Öffentlich-rechtliche Geheimumfrage

Es gibt Leute, die Bier ohne Alkohol trinken, andere schlürfen Kaffee ohne Koffein. Und neuerdings haben wir einen Meinungsforscher, der seine Ergebnisse nicht veröffentlicht. Oder besser: Dessen Ergebnisse die SRG nicht mehr veröffentlicht. In all diesen Fällen fragt man sich, was soll das denn? Eine unveröffentlichte Meinungsumfrage macht irgendwie keinen Sinn.

Der arme Meinungsforscher Claude Longchamp büsst derzeit aus zwei Gründen: Erstens haben unsere Landsleute bei der Frage nach der Minarett-Initiative im letzten Herbst brandschwarz gelogen. Sie sagten Nein und stimmten Ja, um ja nicht als engstirnig zu erscheinen. Und zweitens ist Longchamp das Opfer eines Missverständnisses, an dem er und sein Institut GfS freilich etwas Mitschuld tragen: Medien und politische Parteien verstehen seine Umfragen als Prognosen, er selbst beharrt darauf, dass es sich nur um Momentaufnahmen Wochen vor den Abstimmungsterminen handelt. Das mag ja sein: Aber wenn die Ergebnisse seiner Umfragen nicht prospektiv zu verstehen sind, sind sie erst recht für die Füchse.

Derzeit liegen also bei der SRG irgendwo die Ergebnisse einer Meinungsumfrage über die Höhe des Umwandlungssatzes bei den Pensionskassen in der Versenkung. Nur Longchamp und seine Mitarbeiter kennen diese Zahlen, wahrscheinlich auch etliche Mitarbeiter in der SRG. Sonst niemand.

Tatsächlich? In einem Land, in dem geheime Datensätze öffentliches Handelsgut sind, ist es eine Frage der Zeit, bis sie auf einer Zeitungsredaktion landen. Und wir freuen uns auf denjenigen zerknirschten Chefredaktor, der vor laufenden Kameras von seinen Gewissensnöten beim Kauf dieser Umfrageergebnisse jammert. Schliesslich hat er dann doch zugegriffen – selbstverständlich.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts» und Kulturchef beim Pendlerblatt «News», amtet seit dem 1. September 2008 als Chefredaktor des Magazins «Saldo».

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Öffentlich-rechtliche Geheimumfrage»

  1. Fred David:

    Eine Empfehlung zum Datenklau? Naja, warum nicht? Wir haben ja gesehen, was eine einzige CD alles auslösen kann. Man braucht sie nicht mal zu öffnen…

    Aber im ernst: Es wäre zu prüfen, ob sich die fünf grossen Medienunternehmen SRG, Ringier, Tamedia, NZZ, Springer-Schweiz bei solchen Projekten nicht zusammentun sollten. Notfalls auch ohne SRG, wenn die nicht will.

    Für einen allein sind solche Umfragen auf Dauer jedenfalls zu teuer.

    Gemeinsam könnten wesentlich zuverlässigere Samples gezogen, die Basis der Befragungen könnte verbreitert werden. Aus „Momentaufnahmen“ könnten in kürzeren Abständen qualitativ bessere Analysen resultieren.

    Die Verwertung der Ergebnisse bliebe den einzelnen Medien überlassen, ab einem festgelegten Termin. Die Sache könnte an Seriosität gewinnen und man wäre nicht allein auf ein Befragungsunternehmen angewiesen.

    Wahrscheinlich wäre man erstaunt über das breite Spektrum der Interpretationen, wenn den Medien nicht nur die Endresultate , sondern mehr Details zur Verfügung stünden.

    Bei Umfragen kommt es stark auf die Fragestellung an. Da ist es besser, wenn nicht nur ein Medienunternehmen die Formulierung der Fragen kontrolliert.

    Ob ein Medienunternehmen allein einen Wettbewerbsvorteil daraus zieht, ob es überhaupt auflagerelevant ist, Umfrageergebnisse exklusiv einen Tag früher als andere zu veröffentlichen, ist fraglich.

    Hier würde sich eine Kooperation in Form einer losen Interessengemeinschaft ohne jede Anrüchigkeit anbieten, wie auch bei den technischen Grundlagen für eine breite Markteinführung von iPad bez. ähnlichen Produkten.

    Der Schweizer Markt ist auch für grosse Unternehmen zu klein, um solche Projekte allein zu stemmen.

    Wichtig wäre natürlich, offensiv dafür zu sorgen, dass die Medienkonkurrenz weiterhin spielt. Aber das ist nicht so schwierig.

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *