Die Meinungskracher

Neulich beim Morgenkaffee. «Endlich regt sich Widerstand», lässt mich der Chefredaktor persönlich wissen, mich, den duldsamen «NZZ»-Leser. «Der böse Fuchs» schleiche um unser Land und wolle die goldenen Eier rauben, warnt Markus Spillmann. Gemeint sind die Hunderten von Milliarden Franken Schwarzgeld aus globalem Steuerbetrug, die auf Schweizer Bankkonten, umhegt von einschlägigen Schweizer Gesetzen, zunehmend unbequem ruhen.

No end of discussion!

Nachdem uns Jahrzehntelang eingebläut wurde, das Bankgeheimnis sei absolut nicht verhandelbar – und nun halt doch -, gibt es ein neues absolut unverhandelbares nationales Dogma, den «automatischen Informationsaustausch». Es muss sich dabei um das Schlimmste handeln, was sich Menschenhirne überhaupt ausdenken können, jedenfalls klingt besagter Kommentar in der «NZZ» vom 26. Februar 2010 danach. Es wird mir nicht im Einzelnen erklärt, warum. Die national verbindliche Sprachregelung wird ohne weitere Erklärung flächendeckend durchgesetzt. Kurz und knapp: Der «Informationsaustausch», auch wenn er in weiten Teilen der EU relativ problemlos praktiziert wird, ist schiere Perversion. End of discussion.

Schutz gegen bleibende Schäden

Der Chefredaktor einer ernstzunehmenden Zeitung darf mit mir als Leser so reden, ohne dass ich das Abo gleich abbestelle, auch wenn ich seinen Kommentar völlig abwegig finde, bankenhörig, rückwärtsgewandt, abgedreht und schädlich für das Land. Aber er hat das Recht, in seinem Blatt klare Akzente zu setzen. Das erwarte ich von einem Chefredaktor in diesen relativ bewegten Zeiten. Und das hat er getan. Gut so – selbst wenn ich beim Lesen mehrfach verhalten aufschrie. Ich weiss jetzt immerhin, was Meinung und Strategie von Big Business in der Schweiz sind. Damit ich solche redaktionellen Kommentare ohne bleibende Schäden ertrage, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Und dazu muss ich ein wenig ausholen.

Forumszeitung – eine faule Ausrede

Lange haben Schweizer Tageszeitungen sich selber als «Forumszeitung» bezeichnet. Für eigenständige politische Meinungen hält man sich Fremdautoren, im vornehmeren Fall Kolumnisten genannt, schön ausgewogen, der eine ein bisschen links, der andere ein bisschen rechts, offen für fast alle und fast jeden. Man hält das für besonders «liberal», peilt in Wahrheit aber einfach ein möglichst breites Käuferspektrum an. Ein paar Jahrzehnte lang lief es so ja ganz flott. Heute läuft es plötzlich nicht mehr so gut. Larifari war gestern. Von Medien werden wieder Standpunkte erwartet. Die Redaktionen üben noch. Farbe zu bekennen, sind sie nicht gewöhnt. Aber sie müssen. Nicht zu allen, aber zu immer mehr Themen. Die Leser erwarten es, bisweilen ziemlich ungehalten.

Alles-allen-recht-mach-Journalismus adé

Bisher galt Jekami als Tugend und der Alles-allen-recht-mach-Journalismus als ausreichende Definition einer publizistischen Haltung, die man nicht hat(te). Die Auseinandersetzungen, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich, werden jedoch spürbar härter. Es wird noch deftiger kommen in den nächsten Jahren. Die Damen und Herren Journalisten müssen sich darauf einstellen. Deutliche Meinungen sind also wieder gefragt. Aber wie «meint man» eigenständig, insbesondere bei Monopolzeitungen, bei denen meinungsmässiger Jekami-Larifari sozusagen genetisch eingebaut ist?

Die Doppelseite bringt’s

Die «NZZ» hat einen Weg gefunden. Da merkt man dann doch die Erfahrung «der Zürcher Zeitung 231. Jahrgang», wie es im Impressumskopf unbescheiden heisst. Beim sanften, aber spürbaren Relaunch vor wenigen Monaten führte die Redaktion gerade rechtzeitig etwas fundamental Wichtiges ein, was den Journalisten selber wahrscheinlich in der Bedeutung gar nicht so bewusst ist (so etwas merken Leser besser): die tägliche Doppelseite «Meinung & Debatte». Sieht simpel aus, ist aber tatsächlich eine geniale Innovation mit einem speziellen Mechanismus.

Unaufällig auffälliger Geniestreich

Ein brachial simples Konzept: Links eine ganze Seite Leserbriefe, ausnahmslos alle länger als die sonst üblichen 10 bis 15 Zeilen. Dazu ein sorgfältig ausgesuchtes Foto ohne tagesaktuellen Bezug, dafür in high quality. Auf der rechten Seite drei Kommentare, oben zwei gleichlange Zweispalter der Redaktion zu aktuellen Themen, unten ein Vierspalter eines Fremdautors, oft eines Fachexperten.

Das Geniale am Konzept: Die Leserbriefe werden durch diese Aufteilung optisch auf eine Ebene mit der Redaktion gehoben und damit aufgewertet: Auge um Auge. Psychologisch ist das ausserordentlich geschickt gelöst. Die Qualität der Leserbriefe ist dadurch hoch, manchmal höher als die der professionellen Schreiber. Das müssen die ertragen. Die Leser ertragen ja auch verquere Standpauken des Chefredaktors wie die oben geschilderte. Die Lust am gepflegten Meinungsstreit wächst sichtbar.

Profil schärfen

Leser sind nicht mehr wehrlos. Sie können reagieren. Sie werden von der Redaktion nicht, wie bisher, nur geduldet. Leser messen sich jeden Tag mit der Redaktion – aber anders als in den meisten Blogs. Die Journalisten wiederum können sich deutlich schärfer akzentuierte Standpunkte in ihren Kommentaren erlauben. Als Leser kann man ja dann mit fast gleichlangem Spiess kontern. Das funktioniert aber nur, wenn man ebenbürtig auf der gleichen Turnierbahn gegen- oder auch miteinander reitet. Dabei gibt es Sieger und Verlierer, wie sich das auf dem Turnierplatz gehört.

All dies geschieht auf dieser täglichen Doppelseite der «NZZ». Das Blatt gewinnt durch diesen zunächst völlig unspektakulär erscheinenden Wettkampf an Profil. Das ist interessant zu beobachten, lockert die Lektüre deutlich auf und bringt Informationsgewinn. Die Leserbriefe haben oft beträchtlichen Lese- und Informationswert. Und die redaktionellen Kommentare werden in der täglichen Konkurrenz gleichfalls spürbar prononcierter. Gut so.

Zeitungen verschenken Potenzial

Eigentlich ist es ja nichts Neues, alle Zeitungen bringen Leserbriefe. Die meisten Redaktionen behandeln sie jedoch acht- und lieblos, quetschen sie in ein grausliches Layout, winden die Texte hemmungslos um Inseratenblöcke, kürzen auf Deibel komm raus und mixen inhaltlich Kraut und Rüben, wie’s grad kommt. Die Debattenstruktur fehlt. Damit verschenken sie ein riesiges, franko Haus geliefertes Potenzial. Denn Leser wissen viel, weil sie Vieles von innen her kennen, was der Journalist bloss von aussen sieht, und sie können es auch ausdrücken, nicht selten direkter, zielgenauer und sachkundiger als Journalisten, die noch nach der Alles-allen-recht-mach-Methode gedrillt wurden, insbesondere in ihren Kommentaren. Deren Tenor ist daher häufig, sehr häufig, mainstreamy und allseits kompatibel. Bei der «NZZ» nicht mehr so sehr. Das fällt positiv auf.

Autonome mit feinem Näschen

Früher wurde man Leserbrief-Redaktor, um die letzte Runde vor der AHV am warmen Öfchen abzusitzen. Heute hingegen braucht es in Leserbriefredaktionen alerte, autonome Leute, die vertiefte Sachkenntnis und ein Gespür für Debatten haben, die über genügend Standing gegenüber dominanten Chefredaktoren und selbstherrlichen Ressortleitern verfügen, weil diese ständig hineinpfuschen, unliebsame Leserreaktionen eliminieren und sich am liebsten selber illuminieren wollen.

Ich weiss das deswegen, weil ich selber auch schon Leserbriefe in meinem Sinn gefälscht habe. Ist allerdings lange her und durchaus branchenüblich. Ich schäme mich noch heute. Es gibt auch Journalisten, die Verwandte, Bekannte, Kollegen animieren, unterstützende Leserbriefe zu schreiben. Zum Erspüren von Fakes aller Art benötigt der zuständige Redaktor daher ein feines Näschen.

Renaissance in den Holzmedien

Die «NZZ» hat offenbar vife Leserbriefredaktoren. Es funktioniert. Die üblichen Querulanten fallen raus. Die Lobhudler halten sich in erträglichem Rahmen, Kampagnen werden unterbunden und die Sirenen überempfindlicher Fehlerdetektoren werden gedämpft. Das macht den Unterschied zum Blog: Die Redaktion verfügt über einen gewissen Steuermechanismus, der aber fair gehandhabt werden muss. Leser reagieren auf Manipulationen empfindlich. Ausserdem müssen Leserbriefe mit vollem Namen und Wohnort gezeichnet werden. Während noch vor wenigen Jahren Leser deswegen eher gehemmt waren, in Briefen an die Redaktion mit abweichender Meinung deutlich zu werden, einen Kontrapunkt offensiv zu begründen, ist das heute kein Problem mehr.

Der Leserbrief erlebt eine unerwartete Renaissance und das ausgerechnet in den bereits für scheintot erklärten Holzmedien. Wie man dieses Genre geschickt pflegt und weiterentwickelt, erkannte ausgerechnet die «alte Tante NZZ» am besten von allen.

Zur Nachahmung dringend empfohlen.

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen.

von Fred David | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Die Meinungskracher»

  1. Lonely Loon:

    Danke für diesen einmal mehr sehr lesenswerten Beitrag. Ich möchte diesen Blog nicht mehr missen.

  2. Anke Bergmann:

    Ich wuerde dann doch gerne noch etwas mehr ueber die gefaelschten Liebes-, ich meine Leserbriefe erfahren. Wie ging das genau und was versteht man unter „branchenueblich“. Nett, dass Sie sich schaemen Herr David, aber mit der Wahrheit rausruecken ist doch der beste Weg.

  3. Fred David:

    @) Anke Bergmann: Es ist nichts Spektakuläres. Als junger Journalist schrieb ich unter falschem Namen einen Leserbrief an die Zeitung, für die ich arbeitete, bezog mich darin auf eine Story von mir – in Massen lobend – und brachte in diesem Brief einige pointierte Informationen unter, von denen ich wusste, dass man sie mir aus der Story rausgestrichen hätte.

    Später stellte ich dann fest, dass dies durchaus keine seltene Praxis war. Bei mir blieb es bei diesem einen Fall. Ich fühlte mich richtig unwohl dabei. Ich habe auch für – seriöse – Zeitungen gearbeitet, wo ich wusste, dass mangels interessanter Leserbriefe eben solche erfunden wurden, allerdings nicht von mir.

    Es sind keine dramatischen Dinge. So Unsauberkeiten des Alltags halt, über die man nicht spricht. Gute Leserbriefredaktoren habe eine Nase für sowas und können Fakes eliminieren. Drum ist es wichtig, dort gute, absolut zuverlässige und unbestechliche Leute sitzen zu haben.

    Dieser Job wird gern unterschätzt. Dabei gehören Leserbriefe zu den am besten gelesenen Teilen von Zeitungen und Zeitschriften und ich habe mich immer gewundert, warum Redaktionen diese Seiten häufig lieblos nebenher behandeln, als wollten sie nichts damit zu tun haben. Ich glaube, das hat damit zutun, weil Leserbriefe redaktionellen Platz beanspruchen, den man lieber mit eigenen Geschichten füllen würde.

    Ich habe als Journalist früh gelernt, Leserbriefe auch in Konkurrenzmedien genau zu studieren und als Info-Quelle zu nutzen, bei Leserbriefschreibern nachzufragen usw. Mehrfach habe ich daraus Anregungen für spannende Stories bezogen.

    Das lernte ich übrigens beim „Spiegel“ , der, glaube ich, das erste Medium im deutschssprachigen Raum war, der Leserbriefe hoch professionell und auch rigoros seriös behandelt hat.

    Das sind wichtige Kleinigkeiten, die man nicht an Journalistenschulen lernt – was mich eigentlich wundert.

  4. Fred David:

    Ich verfolge gespannt, wie die NZZ mit Ihrer Doppelseite „Meinung & Debatte“ herumexperimentiert – als würde da intern eine ziemlich heftige Dskussion stattfinden, wie man damit umgeht.

    In der heutigen Samstag-Ausgabe zum Beispiel sind die zwei Lead-Kommentare der Redaktion optisch derart dominant, dass sie die gegenüberliegenden Leserbriefe völlig erdrücken.

    Hier stimmt die Turnierplatz-Regel mit den fast gleichlangen Spiessen nicht mehr. Die Leser werden wieder dorthin verwiesen, wo sie immer waren: im karg ausgestatteten Nebenraum. Ausserdem ist der lange Kommentar in doppelter Spaltenbreite, ohne Zwischentitel, optisch kaum lesbar. Den liest niemand zu Ende. Wetten?

    Ein aufmerksam beobachtender Leser bittet dringend darum, diese Doppelseite nicht kaputt zu machen, und mindestens hier die Gleichstellung von Lesern und Machern zu beachten. Dann, aber nur dann, bleibt die Doppelseite eine echte Innovation.

  5. Fred David:

    Wer mitverfolgen will, was sich auf der NZZ-Doppelseite „Meinung & Debatte“ abspielt, sollte es tun. Es ist spannend. Heute Dienstag (9.3.10) beispielsweise ist die Turnierbahn, nach mehren Tagen wegen ungünstiger Witterung gesperrt, wieder eröffnet: Auf der – natürlich nur optisch – linken Seite eröffnen NZZ-Leser eine Breitseite gegen einen abgedrehten redaktionellen Kommentar im Finanzteil, der sich händereibend darüber freute, wie „clever“ Marcel Ospel den Staatsstaat Singapur als Investor der UBS hereinlegte. Der Pensionsfonds Singapurs hat nun Mühe, einen Verlust von 5 Milliarden den Staatbediensteten zu erklären.

    Ich kann’s nur wiederholen: Diese Wechselspiel zwischen Lesern und redaktioneller Meinung auf Augenhöhe ist innovativ.

    Den Leserbriefredaktoren der NZZ wünschen wir weiterhin gute Nerven …

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