Zeitungsabos zu Schleuderpreisen

    «Während sich die Verlage noch Gedanken über die richtige Maketingstrategie machen, verkauft das US-amerikanische Unternehmen Newspaper Direct die Titel der Schweizer Medienhäuser Tamedia und NZZ bereits zu Dumpingpreisen in der ganzen Welt.»

Weiter geht’s beim «Beobachter».
(Danke für den Hinweis, Bruder Lolo.)

von Martin Hitz | Kategorie: Sparschwein

17 Bemerkungen zu «Zeitungsabos zu Schleuderpreisen»

  1. Fred David:

    Gut, dass es den „Beobachter“ gibt. Andere Medien üben bei diesem Thema allzu viel Zurückhaltung. Wird seine Gründe haben.

    In dieser Codex- Nummer scheint ziemlich viel warme Luft zu stecken.

    Man kann die Verlage schon heute umgehen. Via pressdisplay.com kostet eine digitale Ausgabe von Sonntagszeitung oder NZZaS 0,99 Dollar; ich muss nur zahlen, wenn mich die ersten zwei Seiten anmachen. Abgebucht wird pro Ausgabe zuverlässig via Kreditkarte.

    Das Verrückte : In Montevideo erhalte ich die Schweizer Sonntagszeitungen (und auch einige Tageszeitungen) zur gleichen Zeit wie die Leser am Züriberg – nur dass ich weniger zahle und deutlich schneller mit der Lektüre durch bin, ohne irgendwas zu vermissen. Ausserdem schmeckt hier der Kaffee besser…

    Kommt hinzu, dass die Inserate digital völlig nutzlos sind, weil sie schneller weggedrückt werden können als man gucken kann. Die Inserenten haben nix davon.

    Diese Rechnung geht ausnahmsweise für den Konsumenten prima auf. Für die Verlage sicher nicht.

    An diesem Modell stimmt etwas nicht.

    Warum riskieren die grossen Schweizer Medienhäuser nicht eine echte Offensive, um ihre Tageszeitungen so bald als möglich auf iPad zu servieren? Sie haben das Können und die Power, den Schweizer Markt dafür konsequent zu öffnen – vielleicht weltweit als einen der ersten überhaupt. Die Struktur des Schweizer Medienmarkts gäbe das her.

    Wenn die Verleger es nicht tun, müssen eben die Redaktionen Dampf machen. Und die Käufer und Leser. Wenn diese zu Zehntausenden auf pressdisplay.com oder ähnliche Dienste umsteigen – was dann? Es wäre ohne weiteres möglich. Und es wäre eine kleine Revolution.

    Denn dann wird’s eng für die Verlage. Das würde ihnen zweifellos Beine machen. Worauf noch warten? Bis wieder jemand wie „pressdisplay“ das Feld ohne angenmessene Entschädigung aufrollt?

    Tageszeitungen in iPad-Version würden Papierausgaben – insbesondere die wöchentlichen – nicht verdrängen.

    Diese müssten aber deutlich attraktiver gestaltet und geschrieben sein, um eine echte Alternative zu digitalem Fastfood via iPad oder Aehnlichem darzustellen. Das geht.

    Aber offenbar brauchts zuerst mal Druck von allen Seiten.

    Die Konsumenten haben heute sehr viel mehr Power als sie denken….

  2. @Fred David: Das war kein Primeur des Beobachters. Ich habe das in der Aargauer Zeitung zum iPad-Launch gebracht ;-).

    Beim Tagi wussten viele Leute schon lange, dass es die Zeitung beim PressReader praktisch für Nichts gibt. Auch Res Strehle musste es wissen, ich habe ihm das längst gesagt. Nur ist diese Info offenbar nicht in die Verlags-Etagen gewandert…

  3. Fred David:

    @) Christian Bütikofer: Es stand auch schon hier im Blog, zum Beispiel in den Kommentaren zum „Mediennsatz“ vom 16.Juni.

    Es geht nicht um den Primeur, sondern mehr darum, welche Konsequenzen das für die Branche hat.

    Soweit ich die Sache verstanden habe, können die Medienhäuser wenig Einfluss darauf nehmen, was mit ihren Produkten geschieht, wenn sie erst mal den Vertrag zur digitalen Nutzung unterschrieben haben.

    Umso dringender ist es, die Sache selbst in die Hand zu nehmen: iPad (oder ein ähnliches System) auf dem Schweizer Tageszeitungsmarkt von den grossen Medienhäusern gemeinsam und breitflächig durchgesetzt, könnte eine Lösung sein.

    Das geht, wenn sich die Verleger auf eine aktive Strategie einigen und nicht versuchen, alles durch ein Projekt wie Codex auf eine möglichst lange Bank zu schieben oder sich gegenseitig auszutricksen

    Es ist letztlich eine Kostenfrage, die alle gleichermassen trifft: Der Produktions- und Vertriebsaufwand für konventionelle Tageszeitungen ist unzwischen derart gross – und er wird immer grösser -, dass die Medienhäuser gar nicht anders können, als überall beim Inhalt die Kostenschraube drastisch anzuziehen – und dabei auch zu überdrehen.

    Irgendwann machen die Konsumenten nicht mehr mit, insbeosndere dann, wenn sie einen billigen digitalen Ausweg finden und für viel weniger Geld 1:1 die genau gleichen Inhalte kriegen (siehe oben).

    Zeitungen verkauft man letztlich über die, die Inhalte produzieren – egal ob digital oder auf Papier. Das ist sozusagen die Kernkompetenz. Wird diese übermässig geschwächt, kann das dramatische Folgen für die ganze Branche haben.

    Das sind existenzielle Fragen.

  4. Es ist ja nicht so, dass das PressReader-Abo gratis ist. Und die Ausgaben verschwinden alle spätestens nach 60 Tagen, als Leser der Digitalausgabe hat man auch Nachteile. Zudem ist das App alles andere als stabil: Wenn man die Abos nicht mehr updaten kann, muss man es neu aufspielen und hat alles verloren… Immerhin: über den Compi gehts.

    Die Welschen haben seit einigen Tagen ihre Ausgaben zudem nicht mehr als Download freigegeben. Nur noch online. Das werden die anderen wohl auch bald machen.

    Le Monde scheint mir einen guten Weg einzuschlagen (ausser, dass die iPad-Registrierung Bugs aufweist). Und die Ausgaben sind nicht mit DRM geschützt. Das Abo ist deutlich billiger als Papier, trotzdem kostet es was.

  5. Peter Johannes Meier:

    Die Schweizer Verlage sind vom innovativen PressReader (Newspaper Direct) schlicht überrumpelt worden. Die Verträge werden wohl gekündigt, weil sie mit den künftigen Preismodellen in Online-Kiosken nicht kompatibel (zu billig) sind. Viel spannender ist, dass gleich mehrere Verlage zusammen mit der Swisscom und Orell Füssli einen solchen Kiosk aufbauen wollen (www.beobachter.ch/konsum/multimedia/artikel/
    medien_das-ende-der-gratis-kultur/).
    So müssen sie nicht 30 Prozent von jeder verkauften Zeitung nach Cupertino überweisen. Vielleicht sind die Berichte über Apple, iPhone und so ja darum etwas kritischer geworden…

  6. Markus Schär:

    Ich habe für die aktuelle Ausgabe des „Schweizer Journalisten“ (richtigerweise online nicht zugänglich) versucht, mir einen Überblick über die Landschaft zu verschaffen. (Martin Schawalder von der iAgentur, die alles für Tamedia macht, finde ich einen höchst spannenden Mann.) Das ist das Fazit zu „Codex“:

    „Die Idee soll jetzt, nach einigen Verzögerungen wegen technischer Probleme, sogar Realität werden: In einem Testlauf mit 150 Kunden beobachten die im „Codex“ verbundenen Partner derzeit, was die Leser wirklich brauchen, was sie nutzen und wofür sie allenfalls bezahlen. Nach der Auswertung dieses Versuchsbetriebs wollen sie gemäss (Swisscom-Sprecher) Schulze den Business-Case ausfeilen und „entscheiden, ob sich das Projekt überhaupt lohnt – zu einem Preis, bei dem für alle Beteiligten etwas rausschaut“. Falls der Entscheid positiv ausfällt, soll der Betrieb schon Ende 2010 starten: „Das glaube ich aber nicht, es wird eher erste Hälfte 2011.“

    Gelingt es den Eidgenossen, im Verbund die Macht des fremden Molochs zu brechen? Zweifel sind erlaubt. Das für „Codex“ eingesetzte Lesegerät bringt beispielsweise auch, wie Ringier-Manager Huwiler sagt, „eine ganz vereinfachte ‚Blick’-Ausgabe“. Aber mit den Attraktionen, die Apple bietet, kann es niemals mithalten – schon gar nicht, wenn Cupertino dereinst auch blosse Busen erlaubt.“

    Und das ist nur die autorisierte Fassung…

  7. Fred David:

    @) Markus Schär, danke für die interessanten, wenn auch stellenweise etwas kryptischen Hinweise.

    Aber: Ein Mini-Sample von 150 Testusern, das darüber entscheiden soll, was Schweizer Leser wirklich brauchen, was sie nutzen und wofür sie Geld zu zahlen bereit sind?

    Medienhäuser haben doch Berge, ja Gebirge von Erhebungen, Copytests etc. herumliegen, mit genau diesen Fragen und letztlich mit auf die Breite wenig aussagekräftigen Antworten.

    Meine Zweifel wachsen, dass die grossen Medienhäuser, den Mut fassen, den wirklich grossen Wurf zu wagen.

    Dabei könnte es ein Befreiungssschlag gegen den immer stärker werdenden Kostendruck sein.

  8. Markus Schär:

    @Fred: Jetzt rätsle ich, was du kryptisch findest…

    Falls du den letzten Satz meinst: Einer der Befragten bezeichnete den „Codex“-Reader als „gefechtstaugliches Armeetelefon 47“ (also vergessen, ich rühre meinen Kindle, den ich ein halbes Jahr heiss liebte, nicht mehr an, seit ich ein iPad habe) – aber das liess er leider im Text nicht stehen.

    Und falls du meinen Hinweis auf die iAgentur meinst, könnte dir die Lektüre des „Schweizer Journalisten“ einiges an Erkenntnisgewinn bringen. Was ich selber in diesem Interview gelernt habe, in Kurzform:

    Es gibt drei Erfolgsfaktoren: 1. Instant Satisfaction, also keine technischen Hürden zwischen Content und Leser, 2. Interaktivität, das Anreichern mit Bildern, Video, Abstimmungen, Links, und 3. Individualität bei den Kategorien und den Empfehlungen. Aktuell gibt es noch keine iPad App, die all diese drei Erfolgskriterien in Perfektion umsetzt.

    Vor allem wegen den Individualisierungs-Möglichkeiten sehe ich ein grosses Potenzial, da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Mit Individualisierung meine ich nicht nur das einfache Priorisieren von Kategorien, wie bei der Zeitung, wo Sie einfach einen Bund überspringen können. Sondern die Individualisierung auf der Ebene der Artikel: Wie es eine Genius-Funktion für Musik und Apps gibt, wird es eine Genius-Funktion für Nachrichten geben. Auf dieser Ebene ist das Papier chancenlos.

    Das ganze Ökosystem, gerade im wirtschaftlichen Sinn, beruht ja auf iTunes; es ist unglaublich wertvoll und clever gemacht. So gibt es aktuell weltweit 150 Millionen iTunes-Accounts, also deutlich mehr, als es iPhones und iPads gibt. Zuerst kommt das Bezahlsystem, also das Hinterlegen einer Kreditkarte, erst dann folgen die Medien und der Content. Im Internet lief es umgekehrt: Für die frei verbreiteten Inhalte nachträglich die Bezahlung durchzusetzen, ist sehr schwierig. Das ist auch der grosse Vorteil des Apple-Systems gegenüber anderen mobilen Plattformen. Er spiegelt sich in unserer Erfahrung, wenn wir eine kostenpflichtige iPhone-Applikation zu Android portieren. Als Beispiel iGolfrules: Auf der Apple-Plattform sind die Verkaufszahlen über 200 Mal grösser als bei Android.

  9. Fred David:

    @) Markus: Danke, insbesondere der Hinweis auf das „gefechtstaugliche Armeetelefon 47“ ist deutlich.

    Es stimmt einen nicht hoffnungsfroh.

  10. Laut „Beobachter“ stellt das Codex-Ding die Inhalte schwarz-weiss dar – und wie ich aus normalerweise gut unterrichteter Quelle erfahren habe auch noch ohne Bilder. Kann das wirklich sein? Und falls ja, müsste ein solches Projekt dann nicht sofort abgebrochen werden?

  11. Markus Schär:

    Doch, mich schon: Das Ökosystem von iTunes, das ich erst dank Martin Schawalder verstanden habe, ist wirklich die erste praktikable Möglichkeit, für E-Journalismus zu bezahlen.

  12. Markus Schär:

    Das oben ist meine Antwort @Fred David.

    Und jetzt noch @Martin Hitz: Ja, es ist so. Und: meine Rede. Selbst die vereinten eidgenössischen Verleger müssen also wohl mit Apple leben lernen. (Ich habe es im fortgeschrittenen Alter auch noch geschafft: Das iPad ist mein erstes Apple-Dings.)

  13. Jedemdasseine:

    Der Codex ist eine Totgeburt. Da muss man nicht lange darüber schreiben. Und der iPad der Schierlingsbecher für die Verleger.

  14. Fred David:

    @)Jedemdassseine:

    a) Naja, über das Thema Codex und was so alles damit zusammenhängt, hätte man in den hochmögenden Medien schon das eine und andere klärende Wort verlieren dürfen. Es betrifft ja die Journalisten unmittelbar. Die Wahrheit ist: Da wollte niemand ran.

    b) iPad als Schierlingsbecher der Verleger? Da würde mich die Argumentation interessieren. Ich sehe es nämlich völlig anders. Drum würde ich gern das Contra lesen.

  15. Jedemdasseine:

    a) Man muss nicht jedes Experiment verhandeln.
    Sonst wären die Medien übervoll damit.
    b) iPad-Manie = Geräte- und Softwarediktat, Preisdiktat, Preiszerfall, Sieg der No-Info-Akteure, noch weniger finanzierbarer Journalismus.

  16. Fred David:

    @) Jedemdasseine:

    b) Ich sehe gerade in iPad die Chance, das Verschenken von Informationen zu stoppen und den Preiszerfall zu reduzieren, vorausgesetzt, das damit eingesparte Geld wird tatsächlich innovativ in Information investiert – und nicht nur als Dividende weggeschüttet.

  17. Fred David:

    …übrigens, wie ich gerade der neuen „Zeit“ (8.7.10) entnehme, hat der ehemalige „Spiegel“-Chefredaktor Stefan Aust eine taugliche Zeitschriftenversion einsatzbereit auf iPad, von der – laut Aust – sogar die Boys von Apple schwer beeindruckt seien. Es sei, womöglich, die bisher beste App. Aust hat sich auch finanziell am Nachrichtensender N24 als Unternehmer beteiligt.

    Er will N24 mit iPad kombinieren.

    Aust traue ich eine Menge zu. Er ist kein Schwätzer.

    Es wird spannend.

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