Nun wissen wir’s: Nicht Philippe Gaydoul, wie an dieser Stelle spekuliert, sondern Alex Seidel und Urs Ledermann heissen die Kandidaten der «Freunde der NZZ» für den NZZ-Verwaltungsrat.
Wie dem aktuellen Newsletter der «Freunde» zu entnehmen ist, handelt es sich bei Alex Seidel um den Ex-CEO von Unilever Schweiz. Urs Ledermann ist mit seiner Ledermann Immobilien AG im Immobilienbusiness tätig und amtet überdies als VR-Präsident der börsenkotierten Immobiliengesellschaft Mobimo Holding AG.
Offenbar zeigt der NZZ-VR den «Freunden» aber nach wie vor die kalte Schulter. Im Newsletter heisst es nämlich weiter:
- «Wir [i.e. die «Freunde der NZZ»] mussten leider feststellen, dass die beiden Kandidaten vom Verwaltungsrat der NZZ weder kontaktiert noch für ein Gespräch eingeladen wurden. Es wurde uns schliesslich mitgeteilt, dass es der NZZ gelungen sei, eigene, gute Kandidatinnen bzw. Kandidaten für den VR zu gewinnen.»
Wie die «SonntagsZeitung» in ihrer gestrigen Ausgabe schreibt, soll es sich bei einer der vom NZZ-VR angefragten Kandidatinnen um Carolina Müller-Möhl handeln, ihres Zeichens u.a. VR-Präsidentin der Müller-Möhl Group und VR-Mitglied bei Nestlé (und Member im «Club zum Rennweg»).
In ihrem Newsletter machen die «Freunde der NZZ» übrigens auch klar, weshalb ihrer Ansicht nach sowohl ein Immobilien- als auch ein Marketingspezialist in den NZZ-Verwaltungsrat gehören:
- «[...] erreichte uns im Herbst die Nachricht aus Immobilienkreisen, dass die NZZ mehrere ihrer wertvollsten Liegenschaften in einer Art Auktionsverfahren unter Zeitdruck auf den Markt werfen wollte, darunter das Gründungshaus der NZZ (das Salomon Gessner-Haus), das ‹Conti›-Gebäude an der Dufourstrasse sowie Wohnhäuser an der vorderen Seefeldstrasse – insgesamt im Wert von rund CHF 80 Millionen Franken. Wir haben dem Verwaltungsrat der NZZ bezüglich beider Vorgänge umgehend unsere Besorgnis kundgetan. Wir freuen uns den auch, dass beide Projekte inzwischen nicht mehr weiterverfolgt werden.
[...]
Bei der Suche möglicher Kandidaten haben wir uns auf Persönlichkeiten konzentriert, welche Erfahrung in der professionellen Bewirtschaftung von Immobilien (die NZZ besitzt Liegenschaften mit einem Brandversicherungswert von CHF 635 Mio!) oder Erfahrung in der Distribution und im Marketing von Konsumprodukten vorweisen. Wir stellen fest, dass diese Kenntnisse im heutigen Verwaltungsrat der NZZ nur ungenügend vorhanden sind. Gerade die unprofessionelle Aktion zur Veräusserung der wertvollen eigenen Liegenschaften (das Unverständnis in der ganzen Branche ausgelöst hat) hat dringenden Handlungsbedarf offen gelegt. Aber auch in der Zeitungs- und Anzeigen-Vermarktung sehen wir enorme Verbesserungsmöglichkeiten. Einerseits wird die NZZ-Zeitung unseres Erachtens zum heutigen Preis immer noch ‹verschenkt› (Die Zeitung kostet weniger als der Kaffee dazu), anderseits gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, die verschiedenen Publikationen zu Politik und Wirtschaft kombiniert zu vertreiben.»
Siehe dazu auch:
- Ist «BaZ»-Verleger Wagner auch ein «Freund der NZZ»?
- Andreas Durisch verlässt die «SonntagsZeitung»
- Philippe Gaydoul in den NZZ-Verwaltungsrat?
- Neue Verwaltungsräte für die NZZ-Gruppe?
- «Freunde» der «NZZ»?
Die Sorge der “Freunde der NZZ” um die schönen Immobilien ehrt sie, lässt die Interessenlage aber denn doch überdeutlich durchscheinen.
Zu Frau Caroline Müller-Möhl fällt mir, offen gesagt, wenig ein, ausser dass sie geerbt hat. Unternehmerische Marksteine? Medienerfahrung? Internationale Erfahrung? Ihre unauffällige Anwesenheit im VR des zweitgrössten Schweizer Unternehmens, Nestlé, gibt mehr Rätsel auf als dass dadurch die Frage beantwortet würde: Warum, weshalb, wofür?
Der “Verein der NZZ-Leser” VNL viG (“vielleicht irgendwannmal in Gründung”) ist immer noch der Meinung, ein Medienfachmann, gern aus dem angelsächsischen Raum, versiert im Bereich Neue Medien, täte dem erlauchten Gremium des NZZ-VR überaus gut.
Unser Favorit, den wir hiermit ungefragt erneut portieren, ist Andrew Gowers, 52, ehemaliger Chefredaktor der “Financial Times” in London und Gründer-Chef der “Finacial Times Deutschland”. Seine Feuerprobe erlebte er als Kommunikationschef von Lehman Brothers von 2006 bis zum Crash im September 2008. Heute ist er in leitender Funktion bei der London Business School tätig, eine Fakultät der Universität London; sie gilt als eine der besten Bsuiness-Schulen weltweit mit jährlich etwa 1000 Absolventen.
Er spricht fliessend Deutsch und kennt den deutschsprachigen und angelsächsischen Medienmarkt von ganz innen – und weiss nach Lehmann Brothers auch, wie sich ein Crash auch von ganz innen anfühlt….
ps. an die NZZ: Wir verrechnen keine Vermittlungsprovision. Wir sorgen uns halt ein wenig um die NZZ. Und an Immobilien haben wir gar kein Interesse.
Bei einem Höflichkeitsbesuch hat Gowers die NZZ vor rund zehn Jahren übrigens auch schon von Innen gesehen. Ich war dabei. Macht mich das jetzt wichtig?
@)Martin Hitz: Es geht ja nicht so sehr um Wichtigkeit. Das ist alles relativ.
Aber einen Ex-Journalisten im VR eines Medienunternehmens zu wissen – insbesondere in der jetzigen Phase, wo’s wirklich drauf an kommt -, der auch ein wenig über NY und London Bescheid weiss, der seine Erfahrungen mit Big Business gemacht hat, der die Probleme einer Redaktion und deren Schwachstellen aus der Praxis kennt und der vermutlich eine recht präzise Vorstellung hat, wohin es mit dem Print geht: also ich fände so einen nicht unpassend in einem so erlauchten Gremium wie dem NZZ-VR, wo es, das will ich gern einräumen, keinerlei Mangel an bedeutender Wichtigkeit gibt.
Aus der heutigen NZZ:
«Verwaltungsrätin Susanne Bernasconi-Aeppli, deren Amtsdauer dieses Jahr abläuft, hat sich entschieden, auf eine Wiederwahl an der Generalversammlung vom 17. April 2010 zu verzichten. Zurücktreten wird ferner Ph. Olivier Burger, der sich künftig vermehrt auf seine geschäftlichen Aktivitäten konzentrieren möchte. Der Verwaltungsrat schlägt der Generalversammlung vor, Jens Alder, Carolina Müller-Möhl und Joachim Schoss neu in das Gremium zu wählen.»
http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/nzz-mediengruppe_mit_operativem_gewinn_1.5203253.html
Im gleichen Text finde ich folgenden Satz:
«Im stark von Finanz- und Geschäftsempfehlungen abhängigen Geschäftsbereich NZZ (u. a. mit den Medien «Neue Zürcher Zeitung», «NZZ am Sonntag» und NZZ Online) sank der Umsatz um 35,1 Mio. Fr. auf 187,8 Mio. Fr., der Anzeigenverkauf lag um 34,6 Mio. Fr. tiefer.»
Was ist hier unter «Finanz- und Geschäftsempfehlungen» zu verstehen?
Ich denke, mit «Finanz- und Geschäftsempfehlungen» sind Anzeigen für Finanzprodukte, Kotierungsinserate, die Liste mit den Anlagefondkursen u.ä. gemeint.
…aber für ein Medienunternehmen sind diese Formulierungen denn doch seltsam. Normalerweise würde man doch einfach sagen :…”im stark vom Finanzmarkt abhängigen Anzeigengeschäft der NZZ” …
Das wäre ja dann auch eine halbwegs plausible Erklärung für das maue Geschäftsjahr.
“Finanz- und Geschäftempfehlungen” ist in diesem Zusammenhang für ein Medienunternehmen nun wirklich eine seltsame Wortwahl.