Ein Befreiungsschlag

Peter Studers Analyse zur Wahl von Roger de Weck zum SRG-General (Mediensatz vom 26. Mai) ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Ich möchte hier nur noch eine Bemerkung unterbringen: Der Entscheid zugunsten von de Weck dürfte einer der besten in der Geschichte der SRG sein und er könnte diese vor einer Zerreissprobe bewahren, die sie im Mark zu erschüttern drohte.

Wer mit Radio- und Fernsehleuten spricht, spürt bis ins oberste Kader hinauf eine enorme Verunsicherung und Angst vor der eingeleiteten Medienkonvergenz. Die SRG ist hier ja nicht nur blauäugig, sondern geradezu krass naiv ans Werk gegangen. Die ganze Konvergenztheorie wurde am grünen Tisch erarbeitet unter weitgehender Ausschaltung der Mitarbeiter.

Dabei ist heute klar, dass bei einem solchen Thema, das Mitarbeiter generell vor gänzlich neue Arbeitsabläufe stellt, das Know-how der «Basis» enorm wichtig ist. Wer in diesem SRG-Prozess aber Kritik anmeldete oder Fragen stellte, fiel unangenehm auf, und wer sich gar öffentlich zu äussern wagte, wurde rüde in den Senkel gestellt. Vertreter der einzelnen Programme und Sparten, die sich um die Identität ihrer Sendungen und Kanäle Sorgen machten, wurden als Meckerer und Miesmacher betrachtet. Einige SRG-Kenner sind deshalb heute der Meinung, das der Start zur Konvergenz mit einem schnellen Blackout enden könnte.

Schon die Ausgangslage der ganzen Übung ist bizzarr. Man stelle sich vor: In einem grossen Unternehmen leitet ein CEO oder Generaldirektor kurz vor seinem Abgang eine Totalreform der Strukturen ein und übergibt dieses Neukonstrukt danach seinem Nachfolger zur Umsetzung! Was bleibt da übrig? Entweder ist der Nachfolger ein Langweiler, der alles 1:1 umsetzt – oder er macht sich seine eigenen Gedanken.

Und hier dürfte ein Roger de Weck einiges bewirken. Als Publizist wird er die Technokraten-Konvergenz anders beurteilen als sein Vorgänger, der bereits etwas abgehoben agierte, und differenzierter sehen als ein Verwaltungsrat, der aus lauter lieben Leuten besteht, die aber leider von Radio und Fernsehen wenig und von Journalismus gar nichts verstehen. Die Wahl de Wecks mutet deshalb fast als eine Art Befreiungsschlag einer Behörde an, die spürte, dass sie nahe daran ist, ein Grossprojekt an die Wand zu fahren, aber selbst nichts mehr tun kann, um die Katastrophe zu verhindern.

Dass nun ein Publizist Generaldirektor wurde, ist deshalb für das Personal ein enorm wichtiges Zeichen, ja, eine Botschaft. Den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit wird damit eine klares Bekenntnis vermittelt: Die SRG braucht keinen eiskalten Medienmanager, wie es sie in diesem Lande genügend gibt, sondern einen Philosophen, der die Seele eines Mediums versteht. Für eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt ist das ein Muss.

Alles andere, was jetzt zum Hauptproblem emporstilisiert wird, bewegt sich auf Nebenschauplätzen. De Weck ist keineswegs der betriebswirtschaftlich unbewanderte Oberjournalist, der nur Kohle zum Fenster rauswirft (wie jetzt gelegentlich behauptet wird). Als studierter Ökonom wird ihm die Problematik des SRG-Defizits bewusst sein – und er könnte sie schneller lösen, als es manchen lieb ist. Als obersten Chef eine solchen Unternehmens wünscht man sich aber doch jemand, der nicht nur saniert, sondern auch studiert.

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Ein Befreiungsschlag»

  1. Martin:

    @Andrea Masüger:

    Roger Weck studierte Volkswirtschaftslehre, nicht Betriebswirtschaftslehre. Seine Diplomarbeit an der Universität St.Gallen (HSG) schrieb über zum Thema «Roosevelts New Deal Politik als Herausforderung für die amerikanischen Konservativen» – anno 1975 … dort, wo Weck in Unternehmen wirtschaftliche Verantwortung trug, war er nicht erfolgreich.

    Inwiefern arbeiten übrigens die Südostschweiz Medien mit der SRG zusammen?

  2. Skepdicker:

    Meines Wissens hat Roger Weck VWL (und nicht BWL) studiert. Damit ist er zwar besser für seinen neuen Job gerüstet als etwa ein Sozialanthropologe oder Ethnologe – aber zu einem Manager wird man im VWL-Studium dennoch nicht ausgebildet.

    Hätte Weck sich bereits einen Namen als Manager gemacht, wäre das fehlende BWL-Studium sicher kein ernsthaftes Argument gegen seine Berufung. Viele fähige Manager haben nicht BWL studiert – und viele unfähige Manager haben BWL studiert. Wecks bisherige Leistung als Manager ist aber sehr umstritten. Gelobt wird seine Leistung vorwiegend von seinen damaligen Untergebenen, was nicht nur ein gutes Zeichen ist (z.B. dann nicht, wenn das Lob durch Opposition gegen nötige Sparmassnahmen erkauft wurde).
    Zudem steuerte Weck bisher nur kleinere Segel- und Rennboote, nicht einen Supertanker à la SRG. Dass Weck ein angesehener Publizist ist, spricht auch nicht unbedingt für ihn. Der CEO von Emmi, Urs Riedener, wäre wohl kaum ein besserer CEO, wenn er gelernter Molkerist wäre.

    Fazit: Gut möglich, dass Weck das Programm verbessern bzw. den eigentlichen Auftrag der SRG mehr ins Zentrum rücken wird (d.h. weg von der Imitation der Privaten hin zu mehr BBC). Wenn es um den betriebswirtschaftlichen Aspekt geht, bin ich aber sehr skeptisch. Daran ändern auch devote Kommentare von Wecks Bekannten, politischen Weggefährten, Peers und potenziellen SRG-Bewerbern nicht viel.

  3. Jedemdasseine:

    Weil der Staat offenbar die „de“ abgeschafft hat, wird hier dem künftigen SRG-Chef quasi staatshalber von den beiden Schreibern das „de“ weggekürzt. Man kann es mit der Staatsgläubigkeit auch übertreiben.

  4. derjournalist:

    mein gott sind die kommentare hier bescheuert und wohl typisch für svp-gesindel: ein studierter ökonom ist jemand, der vwl studiert hat. klar?

  5. Skepdicker:

    @ derjournalist:
    Nicht unbedingt. Ein Ökonom ist ein Wirtschaftswissenschaftler und kann somit auch BWL studiert haben. Hatte bis vor kurzem auch das Gegenteil behauptet (Ökonom = Volkswirtschafter), musste mich aber vom Gegenteil überzeugen lassen (siehe Wikipedia, Berufsbezeichnung „Betriebsökonom“).

    Zudem kann nicht davon ausgegangen werden, dass der durschnittliche Journalist den Unterschied zwischen VWL und BWL kennt. Sonst würde ja nicht andauernd behauptet, Roger Weck sein aufgrund seines VWL-Studium qualifiziert für seinen SRG-Job…

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *