Tito Tettamanti übernimmt die Basler Zeitung Medien
Die Basler Zeitung Medien teilen mit:
- «Dr. Tito Tettamanti und der Basler Medienanwalt Martin Wagner übernehmen sämtliche Aktien der Familie Hagemann und der PubliGroupe der ‹National Zeitung und Basler Nachrichten AG›, die als ‹Basler Zeitung Medien› (BZM) am Markt präsent ist.
Tettamanti wird als Mehrheitsaktionär einen Aktienanteil von 75% halten und Martin Wagner 25%. Über die Höhe des Kaufpreises haben die Parteien Stillschweigen vereinbart. »
Der Basler Medienanwalt Wagner übernimmt das Amt des Verwaltungsratspräsidenten und wird neuer Verleger der «Basler Zeitung». Das gleiche Amt (i.e. VR-Präsident) bekleidet Wagner übrigens auch bei der Weltwoche Verlags AG.
Für Tettamanti stellt die Beteiligung an den Basler Zeitung Medien nach dem Kauf und Wiederverkauf der Jean Frey AG («Weltwoche», «Beobachter», «Bilanz» etc.) das zweite bedeutende Engagement in der Schweizer Medienbranche dar.
Dass es dem 80-jährigen Tessiner Financier bei seinen Medienbeteiligungen nicht nur um den Profit geht, hatte er bereits Ende 2006 im Zusammenhang mit der Übernahme der Jean Frey AG durchblicken lassen (s. hier): Nur zwei Wünsche habe er an die Redaktion: «echt liberal und nicht politisch korrekt» solle sie sein. Im Übrigen habe er noch nie in die Redaktionsfreiheit eingegriffen. Er sei Investor, kein Verleger.
Führt der Trend nun eigentlich wieder in Richtung Meinungs- und Parteipresse?
Update: Tito «the old man with a mission» Tettamanti im «Echo der Zeit»:
- «Gibt es nicht genug Linksradikale in den Medien?»
Siehe auch:
- «Frontal» gegen den «Blick»
- Tettamanti weiss von nichts
Bemerkungen
So sieht es aus. Printmedien werden wieder zu dem, was sie einmal waren: Keine Unternehmen, mit denen man Geld verdienen wird, sondern teure Seitenprojekte grosser Geldgeber, die sich den Einfluss, den so ein Medium nun mal hat, auch gerne etwas kosten lassen. Das ist die vieldiskutierte Antwort auf die Medienkrise der letzten Jahre.
Von: Anonymous am 08.02.10 11:54
Posted on 08.02.10 11:54
EIn Trost bleibt: Wenn nach der BaZ auch noch viele andere Zeitungen von Tettamanti und ähnlichen Geldsäcken aufgekauft werden und danach «echt liberal und nicht politisch korrekt» schreiben, dann kann sich die Weltwoche wenigstens nicht mehr brüsten, alleine gegen den «Mainstream» zu schreiben. Dann wird das, was heute die Domäne der Weltwoche ist, nämlich: Rassismus, Volksverhetzung, Buckeln nach oben und Treten nach unten, Mainstream sein.
Von: Bobby California am 08.02.10 12:49
Posted on 08.02.10 12:49
Das sind wunderbare Neuigkeiten für die Pressevielfalt in der Schweiz. Hoffentlich entwickelt sich daraus so etwas wie eine tägliche "Weltwoche". Etwas mehr Gesinnungsjournalismus würde der Schweiz nicht schaden. Vielleicht würde dadurch auch das einstige Flaggschiff der Linken wieder aus der selbstverschuldeten Lifestyle-Irrelevanz herausfinden. Die NZZ war halt mindestens eine Nummer zu gross und in der gleichen Gewichtsklasse war man von Freunden umzingelt. Selbst der Boulevard war ein Verbündeter (in der europäischen Presselandschaft ziemlich singulär). Warum wirft eigentlich die finanziell potente Elite aus dem Umfeld von "Club Helvétique" nicht ein paar Fränkli auf? Wenn man schon nicht in der Fussgängerzone Unterschriftenbögen verteilen mag, dann könnte man sich doch wenigstens publizistisch engagieren. Und zwar nicht - wie bis anhin - nur mit Kolumnen, Interviews und Gastbeiträgen. Der Kulturkampf findet in der real existierenden Gesellschaft statt. Die Presselandschaft sollte diese Bruchlinien widerspiegeln.
Von: Skepdicker am 08.02.10 13:51
Posted on 08.02.10 13:51
Skeptiker > Eine tägliche Weltwoche, das fehlt uns gerade noch. Eine tägliche Dosis Rassismus und Streicheleinheiten für kriminelle Banker. Wie wenn sich die Schweiz in jüngster Zeit nicht schon international über alle Massen lächerlich gemacht hätte dank der SVP und der mit ihr verbandelten finanziell potenten «Elite». Wenn die SVP reaktionäre Ressentiments schürt zwecks Stimmengewinn, ist es völlig überflüssig, diese Volksverhetzung noch mehr in der Presse zu widerspiegeln. Von wegen «Kulturkampf»: Die SVP erhält sowieso schon viel zu viel Raum in den Medien, weil der nutzlose Klamauk und der Rambazamba, den diese Partei veranstaltet, mehr mediale Aufmerksamkeit versprechen als die nüchterne Suche nach nachhaltigen Lösungen.
Von: Bobby California am 08.02.10 20:47
Posted on 08.02.10 20:47
@) Skepdicker stellt eine gute Frage: Warum gibt es aus dem finanziell potenten Umfeld des "Club Helvétique", der sich dem extremen Rechsdrall so mannhaft entgegenstemmen will, verbal jedenfalls, niemanden, der , wie Tettamanti auf der Rechten, bereit ist, ordentlich Geld in die Hand zu nehmen und damit - im Gegensatz zu Tettamanti & CO - eine wirklich liberale und unabhängige Stimme aufzubauen ?
"Der Bund" in Bern wäre das ideale Objekt. Er müsste zu diesem Zweck aus dem Tamedia-Verbund herausgelöst werden, könnte mit diesem aber in technischer Kooperation auf Dienstvertragsbasis verbleiben.
Der "Bund" als schlanke, moderne, Schweiz-weit vertriebene Abo-Zweitzeitung mit Schwerpunkten Politik , Wirtschaft, Kultur, Kommentare, Analysen, Interviews. Ein Blatt mit echt liberalem, meinungsstarkem Profil (nicht nur mit dahergeschwätztem!) und einer enstprechenden Internet-Ausgabe.
Und einem durchschaubaren finaziellen Hintergrund - anders als z.B. bei der Wewo und wahrscheinlich ziemlich bald bei der BaZ: Tettamanti ist 79!
Mir ist die Naivität der Schweizer Medienszene im Umgang mit dem BaZ-Coup ein Rätsel. Als einziges Medium brachte es gestern Radio DRS sec auf den Punkt (s. link oben): Ein rechtskonservatives Netztwerk, finaziell sehr potent, versucht systematisch die Medienszene zu unterwandern, mit beträchtlichem Erfolg und mit klaren Absichten.
Das ist durchaus legitim in einer Demkokratie.
Geradzu sträflich dumm ist es aber, wenn alle andern staunend mit offenem Mund daneben stehen und so tun, als ginge sie das nichts an.
In meiner Fassunsglosigkeit über die schwachen, offensichtlich ahnungslosen Reaktionen kann ich nur eine sehr altmodischen Tip geben: Schlag nach in Max Frischs Frühwerk "Biedermann und die Brandstifter": Eine Handlungsanweisung.
Das Beispiel "Wewo" ist mit dem genau gleichen Personal vorexerziert worden und die Beteiligten machen keinerlei Hehl daraus, dass sie etwas Aehnliches bei der BaZ vorhaben.
Wer die "Arena"-Sendung letzte Woche gesehen hat, dem muss klar sein, dass das hier keine medialen Spielereien von ein paar reichen Menschen mehr sind. Da gehts um viel mehr.
Ich wundere mich auch, dass es hier auf medienspiegel.ch so still bleibt. Eine geradezu gespenstische Ruhe.
Das einzige Argument, was mir sehr einleuchtet ist die erkärte Absicht, zu verhindern, dass die BaZ zu einem reinen Kopfblatt eines andern Verlags wird.
Alles andere ist Vernebelung weitreichender politischer Absichten.
Von: Fred David am 09.02.10 11:56
Posted on 09.02.10 11:56
Also bitte: nun mal nicht übertreiben.
Es wäre mir jedenfalls neu, dass durch den Jean-Frey-Deal der "Beobachter" oder die "Bilanz" "rechtsextrem" geworden wären.
Dieselben Verschwörungschosen hörte man während Jahren über Leo Kirch. Und was ist daraus geworden? Nichts als ein grosser unpolitischer Unterhaltungsdampfer. Die sogenannt Naiven sind vielleicht manchmal einfach ein bisschen weitsichtiger.
Von: ras. am 09.02.10 15:24
Posted on 09.02.10 15:24
@) ras, also bitte, ich schätze Sie, das wissen Sie, aber vom "Beobachter" und von der "Bilanz" ist hier doch gar nicht die Rede. Die sind überschaubar bei "Springer Schweiz" unter solidem Dach, nach dem die Odyssee unter Tettamanti glücklich beendet war.
Die "Weltwoche" hingegen bewegt sich meiner Meinung nach auf einem mysteriösen Rechtskurs und wird - verdeckt - finanziert von politisch interessierten Kreisen, die sehr klare und zugleich durchschaubare Ziele und Interessen haben.
Die öffentlichen Auftritte Köppels in letzter Zeit sind peinlich und skandalös und haben mit Journalismus nur noch am Rand zu tun.
Hier sind Dinge im Gang, die nicht mehr normal sind und die mit diesem wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch aufgeheizten Umfeld unmittelbar zusammenhängen.
Und dass mit den gleichen Leuten nun etwas Vergleichbares bei der BaZ durchgezogen werden soll wie mit der "Weltwoche" (die Aeusserungen Tettamantis sind ja nun dankenswert klar, er verbirgt gar nichts) beunhruhigt mich - selbst dann, wenn ich der einzige sein sollte, dem es so geht (was ich natürlich nicht glaube...).
Etwas weniger Blauäugigkeit, bitte.
Von: Fred David am 09.02.10 16:03
Posted on 09.02.10 16:03
Journalismus ist ein Personengeschäft. Mit Direktiven erreicht man wenig bzw. keine kreativen Neuerungen. Die Wewo wird eine Ausnahme bleiben. Die ökonomische Frage ist ohnehin viel entscheidender als die ideologische: Welche Art von Tageszeitung ist mit welchen Inhalten überhaupt noch langfristig erhaltbar? Da sieht es ja ziemlich düster aus in der Schweiz. Die Schweizer müssten mehr Kinder machen. ;-)
Von: ras. am 09.02.10 16:20
Posted on 09.02.10 16:20
@) ras, wieso Direktiven? Ich seh keine. Ich wüsste aber gern, woher Sie die Gewissheit nehmen, dass die Wewo eine Ausnahme bleibt? Vor drei, vier Jahren hätte man doch nicht für möglich gehalten, was da heute abgeht. Ihre Gelassenheit in Ehren. Ich habe die nicht.
Von: Fred David am 09.02.10 16:29
Posted on 09.02.10 16:29
...und im übrigen fiel es auch der Wewo nicht schwer, die Redaktion zur Hauptsache auszutauschen. Unter dem heutigen wirtschaftlichen Druck ist das keine Hexerei mehr.
Einer der Vorteile des Alters ist es, dass man kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen braucht. Tettamanti hält sich daran. Ich glaube nicht, dass man ihn falsch verstehen kann. Er sagt offen, was seine Motive sind und was er erwartet.
Von: Fred David am 09.02.10 16:36
Posted on 09.02.10 16:36
Die Wewo lebt davon, dass sie ein Maverick ist. Zudem funktionieren Tageszeitungen anders als Magazine, trotz all den schönen Magazin-Theorien. Auch müssen sich Tageszeitungen auf den Lokalmarkt ausrichten. Das ändert die Ausgangslage. Aber gewiss: Mit Personalpolitik kann man vieles ändern. Schliesslich: Tettamanti ist 79, Murdoch ist 78 - da interessiert doch mehr die Frage. Was beschert uns der baldige Generationenwechsel Neues?
Von: ras. am 09.02.10 17:33
Posted on 09.02.10 17:33
@) naja, ras, jetzt nähern wir uns aber doch gegenseitig der Erkenntnis, dass dieser Vorgang in Basel sehr ungewöhnlich ist - und der Hintergrund im Dunkeln bleibt.
Von: Fred David am 09.02.10 17:48
Posted on 09.02.10 17:48
Noch eine Ergänzung: Ich lese gerade, dass Martin Wagner, der zusammen mit Tito Tettamanti schon den Weltwoche-Deal deichselte, "ein Vertrauensmann" auch der Springer Schweiz AG sei, die er bestens als Verhandlungspartner kennt. Wagner hat auch die BaZ-Uebernahme organisiert.
Sollte es wirklich ein konkretes Ziel sein, die BaZ nach einer Anstandsfrist in die Springer-Schweiz AG einzugliedern, würde ich die paar spitzen Bemerkungen über Tettamanti hier in eigener Sache mit Abscheu und Empörung zurücknehmen. Aber nur dann.
Denn dann hätte er auf seine alten Tage wirklich noch ein gutes Werk vollbracht und man könnte sein schönes Wort vom "Schutz der Vielfalt der Schweizer Medien" einigermassen ernst nehmen.
Springer Schweiz ist jedenfalls etwas Solides und könnte zusammen mit dem Kauf der Wanner-Medien in Aarau eine starke dritte Mediengruppe in der Schweiz ergeben, die auch im Tageszeitungsbereich gut mitmischen könnte.
Tettamanti ist nicht bekannt dafür, Geld zu verschenken, im Gegenteil: in Hotels lässt er, nach eigener Aussage, regelmässig Bademäntel und Kugelschreiber mitlaufen. Einen Weiterverkauf an Springer Schweiz würde er sich sicher ordentlich vergolden lassen.
Schön wenn's so käme. Alle wären zufrieden. Aber noch liegt alles im Dunkeln.
Von: Fred David am 10.02.10 13:18
Posted on 10.02.10 13:18
In Roger Köppels verlegerische/redaktionelle Freiheit nicht einzugreifen, geht über die Lausbubenhaftigkeit eines Bademantelklaus hinaus. Aber die BaZ als Tageszeitung, die nicht immer nach dem 20min.ch-Boulevard schielen muss und tatsächlich liberal ist, das wäre doch ein spannendes Projekt. Das würde mich in der Ansicht bestärken, dass noch mehr Kanaille in den hiesigen Medienmarkt rein volumenmässig nicht reinpasst.
Von: Hildebrandt am 10.02.10 13:23
Posted on 10.02.10 13:23
Nebenbei gefragt: Wieso wird eigentlich jeweils Roger Köppel als Verleger der «Weltwoche» bezeichnet, obwohl Martin Wagner die Weltwoche Verlags AG präsidiert?
Von: Martin am 10.02.10 18:56
Posted on 10.02.10 18:56
@) Martin, er sagt ja selber, er sei Inhaber, weil seinerzeit das nötige Kleingeld zur Finanzierung der Wewo ihm wohl zugeflogen ist oder sich unter der Matratze fand. Also darf man ihn schon "Herr Verleger" nennen, ohne beleidgend zu sein.
Besser allerdings und neutraler, jedenfalls vornehmer klingt: Publizist. Da kann sich jeder drunter vorstellen, was er mag. "Herr Publizist", das macht doch etwas her, im Gegensatz zu "Herr Chefredaktor". Auch die "Tierwelt" und die "Drogistenzeitung" haben schliesslich einen solchen. Da möchte man sich denn doch etwas unterscheiden, zumal, wenn man die Schweiz, vielleicht sogar das Abendland, vor allen Verirrungen und Anfeindungen retten muss. Das ist halt schon eine Aufgabe! Und dazu braucht man einen angemessenen Titel. Und den wollen wir ihm keinesfalls streitig machen.
Etwas weiter oben nannte übrigens @)ras. die Wewo einen "Maverick". Ich musst erst bei Wikipedia nachschauen:" Samuel A.Maverick (1800 bis 1870) , amerikanischer Rinderzüchter, der als einziger seine Rinder nicht brandmarkte. Rinder ohne Brandzeichen nennt man seitdem Mavericks. Im engl. Sprachgebrauch steht Maverick für eine Person, die Unabhängigkeit im Denken und Handeln zeigt."
Unabhängig? Naja. Immerhin, es ist ein versöhnlicher Schluss.
Von: Fred David am 10.02.10 19:38
Posted on 10.02.10 19:38