Zurück in die Zukunft
Heftig kritisierte an dieser Stelle Stephan Russ-Mohl letzte Woche den Medien-Hype um den iPad und den Journalismus, der «willfährig das Geschäft der PR-Branche betreibt», wenn er so flächendeckend, wie das geschehen ist, einem neuen Gadget zu Gratisreklame verhilft. Stephan Russ-Mohl hat natürlich recht.
Mindestens unterschwellig mag dabei eine Rolle gespielt haben, was «Tantenneffe» in seinem Kommentar schreibt: «Interessant ist der iPad vor allem, weil er die Verlage aus ihrer Todesspirale befreien könnte.» Manch eine Zeitung hat wohl nicht zuletzt darum so gebannt auf das neue Gerät gestarrt, weil sich damit die Hoffnung verbindet, dass es einen Weg aufzeigt, wie sich mit journalistischen Inhalten auf digitalem Weg Geld machen lässt.
Ich habe das auch gedacht (und wünsche mir, nicht allzu schnell eines besseren belehrt zu werden). Auf den zweiten Blick hat mich der iPad sogar darin bestärkt: Er ist kein Computer, bei dem die Tastatur mindestens so wichtig ist wie der Bildschirm, sondern ein Gerät, mit dem man Inhalte konsumiert, Filme, Spiele, Bücher und hoffentlich Zeitungen und Zeitschriften. Damit weist der iPad einen Weg in die Zukunft, der vom Web 2.0 zurück führt zum Web 1.0 – als der Konsument sich dankbar auf den Bildschirm holte, was draussen im Netz angeboten wurde und noch nicht über die technischen Möglichkeiten verfügte, als Produzent teilzunehmen.
Was das bedeutet, hat der New Yorker Mediendozent Jay Rosen in einem Gespräch mit dem «Economist» auf den Punkt gebracht: Weil der iPad weder eine Kamera noch eine brauchbare Tastatur besitzt, drängt er die Benützer in die Rolle des Publikums und lädt sie nicht ein, selber Inhalte zu produzieren.
Rosens wichtigste Erkenntnis lautet: Der eine mögliche Weg für die Medien führt in die Exklusivität, bei der man ein kleines Publikum teuer dafür bezahlen lässt, was man nur ihm zugänglich macht. Der andere Weg setzt darauf, dass man seine Informationen dem grösstmöglichen Publikum zugänglich macht und mit dieser Masse Geld zu verdienen versucht. Welchen Weg er mit seinem Medium gehen will, ist der strategische Schlüsselentscheid, vor dem heute jeder Verlagsmanager steht.
Nur eines gibt es nicht: etwas dazwischen. Was Friedrich von Logau schon vor fast 400 Jahren wusste: «In Gefahr und grosser Noth bringt der Mittelweg den Tod.»
Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».
Bemerkungen
Ein interessanter Aspekt.
Als einer, der noch "im Blei" gestanden hat als Journalist, möchte man gern glauben, dass sich endlich eine brauchbare Alternative zum print öffnet, welche Zeitungen und Zeitschriften nahekommt. Und eine Befreiung aus der finanziellen Klemme bringt.
Was mich dabei allerdings etwas irritiert: Diese Perspektive öffnet sich offenbar nur, wenn iPad das bleibt, was es ist: eine Einwegkommunikation.
Was ja einen deutlichen Rückschritt hinter die technischen Möglichkeiten bedeutet. Kann sich das wirklich durchsetzen?
Vielleicht läuft es nur dann, wenn die traditionellen Printmedien den Vertrieb (mit dem entsprechenden digitalen Angebot) in die Hand nehmen und dies nicht Apple und dem Technikfreak-Markt überlassen.
Das heisst: Es vom Inhalt her denken und das Marketing enstprechend darauf ausrichten, und nicht von der Technik her. Kurzum: Es muss die entspechende Software dazu : eben, der Inhalt. Wo ist der? Bei Büchern und Filmen: ja. Aber bei Zeitungen und Zeitschriften?
Von: Fred David am 10.02.10 12:06
Posted on 10.02.10 12:06
Umso besser, wenn das Publikum keine Inhalte mehr produziert. Was das bringt, ist ja inzwischen bekannt. Bloggen war gestern, fürwahr.
Von: Bobby California am 10.02.10 12:51
Posted on 10.02.10 12:51
Ich bin da ebenfalls sehr skeptisch. Nicht nur, dass iPad beispielsweise nicht so recht ins Web können will, weil kein Flash abspielbar ist, sondern auch weil das ganze Gerät einfach zu sehr verdongelt zu sein scheint. Zudem gibt es auch noch kein vernünftiges Werbekonzept. Ich tippe weiterhin auf Google, auch wenn gerade diese Firma mittlerweile mir einen Schrecken einjagt, welche über Daten Google heute bereits Zugriff hat. Und haben wird.
Man darf auch nicht vergessen, dass die Netbooks von heute billiger sind als iPad und erst noch mehr können! Nur - ich frage mich, warum Acer & Co das Marktpotenzial so noch nicht gesehen haben.
Von: eyeIT am 10.02.10 19:48
Posted on 10.02.10 19:48
@eyeIT
Ich bin sogar froh, dass das iPad nicht mit Flash kann. Abgesehen von zu grossen und zu störenden Werbebannern und Youtube sehe ich keine Verluste.
Und noch eine weitere Überlegung zur «Einwegkommunikation». Ich finde diese nicht per se schlecht. Mir scheint, dass die Kommentar- und Feedbackfunktionen für das breite Publikum nicht so wichtig sind, wie Journalisten und (evtl.) Verleger denken. Es geht auf den Zeitungs-Websites meistens darum, seine eigene Meinung zu hinterlassen – einen Dialog im Sinn des Wortes beobachte ich aber nur selten. Viel häufiger ist das virtuelle Prügeln unter Kommentarautoren, was ja chez Hitz öfter vorkommt. Dass aber zwischen Leser und Journalisten ein wirklicher Austausch entsteht, ist nach meinen Beobachtungen sehr selten. Das Argument der «Qualitätsverbesserung» respektive des «Dialogs mit dem Leser» ist in meinen Augen ein tendenzieller Irrglaube. Und das nicht, weil Journalisten unfehlbar oder Kommentatoren doof wären, sondern weil substanzielles Feedback zu den Texten im «Wieder mal typisch»-Geheule verstummt.
Insofern glaube ich, dass der iPad-basierte Journalismus durchaus eine Zukunft haben kann. Das Gatekeeping wird dann nicht mehr direkt durch die so oft geschmähten Journalisten vorgenommen, sondern durch die Limiten des Gerätes. Um diese nochmals anzusprechen: Bei Kindern kommt man langsam von der Defizitfokussierung ab und baut stattdem auf Kompetenzorientierung. Wichtig ist dann nicht mehr, was die Kleinen nicht können und woran sie scheitern, sondern was sie können. Eine solche Perspektivenverschiebung wünsche ich mir auch für den Journalismus. Was Print alles nicht kann, hat man uns zehn Jahre lang vorgehalten. Wäre es nicht interessant, zu erkunden, was Print und/oder iPad können? Auch ohne Flash und Webcam.
Von: Tantenneffe am 13.02.10 14:52
Posted on 13.02.10 14:52
Newsnetzt/tagi bringt heute (18.2.) eine interessante Version, wie sich die Zeitschrift "Wired" eine Zeitschrift von morgen auf iPad vorstellt.
Wirkt auf mich ziemlich überzeugend und ist wohl auch gar nicht so schwer technisch umzusetzen, wenn "wired" das in relativ kurzer Zeit hinkriegte. Auch der wichtige "Blättereffekt" und damit das zeitungähnliche Navigieren schein gelöst.
Die Einwegkommunikation wäre tatsächlich, wie @)tantenneffe schreibt, eher ein Vorteil.
So könnten traditionelle Medienhäuser wirklich einen Fuss reinkriegen und die Kontrolle über die Inhalte behalten - bevor jemand anders sich da als "Software"-Lieferant reindrängt.
Die Medienhäuser könnten iPads wie Abos vertreiben. Der Kunde erhält das Gerät für die entsprechende Abogebühr ins Haus geliefert. Es bleibt Eigentum des Verlags.
Der Abonnent bezahlt für den Inhalt. Ab morgens 4 Uhr kann er sich die Zeitung herunterladen oder an einem bestimmten Tag die Zeitschrift abrufen.
Jedenfalls habe ich daraus gelernt: Es ist nicht mehr eine Frage der Technik, sondern des adäquaten Inhalts.
Worauf noch warten? Was "wired" kann, können andere doch auch.
Es müssen ja nicht gleich von Anfang an alle nur denkbaren Applikationen vorhanden sein.
Vielleicht müssten die grossen Schweizer Medienhäuser eine Interessengemeinschaft bilden, um die Sache technisch auf die Beine zu stellen. Für die Inhalte ist dann wieder jeder für sich verantwortlich.
Von: Fred David am 18.02.10 13:04
Posted on 18.02.10 13:04
@Fred David: Ich sage nur: "Ein 'New Media Think Tank' für die Schweizer Medien" (Medienspiegel, Oktober 2006).
Übrigens: Wie "Digital Magazines" in Zukunft aussehen könnten, zeigt auch dieses Video vom Dezember 2009.
Von: Martin Hitz am 18.02.10 14:03
Posted on 18.02.10 14:03
@) Jaaa, Martin Hitz: Aber ein Think-Tank klingt zu larifari.
Mal vergessen, dass man Konkurrent ist und die technischen Grundlagen gemeinsam schaffen. Es bleibt auch gar nichts anderes übrig, weil die Invesitionen für einen allein zu hoch sind.
Tamedia, Ringier, NZZ, und SRG sollten so bald als möglich eine Interessengemeinschaft gründen,mit dem einzigen Ziel, die technischen Grundlagen für den Grosseinsatz von iPad zu schaffen. Kleinere Medienunternehmen würden die Ergebnisse gegen Kostenbeteiligung zur Verfügung gestellt.
Die enormen Investitionen müssten sich langfristig rechnen, denn die sehr hohen Produktions- und Vetriebskosten des Print liessen sich drastisch reduzieren, aber nur dann, wenn sehr schnell der entsprechende Markt geschaffen wird, was ja auch für die Werbung wichtig ist und völlig neue Möglichkeiten eröffnet.
Dieses gemeinsame Vorgehen hätte den Vorteil, dass man von Anfang an einen breiten Markt schaffen könnte, der den Standard setzt. So könnte man auch verhindern, dass ausländische Konkurrenten auf den Schweizer Markt vordringen. Diese Gefahr ist nämlich gegeben.
Kommt dann eine verbesserte Technik auf den Markt, hätte man die Grundlagen landesweit schon gelegt, diese zu adaptieren. Man behielte die Entwicklung selber im Griff.
So könnte man sehr schnell ein konkretes Projekt starten, denn, wie gesagt: was "wired" innerhalb von zwei, drei Monaten kann, können andere innerhalb von zwei, drei Jahren auch.
Jetzt scheint eine Technik verfügbar zu sein, die offensichtlich vernünftig umsetzbar ist , und vor allem: die den Bedürfnissen des Publikums nahe kommt.
Aber es muss bald geschehen, damit nicht wieder das Gleiche wie mit Google passiert, nämlich dass die oder ein anderer Konkurrent sich das grosse Geschäft krallen. Die sind sehr vif. Da müssen die Schweizer Verleger halt vifer sein.
Ist die Einführung der Technik erreicht - und dann gleich eben nicht mit zehntausend Abonnenten, sondern auf einen Schlag mit hundertausenden - läuft wieder jedes Medienunternehmen getrennt für sich.
Die Konkurrenz liefe dann über die Inhalte. Auch die Layouts könnten, wie beim Print, sich deutlich unterscheiden. Das ist keine Frage der Technik.
Ich finde: Jetzt kribbelts wirklich.
Nicht warten.
Jetzt!
Von: Fred David am 18.02.10 15:11
Posted on 18.02.10 15:11
Now is the time. Jedenfalls in den USA:
http://money.cnn.com/2010/02/09/technology/tablet_ebooks_media.fortune/index.htm#q_close
Wenn ich aber höre, dass Schweizer Verlage unter Internetstrategie einen Newsletter verstehen (kein Witz), glaube ich noch nicht ans Aufwachen.
Von: Tantenneffe am 22.02.10 10:18
Posted on 22.02.10 10:18