Reicht ein Schulterzucken?

von Fred David

War die Publikation der zwei Polizeifotos von Hannibal Ghadhafi journalistisch gerechtfertigt? Brachte das Foto einen notwendigen Informationsgewinn? Darf ein Polizeifoto nach Einstellung des Strafverfahrens publiziert werden, auch wenn gegen den Beschuldigten nichts mehr vorliegt? Sollte sich die Zeitung entschuldigen? Der Chefredaktor der «Tribune de Genève» antwortet in einem Interview mit «Le Temps» – und lässt alles offen.

Zur Erinnerung: Etwa ein Dutzend Genfer Polizisten hatten sich am 21. Juli 2008 gewaltsam Zugang zu Hannibals Hotelzimmer im Hotel Président Wilson verschafft und ihn offenbar mit gezogener Waffe abgeführt. Der Vorwurf: Er beziehungsweise seine Frau hätten zwei Dienstboten geschlagen und genötigt. Hannibal sass zwei Tage in einer Zelle mit einem andern Gefangenen und kam dann gegen eine Kaution von 500’000 Franken frei. Die zwei Hausangestellten zogen kurze Zeit später ihre Anzeige zurück. Das Strafverfahren wurde eingestellt.

Einige Zeit danach veröffentlichte die «Tribune» die zwei Polizeifotos Hannibals, was zu heftigen Protesten Libyens und einer Klage gegen einen «Tribune»-Journalisten wegen Verletzung des Persönlichkeitsschutzes führte. Das Verfahren ist hängig. Die Staatsanwaltschaft konnte den Lieferanten der Polizeifotos bis heute nicht eruieren. Die Weiterungen der Affäre sind bekannt: Geiselnahme in Libyen, Einreiseverbot für 180 hochrangige Libyer in die Schweiz, in Anspruchnahme der Solidarität aller Schengen-Staaten durch die Schweiz, Jihad-Androhung durch Ghadaffi – die grösste aussenpolitische Krise der Schweiz der letzten Jahrzehnte.

Dass der Chefredaktor den Fotolieferanten schützt, ist nachvollziehbar. Aber reicht angesichts der Dimension der Affäre ein Schulterzucken?

Update, 9. März 2010: Siehe dazu auch Rainer Stadlers «Hannibal und die Bilderflut».

von Fred David

8 Bemerkungen zu «Reicht ein Schulterzucken?»

  1. Du fragst, ob Schulterzucken angesichts der Dimension gerechtfertigt ist – ich denke die Dimension der lybischen Reaktion ist ja offensichtlich schlicht ohne Verstand. Deshalb stehen Fragen nach ursächlicher Verantwortung der Krise auf Schweizer Seite für mich nicht nur Debatte. Und die Reaktion von Pierre Ruetschi zeugt von Rückgrat.

  2. Fred David:

    @) Tobias: Dass die libysche Reaktion absolut unverhälnismässig und irrational war und ist, darüber brauchen wir uns nicht zu streiten.

    Aber Fragen nach der Eskalation darf man schon stellen. Heute stellt es sich so dar:

    a) Die Umstände der Verhaftung waren unverhältnismässig von Schweizer Seite. Wie schwerwiegend die Misshandlungen des Personals war, ist bis heute nicht klar. Jedenfalls reichte es nicht für ein Offizialdelikt, sonst hätte das Verfahren nicht eingestellt werden dürfen.

    b) Die Veröffentlichung der Polizeifotos war nicht legal und auch aus journalistischer Sicht völlig überflüssig, sie brachten keinerlei neue Erkenntnisse. Die Genfer Behörden haben bisher nichts zur Aufklärung beigetragen. Hätte das Polizeifoto unter den gleichen Umständen beispielsweise einen Genfer Politiker gezeigt, wäre völlig klar, was dann passiert wäre.

    c) Der Aufenthalt Max Göldis in Libyen war aufgrund der notwendigen Papiere tatsächlich illegal. Schweizer Behörden würden in einem ähnlich gelagerten Fall gleichfalls wenig zimperlich verfahren. Das rechtfertigt die Behandlung Göldis und Hamdanis natürlich nicht, aber es gehört mit ins Bild.

    Hamdani hat ganz vorsichtige Hinweise gegeben, dass das Verhalten der Schweiz aus seiner Sicht nicht immer hilfreich wer.

    Das alles rechtfertigt nicht die libysche Reaktionen. Aber die Schweizer müssen schon auch über die Bücher,insbesodere dann, wenn man halb Europa einspannen muss, um den Fall zu lösen.

    Hannibal G. war kürzlich bei Göldi im Gefängnis. War natürlich eine Show, aber immerhin eine Geste, die auch darauf hindeuten kann, dass es einen Machtksampf hinter den Kulissen gibt. Der Besuch fand zweifellos nicht den Gefallen seines Vaters.

    Die Leser haben den Ueberblick verloren, was da wirklich im Einzelnen passiert ist.

    Solange Göldi im Gefägnis sitzt, müssen sich auch Journalisten zurückhalten. Danach möchte ich dann aber eine detaillierte, kritische Aufarbeitung lesen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Medien selber dabei so toll wegkommen.

    Und die heldenhafte “Morgarten-Pose” von Chefredaktor Ruetschi fiele wahrscheinlich recht bald in sich zusammen.

  3. Die Publikation der Fotos war, da bin ich einverstanden, sicher ein Fehler. Dass Ruetschi jetzt aber die Quelle schützt, ist aber unbedingt erforderlich. Die Fotos weitergeben ist das eine, sie zu publizieren das andere. Ich kenne persönlich Fälle, da Quellen kurze Zeit später kalte Füsse bekamen, weil sie sich der möglichen Konsequenzen halt auch erst später bewusst wurden.

    Deshalb ist das keine Morgarten-Pose von Ruetschi, sondern für einen Journalisten unbedingt erforderlich, wenn er auch in Zukunft bei Informanten als vertrauenswürdig gelten will.

    Das zweite ist dann die Entschuldigung. Und in den vergangenen Monaten gab es einfach genug Entschuldigunen, und zwar peinliche von offizieller Seite. Es will mir einfach nicht einleuchten, im Hintergrund von Handelsembargo und Jihad-Ausrufung, sich für Polizeifotos zu entschuldigen.

    Aber natürlich bin ich mit dir einverstanden, dass die Verhaftung möglicherweise unverhältnismässig, und die Publikation der Fotos ein Fehler war. Aber solche Fehler passieren tagtäglich. Nur weil solche Fehler plötzlich Handelsembargo und Kriegsdrohungen auslösen, sind sie im Kern nicht schlimmer oder verwerflicher.

  4. Fred David:

    @) Tobias: Der Chefredaktor soll seinen Informanten nicht verrraten. Völlig einverstanden.

    Wenn er wirklich Mumm hat, soll er aber am Montag eine Front-Schlagzeile, ausreichend gross, machen: “M.Gaddafi, je m’excuse!”. Nicht die Zeitung entschuldigt sich, nicht die Schweiz, sondern er, der verantwortliche Chefredaktor. Er kann ja seine Motive aufschreiben. Nach dem Gefängnisbesuch Hannibals bei Max Göldi, wäre das keine Blamage, sonder hätte einen souveränen Touch.

    Im Interview gibt Ruetschi als Begründung an, alle seien in der Affäre gedemütigt worden, die Schweiz, der Bundespräsident, Göldi und Hamdani. Somit sei es auch rechtens, mit dem Foto Hannibal G. zu demütigen.

    Es ist nicht Sache eines Chefredaktors, jemanden – ob er er nun Gaddafi oder Müller-Bümpliz heisst – zu demütigen.

  5. Martin:

    @Fred David:

    * Die Verfahrenseinstellung in Genf umfasste vermutlich eine politischde Dimension. Strafuntersuchungen können ausserdem auch bei Offizialdelikten eingestellt werden; in diesem Fall war der mutmassliche Täter nicht mehr greifbar und die mutmasslichen Opfer verweigerten die Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden.

    * Die Fotofrage ist tatsächlich bedenklich; solche Daten sollten nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen … leider geraten bei prominenten mutmasslichen Straftätern viel zu häufig Daten dieser Art an die Medien, wobei dann aber häufig in Abhängigkeit von der Interessenlage auf eine Publikation verzichtet wird.

    * Ich kann nicht beurteilen, ob sich Max Göldi illegal in Libyen aufhielt. In den meisten Ländern werden illegale Ausländer toleriert, so auch in der Schweiz (Stichwort «Sans Papiers»). In Fällen, wo eine Tolerierung nicht opportun erscheint, werden solche Ausländer ausgeschafft. Etwaige Haft resultiert meistens daraus, dass eine Ausschaffung nicht möglich ist, auch weil sich die Betroffenen mit allen Mitteln dagegen wehren. Bei Max Göldi traf all das nicht zu, Libyen hätte ihn problemlos ausschaffen können.

    * Hamdani ist in erster Linie Tunesier, zeigt aber sehr gut die Problematik von doppelten Staatsbürgerschaften. Schade, dass dieses Thema in diesem Zusammenhang nicht diskutiert wird.

  6. Fred David:

    @) Martin: Göldi ist kein Asylbewerber wie die “Sans papiers”. Das ist nicht vergleichbar. Es musste ihm und vor allem auch seinem Auftraggeber, der ABB – bei allem Verständnis für seine heutige Lage – klar sein, dass eine abgelaufene Aufenthalts- bez. Arbeitsgenehmigung in einem solchen Land ein erhebliches Risiko darstellt.

    Und bei Hamdani darf es keine Rolle spielen, dass er Doppelbürger ist. Schweizer Pass ist Schweizer Pass. Da darf es keinerlei Rechtsunterscheidung geben, was den konsularischen Schutz betrifft.

    Wenn man die doppelte Staatsbürgerschaft abschaffen will, muss man es auf dem Gesetzesweg tun. Es gibt sicher Gründe, die dafür sprechen.

    Was die Libyer machen, ist die eine Seite der Geschichte, die von der Schweiz aus kaum zu beeinflussen ist.

    Wie auch immer, die Rolle der Genfer Behörden bei dieser Angelegenheit ist gleichfalls nicht lupenrein.

    Als Medienkonsument habe ich einfach den Eindruck, nicht ausreichend informiert zu werden.

    Wie lief die Verhaftung Genf genau ab? Was waren im Einzelnen die Vorwürfe des Hauspersonals? Warum ist eine Behörde angeblich nicht in der Lage, den sehr begrenzten Personenkreis zu eruieren, aus dem die Polizeifotos stammen müssen? Warum gibt es bis heute keine internationale Schiedskommission, obwohl diese vereinbart wurde? Scheiterte das bisher tatsächlich allein an Libyen?

    Ich finde, das ist Journalistenstoff. Die sollen sich darum bemühen, mehr Licht in die Angelegenheit zu bringen, dort wo sie es könnten: in Genf.

    Im übrigen hat der Gaddafi-Clan offenbar mehrere Milliarden von Schweizer Konten abgezogen. Das jedenfalls ergibt sich aus der Statistik der Nationalbank. Lägen diese Milliarden noch in der Schweiz, gäbe es mehr Bewegung in der Angelegenheit. Der Rechtsstaat kennt schon seine Flexibilitäten, wenn gefährdete Interessen stark genug sind. Auch in der Schweiz.

    Ich habe immer noch den Eindruck, dass diese Vorgänge ihre Hintergründe haben, von denen wir bis heute nichts wissen.

  7. Fred David:

    Noch eine Ergänzung: In einem Interview mit newsnetz heute (17.03.10) sagt Tribune-Chefredaktor Ruetschi, die Untersuchungen der Genfer Behörden über die Herkunft der Polizeifotos habe eben erst richtig begonnen.

    Monate nach der Publikation?

    Angesichts der Ausuferung der Affäre, bei der die Publikation der Fotos eine zentrale Rolle spielt, ist das schon ein starkes Stück.

    Gleichfalls heute Mittwoch liest die NZZ in einem scharfen Kommentar dem Tribune-Chefredaktor die Leviten, er habe die Sache sinnlos eskalieren lassen.

    Die Erkenntnisse kommen etwas arg spät, finde ich. Immerhin ist inzwischen halb Europa in die Sache direkt involviert.

    In aller Unbescheidenheit: Medienspiegel.ch war da etwas schneller ….

  8. Fred David:

    Sorry, noch ein Nachzug:

    Wenn jetzt nicht umgehend in einem Schweizer Medium eine umfangreiche Genf-Reportage mit Biss und Witz erscheint, zweifle ich an der Wahrnehmungsfähigkeit der Realitäten in unseren Redaktionen.

    Die Gaddafi-Affäre nur als Aufhänger: Aber jetzt will ich gefälligst das Feuchtbiotop Genève erklärt haben. Mit allem Drum und Dran. Was passiert da? Hallo Züri Wörld Siti: Genf ist tatsächlich eine Schweizer Stadt!

    Schon der Fall Madoff hätte ausreichend Anlass gegeben, den sich irgendwie seltsam entwickelnden Mikrokosmos am Genfersee zu erforschen ( Fahrzeit ab Züri HB 2’43”, vollklimatisiert, 1.Klasse, mit Speisewagen…).

    Wie man sowas angeht , kann man zum Beispiel in der “Zeit” nachlesen in einem Report über St.Moritz. Habe ich so in keiner Schweizer Zeitung je gelesen. Auch online abrufbar: “Der Geruch des Geldes” , von Margrit Sprecher.

    Uebrigens, die Reporterin Margrit Sprecher ist 74 Jahre alt (sie wird mir diesen uncharmanten Hinweis verzeihen, weil sie weiss, wie er gemeint ist)…

    Oder die Geschichte über das “Phänomen Köppel” diese Woche im “Spiegel” . Wo lese ich sowas in einem Schweizer Medium? Oder ebenfalls diese Woche in der “Zeit”, ein Interview mit Alt-Bundesrat Otto Stich: “Ich lebe in einem verbitterten Land”.

    Warum, zum Teufel, lese ich sowas in ausländischen Medien?

    Und wo bleibt die grosse Genf-Geschichte??

    Was ist los? Steht der Schweizer Journalismus unter Tranquilizern?

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