Sorry, der Titel ist irreführend. Er steht noch da, weil ich eigentlich über das iPad-App-Fieber schreiben wollte, das bei den Medien täglich steigt. Wer hat noch keins? Wer bringt noch eins? Dann habe ich aber gemerkt, dass ich dazu keine rechte Lust habe. Alle sind am Pröbeln, vieles von dem, was man jetzt sieht, wird die Testphase nicht überleben; in ein paar Monaten wird man genauer sehen, wer in die evolutionäre Sackgasse steuert und wer auf die Autobahn.
Also zu etwas ganz anderem, nämlich zu meiner Lieblingsrubrik im «Spiegel», dem «Hohlspiegel» auf der letzten Seite. Das ist schon lange das Einzige, was ich im «Spiegel» regelmässig lese. Der «Economist» liefert doppelt so viel Information wie das deutsche Nachrichtenmagazin und braucht dafür nur halb so viel Platz. (Das «Spiegel»-iPad-App kostet pro Ausgabe 3 Euro 99, jenes des «Economist» gibt es noch nicht.)
Der «Hohlspiegel» liefert wöchentlich Beispiele dafür, zu welchen sprachlichen Schandtaten unsere Zunft fähig ist. Sie unterlaufen nicht nur Lokalblättern wie der «Saarbrücker Zeitung»:
- «Prügelstrafe für Frauen nach unverheiratetem Sex»
Oder Zeitschriften wie «Gong»:
- «Der befreundete Arzt fühlte sich schuldig am Tod des Malers, und das tote Herz seines Freundes pochte an sein Gewissen.»
Nein, sie finden sich ebenso in Blättern wie der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»:
- «So vermischen sich etwa die wabernden Wasserwogen des eröffnenden Rhein-Bildes mit der gleichen sämigen Langsamkeit, wie mancher Italienfreund die Ingredienzien einer Latte macchiato übereinanderschichtet.»
Oder in der «Welt»:
- «Ein Hängebauchschwein, das neugierig über die steinerne Hotelterrasse angedackelt kommt und dabei klackernde Geräusche macht wie Paris Hilton auf High Heels, bringt auf unfreiwillig komische Art Sympathiepunkte ein.»
Unfreiwillige Komik ist das eine. Schiere Borniertheit das andere. In den «WOZ News» fand ich letzte Woche ein erschütterndes Beispiel dafür, eine Glanzleistung aus dem «Blick»-Newsroom, der Vuvuzela im Orchester der Schweizer Medien. Der «Blick am Abend» «Blick» berichtete unter dem Titel «Junger Mann tot – Mineur verhaftet» über ein Verbrechen im Raum Genf folgendes:
- «Der Fall im engen Familienkreis führte zur Verhaftung eines jungen Bergmanns.»
Die «WOZ» fand bei den welschen Kollegen von «20 minutes» die Meldung, die den «Blick am Abend» offensichtlich inspiriert hatte, und darin die Formulierung:
- «La victime étant mineure…»
Täter? Opfer? Bergmann? Ist doch scheissegal.
Wer will, kann dies auch als Aperçu zum Thema Qualitätsjournalismus lesen.
Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».
Ich bin auch ein absoluter Economist-Fan. Es ist wahrscheinlich die Zeitschrift, aus der Journalisten weltweit am meisten abschreiben (ohne Quellenangabe, versteht sich…) – und die trotzdem unbestechlich bleibt. Selten heutzutage. Das Abo ist allerdings teuer. Als iPad-Version würde ich mir den Economist sofort schnappen, und stattdessen andere Lektüre einsparen. Denn billig wird das Eco-App nicht werden.
Bisher nutze ich pressdisplay.com. Ist ideal, wenn man im Ausland oder auf der Alp unterwegs ist. Für 0,99 Dollar pro Ausgabe blättere ich auf dem Labtop so beispielsweise die komplette “Sonntagszeitung” und die “NZZ am Sonntag” durch. Die Seiten werden im Originallayout samt Fotos aufgerufen, es ist leicht darauf zu navigieren, Anzeigen umschifft man blitzartig.
Ich erhalte die elektronische Zeitung automatisch serviert, spätestens ab morgens um 7 Uhr, und muss sie nur mit einem Tip anclicken Wenn mich die Titelseite langweilt, lass ich’s ganz und zahl nix.
Ich wühle mich – zu meinem Erstaunen – sehr schnell durch dicke Sonntagszeitungen hindurch, eigentlich immer schneller und ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Spricht nicht unbedingt für unsere Sonntagsblätter. Sie beginnen mich etwas zu langweilen. Aber das ist ein anderes Thema.
Ich könnte auch “Al Watan” aus Katar oder den “Bayernwaldboten” abrufen, einige hundert Titel stehen weltweit zur Auswahl. Manche grossen Blätter fehlen: Economist, Spiegel , FAZ, Le Monde. Dafür sind Guardian und Tribune dabei.
In der Schweiz sind elektronisch erhältlich: 20minuten (sechs Regionalausgaben), Basler Zeitung, Berner Zeitung, Bilan, Femina , F&W, Le Matin, Tages-Anzeiger, Sonntagszeitung, NZZ am Sonntag.
Und, sieh an, die NZZ. Aber die Tante fass ich lieber “happtisch” an.
Natürlich wird man irgendwann sagen , das war mal e-paper-feeling der Steinzeit, aber pressdisplay ist eine gute Uebergangslösung. Bis iPad soweit ist, dauert’s wohl doch länger als erwartet.
Was ist eigentlich aus der vor etwa 2 Monaten grossartig verkündeten Zusammenarbeit von NZZ und Tamedia in Sachen iPad geworden? Eine eigene Firmengründung wurde angekündigt. Was nun?
lieber daniel weber,
wenn du schon über qualitätsjournalismus daherblabberst gehört die recherche auch dazu. nichts gegen die “woz”, aber statt abschreiben lieber nachgucken. besagter titel mit dem “mineur” stammt nicht aus dem “blick am abend”, sondern aus dem “blick” (weil er erschien am samstag, 29 mai – und am wochenende kommt der “baa” bekanntlich nicht raus. das macht die sache zwar nicht besser. aber wenn schon kritik, dann richtig.
lg
bö,
baa
Ich bekenne, lieber Thomas Benkö, dass ich auch die Zitate aus dem „Spiegel“ nicht nachrecherchiert habe, hoffe jedoch, dass die Kollegen dort weniger schludrig gearbeitet haben als jene von der „WOZ“, die wahrscheinlich die Mitglieder der „Blick“-Familie nicht so genau auseinanderhalten. Ich habe übrigens nicht abgeschrieben, sondern zitiert, das ist nicht ganz dasselbe. Aber ich entschuldige mich gern, auch im Namen der „WOZ“-Kollegen, für die Verwechslung.
danke…
Auch wenn wir uns erst in der Testphase befinden, können die bereits existierenden iPad-Entwicklungen interessieren. Hab mal bei mir drüben ein Sammlung solcher iPad-Apps gestartet. Vielleicht kennt ja hier noch jemand so ein (Un)Ding?
Und die Verwechslung, naja. Da dürften wir grössere Probleme haben…
Lieber Fred David, wir haben keine Zusammenarbeit mit der NZZ in Sachen iPad angekündigt. Es gibt aber ein gemeinsames Projekt von Edipresse, NZZ, Orell Füssli, Ringier und Swisscom für eine E-Reading-Plattform namens Codex. Das Projekt ist im Moment in einer Testphase und die Partner werden anschliessend über eine Einführung entscheiden. Codex ist ein weiterer Weg, aber weder – wie verschiedentlich geschrieben – ein Angriff auf das iPad noch eine Offensive für eine gemeinsame iPad-Plattform. Mit liebem Gruss, Christoph Zimmer, Tamedia
Bei aller Liebe für das NZZ-Folio: Dr. Evil muss sich grade ernsthaft Gedanken über eine NZZ-Abo-Kündigung machen. «Vuvuzela im Orchester der Schweizer Medien?» Ihr seid das verdammte Triangel! Arrogante Bande.
@Dr. Evil: Es soll ja viele geben, die die Vuvuzela lieben
@) Christoph Zimmer: Besten Dank für die Präzisierung.
Aber so richtig erhellend ist das auch nicht:….”Testphase”…”weiter Weg”… irgendwann “abschliesend entscheiden”….”weder eine Verhinderung von noch eine Offensive für iPad”…
Ja, was denn nun, angesichts einer so grossen Koalition, die einen beträchtlichen Teil des Schweizer Medienmarkts abdeckt – und die letztlich darüber entscheidet, wie die Schweizer Medienzukunft aussieht?
Das ist nix für’s stille Chämmerli.
Kommunikationsmedien sind zum Kommunizieren da. Gerade bei einem so spannende Etwicklungsprozess wie Codex und iPad.