Wer schweigt, hat verloren

In eigener Sache zu informieren, war noch nie eine Stärke von Medienunternehmen. Die unschönen Begleiterscheinungen des modernen Mediengeschäfts werden kommunikativ aufgehübscht, Bagatellen als Sensation verkauft, Belanglosigkeiten als Schwurbel abgesondert – nicht anders, als dies Schrauben- und Sockenverkäufer auch tun. Oder aber man schweigt.

Bei privaten Medienhäusern, die mitunter den Spielregeln der Börse unterworfen und deshalb verpflichtet sind, mit kursrelevanten Informationen verantwortungsvoll umzugehen, gehört eine gewisse Zurückhaltung zum nachvollziehbaren Geschäftsgebaren. Umso erstaunlicher, wenn Tageszeitungen mit redaktionellen Sonderleistungen auffallen, sobald das eigene Haus wieder einmal gross eingekauft, fusioniert oder sonstwie den Markt bereinigt hat. Eine Selbstverständlichkeit könnte man meinen. Journalismus heisst schliesslich Transparenz schaffen und: ohne Journalismus keine Medien. Nur endet die Transparenz in manchen Fällen vor der eigenen Tür. Besonders stossend wirkt solche Zurückhaltung dann, wenn das Unternehmen dem Gebühren zahlenden Publikum und nicht Aktionären und Werbekunden verpflichtet ist.

Es ist nicht übertrieben und vor dem Hintergrund der besonderen Finanzierung mehr als nur gerechtfertigt, von der SRG und ihren Programmen eine ungleich grössere Transparenz in eigener Sache zu erwarten als von privaten Medienhäusern. Das Gebührenprivileg verpflichtet den öffentlichen Rundfunk nachgerade zu verstärkter Selbstreflexion.

Doch weit gefehlt. Keine der drei aktuellen Grossbaustellen hat die SRG bisher zum Anlass genommen, verstärkt die eigene Befindlichkeit zu thematisieren, geschweige denn mit dem Publikum in einen Dialog zu treten, um zu erfahren, was die Gebührenzahler von «ihren» Programmen halten.

Sowohl zur bevorstehenden Wahl des neuen Generaldirektors als auch zur Zusammenführung von Radio und Fernsehen zu einem konvergenten Irgendwas oder zur absehbaren Reduktion des Programmangebots erfährt man von der betroffenen Institution nur den unvermeidlichen Pflichtstoff. Diese falsch verstandene Zurückhaltung begründen SRG-Chefredaktoren immer wieder mit dem mangelnden Interesse des Publikums an Medienpolitik. An der Quote gemessen mag das sogar stimmen, doch das darf nicht der Massstab sein. Service public geht anders.

Mit ihrer Weigerung (oder Unfähigkeit), das Publikum nicht nur als Gebühren zahlende Masse, sondern als eigentlichen Existenzgrund wahrzunehmen, schneidet sich die SRG ins eigene Fleisch und droht in der Debatte um die Zukunft des öffentlichen Rundfunks die Definitionsmacht an die private Konkurrenz zu verlieren.

Wie das geht, konnte man in den vergangenen Wochen gut beobachten. Während sich die Zeitungsredaktionen mit Empfehlungen überboten, welche Radio- und TV-Programme nun geschlossen oder verkauft werden sollten, verharrte die SRG weitgehend stumm und verzichtete darauf, die Debatte über die sich abzeichnenden Sparmassnahmen und die Zukunft des Service public mitzugestalten. Aus welchen Gründen auch immer der Gebührenrundfunk meint, seine Existenzberechtigung nicht aktiver verteidigen zu müssen, auch in diesem Fall gilt: Wer schweigt, hat verloren.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

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