzessionsgelder wären da gut angelegt (besser als für Fussballrechte, Soaps und Gottschalk-Shows)! Aber auch private Medienunternehmen würden besser fahren, ihre Forschungsgelder in solch ein Gemeinschaftsprojekt zu stecken statt ins eigene Marketing-Research…

  16. Kurt Imhof:

    @ Stephan Russ-Mohl. Völlig einverstanden. Eigentlich braucht es ein europäisches Observatorium öffentlicher Kommunikation, aber vorerst wäre eine Erweiterung der Qualitätsvalidierung im deutschsprachigen Raum eine Bereicherung, weil dann auch mehr Möglichkeiten bestehen würden, unterschiedliche politische Dynamiken mit dem state of the art des Informationsjournalismus in Beziehung zu setzen. In Bezug auf die Zwischenkriegszeit haben uns bereits österreichische Kollegen gezeigt, dass die Struktur des Mediensystems für die Resonanz nationalsozialistischer und austrofaschistischer Gruppierungen entscheidend ist. Aufmerksamkeit erhielten ihre medienwirksamen Aktionsformen in der Boulevard- und Geschäftspresse, die in beiden Ländern schon in den 1920er Jahren die Parteipresse weit überflügelten. In der Schweiz nicht: Die Resonanzchancen der schweizerischen Frontenbewegung war entsprechend schwach.

  17. @Stephan Russ-Mohl, @Kurt Imhof: Im Jahr 2010 reden also die Medienprofessoren miteinander online. Schön! Und 2012 fangen sie anonym an zu bloggen, 2015 schon mit Echtnamen und 2020 akzeptieren sie dann sogar Webpublikationen, die nicht aus Zeitungsverlagen hervorgegangen sind, als valable Quellen?

    Zum Vorschlag: Ein gemeinsam finanziertes Projekt, das sich Gedanken macht, wie Journalismus ohne das bald verschwundene Papier funktionieren könnte, halte ich für einen guten Ansatz. Man könnte dafür das viele Geld einsetzen, das derzeit an den auch geistig folgenlosen Schulterklopf-Tagungen des Verlegerverbands verschwendet wird.

  18. Ganz so „hinterwäldlerisch“ sind wir Medienprofessoren dann auch wieder nicht. Wir reden miteinander, on- und offline und nicht nur auf Tagungen des Verlegerverbands…Und wir bloggen, um Forschung transparent und zugänglich zu machen… (www.ejo.ch – seit 2004 !!!). Wir nennen dabei Ross und Reiter. Was die valablen Quellen anlangt, da gibt es allerdings weiterhin viel zu tun und vor allem kritisch zu beobachten, online und offline…

    Nur, lieber Ronnie Grob, was stellen Sie sich unter „gemeinsam finanziert“ vor? Das hätten wir dann gerne etwas genauer und ist erfahrungsgemäss nicht ganz so einfach.

    Deshalb einmal mehr: Chapeau, Kurt Imhof!!!!

  19. @Stephan Russ-Mohl: Richtig, Quellen sollten kritisch begutachtet werden, ob sie online oder offline sind, ist allerdings grundsätzlich nicht wichtig. Ich habe schon viele Blogeinträge gelesen, die um Längen ernsthafter und korrekter sind als eine von einem Online-Journi unter Zeitdruck hingeschluderte Newsnetz-Meldung. Kurt Imhof hat sich unverständlicherweise ausschliesslich mit den Online-Produkten von Zürcher Printverlagen beschäftigt. Bislang mag es davon ausgenommen noch wenig Konkurrenz geben, aber ich würde mir wünschen, dass sich die Forschungen zukünftig etwas verbreitern.

    Die immer noch grosszügig ausgerichteten Verlegertagungen geben viel Spielraum für Einsparungen. Es ist im ureigensten Interesse dieser Verleger, Lösungen zu finden, wie sie auch ohne Papier ihren zumindest teilweise seriösen Journalismus weiterbetreiben können. Klar ist: Nach seriösem Journalismus besteht eine Nachfrage – man muss ihn folglich so anbieten, dass er auch finanziert werden kann. Klar ist auch: Falls es eine total simple Lösung für das Problem gäbe, wäre diese schon längst umgesetzt. Ich halte zum Beispiel Flattr für einen sehr interessanten Ansatz und verstehe gar nicht, warum sich die hiesigen Medienhäuser so gar nicht dafür interessieren.

    Nach Subventionen, zum Beispiel nach einem Leistungsschutzrecht, schreien nur die Einfallslosesten. Aber es scheint mir fast, als würde diese Gruppe proportional mit den Auswirkungen der längst bekannten Probleme anwachsen.

  20. Also ich weiss nicht. Ein Blogger, der es schafft, eine Meldung des Tages-Anzeigers mit einer Woche (!) Verspätung abzukupfern und nachzuerzählen…

    Wenn sich so ein Blogger über die Newsnetz-Journalisten lustig macht, dann ist das nur peinlich. Und wenn sich so ein Blogger wünscht, dass sein Blog von Medienprofessoren als «valable Quelle» betrachtet und untersucht wird, dann lachen die Hühner.

    Wenn Blogs den Inhalt von Zeitungen mit einer Woche Verspätung wiederkäuen, wie die alte Fasnacht, und wenn ein Blogger für diese eindrückliche Leistung noch Flattr-Cents eintreiben will… ach ich weiss nicht, was ich dazu noch sagen soll.

    Manchmal habe ich das Gefühl, der Ronnie meint das alles gar nicht so, der will uns nur auf den Arm nehmen.

  21. Lieber Bobby: Manchmal habe ich das Gefühl, der Bobby meint das alles gar nicht so, der will uns nur auf den Arm nehmen, gell?

  22. Lieber Martin > Neinnein, das ist alles bitter ernst gemeint. Manchmal weiss ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll, wenn ich gewisse Einträge im Kommentarfeld des Medienspiegels lese. Da finden sich brillanteste Gedankengänge eines Uniprofessors neben den feuchten Träumen von spätpubertären Hobby-Publizisten. Eine bizarre Mischung, wie es sie sonst nirgends gibt.

    Hand aufs Herz: Diese Diskrepanz von Überheblichkeit und dürftigstem Leistungsausweis, die manche Blogger an den Tag legen, indem sie das Internet ein ums andere Mal als Vehikel der Demokratie preisen und indem sie die professionellen Medien als überflüssig und veraltet beschimpfen, während sie in ihren Blogs nur alte Zeitungsmeldungen abschreiben… diese Diskrepanz nimmt immer groteskere Züge an und wird deshalb immer ärgerlicher. Oder wenn man in guter Laune ist, müsste man sagen: Diese Diskrepanz wird immer erheiternder.

    Jetzt mal ganz im Ernst: Da hat doch sich doch Kurt Imhof gerade erst in diesem Blog die Mühe genommen und klar gezeigt, wie das Gratis-Unwesen unser Mediensystem unterhöhlt. Und die Gratisfans feiern Urständ und erzählen uns das Blaue vom Himmel und loben Blogs und Gratismedien als Zukunft der Medienwelt. Wie wenn nichts gewesen wäre.

    Das ist zum Haarölseichen.

    Und das meine ich wirklich so.

  23. Das mag ja alles sein, lieber Bobby. Persönlich habe ich ja schon längst keine Meinung mehr dazu (zu gratis vs. nicht gratis, meine ich, und dazu stehe ich). Nobody knows. Sicher ist es jedoch nicht schwarz oder weiss.

    Ich bitte Dich aber in aller Freundschaft, hier etwas weniger direkt auf den Mann zu spielen (das macht nämlich auch die „brillantesten Gedankengänge“ kaputt). Das kannst Du meinetwegen in Deinem Blog tun.

  24. Martin Hitz > Es geht mir nicht um den Mann, der ist mir egal. Aber man muss den Anspruch der Hobby-Publizisten, eine «valable Quelle» zu sein, an ihren tatsächlichen Leistungen messen. Wenn das nicht erlaubt ist und als Majestätsbeleidigung aufgefasst wird, dann lass ichs in Zukunft eben bleiben. Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte und bedanke mich für die Gastfreundschaft. In meinem Blog werde ich weiterhin Klartext reden, wenn es nötig ist.

    Wenn der Medienspiegel der Ort ist, wo Medientheoretiker mit Amateurpublizisten über die Zukunft der Medien debattieren, unter Ausschluss derjenigen, die Tag für Tag die Medien gestalten (also unter Ausschluss des «Fussvolks», wie Fred David sagt), dann wünsche ich den Theoretikern und den Amateuren weiterhin viel Spass beim Debattieren.

  25. @Bobby: Die Erheiterung hätte etwas mehr Berechtigung, wenn das mit der Woche Verspätung auch stimmen würde.

    Damit ich hier die Blogleser nicht weiter langweile, stelle ich bei Bobby ab sofort auf Durchzug, denn die Diskussion mit ihm würde sowieso immer am gleichen Ort stehenbleiben.

  26. Nun spiel bitte nicht die beleidigte Leberwurst, lieber Bobby. Du darfst hier als Praktiker gerne weiter mitstreiten. Dasselbe gilt aber auch für „Amateurpublizisten“, Wissenschaftler und Putzfrauen. Nur etwas weniger aufs Schienbein zielen, bitte.

  27. Martin Hitz > Ich werde mir Mühe geben. Aber wenn man hier liest, Blogs seien ein «valabler» und gleichwertiger Ersatz für die Produkte, die Journalisten im Schweiss des Angesichts erarbeiten, kann einem als Praktiker die Galle hochkommen. Man hat ja auch sowas wie Berufsstolz.

    Wenn die Amateure sagen, sie könnten die Arbeit der Profis nebenbei am Feierabend erledigen, dann ist das so, wie wenn ich mich auf den Dorfplatz von Alvaneu stellen und ausrufen würde, ich könne als Unterländer besser Capuns backen als Mama Hitz. Die Folgen einer solchen Aktion wären wohl klar ;-)

    Für mich ist die Arbeit als Journalist die mit Abstand spannendste Arbeit. Und zwar gerade deshalb, weil man dabei mit Widerständen konfrontiert wird, von der ein Amateurblogger keine Ahnung hat, weil er sich nie mit Gegendarstellungen oder mit Leserzahlen herumschlagen muss. Die Arbeit als Journalist verhält sich zum Bloggen ungefähr so wie das Besteigen des Piz Beverin zu einem Spaziergang auf dem Uetliberg. Aber das kann man nicht wissen, wenn mans nie selber erlebt hat.

    Es wäre toll, wenn die Debatte sachlicher würde, und wenn man den Piz Beverin nicht immer mit dem Uetliberg verwechseln würde. Das würde auch meiner Gallenblase gut tun.

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