Zurück in die Zukunft

Öfters schon war an dieser Stelle von Medien-Fachleuten, Professoren und Forschern die Rede, die sich in Weltuntergangsstimmung üben, was die Printmedien betrifft. Umgekehrt hypen sie das Internet zur Universalinformationsmaschine empor, die alles andere und Antiquierte auf dem Mediensektor vergessen lasse. Vor allem für die Jungen natürlich.

Im neuesten «Spiegel» findet sich unter dem Titel «Null Blog» nun die perfekte Antithese zu diesem halbwissenschaftlichen Getue, das eine ganze Journalistengeneration paralysiert. Der «Spiegel» trägt die Erkenntisse diverser voneinander unabhängiger Studien zusammen und kommt zum Schluss:

    «Das ganze hochgelobte Mitmach-Web, auch Web 2.0 genannt, ist den Netzbürgern der Zukunft öffenbar völlig egal.»

Die «Digital Natives» gebe es in dieser Form gar nicht, und eine «kleine Industrie von Autoren, Beratern und findigen Therapeuten» lebe von der falschen, aber ewig gleichen Botschaft, dass die Jugend eine «Netzgeneration» sei. Interessant: Die «Netzgeneration» hat vor allem Mühe, sich im Internet zurechtzufinden, wenn es um relevante Informationen geht bzw. versteht es überhaupt nicht, diese dort zu beschaffen.

Das ist die eine Botschaft, die altgediente Journalisten froh macht. Die zweite ist die, dass die These von den zusammenbrechenden Online-Besuchen auf Plattformen, die «paid content» eingeführt haben, auch nicht stimmt. Walter Niederberger hat kürzlich im «Tages-Anzeiger» ausführlich berichtet, dass in den USA die Akzeptanz für Bezahl-Inhalte wächst und dass sich die Zeit der kostenlosen Online-Zeitungskultur dem Ende nähere. Auch Meldungen über den totalen Misserfolg der Londoner «Times» seien Enten.

Ein vielleicht etwas voreiliges, aber hoffnungsfrohes Fazit: Auch junge Menschen, die sich einigermassen zielgerichtet und vor allem auch effizient informieren wollen, werden weiterhin auf journalistisch sauber aufbereitete Informationen (und wohl auch auf Analysen und Kommentare) angewiesen sein. Wenn sie dann auch noch etwas dafür bezahlen (egal, ob die Ausgabe auf papiernem oder elektronischem Träger erfolgt), ist ein grosser Teil des heutigen Geschäftsmodells der Verlage gesichert. Freilich braucht es Anpassungen, aber dagegen wehrt sich heute ernsthaft ja niemand mehr. Und neue Ideen gibt es schon zuhauf.

Für die Journalisten heisst dies, dass ihr Beruf wohl nicht zu verschwinden droht. Das Gefasel von den Inhalten, die nichts mehr Wert sein werden und künftig statt von Fachleuten einfach «von allen» kommen, ist und war ja nicht nur eine Kriegserklärung an einen ganzen Berufsstand, sondern auch eine gigantische Geringschätzung professioneller Medienarbeit. Bezeichnenderweise kamen diese Prognosen nicht aus der Branche selbst, sondern von Zukunftsforschern, die ein bisschen viel von Däniken gelesen haben. Doch wenn es mit den Medien jetzt «zurück in die Zukunft» geht, wäre mancher Journalist wohl gerne dabei.

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

10 Bemerkungen zu «Zurück in die Zukunft»

  1. Für die Weltuntergangsstimmung bei den Printmedien sind, bei distanzierter Beobachtung, vor allem auch die Printjournalisten selber schuld. Das ständige Klagen wirkt zerstörerisch. Ich erlebe keinen anderen Berufsstand, der derart kulturpessimistisch ist. Schade.

    Die Gegenüberstellung Print = gut vs. Web = lausig, wie sie in diesem Beitrag (sic: Posting) durchschimmert, ist abgelutscht. Es gibt ausgezeichnete Printerzeugnisse mit journalistisch sauber erarbeiteten Stoffen und es gibt Blogs und andere Web2.0-Kanäle, die in ihren Nischen ausgezeichnete Arbeit leisten.

    Weshalb, lieber Andrea, ergehen sich viele etablierte Printjournalisten in Zynismus, Frust und eine fragwürdige Arbeitsmoral? Weshalb glauben Sie nicht (mehr) an ihr eigenes Metier?

  2. woher wissen sie, dass die jugend mühe hat, relevante informationen im netz zu finden? was sind denn jugendrelevante informationen?

    die paidcontent erfolge in den usa werden sehr unterschiedlich bewertet, je nach standpunkt halt. hier die einschätzung eines usa korrespondenten vom tagi als alleinseligmachende bewertung darzustellen ist naiv.

    was die geringschätzung ihrer branche anbelangt, ist das sehr schlechter stil. den schlechten ruf ihrer branche können sie nicht einfach den lesern unterschieben. guter journalismus ist nun mal ein seltenes pflänzchen, war es schon vor dem internet. das zeigt nicht zuletzt ihr kommentar an dieser stelle. es waren und sind nicht von däniken lesende zukunftsforscher, die den digitalen medienwandel als gefahr für die gedruckte presse als erste erkannten, sondern einfach kluge bürger, die sich substantiell mit dem netz befasst haben.

    es hat nie ein ernstzunehmender onliner je behauptet, es brauche in zukunft keinen guten journalismus mehr. da haben sie etwas falsch verstanden. natürlich braucht es den seriösen journalismus, mehr denn je. aber von verlegern ihres schlages erwarten wir ihn tatsächlich nicht mehr.

  3. Andrea Masüger > Danke für die kluge Analyse. Ich werde mir morgen den neuen Spiegel besorgen, der Spiegel-Artikel interessiert mich.

    «Die Netzgeneration hat Mühe, sich im Internet zurechtzufinden»: Das ist zweifellos so. Das Internet ist ein unübersichtliches Labyrinth, in dem es schwierig ist, Gerüchte von Fakten zu unterscheiden. Die Einsicht, dass das ein grosses Problem ist, wird sich bald durchsetzen. Auch wenn die Hardcore-Internetreligiösen vom Schlag eines Bugsierer sich noch gegen diese Einsicht sträuben.

    «Auch junge Menschen werden weiterhin auf journalistisch sauber aufbereitete Informationen angewiesen sein»: Das ist absolut richtig. Professioneller Journalismus ist für das Funktionieren der Demokratie unerlässlich. Hoffentlich hört das dumme Geschwätz bald auf, die Hobby-Blogger würden die «Deutungshoheit» der Journalisten konkurrenzieren.

    Es ist auch sehr zu hoffen, dass sich die Zeit der kostenlosen Online-Zeitungs(un-)kultur dem Ende nähert. Es ist nur eine Frage der Zeit. Natürlich funktioniert der Übergang von Gratis- zu Bezahlangeboten nicht über Nacht, aber andere Medienhäuser werden zwangsläufig nachziehen, auch wenn das den Vertretern des Gratis-Dogmas nicht schmeckt.

    «Ein bisschen viel von Däniken gelesen»: Eine sehr treffende Formulierung. Leider wird die Mediendebatte zu oft von Vorurteilen und Ideologie geprägt (damit meine ich Dogmen wie «alles muss gratis sein», «alles muss verlinkbar sein», «Blogger sind die Journalisten von morgen» und was der Einfältigkeiten mehr sind). Es ist Zeit, wieder sachlich und vorurteilsfrei über Medien zu diskutieren.

    Mark Balsiger > «Es gibt Blogs und andere Web2.0-Kanäle, die in ihren Nischen ausgezeichnete Arbeit leisten»: Das ist nur eine leere Behauptung. Tatsache ist: In der Schweiz kommen die meisten Blogs nicht über hobbymässiges, bestenfalls charmantes Geschwätz hinaus (der Medienspiegel ist da eine einsame Ausnahme). Blogs können nie und nimmer ein Ersatz für professionellen Journalismus sein.

  4. Ist es nicht wunderbar, dass man sich also sozusagen keinerlei Sorgen machen muss um die Zukunft der Schweizer Zeitungslandschaft, dass eigentlich alles zum Besten steht? Das heisst doch auch, dass die verqueren Ideen einer Pressesubventionierung (in Deutschland nennen sie es „Leistungsschutzrecht“) gegenstandslos sind und endlich ad acta gelegt werden können.

    Vielen Dank auch für die herausragende Formulierung mit den „Zukunftsforschern, die ein bisschen viel von Däniken gelesen haben“ – das ist wirklich erinnernswert.

  5. Ronnie Grob > In meinem Fremdwörterbuch steht unter dem Stichwort «Subvention»: «finanzielle Beihilfe aus öffentlichen Mitteln». Was hat das bitteschön mit dem Leistungsschutzrecht zu tun? Die Verwechslung von Pressesubventionierung und Leistungsschutzrecht ist ein Beispiel mehr für die ideologisch geprägte, unsachliche Debatte, von der ich vorher gesprochen habe.

  6. @ bobby: ich habe hierzulande noch nie von einem blogger gehört, der sich als journi von morgen ausgibt. das ist allein deine abstruse erfindung, die auch durch dauernde wiederholung nicht wahrer wird. dafür aber immer psychotischer.
    in einem hast du ein wenig recht, es gibt in der deutschschweiz im vergleich zu deutschland nur wenige gute blogs (deiner ist der lausigste). aber du machst wie so oft einen denkfehler, der dich in netzfragen einmal mehr als niete entlarvt. die deutschschweiz entspricht bevölkerungsmässig ca. dem grossraum münchen. preisfrage: gibts auf der achse ulm-augsburg-münchen mehr gute blogs als auf der achse bern-tsüri-sanktgallen? eine antwort kannst du dir sparen, du hast dich in deinem blog mit deiner jämmerlichen blogliste schon lange als schlecht informierter blogleser ohne jeden überblick geoutet.
    henusode – mit deinen latent pessimistischen einschätzungen und deiner generellen internetphobie wirst auch du nicht zu den journalisten gehören, die in fünf jahren noch was zu tun haben. es sei denn, du redigierst bei einem gratis online portal die einlaufenden agenturmeldungen.

  7. Bugsierer > «ich habe hierzulande noch nie von einem blogger gehört, der sich als journi von morgen ausgibt»: Dann zähle ich gerne ein paar Müsterchen auf:
    – Ronnie Grob sagte kürzlich auf Rebell Teevau: «Blogs sind die Zeitungsgründungen von heute.»
    – Für Ugugu sind Journalisten «Fressnapfverteidiger» (also Menschen, die ihren Fressnapf gegenüber Bloggern verteidigen müssen).
    – Bugsierer himself beschrieb Blogger als Leute, die «an dem ast rütteln», auf dem Journalisten sitzen.
    – Das Geschwätz, Blogger würden die «Deutungshoheit» der Journalisten anknabbern, ist Allgemeingut in der Bloggerszene, das liest man immer wieder.

    «du machst wie so oft einen denkfehler, die deutschschweiz entspricht bevölkerungsmässig ca. dem grossraum münchen»: Ich hab nicht nachgezählt, aber wenn das so ist, sollte man nicht eine dicke Lippe riskieren und sein Hobby-Blog als Ersatz für professionellen Journalismus darstellen, wie das auch Schweizer Blogger immer wieder gerne tun (siehe obenstehende Beispiele).

    Im übrigen möchte ich beliebt machen, dass jemand wie der Bugsierer, der hier schon mal meinen Rauswurf forderte, weil ich angeblich zu frech war, sich selber ein bisschen Mühe gibt, auf das Verwenden von beleidigenden Begriffen zu verzichten. Oder soll ich jetzt auch vom Blogowner eine Entschuldigung fordern?

  8. Zum erwähnten «Spiegel»-Artikel schreibt Matthias Schwenk auf «Carta» u.a.:
    «Null Bock auf das Internet hat schließlich auch unsere Presse, für die der Artikel von Manfred Dworschak wie Balsam auf die geschundene Seele sein muss, weil er der Illusion Auftrieb geben mag, dass eine Generation von Jugendlichen, die nicht richtig googeln kann, am Ende wohl wieder zur guten alten Zeitung greifen wird.»

  9. Fred David:

    @) Martin Hitz, danke für das Zitat: Die Leute kehren zurück zur Zeitung, weil ihnen die Unendlickeit, Wahllosigkeit, Undurchschaubarkeit, Widersprüchlichkeit der Google-Welt unheimlich wird? Stimmt das?

    Ich denke, dieser Trend ist tatsächlich schon sachte spürbar: Ansätze von Internetüberdruss. Da sehe ich auch so wie @ Andrea Masüger.

    Aber sie werden nicht zu good old print zurückkehren sondern zur – zu bezahlenden – elektronischen Zeitung, zum e-paper – das es erst in bescheidenenen Ansätzen gibt.

    Hier verbinden sich zwei Entwicklungen: good old print ist nicht mehr ordentlich finanzierbar, vor allem wegen der enormen und letztlich antiquierten Druck- und Vertriebskosten, die noch erheblich steigen werden. Das ist meiner Meinung nach der entscheidende Hebel, der das e-paper beschleunigen wird.

    Diese Entwicklung stösst auf eine zweite und verbindet sich irgendwann zu einem mitreissenden Strom: Die Leute sind an digitalen Umgang gewohnt, wollen die enormen Möglichkeiten der digitalen Nutzung nicht missen (was sie im print müssen).

    Ob e-paper nun auf iPad oder auf verbesserten Versionen daherkommen wird, ist nicht die Frage. Jedenfalls nähern wir uns rasant diesem Punkt, wo sich die zwei Strömungen zum Strom verbinden.

    Die Digitalisierung der Zeitung – es bleibt vom Wesen her eine Zeitung, halt nur nicht auf Holzfasern – bringt auf längere Sicht enorme Kosteneinsparungen.

    Aufgabe der Journalisten ist es, energisch darauf zu achten, auch dafür zu kämpfen, dass der Effekt dieser Einsparungen in die Inhalte fliesst und nicht in ein verlegerisches Nirwana.

    Die Leute wollen nicht tausendundeine Anwendung, die sind grösstenteils Erfindung von Marketingstrategen, sie wollen klare Verhältnisse, wollen wissen, woher die Informationen kommen, ob sie glaubwürdig sind, wie sie zu gewichten sind – und ob sie allenfalls einem Informationsverursacher (=Journalist) mal physisch eine runterhauen könnten, wenn es nicht mehr anders geht…

    Gutes, altes Journalistenhandwerk eben. Gute Nachricht: Wir sterben nicht aus, im Gegenteil: der Journalismus wird eine Renaissance erleben.

    Ein gutes Beispiel sind für mich die Afghanistan papers, mal abgesehen von deren Inhalt: ein gelungenes Zusammenspiel von Internet und Journalistenhandwerk. Dabei ist es völlig egal, ob die daran beteiligten Medien Spiegel, New York Times und Guardian auf Holzfaser erscheinen oder digital. Wichtig ist: Sie haben das Knowhow zur Nachrecherche, zur Gewichtung etc..

    Und: Sie stehen weitgehend für Glaubwürdigkeit, die für die Nutzer nachvollziehbar ist, kein anonymer Ort im Netz, sondern physisch vorhanden in NY, Hamburg, London. Man kann sie verantwortlich machen, kann sie einklagen, kann mit ihnen streiten, kann nachfragen: sie haben ein Gesicht!

    Glaubwürdigkeit ist ein soft factor, den sowohl Journalisten wie Medienhäuser hierzulande stark unterschätzen. Eines Tages wird das ein USP sein. Wer den verspielt, hat verspielt. Zurückkaufen kann man verspielte Glaubwürdigkeit nicht.

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