Ich sollte aufhören mit Zappen. Gestern Dienstagabend (4.5.10) bin ich mal wieder in was reingezappt, diesmal auf Tele Züri. Selber schuld! Es war zufällig mal wieder ein Mikro offen und zufällig sass mal wieder Roger Köppel da (ich glaube, er übernachtet in einer Hängematte in den Studios, um kein freies Mikro zu verpassen).
Und mal wieder ging’s um Burkas, von denen es in der Schweiz mutmasslich ein bis höchsten zwei Dutzend gibt. Das Aargauer Kantonsparlament sieht darin eine allerhöchste Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, weshalb gestern mit grossem Mehr eine Standesinitiative nach Bern geschickt wurde, als Alarmschrei des mündigen Bürgers sozusagen, um die dort schnarchenden Schlafmützen endlich aufzuschrecken.
Auf Tele Züri zeigte nun Roger Köppel — Premiere! — dazu seine neuste Zirkusnummer. Er argumentierte völlig entgegengesetzt zu dem, was er europaweit zum Minarettverbot erzählt hatte.
Neuerdings bringt der frischgebackene Ludwig Erhard-Preisträger Begriffe wie «liberal», «Liberalismus», «liberale Grundhaltung» und «liberale Werte» locker in einem einzigen Satz und in beliebiger Reihenfolge unter, grad wie’s passt, ohne mit der Wimper zu zucken, völlig konträr zu dem, was er vor ein paar Wochen zum gleichen Thema mit dem gleichen missionarischen Eifer und dem gleichen Zeugen-Jehovas-Lächeln unters glotzende Volk streute.
Ob so viel geistiger Flexiblität fiel selbst dem auch nicht gerade mundfaulen Aargauer FDP-Nationalrat Philipp Müller mehrmals sichtbar die Kinnlade herunter, obwohl er sich doch redlich abmühte, das Burka-Verbot mit seiner zutiefst «liberalen Grundhaltung» zu begründen («Ich bin liberal, weil mich der Tunnelblick im Leben nicht weiter bringt»).
Aber nix da. Schon war Roger Köppel da und dekretierte, was echt original urliberal ist (er hat inzwischen offenbar ein wenig in Erhards Schriften geblättert).
Wenn man, wie Roger Köppel, mit solchen Zirkusnummern sein Publikum kriegt – warum nicht? Das sollte man neidlos anerkennen, denn hinter jedem Salto, ob vor- oder rückwärts, steckt doch eine beträchtliche physische Leistung.
Nur ertappe ich mich immer öfter dabei, dass ich mich geniere, meine Berufsbezeichnung mit «Journalist» anzugeben. Mir ist das allmählich peinlich. Da geht es mir wie den Bankern. Ich hätte nie gedacht, dass sich zwischen den beiden Berufsgruppen je so eine verständnisvolle Gruppensolidarität entwickeln könnte.
Ehrlich: Sind wir am Verkinden?
Ich sollte nicht mehr zappen.
Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen.
“Das Aargauer Kantonsparlament sieht darin eine allerhöchste Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, weshalb gestern mit grossem Mehr eine Standesinitiative nach Bern geschickt wurde”
Korrektur:
Die Standesinitiative wurde noch nicht nach Bern geschickt. Das Kantonsparlament hat erst der Initiative zugestimmt. Jetzt lieget es an der Sicherheitskommission einen entsprechenden Text aus zuarbeiten, der dann nochmals vors Parlament kommt.
Und nirgends steht geschrieben, dass die Initiative eine Gefährdung der öffentliche Sicherheit sieht.
Bin nicht ganz einverstanden: Köppels Extremliberalspagat (Kleidervorschriften nein, Türmchenverbot ja) wurde schon vor ein paar Monaten im Zirkus Minaretta uraufgeführt. Live übertragen ebenfalls auf Tele ZüKiKa. Allerdings hab ich die Nummer schon damals nicht verstanden. Hach, manchmal wünscht man sich einfach Franz & René zurück – auf sämtlichen Kanälen: E säge nüt!
@) Dani, wenn die “Sicherheitskommission” den Text gegen ein bis zwei Dutzend Burka-Trägerinnen formulieren muss, von denen mutmasslich keine einzige im Aargau wohnt, hat das doch wohl mit der öffentlichen Sicherheit zu tun, oder was? Sorry, das ist alles nicht mehr ganz normal. Haben wir alle wirklich einen derartigen Eggen ab?
Wieder entringt sich ein Oje dem Mund: wie kann sich nur jemand wie Fred David, der sich damit schmückt, seit 40 Jahren Journalist u.a. Spiegel-Redakteur, (gewesen) zu sein, derart entblöden und Roger Köppel auf so kindische Art angreifen? – Roger Köppel hat sich nach Eveline Widmer-Schlumpfs Aussage vor der Anti-Minarett-Abstimmung, einem Burka-Verbot wäre sie nicht abgeneigt, entsetzt über die Absicht einer Justizministerin, Kleidervorschriften per Gesetz festzuschreiben, gezeigt und das öffentlich immer wieder kund getan.
Tatsächlich: der Medienspiegel ist, wenn man Fred Davids dummem Anti-Köppel-Geschwätz folgt, am Verkinden.
Für die Verkinderung ist nicht primär Feindbild Roger Köppel verantwortlich, sondern der gesamte journalistische Mainstream von A bis Z.
Was haben die Themen Kampfhunde, Raser, Burkas, Minarette, IZRS und Manager-Boni gemeinsam? Es handelt sich hierbei um marginale Phänomene, die sich journalistisch zwar gekonnt ausschlachten lassen – Stichwort “Empörungsbewirtschaftung” -, aber für die Zukunft unseres Landes kaum bedeutsam sind. Besonders die kaum je von ihren Kollegen kritisierten Staatsjournalisten haben oftmals einen seltsamen Begriff von Relevanz. Wer die Themensetzung von “Arena”, “Club” oder “10 vor 10″ anschaut, wähnt sich bei RTL II.
Aber darüber wird von unseren Medienkritikern kaum je ein kritisches Wort verloren. Man weiss ja nie, ob bei den Staatsmedien eine Stelle frei wird. Und die Staatsjournalisten gehören in der Regel dem eigenen weltanschaulichen Milieu an, weswegen man im Zweifelsfall lieber den Mund hält. Man kennt sich, man verkehrt in den gleichen Kreisen.
Zum Glück gibt es noch Roger Köppel. Dem kann man so richtig verbal die Fresse polieren und alle finden es super. So kann man kritisch sein, ohne wirklich kritisch zu sein. Für die Kritik an allen anderen Journalisten gibt es ja eine Allzweckwaffe, mit der man miesen Journalismus standardmässig wie an einer Teflon-Schicht abperlen lassen kann: Spardruck.
Als dummer Nicht-Journalist habe ich mir neulich folgende dumme Frage gestellt: Wie hoch war eigentlich vor 20, 30 Jahren die Akademiker-Quote in den Redaktionen und wie hoch ist sie heute? Beim “Bund” hatten früher fast alle Journalisten einen Doktor-Titel. Ist das heute auch noch so? Als Leser stosse ich bei Themen, in denen ich mich auskenne, immer wieder auf gravierende sachliche Fehler. Ich behaupte: Wer beispielsweise kompetent über die UBS oder die Finanzkrise schreiben will, muss sich meines Erachtens mit Derivaten, Geldpolitik, Rechnungslegung etc. bestens auskennen. Mir fällt aber auf, dass in vielen Wirtschaftsredaktionen grosser Zeitungen zunehmend Soziologen, Germanisten, Politologen, Philosophen, Ethnologen und andere Fachfremde sitzen.
Meine ketzerische Frage daher: Könnte es sein, dass der Journalismus auch darunter gelitten hat, dass er immer mehr zum Auffangbecken von ansonsten am Arbeitsmarkt nicht sehr nachgefragter Akademiker wurde?
Ich frage ja nur…
Fred David > Ich bin 100prozentig mit Deinem Befund einverstanden. Es ist wirklich kaum zu glauben, was man in letzter Zeit so hört. Jetzt will man schon Dinge verbieten, die bei uns gar nicht existieren (Burkas). Ob Köppel das gut findet oder nicht, ist mir egal. Ernst nehmen kann ich diesen Kollegen schon lange nicht mehr. Ich bin so altmodisch und finde, dass sich ein Journalist an den Fakten orientieren sollte, und das tut die Weltwoche je länger, je weniger. Ich kann nicht verstehen, dass es noch Leute gibt, die eigentlich nicht blöd sind, aber dennoch das Geschwätz von wegen «die Weltwoche ist eine erfrischende Alternative zum Mainstream» von sich geben.
Skeptiker > Hat denn Ihr Idol die Minarette nicht publizistisch ausgeschlachtet? Hand aufs Herz: Die Weltwoche ist ziemlich unschlagbar in der «Empörungsbewirtschaftung», die Sie beim «Mainstream» diagnostizieren.
Skeptiker > Diejenigen Journalisten mit Doktortitel, die ich kenne, sind weder kompetenter noch schlauer, als die ohne. Sie sind aber aufgeblasener und rechthaberischer als die ohne. Vor allem diejenigen, die ihren Titel vor sich hertragen.
Ceterum censeo: Der Köppel wird überschätzt.
Auch gestandene und geachtete Journalisten wie Fred David scheinen heute lieber zu provozieren als zu recherchieren. So kanns mit der journalistischen Qualität ja wirklich nicht mehr weit her sein. Eine kurze Google-Suche hätte ein Tagi-Interview mit Köppel vom 30.11.2009 aufgespürt, in dem er sich gegen staatlich verordnete Kleidervorschriften ausspricht.
@) ein Journalist: Mag sein, dass ich nicht alle Köppel-Inteviews im Kopf habe. Ich brauch meinen Kopf auch noch für ein paar andere Dinge. Es geht nicht um den Zeitpunkt, es geht um die evidenten, krassen Widersprüche in seinen Aussagen, die man sonst jedem Politiker um die Ohren schlagen würde, wenn der argumentiert, wie’s grad im Moment passend ist. Aber lassen wir’s gut sein, kommt eh nicht drauf an, la crise n’existe pas…
Fred David > Wenn ich Köppel richtig verstanden habe, soll es förderlich sein für die Integration der Muslime, wenn man den Minarettbau verbietet. Konsequenterweise müsste man dann auch für ein Burka-Verbot sein, weil man – gemäss dieser Köppel-«Logik» – nur so die Integration der Musliminnen fördern kann. Du hast völlig recht, wenn Du hier einen eklatanten Widerspruch in Köppels Denken ortest.
Ich möchte auch gern mal wissen, warum die Köppel-Anhänger immer so larmoyant reagieren, wenn jemand die Worte des Chefpropagandisten unter die Lupe nimmt. Die Weltwoche nimmt sich die Freiheit, ihre Gegner mit beispielloser Aggressivität zu behandeln (wer Ueli Maurer nicht wählen wollte, war ein «Landesverräter» usw.). Aber wenn sich jemand erlaubt, die Weltwoche zu kritisieren, wird man von den Köppel-Anhängern mit verbaler Gülle überschüttet.
@ Fred David: Es geht doch gar nicht darum, alle Köppel-Interviews im Kopf zu haben. Es geht darum, sich an die Fakten zu halten. Journalismus ist Fakten transportieren – und allenfalls kommentieren. Relevante Fakten. Was interessiert schon Roger Köppel? Er ist ja auch nur ein Journalist. Weshalb regst du dich auf über einen Journalisten, der noch ein bisschen PR in eigener Sache betreibt? Gibt es nichts Wichtigeres? Kommt uns wirklich nichts Besseres in den Sinn, als auf die paar Journalisten zu schiessen, die wenigstens versuchen, den Journalismus zu pflegen, nur weil wir politisch nicht auf der selben Bühne spielen?
Ein Journalist > Was RK pflegt, hat mehr mit Propaganda zu tun als mit Journalismus. Ein Journalist muss sich an den Fakten orientieren und sollte sich erst in einem zweiten Schritt eine Meinung bilden. Die Weltwoche verfährt umgekehrt: Sie biegt die Fakten zurecht, so dass sie zu ihrer rückwärtsgewandten, ausländer- und frauenfeindlichen, raubtierkaptitalimusfreundlichen Ideologie passen. Wenn man nach diesem journalistisch fragwürdigen Rezept arbeitet, sind groteske Pannen wie «La crise n’existe pas» nicht nur ein bedauerlicher Betriebsunfall, sondern geradezu programmiert.
Das Problem ist nicht, auf welcher politischen Bühne RK spielt. Das Problem ist, dass das Spiel der Weltwoche unlauter und journalistisch unseriös ist. Es handelt sich um Propaganda, nicht Journalismus. Darauf hat Fred David zu recht hingewiesen. Es ist billig, darauf mit Korinthenkackerei («wann genau hat er seinen widersprüchlichen Senf zum ersten Mal rausgelassen», usw.) zu reagieren.
@ Bobby California. Propaganda finde ich ein etwas sehr grosses Wort. Köppel argumentiert rechts aussen, sicher. Aber was solls, wir leben in einer Demokratie. Was daran unlauter sein soll, verstehe ich nicht. Auch die Weltwoche muss sich an das Schweizer Medienrecht halten. Und wenn sies nicht tut, kann jeder Betroffene geeignete Massnahmen ergreifen. Und zum Vorwurf “journalistisch unseriös”: Da fällt uns doch sicher noch der eine oder andere weitere Name ein, oder nicht?
Aber ich möchte die Weltwoche gar nicht verteidigen. Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass die Faktenlage stimmen sollte, wenn man auf den Mann spielt. Zumal ja Köppels Gegner ihm genau das vorwerfen: die Fakten zu biegen.
Ausserdem verstehe ich halt nicht, weshalb die Medien so ein Tamtam um Köppel machen. Da befragt ein Journalist von TeleZueri offenbar einen Journalisten um seine Meinung zur Burka-Diskussion, als obs niemanden interessanteren gäbe, und dann kommen die Journalisten und analysieren und interpretieren die Aussagen des befragten Journalisten. Ist das nicht etwas zu viel Eigenschau?
@ ein Journalist: Warum sich denn um den heissen Brei winden?
Roger Köppel täte sich und einer einigermassen noch ernstzunehmenden Publizistik einen Gefallen, legte er die finanziellen Hintergründe seiner “Weltwoche” nachvollziehbar offen, wie man das als ordentliches Medienunternehmen eben macht, insbesondere als eines, das so viel Wert legt, als “liberal” und “unabhängig” bezeichnet zu werden.
Ein Journalist > «Was daran unlauter sein soll, verstehe ich nicht»: Dann erklär ichs Ihnen nochmals. Also: Ein Journalist muss neugierig und unvoreingenommen sein. Zuerst schaut man die Fakten an, dann bildet man sich eine Meinung. Die Weltwoche geht umgekehrt vor. Die Meinung steht von Anfang an fest. Und dann postuliert die Weltwoche eben immer wieder Sachen, die ganz offensichtlich nicht den Tatsachen entsprechen. Ich mag mich erinnern, dass die Weltwoche vor ca. zwei Jahren schrieb, Aids sei nur eine Schwulenseuche und betreffe die Heterosexuellen gar nicht. Ein Blick in die Statistik zeigte jedoch, dass damals gleich viel Heteros wie Schwule mit HIV angesteckt wurden. Immerhin je ein paar Hundert pro Jahr. Also auch ein paar hundert Heteros pro Jahr. Und gleichzeitig schreibt die Weltwoche, Aids sei eine Schwulenseuche. Aber hallo?!
Die Weltwoche-Leser nehmen sich nicht immer die Mühe, die Fakten selber nachzurecherchieren. Sie glauben, was im Blatt steht. Diese Faulheit der Leser nützt Köppel aus, um seine Propaganda unters Volk zu bringen. Das nenne ich eben unlauter und unseriös. Egal, welche anderen Namen einem sonst noch einfallen mögen.
Zum Teufel, warum darf man die Weltwoche nicht kritisieren, ohne dass gleich kindische Retourkutschen kommen wie «es gibt auch noch andere» und «ihr spielt auf den Mann»? Es gibt immer andere, das ist doch kein Argument. Und «auf den Mann spielen» heisst soviel wie «persönliche Angriffe unter der Gürtellinie» machen, und das können Sie Fred David nun wirklich nicht vorwerfen. Er hat lediglich Köppels Aussagen mit den Gesetzen der Logik abgeglichen. Das wird wohl noch erlaubt sein.
Ein Tamtam gibt es, weil RK ständig irgendwelche Preise nachgeworfen werden. Kürzlich wurde er glaub zum grössten Schweizer Intellektuellen gewählt oder so was. Und da sag ich eben: Was der Mann rauslässt, ist zum grossen Teil tatsachenwidrig, weil ideologisch stark gefärbt, um nicht zu sagen, ideologisch verblendet. Und angesichts der Preise frag ich mich eben: Bin ich im falschen Film? Jedenfalls kann ich in RK’s Schaffen keinen Einsatz für «Freiheit und Verantwortung» erkennen (wie Erhards Erben), sondern den Fakten widersprechende Propaganda für Raffgier und Verantwortungslosigkeit.
@ Bobby California. Meiner Meinung nach hat Köppels Medienpräsenz nichts mit seinen Preisen zu tun, sondern mit der Tatsache, dass man mit ihm einen sicheren Wert für Provokationen in der Sendung oder im Blatt hat. Wenns um Marktanteile und Auflage geht, ist man sich offenbar nicht zu schade, den ach so schlimmen Köppel einzuladen. Provokationen gehören doch zum journalistischen Alltag. Die Weltwoche ist vielleicht ein bisschen besser darin als andere, das war sie aber schon vor Köppel. Die Weltwoche schrieb schon damals gerne das Gegenteil des so genannten Mainstreams.
Mich ärgert viel mehr, dass der Trend zu Provokationen und journalistischen Kampagnen längst um sich gegriffen hat. Heute muss man als Medium offenbar schreien, um wahrgenommen zu werden und finanzierbar zu bleiben. Das ist für mich die aktuelle Tragödie des Journalismus. Boulevard und Thesenjournalismus haben alle Medien erreicht. Der an Fakten und Recherchen interessierte Leser bleibt auf der Strecke. Wo soll er sich informieren? In Blogs?
Ich habe Fred David übrigens keine Angriffe unter der Gürtellinie vorgeworfen. Auf den Mann spielen heisst so viel wie “jemanden hart attackieren”. Hart muss nicht unfair sein, die Fakten sollten aber stimmen.
@ Fred David: Das sehe ich auch so.
Von Fred David selten so einen enervierten, polemischen Text gelesen. Das verwundert, aber ich kann ihn verstehen. Dennoch zwei Bemerkungen:
In der Tat funktioniert vermutete Provokation für RK nur so fein, weil wir alle laut schreien, weil wir seine Provo vermuten. Ergo: Wir sind seine besten Werbeträger. Zumindest dann, wenn wir uns nicht – in klarer Differenz in Sachen Stil und Ton – schlicht auf die Fakten konzentrieren.
Es ist dies das Dilemma jedes Blogs und fast aller Journalisten: Die Rabauzen setzen die Themen, die gelesen werden – und über die schreibt man dann auch. Mit grossem Echo. Ein Stück weit ist man dabei immer Gehilfe. Auch ich mit meinem Blöglein.
Hierzu noch eine Bemerkung: Ich störe mich an Bemerkungen wie jener, welche die Existenz von Burkaträgerinnen negiert. Das macht es allen, die schon welche gesehen haben, viel zu leicht, sich aus der Diskussion abzuseilen (ich habe übrigens schon mehrere solche Frauen gesehen). Die Diskussion mag sich im aargauischen Parlament bei der Burka erschöpfen – sie geht ja aber weit darüber hinaus und sollte dazu führen, dass es einheitliche Richtlinien für den öffentlichen Raum, insbesondere für die Schulpflicht aller Kinder aller Religionen gibt. Etc. etc. etc.
DA könnten dann seriöse Medien die Diskussion einmal ein wenig vorantreiben. Das ist der Weltwoche nämlich in der Tat oft zu mühsam.
Thinkabout > Ich negiere nix, hab auch schon eine (!) Burka gesehen. Persönlich fühle ich mich aber eher von Leuten wie Roger Köppel und Daniel Model bedroht. Letzterer will ja sogar unseren Staat abschaffen und baut schon mal seinen Regierungspalast (und geniesst dennoch hohes Ansehen bis weit in die Bloggerszene hinein – Leser des Bobby-California-Blogs wissen es). Dringender als ein Burkaverbot finde ich ein Weltwoche-Verbot (und auch ein Modelhof-Verbot). Mit ihren fortgesetzten Hasstiraden richtet die Weltwoche in unserem Land viel mehr Schaden an als ein paar Burkas.
Schliesslich war die Gründung des muslimischen Zentralrats eine direkte Reaktion auf die (von der Weltwoche gepushte) Minarettinitiative. Köppel kann zufrieden sein: Dank des Minarettverbots haben jetzt muslimische Bärte Aufwind, und die Weltwoche hat endlich einen Grund, um vor Bärten zu warnen. Wir habens wirklich weit gebracht.
Think about this (statt uns zu unterstellen, wir würden irgendwas negieren)!
@Bobby California:
Wie bitte? Die Weltwoche verbieten? DAS wäre ja dann tatsächlich die absolute Bankrotterklärung der freien Meinungsäusserung.
Diese Art Diskussion muss ich mir nicht antun. Da denke ich allerdings durchaus noch ein wenig drüber nach. Und wohl nicht nur ich…
Thinkabout > Mit den in Ihrem schöngeistigen Blog genannten, an den Haaren herbeigezogenen Gründen für ein Burkaverbot («wir müssen zum Bewusstsein finden, wie wir das Gegenüber zu respektieren haben usw. blabla») kann man problemlos auch ein Weltwoche-Verbot begründen. Denn die Weltwoche lässt schon lange jeden Respekt gegenüber Minoritäten und gegenüber dem politischen Gegner vermissen. Sie missbraucht die Meinungsfreiheit. Diese ist kein Freipass, um fremdenfeindliche Stimmungen zu schüren. Denken Sie drüber nach.
Oh My God… ich seh grad via infamy die neue Weltwoche-Schlagzeile:
«Muss der Islam verboten werden?»
Ein Grund mehr, um die Weltwoche zu verbieten!
Fred: Kann man dem noch «verkinden» sagen? Oder müsste man langsam nicht andere Begriffe verwenden? Begriffe wie «verblöden» oder «schwachsinnig werden»… Honestly I don’t know… it’s beyond me… Do think about it…
Bobby California: Die “Weltwoche” versteht sich nun mal als selbsternanntes Zentralorgan des Volkszorns, den sie zuvor kräftig schürt, und nachher als Beleg dafür ausgibt, sie sei die einzige, die verheimlichte Misstände, Gefahren und Machenschaften dunkler Mächte aufdecke, die überall lauern und das unschuldige Volk bedrohen.
Sie bringt diese Woche einen Artikel über die Dissertation eines Schweizer Doktoranden, Lukas Wick, der dem Islam die Integrationsfähigkeit in ein Verfassungssystem abspricht. Das ist durchaus interessant. Die FAZ hat die Dissertation schon vor einem Jahr ausführlich besprochen und zeigte sich beeindruckt von Wicks Arbeit.
Der Unterschied von FAZ und Wewo, die sich beide als wertkonservativ bezeichnen: Die FAZ informiert über die Diss, nüchtern und präzis. Die Wewo macht eine Kampfschrift draus, den Counterjihad sozusagen, eben: “Muss der Islam verboten werden?”
In diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass Gleichberechtigung und Religionsfreiheit von christlichen Religionen jahrhundertelang vehement abgelehnt und bekämpft wurden, auch mit Waffengewalt, und dass erst die “gottlose Aufklärung” eine Aenderung bachte, gilt als frivol.
Man muss schon sehen, dass dahinter eine Strategie steht:
Die angebliche “Islamierung” der schweizerischen Gesellschaft durch schätzunmgsweise zwei Dutzend Burkaträgerinnen und den “Islamischen Zentralrat” (eine fundamentalreligiöse islamische Gruppe mit 39 eingetragenen Mitgliedern, zumeist konvertierte Schweizer) sollen dazu dienen, die Bevölkerung permanent in Alarmstimmung zu halten, nachdem der Anti-Minarett-Effekt etwas abgeflaut ist.
Dieses permanente Aufpeitschen über Jahre hat System.
Von anderen, für die Schweizer Bevölkerung viel wesentlicheren und brisanteren Themen, wird damit gezielt abgelenkt.
Das ist eine glasklare, durchschaubare Strategie, hinter deren Durchsetzung auch eine ganze Menge Geld steckt.
Im Herbst 2011 sind Wahlen: Die angebliche “Islamierung” wird das grosse Wahlkampfthema werden. Es wird schon jetzt systematisch vorbereitet, u.a. durch mediale Spin doctors, von denen Roger Köppel einer ist.
Blick zurück: Rechtzeitig vor den Parlamentswahlen vor vier Jahren waren es die “Kosovo-Albaner” und “Jugos”, die unsere Mädchen vergewaltigen und die Schulhöfe zu Terrorveranstaltungen machten, wie wir in velen aufgeregten Medienbeiträgen lesen, sehen und hören konnten.
Was ist davon nach den Wahlen geblieben? Nichts. Man vergisst schnell: Ueber die aufgeheizte Anti-Ausländerstimmung in der Schweiz im letzten Wahlkampf titelte damals eine britische Boulevardzeitung:”Switzerland: The dark heart of Europe.” So standen wir da.
Dann war die angebliche Ausplünderung der IV durch Ausländer an der Reihe. Was ist an harten Zahlen davon übrig geblieben? Sehr, sehr wenig im Vergleich zu sonstigen Versicherungsprellereien.
Schliesslich die Zürcher Stadt- und Gemeinderatswahlen vor wenigen Monaten. Plötzlich war die “Germanisierung” ein riesen Medienthema, auffallenderweise aber nur in Zürich. Eben: Da wurde gewählt. Nach der Wahl verschwand das Thema, als wäre nichts gewesen.
Journalisten, die auf solche Kampagnen hereiunfallen oder sich dafür einspannen lassen, sind selber schuld. Nach meiner Wahrnehmung sind auch die Tamedia-Medien darauf besonders anfällig, allerdings weniger als Spin doctors, sondern mehr als Hinterhertapperer. Häufig gilt das auch für “Blick” und “Sonntagsblick”.
Vor drei Wochen erklärte mir die “Sonntagszeitung” auf der Frontseite fast zeitgleich mit der Wewo (“Bin Laden in Biel”, 7.4.10), der Schweizer Islam-Kovertit Nicolas “Abdulla” Blancho sei “der gefährlichste Islamist des Landes”, er habe eine “rasch wachsende Basisorganisation” (die nach Recherchen von “Le Temps” genau 39 eingetragene Mitglieder umfasst – und keineswegs “Terroristen”).
So schürt man gezielt Kampagnen. Der Mainstream fährt dann dumpf hinterher. Andere setzen die Stimmung dann gezielt in Politik um.
Auffallend ist, dass das Epizentrum solcher medialer Schockwellen immmer in Zürich liegt, nie in der Westschweiz, dass es immer aus der gleichen politischen Ecke kommt und dass immer die gleichen Medien die Wortführung übernehmen.
Medienkonsumenten sollten mehr auf solche Dinge achten.
Es ist kein Spiel mehr. Es geht um knallharte Interessen.
So dumm sind die Medienkonsumenten zum Glück nicht, dass sie sich von den Medien-Kampagnen zu sehr manipulieren liessen. Medien können zwar sehr gut beeinflussen, worüber diskutiert wird. Sie haben aber kaum Einfluss auf die Meinungsbildung.
Bestes Beispiel: Trotz penetranter Pro-Propaganda praktisch aller Medien hat ein EU-Beitritt bei der Bevölkerung keine Chance. Warum? Weil die Leute sehr gut wissen, dass die meisten Journalisten, Juristen, Staatsangestellten, Politologen, (Berufs-)Politiker den EU-Beitritt aus Eigeninteresse befürworten. Man ist lieber Korrespondent in Brüssel als in Bern. Man besucht lieber eine Konferenz in Strassburg als in Aarau. Man hofft auf einen Sitz im EU-Parlament, der Kommission und Essen in Paris, London und Berlin. Und ein Artikel über die grosse europäische Politik ist schneller geschrieben (und recherchiert) als ein Artikel über das neue Raumplanungsgesetz.
@) Sorry, Skepdicker: Mir ist kein einziges schweizerisches Medium bekannt, das eine Pro-EU-Kampagne fahren würde. Aber auch nicht ein einziges.
Und dass sich Medienkonsumenten nicht von Medienkampagnen manipulieren liessen, ist einfach naiv.
Fred David > Ich bin absolut einverstanden mit Deiner Analyse. Das Spiel, das wir beobachten, heisst «self fulfilling prophecy». Die Stimmung wird bewusst geschürt, Hitzköpfe hüben und drüben spüren immer stärkeren Aufwind. Ein gefährliches Spiel. Vermutlich würde der Weltwoche und der SVP ein Terroranschlag mit islamischem Hintergrund in der Schweiz ganz gut gefallen. Dann könnten sie prelaggen: Seht ihr, wir habens schon immer gesagt, alle Muslime sind Terroristen usw.
Klar ist die Weltwoche das Zentralorgan das Volkszorns. Ich glaube jedoch, dass bis heute nicht mal das zornigste Partikel des Volks auf die Idee gekommen wäre, den Islam verbieten zu wollen.
Skeptiker > Es ist erstaunlich, was Ihnen alles so in den Sinn kommt, wenn Sie sich ins Feuer reden. Journalisten wollen in die EU, weil sie sich Chancen für einen Brüssel-Job ausrechnen? Was für ein Bullshit. Ganz im Vertrauen: Ich will nicht in Brüssel arbeiten. Dennoch kenne ich viele gute Gründe für einen EU-Beitritt. Statt nur die EU-Gesetze zu übernehmen, könnten wir dann die Gesetze mitgestalten.
Noch was, Herr Skeptiker: Wie wäre es, wenn Sie zur Abwechslung mal sachliche Argumente in die Diskussion einbringen würden, statt Ihren Gegnern unedle Motive («Eigeninteresse» etc.) zu unterstellen?
@ Fred David: Ich verstehe die Aufregung um Köppel und die Weltwoche nach wie vor nicht. Die Weltwoche ist das Sprachrohr der SVP, im Herbst 2011 sind Wahlen, und sowohl die SVP als auch die Weltwoche befinden sich in einem immer währenden Wahlkampf. So what?
Das ist doch eigentlich jedem klar, der sich etwas mit Schweizer Politik und Schweizer Medien beschäftigt. Aber was genau ist das Problem? Meinungspresse ist nun mal politisch und versucht halt, Stimmung zu machen für die entsprechende Partei. Weshalb soll sich eine Partei nicht eines Mediums bedienen, um ihre Message unter die Leute zu bringen? (Transparent wäre, wenn die finanziellen Verflechtungen offen gelegt würden).
Diese Verbindung von Parteipolitik und Medien ist nicht neu. Das ist bei NZZ/FDP seit Jahrzehnten so. Fast alle kleineren und mittleren Regionalzeitungen waren oder sind entweder mit der CVP oder der FDP verbandelt, die WOZ mit den Parteien am linken Rand und die SP mit all den Arbeiterzeitungen (Volksrecht, DAZ, AZ).
Das einzige, was geändert hat, ist die Tonlage. Köppel provoziert nonstop, genau so wie das die SVP auch macht. Das ist seit dem Messerstecherinserat vor 17 (!) Jahren nunmal ihr politischer Stil, der ihnen die gewünschte Aufmerksamkeit und Wählerschaft bringt.
Statt sich immer noch über diesen Stil aufzuregen, sollte man sich vielleicht fragen, wie man als politisch Andersdenkender darauf reagieren kann. Aber weder die Politiker noch viele Journalisten haben eine Antwort. Dabei hätten es die Journalisten ja noch relativ einfach: totschweigen.
Stattdessen lassen sie sich permanent instrumentalisieren, entsetzen sich über jeden Furz von Köppel und tragen so seine Message brav unter die Leute. Das ist doch das Absurde an der ganzen Schose: Die grössten Gegner betreiben konstant virales Marketing für die SVP und die Weltwoche.
“Mir ist kein einziges schweizerisches Medium bekannt, das eine Pro-EU-Kampagne fahren würde. Aber auch nicht ein einziges.”
Ist “L’Hebdo” von einem krigisisches Verlag gekauft worden? Ist der “Blick” nun die grösste Boulevard-Zeitung Andorras? Sitzt die Redaktion des “Tagi” plötzlich in Tiflis?
Nehmen Sie mich bitte nicht auf den Arm, Herr David. Sie wissen ganz genau, dass 80% der Journalisten EU-Befürworter sind (Ausnahmen findet man mehrheitlich bei der NZZ, der “Weltwoche” und in Wirtschaftsredaktionen). Daran ist nichts falsch oder verwerflich. Ich konstatiere nur (deskriptiv – nicht normativ!), dass es bei dieser Frage grosse Differenzen zwischen der sozio-kulturellen Elite und dem Durchschnittsbürger gibt. Das ist für drei Fachbereiche interessant. Aus Sicht der Politischen Ökonomie: Welche persönlichen Vorteile haben die Journalisten, wenn die Schweiz der EU beitritt? Soziologie: Warum diese enorme Diskrepanz der Meinungen zwischen Journalisten und anderen Milieus? BWL: War es betriebswirtschaftlich klug, den Kunden belehren zu wollen?
Politisch (oder gar moralisch) finde ich die Europhilie der Journalisten weniger interessant. Ich glaube nicht, dass der Durchschnittsschweizer den besseren (aber auch nicht schlechteren) Durchblick hat als die sozio-kulturelle Elite. Sowohl die Verherrlichung des “Volkes” à la SVP als auch die Gleichsetzung der Bürger mit manipulierbarem Stimmvieh à la SP / Fred David halte ich für kindisch. Denn die Logik ist sowohl bei der SVP als auch bei der SP / Fred David immer gleich: Wenn man zusammen mit dem “Volk” eine Abstimmung gewonnen hat, lobt man die Weisheit des Volkes. Wenn das “Volk” anders entscheidet als man es sich gewünscht hätte, erklärt man das Ergebnis mit Propaganda, Demagogie, Populismus und den finanziellen Mitteln der Gegenseite. Demagogie und Manipulation betreibt aber immer nur die Gegenseite. Die eigene Seite sorgt für “Aufklärung” und “Sensibilisierung”.
@Fred David: Sie sollten nicht bloss mit Zappen aufhören, Sie sollten ganz aufs Fernsehen verzichten – ist zumindest nicht ungesund und ergibt Zeit für anderes …
@) Skepdicker @) Ein Jounrnalist: Dass der “Blick” ein EU-Euphoriker sei, ist doch einfach Quatsch. Und L’Hebdo erscheint bekanntlich auf Französisch und spielt in der Deutschschweiz nicht die geringste Rolle.
Natürlich ist das EU-Thema von fundamentaler Bedeutung für die Schweiz – das erkennen hoffentlich tatsächlich auch einige Journalisten – und durch Ignorieren wird man das Thema nicht los. Auf gar keinen Fall, völlig egal, welche Position man zu einem Beitritt einnimmt. Aber darum geht es hier in einem Medienblog nicht.
Es geht auch nicht darum, dass eine Zeitung wie die NZZ FDP-nah ist. Es wäre aber fatal, würde sich diese Zeitung im Geheimen von irgendwelchen Unternehmen und/oder Milliardären finanzieren lassen – was NICHT der Fall ist.
Aber es gibt Zeitungen, die sich zum Meinungsführer aufschwingen wollen, deren finanzieller Hintergrund völlig im Dubiosen bleibt.
Das kann man nicht einfach mit grosszügigem Schweigen zudecken, zumal die Grenze zur Volksverhetzung immer öfter geritzt wird.
Wir sollten nicht naiver tun als wir sind: Es geht hier um sehr viel Geld, um knallharte politische, wirtschaftliche und persönliche Interessen.
…und es geht insbesondere auch um ziemlich dümmlich, uninformiert und unkritisch hinterhertappende andere Medien.
@ Fred David:
“Das kann man nicht einfach mit grosszügigem Schweigen zudecken, zumal die Grenze zur Volksverhetzung immer öfter geritzt wird.”
-> Kritisiert doch Köppel, wenn er wirklich daneben greift. Aber ob er für oder gegen ein Burka-Verbot ist, ist nicht relevant und trägt auch nicht zur Volksverhetzung bei. Die andauernde Anti-Köppel-Hysterie ist kontraproduktiv. Sie führt dazu, dass die Mediennutzer den Unterschied nicht mehr wahrnehmen zwischen Provokatiönchen und wirklich anti-demokratischen Tendenzen.
“Wir sollten nicht naiver tun als wir sind: Es geht hier um sehr viel Geld, um knallharte politische, wirtschaftliche und persönliche Interessen.”
-> Wer tut hier naiv? Es ist ja wohl klar, dass es um Geld und Interessen geht. Das ist längst überall so, rechts wie links und bei sämtlichen Medien.
“…und es geht insbesondere auch um ziemlich dümmlich, uninformiert und unkritisch hinterhertappende andere Medien.”
-> Die Medien tappen so lange unkritisch hinterher, als die Weltwoche zum Hort des Bösen hochstilisiert und so von den Journalisten ungebührend aufmerksam verfolgt wird. Und so lange, als die politischen Gegner keine Antworten auf die Thesen, Provokationen und Kampagnen der SVP hat.
Man muss doch nicht alles immer x-fach wiederholen: La crise n’existe pas; der Irak-Krieg-Hype (am liebsten hätte R.K. die Schweiz da auch noch reingeschrieben); kritischer Journalismus über Unternehmen ist wirtschaftschädlich; Minarette sind des Teufels, die Tolerierung von Burkas entspricht “meiner zutiefst liberalen Grundhaltung”; wer bei andern Themen anderer Meinung ist, wird, samt Fahandungsfoto-ähnlichem Portrait als “Landesverräter” bezichtigt; suspekte Bartträger werden ohne stichhaltigen Beleg mit Bin Laden in direkten Zusammenhang gebracht; von der völlig undurchsichtigen Finanzierung der Wewo nicht zu reden, dem ungeklärten Verhältnis zur SVP… und … und…und.
Dass die Wewo durchaus auch spannende Stories enthält, ist angesichts des obigen, bei weitem unvollständigen Katalog, keine Antwort auf die hetzerische Grundtendenz.
Eine solche Anhäufung an gequirltem Quatsch kann sich kein Journalist und kein Medium in der Schweiz sonst erlauben. Je verbohrter die Grundhaltung – falls es überhaupt eine Grundhaltung sein sollte – umso heftiger der Applaus aus dem einschlägigen Spektrum.
Das Ganze mit ein wenig Provokation abtun zu wollen ist, sorry, einfach naiv.
Die Weltwoche ist nicht der Hort des Bösen, das wäre zu viel an Potenz. Es ist in weiten Teilen ein Hetzblatt geworden.
Das stimmt, es wäre tatsächlich naiv zu glauben, Köppel wolle nur provozieren. Nein, Köppel bedient sich des Mittels der Provokation gezielt und geschickt, um mehr Aufmerksamkeit für seine politischen Kampagnen zu gewinnen.
Als verantwortungsvoller Journalist sollte man weder auf seine Provokationen reinfallen und Skandal rufen, noch sie einfach nachplappern, sondern mit Fakten und Argumenten die Kampagnen einordnen und richtigstellen und so die Mediennutzer informieren. Sich allein darüber aufzuregen, bringt nichts. Im Gegenteil.
Ein Journalist > Ihr Diskussionsstil ist leider sehr unredlich. Sie wissen genau, dass z.B. der folgende Satz nicht zutrifft: «Es ist ja wohl klar, dass es um Geld und Interessen geht. Das ist längst überall so, rechts wie links und bei sämtlichen Medien.»
Tatsache ist doch, und das wissen Sie ganz genau: Reiche Geldsäcke finanzieren nicht die SP, sondern lieber die SVP und (vermutlich) die Weltwoche. Deshalb hat die SVP viel mehr Geld als die Parteien der Mitte und der Linken. Deshalb gibt es auch kein linkes Pendant zur Weltwoche.
Ich habe keine Mühe damit, wenn jemand Sympathien für die SVP empfindet. Aber ich habe allergrösste Mühe damit, wenn Sie die SVP und die mit ihr assoziierte Presse mit Behauptungen verteidigen, von denen Sie so gut wie ich wissen, dass sie kreuzfalsch sind.
Ich bin jedoch je länger, je mehr davon überzeugt, dass man die SVP (und die Weltwoche) nur unterstützen kann, wenn man (wie Sie) die Tatsachen bewusst verwedelt. Beides – die SVP unterstützen und die Realität verkennen – gehört zusammen. Denn die SVP und die Weltwoche operieren schon so lange mit Thesen, die herzlich wenig mit der Realität zu tun haben, dass die SVP-Anhänger es nicht mehr für nötig halten, Realität und Fantasie sauber zu trennen. Dieser Effekt ist auch in den mit «Ein Journalist» gezeichneten Posts zu erkennen.
Zum Beispiel glauben viele Schweizer, die Blocher-Abwahl sei das Resultat finsterer Mauscheleien. Welche dunkeln Machenschaften aber hinter der Finanzierung der Weltwoche stecken, ist Ihnen offenbar genauso piepegal wie allen anderen SVP-Fans.
Und was im Dunstkreis der SVP abläuft, ist nun mal tatsächlich eine Gefahr für die Demokratie und für den Zusammenhalt des Landes. Das darf und muss man in einem Medienblog laut sagen. «Die Mediennutzer informieren», das müssen andere leisten. Sie können doch nicht im Ernst von Fred David verlangen, dass er «die Mediennutzer» im Medienspiegel «informiert». Das zu verlangen ist schon recht schräg.
@) Ein Journalist: In dieser Einschätzung liegen wir nicht weit auseinander:…”die Kampagnen einordnen und richtigstellen”. Und dazu gehört eben unmittelbar die Frage ohne Antwort, die @) Bobby California hier zu Recht stellt: Wer finanziert verdeckt die “Weltwoche” und damit auch die Kampagnen?
Bei dieser Art von Hetzthemen, wie oben erwähnt, sind das Zusammenhänge, die nicht von privatem Belang sind. Ich wundere mich, dass dies kein Thema für den Presserat ist, der sich doch sonst gern darum kümmert, ob ein Journalist bei seinen Recherchen hier oder da mal ein Telefonat zu wenig geführt habe.
Das sei in den Stauten nicht vorgesehen, heisst es wahrscheinlich. Dann sind die Statuten eben revisionsbedürftig. Man möchte solche erhabene Institutionen gern Ernst nehmen, gerade dann, wenn’s ein bisschen brenzlig wird und es um grundsätzliche Dinge geht.