Aufstellungsdiskussionen ohne Ende

Die Fussball-Weltmeisterschaft und die SRG haben mehr gemeinsam, als man annehmen könnte: Alle sind Experten. Beim Fussball wie beim Radio — und vor allem beim Fernsehen — redet jeder und jede mit, wie die einzelnen Posten am besten zu besetzen wären. Mit den gleichen Konsequenzen oder eben Nicht-Konsequenzen notabene: Was immer jemand sagt, ist folgenlos. Andere fällen die Entscheide, zum Teil sind sie nachvollziehbar, zum Teil weniger.

So haben wir jetzt Roger de Weck als neuen SRG-Generaldirektor und Ruedi Matter als Radio- und Fernsehdirektor, der seinem Amt bestimmt gewachsen sein wird. Die Diskussionen um diese beiden Besetzungen amüsieren im Nachhinein: Schier unglaublich, wie lange die letzten Exemplare der raren Spezies der Medienjournalisten während Wochen auf falsche Pferde gesetzt haben, beispielsweise auf Nationalrat Filippo Leutenegger oder Hans-Peter Rohner von der Publigroupe. So lange, bis diese selbst an ihr Glück glaubten.

Jetzt folgt die Debatte über die zweite Garde unseres konvergenten Radio- und Fernseh-Ungetüms, das auf absehbare Zeit vor allem mit sich selbst beschäftigt sein dürfte. Ein neuer Chefredaktor für das Radio etwa ist als Nachfolger von Matter gesucht. Ebenso ein neuer Unterhaltungschef und ein neuer Kulturchef. Gerade beim letztgenannten Posten (aber nicht nur) sind auch Frauen angesagt.

Sind all diese Leute einmal bestimmt, geht das Gerangel auf der untersten Etage weiter: Welche konvergenten oder noch zu konvergierenden Journalisten machen was? Wer kann beides? Wer kann nur das eine? Und wer kann gar nichts?

All das wird sich die kommenden Monate hinziehen — mit den üblichen Reibungsverlusten. Und wer glaubt, die fänden eines Tages ein Ende, täuscht sich gewaltig. Denn neben all den menschlichen Unzulänglichkeiten, die solche Positionskämpfe offenbaren, geht es letztendlich um den dauerhaften Verteilkampf zwischen Radio und Fernsehen — bei knapperen Ressourcen.

So gesehen können die Medienkonsumenten von der SRG auf absehbare Zeit wenig neue Programme erwarten. Denn wer mit sich selbst beschäftigt ist, dem fehlen zwangsläufig die Ideen für innovative Sendungen. Und selbst das Debattieren um die Besetzung neuer Posten zieht sich in die Länge: So muss die SRG nächstes Jahr einen neuen Verwaltungsratspräsidenten für den jetzigen Amtsinhaber Jean-Bernard Münch finden. Und wer weiss, vielleicht sind bis dahin bereits die ersten Nachfolger zu suchen, für all diejenigen Posten, die falsch besetzt wurden.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts» und Kulturchef beim Pendlerblatt «News», amtet seit dem 1. September 2008 als Chefredaktor des Magazins «Saldo».

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Aufstellungsdiskussionen ohne Ende»

  1. Fred David:

    @) Rolf Hürzeler: nicht gerade ein überschäumend optimistischer Ausblick. Mir fehlt bei der Trutzburg SRG der Einblick, um das beurteilen zu können.

    Wär doch mal interessant, hier aus erster Hand aus dem tiefsten Innern zu erfahren, wie Stimmung und Erwartung sind. Die Besatzung der Trutzburg wird ja auch in den mittleren und unteren Chargen eine Vorstellung haben, was geht und was nicht, wohin man will, wo man neue Ufer sieht, die von den Controllern noch nicht zur unbetretbaren Zone erklärt wurden usw.

    Open Channel und erst noch mit Anonymitätsschutz … Ist ja hier schliesslich ein Medienblog.

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