(Achtung, Achtung! Dies ist ein verkappter Aufruf zum 1. August. Er soll Abonnentinnen und Abonnenten ermutigen, von den Verlagen wegen erwiesener partieller Leistungsverweigerung ein angemessenes Sommerruhegeld zurückzuverlangen.)
von Fred David
In der Vorkühlschrankzeit nannte man den Hochsommer die Sauregurkenzeit, weil nur wenig auf dem Markt zu haben war, und was es gab, war meist stocksauer. Erst recht die Kunden. In der goldenen Ära Berlins als Zeitungsstadt, in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, standen «saure Gurken» in der nachrichtenarmen Zeit für Meldungen, die man sonst das Jahr über wegen Banalitätenverdacht nicht zu drucken wagte.
Neunzig Jahre später. Der Kühlschrank ist mittlerweile erfunden. Aber die Zeitungen erlauben sich in grösster Selbstverständlichkeit das Aufspannen redaktionseigener Hängematten und tun so, als wären saure Gurken noch immer Volksnahrungsmittel. Die Blätter kommen oft so ausgemergelt karg und fahl daher, krankhaft abgemagert, als wären die Redaktionen soeben an Auszehrung dahingerafft worden.
Schon klar. Man muss mit den lieben Kindern die Schulferien nutzen, das Personal wird in den Pressehäusern plötzlich knapp. Aber als ob heute jedermann von drei Wochen Sommerwetter abhängig wäre, schlagartig alle zur genau gleichen Zeit. Als würden Familien nicht auch sonst zu jeder Jahreszeit clanweise und easy in wärmere Gefilde jetten, nur schon, weil Ferien dort billiger sind als in der teuren Heimat. Nein! Die Zeitungen tun immer noch so, als wäre der Kühlschrank nicht erfunden. Gurkentruppen! «Was erlauben Strunz!», möchte man in dankbarer Erinnerung an einen gewesenen italienischen Trainer des FC Bayern München brüllen: «Flasche leer!»
Klar doch, auch die Anzeigen gehen in diesen dürren Wochen der medialen Wüstenei so schlagartig zurück, dass man glaubt, die Leute läsen überhaupt keine Zeitungen mehr, es lohne sich nicht für die paar Zurückgebliebenen Anzeigen zu schalten und ein ordentliches Blatt zu machen.
Den Sommervogel schiesst die «NZZ» ab. Während Wochen lässt sie ihr meistgelesenes Kernstück, die Doppelseite «Meinung & Debatte» versteppt zurück, ein paar Leserbriefchen gügseln hervor, daneben ein schon leicht moussierender Text, schwankend zwischen Glosse und Sommerloch-Humor, wochenlang, ausser samstags, keine Politik- oder Wirtschaftskommentare, weil die Welt eben angehalten wird, wenn die Damen und Herren alle zur gleichen Zeit an irgendwelchen Stränden broncieren müssen, die Eiswürfe im Martiniglas dazu leise klirren lassend.
Auch andere Blätter schalten drei Gänge zurück, Schritttempo. Die Inhalte schmelzen zu dünnen Rinnsalen dahin. Das nicht existierende Sommerloch wird als patente Sparmassnahme missbraucht. Einzig der Abopreis trotzt des Sommers gleissender Hitz’.
Hallooo! Das Sommerloch ist schon lange abgeschafft, der Kühlschrank steht in jedem Haushalt doppelt und dreifach. Und sogar der Computer, man glaubt es nicht, ist schon erfunden. Man kann damit Zeitungen durchblättern, auch die «NZZ», für 0,99 US-Dollar pro Tag (z.B. über pressdisplay.com), egal ob man auf Santorini chillt, in Honduras den Bananenpflückern zuschaut oder am Nordkap fröstelt. Internetcafés gibt’s fast überall, und wer lässt denn schon zwei Tage lang seine Mailbox unberührt?
An Zeitungen scheinen die veränderten Lebensgewohnheiten spurlos vorbeigerauscht zu sein. Sie erlauben sich noch immer den Sommerschlaf und wollen auch die Leser dazu animieren. Dabei haben die, im Liegestuhl, entnervt vom ewigen Sandburgenbauen mit den lieben Kleinen, gerade jetzt Zeit und Musse, sich üppiger Lektüre hinzugeben. Nein! Die Anzeigendisponenten dekretieren wie schon vor hundert Jahren: Sommer ist’s, die Leute schnarchen unter Sonnenschirmen. Kein Mensch liest im Hochsommer Zeitung!
Klar: Wer lässt sich denn heute noch sein Blatt ins Ausland nachsenden? Das kostet ein Mehrfaches. Aber in Zeiten von Patchwork-Familys ist die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass immer jemand zu Hause bleibt, der am Morgen gefälligst eine ordentliche Zeitung zum Kaffee haben will, Sommerferien hin oder her.
Auch die Aktualitäten machen keine Ferien mehr: Loveparade in Duisburg. Kalifornien kann seine Staatbediensteten nicht mehr bezahlen. Dollar unter Druck. Berlusconi peitscht einen Haushalt mit Revolutionspotential durchs aufgebrachte Parlament. Die UBS jubelt über einen Vier-Milliarden-Semsterreingewinn, wo immer der herbeispekuliert wird. Sensationelle Enthüllungen zum Krieg in Afghanistan. Und auch noch die erfolgreiche Kampagne «Free Kachelmann!». Selbst die Schweiz schläft nicht, die EU-Debatte glimmt plötzlich wieder auf, es scheint kein Sommersonnenwend-Feuerchen zu bleiben. Aus den Spalten grunzt derweil nur müdes Gähnen.
Wenn der Print selbst Slowmotion-Entwicklungen wie das Verblassen der Sauergurkenzeit und die definitive Zubetonierung des Sommerlochs verpasst, kann man nur noch in Ermattung dahin sinken: Good night and good luck, guter alter Print!
Good morning, iPad!
Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen. Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.
Wo du recht hast, hast du recht. Allerdings scheint mir, dass das Sommerloch der NZZ etwas kleiner ausfällt als der Content-Abgrund im Tagi. Dessen Abo habe ich unter anderem gekündet, weil mich die unverschämte redaktionelle Nichtleistung während vier (oder waren es sogar sechs?) Wochen jedes Jahr von Neuem empörte. Zudem flatterte das Blättchen beim kleinsten Windhauch.
Die NZZ finde ich bis jetzt weniger magersüchtig, was natürlich an den fusionierten Bünden liegen kann. Die Kommentare vermisse ich nicht gross. Allzu oft werden dort für meinen Geschmack die «bürgerlichen» Süppchen angerührt oder Stadtzürcher Nabelentzündungen verhandelt. Was ich dagegen schätze, ist die nach wie vor vorhandene Berichterstattung über Ausland, Inland und Kultur.
Und noch was zum Thema Saure Gurken: Ich behaupte, dass uns diese längst ganzjährig aufgetischt werden. Denn die als unzumutbar, irrelevant oder auch nur doof empfundenen Texte finden sich seit Jahren auch vor und nach dem Ferragosto. Manche Titel spezialisieren sich regelrecht darauf – ich nenne hier nur die «Weltgurke», «Das Gurkenmagazin» und die «SonntagsGurke». Bon app!
@) Cornichon: Danke für die Ergänzungen, insbesondere die “Stadtzürcher Nabelentzündungen” habe ich mir gemerkt…. Das fällt ausserhalb von Züri wirklich extrem auf.
Ich wollte mich nicht auf die NZZ einschiessen, die hatte halt Pech , dass sie bei meiner Zornaufwallung über ein allgemeines Phänomen gerade in meinem Visier war. Einfach wochenlang die Doppelseite “Meinung & Debatte” einzudampfen , unabhängig, ob mir die Meinungen dort passen, geht einfach nicht.
Was auch mir auffällt: die zunehmende Verteilung der Sauren Gurken aufs ganze Jahr. Am stärksten habe ich das über längere Zeit bei der “SonntagsZeitung” registriert, aber es gibt auch andere Beispiele. Der “SonntagsBlick” ist auch nicht in bester Verfassung undsoweiter.
Der Elan ist irgendwie überall raus, Routine grassiert und man wagt es nur noch, sich mit Einzelfiguren anzulegen, die kaum eine Chance haben, sich zu wehren.
Mich würde interessieren: Sind wir zwei absonderliche Solitäre, dass uns das gehäuft auffällt?
Ich tippe eher auf Müdigkeit nach jahrelangem Gurkenbeschuss. Eine Weile lang lehnt man sich gegen die Boulvardisierung und Verdoofung des abonnierten Blatts auf, dann akzeptiert man sie entweder oder macht ein Downsizing auf Gratiszeitungen.
Das Grundproblem ist aus meiner Sicht, dass sich das Formale weit leichter kritisieren lässt als das Inhaltliche. Das gilt für beide Seiten des Redaktionspultes. Ich habe schon unzähligen Blattkritiken beigewohnt, die sich mit Verve der Bildwahl, der Überschrift oder einzelnen Wendungen widmeten. Ob das Thema dagegen wirklich so gut war, warum die anderen fünf wichtigen Themen gar nicht vorhanden waren und sich der Journalist nicht einmal zu einem Kommentar aufraffen konnte, wurde nur gestreift.
Übeträgt man diesen Mechanismus auf die Rezipientenseite, ist eine Diskussion über einzelne Blick-Stories oder den neobürgerlichen Familienfetisch im Newsnetz alleweil einfacher als die Frage, wie Boulevard aussehen müsste oder wie tief eine Redaktion sinken muss, damit die Onliner alle drei Skyboxen mit Mamaquatsch belegen können.
Oder anders gesagt: So lange sich keiner traut, eine ernsthafte Zeitung zu machen, wissen wir nicht, ob der ernsthafte Leser auch tatsächlich ausgestorben ist.
«Stadtzürcher Nabelentzündungen»: Das ist ja wieder mal Anti-Zürich-Reflex vom Feinsten. Sorry, aber die Zeitung heisst nun mal «Neue Zürcher Zeitung», nicht «Neue St.Galler Zeitung» und auch nicht «Neue Cornichonhausener Zeitung». Für die Berichterstattung über die peripheren Entzündungen gibt es genug andere Gefässe.
Was das Sommerloch anbetrifft, halte ich es mit Cornichon: Eher als die redaktionelle Leistung der vergangenen Wochen stört mich, dass die Zeitung, die ich abonniert habe, das ganze Jahr über nach Sommerloch aussieht.
Beim “Tagi”, bei “le temps” und bei der SF-”Rundschau” muss/darf/will ich nachträglich gerne ein paar Abstriche vom Gurkentrend machen: Berichte in den letzten zwei Tagen über Vorgänge im Verteidigungs- und im Aussenministerium, über die Mafia in der Schweiz, über Parteieninserate, die von der éconmmiesuisse gesponsert werden und nicht zuletzt über den “Gurkent-Trend in Zürich” weisen auf langsam verstärkte journalistische Aktivitäten hin. Auch NZZ online glänzt heute mit einem Beitrag über die Gurke an sich…
Hingegen sind die Berichte über das ab 8. August im Internet verfügbare Buch des Datendiebs Heinrich Kieber eher spärlich, jenem Datendieb, der Details über Schwarzgeldkonten bei der fürstlichen LGT Group an ausländische Behörden verkaufte. Nette Details, die auch viel mit der Schweiz zu tun haben.
Völlig unrecherchiert bleibt ausserdem die seltsame personelle Symbiose des Schweizer Konsulats in Monaco mit der dortigen UBS-Zweigstelle. Bekanntlich wurde kürzlich ein ehemaliger UBS-Dirketor jener Fliale unter dem Vorwurf in den USA verhaftet, höchst intime Geschäftsbeziehungen zur kalabresischen Mafia gepflegt zu haben. Da knisterts doch.
Es bleibt noch viel zu tun im Gurkenstaat für kregle Journalisten.
Als Herr Fred David Chefredaktor von “Cash” war, dauerte dort die Sauregurken-Zeit von Januar bis Dezember. Darum existiert das Blatt heute nicht mehr.
@) Gerd Kaiser, damit die Dinge ein wenig in der Reihe bleiben: Ich verliess Ende 2001 die Chefredaktion von CASH. Die Zeitung stellte ihren Betrieb fünfeinhalb Jahre später ein. CASH blieb auch zu meiner Zeit die mit Abstand grösste Wirtschaftszeitung der Schweiz und hatte bis zum allerletzten Tag, am 30.Juni 2007, eine höhere verkaufte Auflage als die unmittelbaren Konkurrenten “Finanz & Wirtschaft” und “Handelszeitung” zusammen.