Eine Lanze für Hannibal G.

Hier ist ein Wort für einen Mann einzulegen, der es in den Schweizer Medien zur Unperson gebracht hat – Hannibal Ghadhafi. Der Mann erfährt seit Wochen eine Behandlung als wäre er Freiwild, gewissermassen zum journalistischen Abschuss freigegeben.

«Er ist unreif», sagt uns beispielsweise ein Libyen-Experte in «Le Matin», weil sich der Diktatorensohn die Zigaretten angeblich von der Leibwache besorgen und erst noch entflammen lässt. Oder der «Blick»: Er warnt seine verängstigten Leser vor einer Begegnung mit Oberst Ghadhafis Sohn, als ob sich dieser irgendwelche Übergriffe gegen Schweizer Bürger hätte zuschulden kommen lassen.

Hat er nicht, dafür hat er Hausangestellte misshandelt, werden nun viele richtigerweise einwenden. Hannibal Ghadhafi mag einem tatsächlich mit gutem Grund unsympathisch sein, zumal er einem Clan angehört, der Libyen diktatorisch regiert und sich am Ölreichtum des Landes vergreift. Das ändert aber nichts daran, dass Hannibal eine angemessene journalistische Behandlung zusteht wie jedem anderen auch.

Nicht dazu gehörte die Veröffentlichung der Polizeifotos durch die «Tribune de Genève», wie ein Genfer Gericht entschieden hat. Interessanter als die gedruckten Bilder an sich ist die Rechtfertigung des Chefredaktors der «Tribune», der den Entscheid zur Veröffentlichung mit dem Informationsgehalt der Fotos begründet – ja mit welchem denn? Was sagen uns diese Fotos, was wir nicht schon wissen? Nämlich, dass das Gesicht eines Menschen auf einem Polizeifoto unvorteilhaft erscheint.

Dankbar für die Presse ist auch die Veröffentlichung von Hannibals Sündenregister: Zuerst der «Blick», später das Newsnetz von «Tages-Anzeiger», «Berner Zeitung», «Basler Zeitung» etc. verbreiteten eine Mischung von konkreten Verfehlungen Hannibals wie seine Alkoholexzesse und Übergriffe bis hin zu diffusen Anschuldigungen im Stil von «taucht im Dunstkreis eines internationalen Callgirl-Rings auf». Ja, als was nun? Als Kunde, als Zuhälter oder einfach so?

Ebenso heikel erscheint das ausführliche Zitieren der Aussagen von Opfern Hannibal Ghadhafis. So rapportiert der «Tagi» aus Genfer Untersuchungsakten über die Auseinandersetzung zwischen dem Ehepaar Ghadhafi und den beiden drangsalierten Angestellten nahezu ausschliesslich aus Sicht der Opfer. In diesem Fall drängt sich die Frage auf, wer bei der Genfer Polizei eigentlich ein Interesse hat, die Presse mit Indiskretionen zu versorgen. Vielleicht die Genfer Polizei selbst?

Immerhin kann man diese Berichterstattung noch als Information interpretieren. Schwieriger wird es, wenn die Ghadhafi-Geschichte vollends ins Fabelhafte kippt: Der «Blick», immer für ein Spässchen zu haben, frisierte die Fotos von Ghadhafi mittels Photoshop in vier Varianten. So heisst es zum «Modell General»: «Virile Kraft, die all jene Lügen gestraft hätte, die Hannibal als Vätersöhnchen verspotteten.» Lustig? Wohl hauptsächlich in den Augen der Redaktoren, die sich das Scherzchen erlaubten. Sie mögen sich gedacht haben, zulässig ist alles, nachdem der «Sonntagsblick» seinerseits konstatierte: «Hannibal hetzt gegen die Schweiz». Das Blatt beruft sich auf eine libysche Website, die die Schweiz verunglimpft und als «Terrorstaat» brandmarkt. Da können sich empfindliche Gemüter zu Recht beleidigt fühlen. Nur sollten sie sich nicht wundern, wenn die andere Seite auf den Kampagnenjournalismus eines Teils der Schweizer Presse ebenso gereizt reagiert.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts» und Kulturchef beim Pendlerblatt «News», amtet seit dem 1. September 2008 als Chefredaktor des Magazins «Saldo».

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Eine Lanze für Hannibal G.»

  1. gefällt mir der Artikel. „Anständige journalistische Behandlung“…. Was noch dazu fehlt ist die „journalistische Betreuung“.

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