Lesebefehl!

Ex-Medienspiegel-Kolumnistin Daniele Muscionico unter dem Titel «Rettet sie, die alte Tante!» in der aktuellen Ausgabe der «Zeit»:

    «2010, zahlreiche Sparrunden und zahllose Entlassungen später, ist kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Die NZZ ist nicht mehr Herrin im eigenen Haus. Und das gilt im wörtlichen wie im bildlichen Sinn. Sie residiert zwar noch an ihrem Stammsitz, doch im straßenzugewandten, einträglichen Teil des Gebäudes ist sie Obermieterin eines Schuhgeschäfts, einer Konditorei und eines Restaurants. Die NZZ muss andere ihr Tafelsilber benutzen lassen, um selbst nicht zu verhungern. Dafür hat man nicht nur das Haupthaus, sondern vergangenes Jahr auch die Zeitung oberflächenpoliert: Der charakteristische Vierspalten-Umbruch wurde zugunsten eines beliebigen, fünfspaltigen aufgegeben, wie ihn auch die intern lange bekämpfte und bemäkelte Tochter, die NZZ am Sonntag , hat. Entscheidender aber ist: Der Verwaltungsrat (VR) hat dem ‹Kulturgut der Willensnation Schweiz› (Zitat aus der Unternehmensgeschichte 2005) einen CEO verordnet, womit die statutarisch fixierte Vorrangstellung der Publizistik aufgehoben ist. Der Premium-Titel wurde ins Glied gestellt mit lokalen und regionalen Zeitungen, die heute Teil sind der NZZ-Mediengruppe.»

Unbedingt lesen!

von Martin Hitz

14 Bemerkungen zu «Lesebefehl!»

  1. danke für den bedrückenden Link…

  2. Fred David:

    Prima Insider-Geschichte.

    Warum lese ich sowas in der deutschen “Zeit” – und nicht in einem heimischen Medium?

    Auch das Interview in der gleichen Ausgabe mit Arnold Hottinger – ein in sich ruhender NZZler alter Schule – zu Libyen und seine klare Aussage, dass die Schweiz selber die Sache vermasselt hat. Warum hat kein Bundesrat ihn einfach mal zum Mittagslunch eingeladen? Eigentlich naheliegend. Der Schweiz wäre vieles erspart geblieben.

    Auch andere Medien haben Hottinger schon dazu befragt, aber nicht so konsequent auf den Punkt.

    Einmal mehr: Distanz klärt den Blick.

    Im engen Hühnerstall schnattern eben alle in der gleichen Tonlage. Eintönig.

  3. Skepdicker:

    @ Fred David:
    Hätten Sie den Text von Daniele Muscionico auch so gelobt, wenn er in ihrem Stammblatt erschienen wäre?

    Und: Es kann sein, dass mir meine Synapsen einen Streich spielen – aber ich bin mir ziemlich sicher, dass im “Bund” bereits vor ein paar Wochen ein Interview mit Arnold Hottinger über die Causa Libyen erschien.

    Sie scheinen mir etwas gar streng mit dem CH-Journalismus zu sein. Ich habe mir übrigens aufgrund Ihrer Lobhudelei kürzlich die “Zeit” gekauft und war positiv überrascht. Kommt stellenweise fast an die NZZ heran. Fast. So wie auch die “Süddeutsche” oder die FAZ manchmal fast an die NZZ herankommen. Fast…

  4. Fred David:

    @) Skepdicker: Schon wahr, ich spitze etwas zu. Das hat aber damit zu tun, dass Medienkritik – die wenigen Ausnahmen mal ausgeklammret – im Schweizer Journalismus kaum mehr vorkommt, und wenn, geschieht es in Insiderzirkeln. Aus diesen Zirkeln darf man das ruhig ein wenig hervorholen.

    Ich bleib mal bei der Frage: Warum erscheint so eine Story wie die über die NZZ in der deutschen “Zeit” und nicht in einer Schweizer Zeitung? Ist doch erstaunlich. Und etwas peinlich für den Schweizer Journalismus. Nicht?

  5. @Fred David: Die Frage ist berechtigt. Aber in welcher Schweizer Printpublikation hätte denn Ihrer Meinung nach das Stück erscheinen können?

  6. Fred David:

    Ronnie Grob: Tages-Anzeiger, Weltwoche, TA-Magazin, Bund.

    Aber da ist eben das Problem des Züri-Journalismus. Man gluckt so eng zusammen, dass man auf naheliegende Themen gar nicht mehr kommt. Und wenn, dann schreiben gleich alle darüber. Oder keiner.

    Carli Hirschmann mag ja eine bunte Lokalposse sein, aber doch nicht etwas, womit man mich zwei Wochen lang auf allen Kanälen und in allen Spalten nerven darf.

    Oder das erwähnte Thema: Hottinger / Gaddafi/ Genf. Wo bitte ist die grosse Genf-Story? Ich wette: Die müssen/dürfen wir wieder in der “Zeit” lesen. Wie vor etwa einem Monat die grosse St.Moritz-Story von Margrit Sprecher: “Der Geruch des Geldes”. War etwas unbequem und man wird danach als Journalist/in in St.Moritz wahrscheinlich nicht mehr so hofiert und zu edlen Gratis-Events eingeladen.

    Ich weiss bis heute nicht genau, was in Genf passiert ist, welche arabische Interessen in Genf eine Rolle spielen, ob es einen Link mit Firmen in Zug gibt, was Hottinger genau damit meint, die Schweiz selber habe schwere Fehler in dieser Causa gemacht usw. usw. usw. Jedenfalls ein pralles Thema, wofür man ein paar Wochen an Vorort-Recherche dran geben muss.

    Wo ist es?

  7. @Fred David: Ja, vielleicht im “Bund”, da sind auch schon andere lange medienjournalistische Stücke erschienen. Der “Weltwoche” allerdings wäre das Stück wohl zu lang und zu spezifisch gewesen, das Haus Tamedia hat die genau gleichen Probleme – der Text würde auf den eigenen Verlag zurückfallen.

    Schon seltsam, dass man Fachmagazine oder die Auslandpresse lesen muss, um zu wissen, was in den Schweizer Zeitungshäusern abgeht.

  8. Bert:

    Wobei der Artikel nur auf den Schweiz-Seiten der Zeit veröffentlicht wurde, in der Deutschland-Ausgabe stand er nicht.

  9. Meine Herren!

    Dieser Artikel (wie auch die anderen, über die Sie hin und wieder hier sprechen) ist nur in der Schweizer Ausgabe der ZEIT erschienen. Diese mache ich für ein Publikum, das hier lebt und sich für das Land interessiert. Ich freue mich über jede Kritik und jedes Lob: peer.teuwsen@zeit.de

  10. @Bert und @Peer Teuwsen: Danke für die Berichtigung. Macht ja durchaus Sinn, dass es so ist, wenn man es sich mal überlegt.

    Online ist der Erscheinungsort leider nicht ersichtlich, dort steht nur “Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15″.

  11. Fred David:

    …aber es bleibt eben doch erstaunlich, dass diese und einige andere Stories in der “Zeit” stehen, ob nun auf den Schweiz-Seiten oder nicht, und nicht in heimischen Medien.

    Es wäre etwa das Gleiche, wenn die internationale Ausgabe der NZZ als einzige Zeitung in Deutschland eine Insiderstory über die FAZ drucken würde (die internationale Ausgabe der NZZ wird u.a. in D-Passau und D-Offenbach gedruckt.). Da müssten sich heimischen Medien doch auch fragen: Was haben wir da verschlafen? Und warum?

  12. Peer Teuwsen:

    Lieber Herr David

    Ich kann Ihnen nur sagen: Das fragen sich die heimischen Medien auch. Wir merken oft, dass wir Themen bringen, die danach von den heimischen Medien aufgegriffen werden.

    Mit bestem Gruss

    Peer Teuwsen

  13. Moritz Leeb:

    Alles falsch läuft nicht im Haus NZZ. Die “NZZ am Sonntag” zum Beispiel ist ausserordentlich erfolgreich. Man sollte nicht nur das Schlechte sehen.

  14. Fred David:

    @) Moritz Leeb: Richtig, man sollte nicht nur das Schlechte sehen.

    Aber die drängende Frage bleibt: Wie lange – und wie – ist das Gute noch finanzierbar?

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