Peinliches Gezeter um den neuen SRG-Generaldirektor

Holla, ging die Post ab, als letzte Woche die Delegiertenversammlung der SRG mit 39:2 Stimmen den ohne Begleitgeräusche aufgetauchten Roger de Weck zum CEO der SRG wählte. Der «Sonntag» beschrieb Delegiertenfrauen, denen Tränen der Rührung aus den Augen kullerten. Aus verschiedenen SRG-Redaktionen berichtete man mir, dass Champagnerpfropfen knallten. Medienmanager wie der notorisch SRG-kritische Roger Schawinski oder der bullige Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument lobten die Wahl.

Aber auch an Unkenrufen fehlte es nicht. Ein eher progressiver Medienanwalt meinte, die SRG habe sich in den Fuss geschossen. Schaum vor dem Munde hatte SVP-Präsident Toni Brunner: «der Staatssender» werde jetzt von einem «bekennenden SVP-Hasser» geleitet. SVP-Stratege Christoph Blocher zürnte. Er wittert «das letzte Aufbäumen der Gutmenschen-Clique» und befürchtet die «Ausgrenzung der SVP am Monopolfernsehen» (wo sie doch bisher so ausgiebig zu Wort gekommen war). Die SVP- Granden hatten wohl eben vom «SonntagsBlick»-Reporter erfahren, dass de Weck in 210 Kolumnen (der «SonntagsZeitung») die SVP 50 Mal erwähnte – «davon nur einmal lobend».

Die SVP-Standpauke endete in Drohungen. Christoph Blocher im «SonntagsBlick»: «Das Deutschschweizer Fernsehen braucht keine Gebühren. Die Werbung genügt. Die Welschen sowie die italienische und rätoromanische Schweiz könnten wir aus der Bundeskasse unterstützen. Gegen einen Service Public für die Minoritäten habe ich nichts einzuwenden.»

Nehmen wir uns einmal das Blocher-Zitat vor: Die Kennzahlen des Deutschschweizer Fernsehens SF weisen für 2009 einen Betriebsaufwand von rund 500 Mio. Fr. aus. Der allein in der Deutschschweizer Fernsehwerbung generierte Betrag beläuft sich auf 160 Mio. Fr. Und wenn die SRG – die ja alle Gebühren und Werbeerträge (ausser etwas Sponsoring) einzieht und sie dann nach einem Regionalschlüssel verteilt – diese 160 Millionen in Zürich belassen würde? Für ein Deutschschweizer Fernsehprogramm reicht das nie und nimmer. Und überdies: Direktzahlungen aus der Bundeskasse für minoritäre Fernsehsender würden gefährliche Abhängigkeiten schaffen. Dann könnte die SVP endlich über SRG-«Staatssender» wettern, was sie heute grundlos tut. Der Vorschlag ist ein peinlicher Irrläufer.

Einen Moment lang stutzig machten mich Reklamationen des unterlegenen CEO-Kandidaten Hans-Peter Rohner, die von manchen Blättern aufgenommen wurden. Rohner berief sich auf das Anforderungsprofil, das an ihn herangetragen worden sei: Mit seiner langjährigen Führungserfahrung an der Spitze der (freilich etwas lahmenden) PubliGroupe liege er richtig, habe man ihn ermuntert.

Ich habe mir dieses «Idealprofil» für einen neuen Generaldirektor vom Herbst 2009 kommen lassen. «Auf folgende Schlüsselkriterien wird besonderes Gewicht gelegt: Führung eines grossen Unternehmens; Medien- und Kulturverständnis; Auftrittskompetenz; Politische Beziehungspflege; Deutsch/Französisch/Englisch; Bereitschaft, sich öffentlich zu exponieren; Frustrationstoleranz».

Zwar setzt dieses Profil-Summary die Leitungserfahrung im Grossunternehmen an erste Stelle; da heimst de Weck als Absolvent der Universität St. Gallen und ehemaliger Wirtschaftsredaktor – immerhin Autor des damals vielgepriesenen Buchs «Scandal au Credit Suisse» (1978) – wohl nicht die maximale Punktzahl ein. Aber die Bedingungen 2 bis 7 stehen auch im Raum, und bei jedem Profil dieser Art ergibt sich vor dem Endergebnis eine «Mischrechnung».

Ich selber habe nie unter Roger de Weck gearbeitet, aber ihm aus dem SF-Haus zugeschaut – wobei ich mich über seine recht erratische Personalführung in den ersten «Tages-Anzeiger»-Jahren wunderte. Später sagte er mir, er würde jetzt einiges anders machen. Wegen seines abrupten Abschieds vom «Tages-Anzeiger» (1997) warfen ihm manche eine ausgeprägte Zahlenphobie vor, so etwa der Medienökonom Kurt W. Zimmermann (der allerdings im Haus Tamedia unter dem banalen Banner «content for people» viele Millionen in den Sand setzen half). Immerhin hat de Weck unmittelbar darauf auch mit harten Budgetkürzungen den Relaunch der Hamburger «Zeit» vorbereitet (1997-2001). Heute geht es dem Wochenblatt glänzend.

Später, als Kolumnist und Dozent, hat sich de Weck in der Tat stark an der SVP und ihrem Spitzenpersonal gerieben – vor allem aus seinem Credo für einen Schweizer Beitritt zur Europäischen Union heraus. Sein Buch «Nach der Krise» (2009) ist ein kämpferischer Essay für die Erneuerung des Kapitalismus, keineswegs für dessen Abschaffung. Viele seiner Anregungen spiegeln die noch wenig kohärenten Reformbemühungen westlicher Regierungen, um die – entgegen dem Buchtitel – noch keineswegs überwundene Finanzkrise zu meistern. Besonders hilfreich ist seine Unterscheidung zwischen Marktregulierung (notwendig) und Marktintervention (aus liberaler Grundhaltung zu vermeiden).

Zur Form des Essays gehört es auch, gelegentlich Argumente übermässig zu pointieren. Wenn de Weck unter den Schwächen des Marktes den Kauf der Politik durch die Reichen aufzählt und den reichen Christoph Blocher erwähnt, «dessen politische Linie seinen Eigeninteressen entspricht», blendet er die christlich-konservative Ideologie des SVP-Tribunen aus. De Weck setzte noch eins drauf: «Er hat sich die kleine Schweizerische Volkspartei ‹angeeignet› und Millionen investiert, um sie zur mächtigsten Kraft im Land auszubauen» (S. 26). Blochers sensationeller politischer Erfolg lässt sich jedoch keineswegs mit Kaufsinvestitionen erklären.

Allerdings ist es nur fair, die Kommentare des Kolumnisten de Weck jetzt in eine Schublade zu legen. Was er in seiner Abschiedskolumne in der «SonntagsZeitung» anvertraute, ist ein kraftvolles Bekenntnis zum Service Public und nichts anderes. Und Vieles, was er in zahlreichen Interviews der letzten Tage von sich gab, müsste selbst Hardlinern wie Natalie Rickli (SVP) und Filippo Leutenegger (FDP) – beide tonangebend in der SVP-dominierten Aktion Medienfreiheit – eigentlich gefallen: Ein Service Public-Unternehmen könne nicht dauernd in den roten Zahlen herumrutschen. Ferner über das Verhältnis mit den Verlegern: «Wir müssen für einen starken Standort Schweiz im Mediengeschäft kämpfen – und zwar gemeinsam».

Die vielen, die – wie ich auch – der Berufung de Wecks applaudierten, hoffen natürlich, dass de Weck den Leistungsauftrag der Bundesverfassung als wichtigste strategische Mission umsetzt. «Radio und Fernsehen tragen zur Bildung und kulturellen Entfaltung, zur freien Meinungsbildung und zur Unterhaltung bei» (Art. 93 BV).

Notleidend ist der erste Auftrag. Zur nachhaltigen «kulturellen Entfaltung» am Fernsehen muss mehr geschehen. Zwei Kleinmagazine am Mittwochabend kurz vor Mitternacht, zwei Stunden am späten Sonntagvormittag und eine am sehr späten Sonntagabend reichen nicht. Jährlich eine sündhaft teure Outdoor-Operninszenierung hellt das Bild wenig auf und ist vor allem nicht nachhaltig. Soviel als Beispiel. Auszunehmen ist eigentlich nur das Kulturradio DRS 2. Das eine Momentaufnahme aus der deutschen Schweiz; aber ich vermute ähnliche Befunde in den andern Sprachregionen.

Was ich sagen will: Der ausgewogene und wert-, nicht nur quotenhaltige Mix ist eine strategische Aufgabe. Bei Roger de Weck sollte dieser zweite Profilpunkt, eben das «Medien- und Kulturverständnis», in besten Händen sein

Dr. iur. Peter Studer war von 1989 – 1999 Chefredaktor des Schweizer Fernsehens. Heute arbeitet er als freier Autor über Medienrecht und Kunstrecht.

von Peter Studer

6 Bemerkungen zu «Peinliches Gezeter um den neuen SRG-Generaldirektor»

  1. Ein wohltuend unaufgeregter Text. Die beste Analyse der Wahl, die ich bis jetzt gelesen habe.

    Nur etwas. «Blochers politischer Erfolg lässt sich keineswegs mit Kaufsinvestitionen erklären»: Ich würde «keineswegs» durch «nicht nur» ersetzen.

  2. Einigermasse irritierend ist ja auch, dass ausgerechnet diejenigen am lautesten aufheulen, die sich an Stelle des politisch denkenden de Weck einen FDP-Politiker an die SRG-Spitze gewünscht haben. Im übrigen ein Personalentscheid, von dem sich andere Medien in der Schweiz ein Stück abschneiden dürfen: Jedenfalls erscheinen mir frühverrentete Politiker nicht unbedingt als Idealbesetzung für Verwaltungsratsmandate in Medienunternehmen. Genau so wenig wie ehemalige Spitzenkräfte aus der Wirtschaft, die sinkende Schiffe (PubliGroupe) verlassen.

  3. Peter Studer schafft es hier wie kaum ein anderer vor ihm leidenschaftslos und doch engagiert die Wahl und insbesondere das öffentliche Getöse zur Wahl von Roger De Weck zu analysieren. Ich wünsche mir, dass seine Worte auch dort auf Interesse stossen, wo man die Mär vom Staatsrundfunk auftischt. Solche Polemik hilft uns nicht in diesen Zeiten, in denen nur gemeinsam Werte zu verteidigen sind.

  4. Frédéric Paulson:

    Vinzenz Wyss: Mär vom Staatsrundfunk?

    Als Professor für Journalistik und Medienforschung und Abteilungsleiter “Medienwissenschaft” an einer Fachhochschule müssten sie es eigentlich besser wissen!

    Ich versuche übrigens gerade herauszufinden, worüber Sie habilitiert haben. Können Sie mir weiterhelfen? Bei NEBIS datiert die letzte Publikation unter Ihrem alleinigen Namen von 2002 und es handelt sich um Ihre Dissertation.

  5. @F.P
    Bitte, als Prof. lerne ich selbstverständlich immer gerne dazu. Da bin ich ja mal gespannt, wie die These vom Staatsrundfunk erhärtet werden soll. Wie ist sie denn verfasst und institutionalisiert, die SRG? Ihre Ausführungen dazu aber bitte ohne meine und anderer Lebenszeit verschwendende Polemik.

  6. @Frédéric Paulson:

    AFAIK lassen sich Professoren an Fachhochschulen (FH) und Universitäten in der Schweiz in ihrer Bedeutung nicht direkt vergleichen. So wurden bei der Einführung der Fachhochschulen vor einigen Jahren wohl viele Dozenten mit dem Professorentitel beglückt. Ausserdem scheint eine Habilitation für FH-Professoren nicht notwendig zu sein.

    Mehr dazu unter anderem in den entsprechenden Empfehlungen der schweizerischen FH-Konferenz:

    http://www.kfh.ch/uploads/empf/doku/Empfehlungen%20Verleihung%20des%20Titels%20Professorin%20d.pdf

    Ich hoffe, Vinzenz Wyss und andere, die mit FH in der Schweiz vertraut sind, korrigieren etwaige Fehler in meinen obigen Ausführungen.

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