Zum Zahlen zwingen oder freiwillig spenden

Wie bringt man Leser dazu, im Internet für publizistische Leistungen zu bezahlen? Eine letztlich alte Diskussion ist zum Thema der Stunde avanciert. Nach Jahren der Rat- und Ergebnislosigkeit kommt endlich Bewegung in die Geschichte, weil nicht mehr länger heisse Luft in Form von Spekulationen und Absichtserklärungen herumgefächelt werden, sondern Fakten geschaffen wurden.

Auf der einen Seite des Spektrums, bei den alten Giganten der Medienwelt, hat der alte Murdoch ernst gemacht und bietet seine «Times» in London seit Anfang Monat nur noch gegen Bares zur Lektüre an. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang, bei dem der Wunsch Pate des Gedankens war. Was die Nutzer von der Bezahlschranke halten, machten sie mit ihrem Klickverhalten deutlich. Der Zugriff auf thetimes.co.uk (http:// thetimes.co.uk/) sank rapide, während sich Konkurrenten wie etwa der «Guardian», die ihre Inhalte weiterhin kostenlos und frei verlinkbar anbieten, zulegen konnten.

Wieviele ehemalige «Times»-Leser zur Gratiskonkurrenz gewechselt haben, ist nicht bekannt. Es dürften aber einige sein. Womit denn auch klar wird, dass das Modell mit den Bezahlschranken nur dann nachhaltig funktioniert, wenn die ganze Branche mitzieht und dem Leser keine Alternative mehr lässt. So weit wird es aber nie kommen, alleine schon deshalb, weil etwa die Onlineangebote von Gratiszeitungen und öffentlichem Rundfunk kostenlos bleiben und in etwa das Gleiche bieten, wie die Bezahltitel im Netz.

Auf der anderen Seite des Spektrums kommt Flattr langsam aber sicher in Fahrt. Vor allem Blogs – aber auch einzelne Zeitungen in Deutschland – nutzen den neuen, auf freiwilligen Spenden basierenden Bezahldienst, um ihre Online-Publizistik in bare Münze zu verwandeln – und haben damit zum Teil bereits beachtliche Beträge erzielt. So hat die Berliner «Tageszeitung» im Juni knapp 1000 Euro «erflattert» – für Artikel nota bene, die im Netz frei verfügbar und nicht hinter einer Bezahlschranke versteckt sind. Ausserdem befindet sich Flattr in der Testphase und kann erst auf Einladung genutzt werden, was natürlich die Hoffnung weckt, dass im Regelbetrieb dereinst noch höhere Summen gespendet werden.

Interessant an Flattr ist weniger das Modell an sich, das im aktuellen Stadium noch mit etlichen Mängeln behaftet ist und Fragen (etwas solche nach dem Datenschutz) unbeantwortet lässt, sondern die rege Debatte, die der neue Dienst auszulösen vermochte. Nahezu alle, die für ihre Publikation Flattr verwenden, kommentieren rege, weshalb sie das tun. Und ebenso jene, die bewusst auf diese Form von Online-Spenden verzichten, wie etwa Alpha-Blogger Sascha Lobo.

So warnen die Skeptiker vor Blogger-Inzest. Dass quasi in einem geschlossenen Kreis unter Bloggern Geld herumgeschoben wird, nach dem Motto: flatterst du mir, so flattere ich dir; mit dem unschönen Nebeneffekt, dass stärker frequentierte Angebote mehr einheimsen als schwächere und somit die Kleinen die Grossen finanzieren, die auch anderweitig zu Geld kommen könnten. Wer dagegen am Ende seiner Artikel mit einem Flattr-Button die hohle Hand hinhält, sieht erst einmal das Geld, das da plötzlich kommt. Für die meisten zwar nur ein kleines Zubrot, für ambitionierte Autoren mitunter aber durchaus ansehnliche Beträge, die bereits jetzt fliessen. Offenbar haben viele nur darauf gewartet, bis endlich ein System kommt, mit dem sich Mikrobeträge so simpel wie nun eben bei Flattr vergeben lassen.

Wer auf der anderen Seite als Leser Geld zu verteilen hat, liest Texte konzentrierter, die er am Ende der Lektüre geldwert honorieren kann, findet Jörn Kabisch von der Berliner Wochenzeitung «Freitag», die unter ihren Artikeln im Netz ebenfalls den Flattr-Button platziert hat.

Wie sich Flattr weiter entwickeln wird und welche Beträge erst fliessen, wenn alle Zahlungswilligen und nicht nur eine Testgruppe zugelassen sind, lässt sich heute kaum abschätzen. Gemessen am Erfolg der ersten Monate kann man allerdings davon ausgehen, dass dieses Online-Bezahlmodell seinen Platz finden wird. Nicht zuletzt deshalb, weil diejenigen, die es anwenden, öffentlich und kontrovers darüber diskutieren.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Zum Zahlen zwingen oder freiwillig spenden»

  1. Martin:

    Womit denn auch klar wird, dass das Modell mit den Bezahlschranken nur dann nachhaltig funktioniert, wenn die ganze Branche mitzieht und dem Leser keine Alternative mehr lässt. So weit wird es aber nie kommen, alleine schon deshalb, weil etwa die Onlineangebote von Gratiszeitungen und öffentlichem Rundfunk kostenlos bleiben und in etwa das Gleiche bieten, wie die Bezahltitel im Netz.

    … ausserdem beschränken sich die Alternativen nicht nur auf Medien.

    Für mich spricht gegen Bezahlschranken vor allem die fehlende Möglichkeit der Verlinkung. In der Schweiz kann ich beispielsweise fast nie auf Artikel in NZZ oder Weltwoche verweisen, weil sie nicht zugänglich sind – also lasse ich es bleiben und verspüre auch keine Lust mehr, selbst dafür zu bezahlen. Letzteres wird noch dadurch verstärkt, dass ich solche Artikel nicht einmal selbst für späteres Lesen ablegen kann, beispielsweise bei Instapaper. Verlegerisches Eigentor!

    Mit http://www.pressdisplay.com/ gibt es zum Glück vorläufig noch eine brauchbare Variante um Schweizer Medien kostenpflichtig in digitaler Form lesen zu können. «Noch», weil gemäss «Beobachter» die Schweizer Verlage die Preise bei http://www.pressdisplay.com/ für viel zu tief halten und nun gegen das Angebot vorgehen möchten …

  2. Dass die freiwilligen Spendensysteme nichts bringen, konnte ich in meinem eigenen Blog anhand eines konkreten Beispiels schon im April nachweisen («Ronnie Grob macht Kasse). Meine Analyse bewies glasklar, dass mit den Spendensystemen das wenige Geld hauptsächlich zwischen befreundeten Bloggern hin- und hergeschoben wird. Ich erntete für meine Fallstudie vor allem höhnische Kommentare («Hier basht einer die Blogger», «Das Grundprinzip von Krachingle (sic!) ist alles andere als lächerlich» usw).

    Umso mehr freut es mich, dass meine Analyse jetzt von einem so prominenten und kompetenten Blogger wie Sascha Lobo gewissermassen hochoffiziell bestätigt wird. Wie sagt man: Der Prophet im eigenen Lande…

  3. Urs:

    Bis verlässliche Zahlen vorliegen, werden wir nur spekulieren können, wie und von wem die Summen spielen. Die Einen nutzen Flattr, die Anderen nicht. Wer es benutzt, wird seine Gründe dafür haben. Und das sind tendenziell immer mehr.

  4. Urs > «Bis verlässliche Zahlen vorliegen, werden wir nur spekulieren können, wie und von wem die Summen spielen»: Stimmt nicht. Meine Recherchen zeigen glasklar, dass der Löwenanteil der Einnahmen des Ronnie-Grob-Blogs von anderen Bloggern stammen. Eat it.

  5. Urs:

    Deine Fallstudie ist ganz interessant! Gerne hätte ich noch ein anderes Beispiel betrachtet, weil deine Stichprobe nicht ganz astrein ist (Klar wird ein Medienblogger, der für bildblog.de Links aggregiert geKachingelt – als eine Art Auforderung mal einen Artikel zu verlinken vielleicht…). Zudem befindet sich das Projekt in der Startphase und dürfte kaum über die Bloggerszene hinaus bekannt sein (256 Blogs wovon nur 48 mit über 10 Kachinglern ist schon ein bisschen wenig, zumal auch die meisten der Blogs aus den USA sind). Zudem kann man auch anonym spenden. Diese Spender findest du auf keiner Liste.

    Kachingle finde ich sowieso nicht so toll. Flattr bietet meiner Meinung nach das grössere Potenzial.

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