Bedauernswerte Tamedia-Wirtschaftsredaktionen
«Jetzt wird es eng für Schweizer Banker»*, titelt «tagesanzeiger.ch» und fasst einen Artikel der «Financial Times Deutschland» (FTD) zusammen, der sich mit möglichen Verfehlungen der Julius-Bär-Tochter JBCT im Zusammenhang mit einem Steueroptimierungsvehikel namens Moonstone-Trust befasst.
Aus verständlichen Gründen ignoriert wurde von den Newsnetzlern dabei die folgende Passage aus dem «FTD»-Bericht:
- «Als Mittelsmann der Kanzlei [Bär & Karrer] tritt Pietro Supino auf, ein Junior Associate. In den Unterlagen, die der FTD vorliegen, taucht mehrmals der Name Supino auf. Er hat etliche Schriftstücke rund um den Moonstone-Trust unterzeichnet. Heute ist Supino Präsident des zweitgrößten Schweizer Verlags, Tamedia. Auf Nachfrage lässt er über einen Sprecher erklären, er könne sich nicht mehr konkret an den Fall erinnern. Seine Nachforschungen hätten aber ergeben, dass er tatsächlich Dokumente den Moonstone-Trust betreffend unterzeichnet habe. Er sei sich aber sicher, dass alle vorgeschriebenen Richtlinien befolgt worden seien.»
Mal schauen, wie's weitergeht. Die Tamedia-Wirtschaftsredaktionen sind jedenfalls nicht zu beneiden.
* Eine neue Version des Artikels gibt's hier (danke Limmatpost). Leider habe ich den ursprünglichen Text nicht «gescreenshottet».
Update, 11. Februar 2010: Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino bittet um Veröffentlichung nachfolgender persönlicher Stellungnahme:
- «Als junger Anwalt arbeitete ich von 1996 bis 1998 als persönlicher Mitarbeiter und Assistent des Gründungspartners Dr. Thomas Bär bei Bär & Karrer Rechtsanwälte in Zürich. Nach den jüngsten Medienberichten um die Errichtung eines Trusts auf den Cayman Islands hat Bär & Karrer AG am Freitag schriftlich bestätigt, dass ich als angestellter Rechtsanwalt auf Anweisung und unter Aufsicht der Kanzlei tätig gewesen bin. Dabei lagen Kundenkontakt und die Kundenverantwortung bei Dr. Thomas Bär, der auch Verwaltungsratspräsident der Bank Julius Bär war. Im übrigen kenne ich die Hintergründe dieses Falles nicht - Bär & Karrer gestattet mir unter Berufung auf das Anwaltsgeheimnis keinen Einblick, hat aber früher versichert, dass alles korrekt sei. Aus diesen Gründen wäre es nicht sachgerecht, mir in diesem Zusammenhang ein bedeutsame Rolle zuzuschreiben.»
Bemerkungen
Gemäss FTD war Pietro Supino im relevanten Zeitraum als Junior Associate bei Bär & Karrer tätig, das heisst als Substitut beziehungsweise Anwaltspraktikant – insofern nicht weiter spannend … spannend wären aber Informationen über spätere Tätigkeiten von Supino als Wirtschaftsanwalt (wiederum bei Bär & Karrer), Berater (bei McKinsey) und Mitgründer der Private Client Partners AG. In dieser Hinsicht könnten journalistische Recherchen allenfalls Interessantes ans Tageslicht befördern!
Von: Peter Bruhin am 05.02.10 17:12
Posted on 05.02.10 17:12
Und jetzt ist der Tagi-Artikel schon wieder weg?
Von: Ugugu am 05.02.10 18:03
Posted on 05.02.10 18:03
@Ugugu: Tatsächlich. It's magic. Sicher nur ein technisches Problem.
Von: Martin Hitz am 05.02.10 18:09
Posted on 05.02.10 18:09
Mal sehen, ob das technische Problem gelöst wird!
Die FTD übrigens fasste im Wesentlichen einen WOZ-Artikel aus dem Sommer 2008 zusammen:
http://www.woz.ch/artikel/2008/nr20/wirtschaft/16338.html
Von: Martin am 05.02.10 18:16
Posted on 05.02.10 18:16
Der Tagi-Artikel scheint einen neuen Titel zu haben...: http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Steuerfahnder-umkreisen-Bank-Baer/story/13064728
Die FTD-Recherchen basieren unter anderem auf diesem Guardian-Artikel: http://www.guardian.co.uk/business/2009/feb/13/tax-gap-cayman-islands
Von: Limmatpost am 05.02.10 18:42
Posted on 05.02.10 18:42
Dass der Tagi da Beishemmungen hat, ist irgendwie nachvollziehbar.
Die Schweiz ist halt klein, und wenn man irgendwo einen Zipfel der Schweigedecke anhebt, kommt immer gleich ein ganzes Spinnennetz zum Vorschein, weil eben oft vieles mit vielem zusammenhängt.
Aber in solchen Fällen gibt es ja noch andere Medien, die weiter recherchieren könnten, wo der Tagi mal Pause macht oder ein paar Gedächtnislücken hat, z.B. die "SonntagsZeitung", oder "Finanz & Wirtschaft" oder "20 Minuten" oder "TeleZüri" oder "newsnetz" oder "Radio 24" oder...nein, nein, schon klar, da hängt eben auch wieder alles mit allem zusammen.
Was auffällt, ist, dass in Deutschland neben der "Süddeutschen Zeitung" in diesem ganzen Steuersumpf nun auch Wirtschaftsmedien zunehmend dreister werden und eigenständig recherchieren, auf einem Feld, auf dem sie bisher eher schweigsam waren, etwa die "Financial Times Deutschland" oder das "Handelsblatt". Sogar die "FAZ" hat einen Kurswechsel vollzogen. Das deutet schon darauf hin, dass man dort in den Wirtschaftsredaktonen erkannt hat, welche Dimensionen dieser Sumpf hat.
Der Fall Birkenfeld - ehemaliger US-Banker und whistle blower in den USA, der mit seinem Insiderwissen kriminelle Machenschaften der UBS für die US-Ermittler verwertbar machte - wurde durch den Schweiz-Korrespondenten der "Financial Times" , Haig Simonian, enthüllt.
Es gibt viel zu tun. Es reicht nicht mehr, vorwiegend ausländische Medien zu zitieren und abzuwarten, was z.B. die kregle "Süddeutsche Zeitung" und der dortige Spezilist für sumpfiges Gelände, Hans Leyendecker, heute wieder zu berichten weiss.
Leyendecker hatte in den achtziger Jahren den deutschen "Spendenskandal" enthüllt, in dem dauernd Schwarzgeldkonten in der Schweiz eine tragende Rolle spielten. Die Quellen seiner Recherchen lagen in Nordrhein-Westfalen.
Und die juristische Auswertung der famosen CD, die so viele spannnende Informationen enthalten soll, wird nun gleichfalls in Nordrhein-Westfalen vorgenomen.
So darf man noch viele, viele interessanten Informationen erwarten.
Von: Fred David am 06.02.10 11:47
Posted on 06.02.10 11:47
Fairerweise sollte man auch erwähnen, dass es in diesen Tagen gelegentlich selbst bei der NZZ durchblitzt, ein wenig zumindest. Heute Samstag mit einer ganzen Seite (auch online) über "Liaisons dangereuses": die intime Beziehungskiste zwischen UBS und Schweizer Politik.
Die NZZ zitiert darin im Originalton Marcel Ospel, als er noch als UBS-Chef regierte:"Blocher war ein herausragender Bundesrat. (...) Wenn man ihn anrief, hatte man am nächsten Tag einen Termin. Er war zugänglich. (...) Wenn wir von den Banken ein Anliegen hatten kümmerten sich die Leute im Generalsekretariat der SVP sofort darum. Unsere Leute waren beeindruckt von der hohen Reaktionsfähigkeit - was man bei den übrigen bürgerlichen Parteien nicht sagen konnte."
Noch schöner kann man politische Willfährigkeit hinter den Kulissen einer bieder daher kommenden Volkspartei nicht beschreiben.
Ich frage mich schon, warum ich über diese intime Liaison erst jetzt erfahre. Die oben genannten Zitate sind ja öffentlich zugänglich - im Jubelwälzer des Journalisten Markus Somm über seinen Grossen Manitou Blocher.
Nun wäre es an der Zeit, neben der UBS-Liason auch noch die intime Liaison zu einzelnen Medien und deren Exponenten, insbesondere zur "Weltwoche" zu beschreiben, je mehr deren "Inhaber" und Chefredaktor im In- und Ausland als Sprecher spezifischer Interessen auffällt.
Vielleicht wagt sich die NZZ in ihrem ganz leise aufkeimenden Mut ja auch mal da dran? Wir sind gespannt.
Von: Fred David am 06.02.10 17:24
Posted on 06.02.10 17:24
Verlage, die erkennen, welche Dimensionen der Sumpf hat?
Politischer Opportunismus, nicht mehr … Massenmedien sind üblicherweise regierungstreu, so auch in dieser Angelegenheit. Die gleichen Journalisten, die nun ein wenig im Sumpf stochern, überlegen sich wohl gleichzeitig, ob ihr Schwarzgeld noch sicher ist. Wer Deutschland ein wenig kennt, weiss, dass jeder mit ein bisschen Vermögen Schwarzgeld hat und schwarz arbeiten lässt (oder selbst arbeitet).
Die Jagd auf «Steuersünder» hat in erster Linie populistische Gründe: Nachdem sich die Staaten von ihren Finanzindustrien ruinieren liessen, muss jetzt ein Sündenbock her … da sich die Finanzindustrie dafür nicht hergibt, im Gegenteil, greift man wehrlose Kleinstaaten sowie die Mittelständler im eigenen Land an. Wie durchsichtig!
Von: Martin am 06.02.10 21:06
Posted on 06.02.10 21:06
@) Martin: Das ist eine völlige Verzerrung der Realität. Das geht nicht um ein wenig Steuerschummel hier, ein wenig Steuerschummel da. Es geht um Steuerbetrug und -hinterziehung im Billionenbereich allein auf Schweizer Konten. Eine Billion hat tausend Milliarden.
Die Schweiz ist eine der grossen Drehscheiben dieser global und professionell organisierten Steuerhinterziehungsindustrie. Was hier geschieht, kann ganze Staaten im Kern schädigen, insbesondere Entwicklungsländer.
Ausserdem geht es nicht alleine um Privatvermögen. Grosse Konzerne unterhalten Schwarzgeldkonten in der Schweiz, nicht in erster Linie, um Steuern zu sparen, sondern um schwarze Kassen zu unterhalten, die in der ordentlichen Bilanz nicht auftauchen. Diese Kassen dienen häufig der Korruption in grossem Stil.
Allein Siemens und Elf Aquitaine unterhielten in der Schweiz Schwarzgeldkonten über mehrere hundert Millionen Franken. Die entsprechenden Gerichtsprozesse führten dies unlängst zu Tage. Unter Experten gilt es als sicher, dass die meisten Konzerne solche Kassen unterhalten. Es ist wirklich Zeit, mit diesen Beschönigungen und Beschwichtigungen aufzuräumen.
Die Trockenlegung dieses Sumpfes ist Pflicht für die Justiz, die Politik ebenso wie für die Medien.
Von: Fred David am 06.02.10 22:49
Posted on 06.02.10 22:49
@) Martin, noch eine Ergänzung: etwa 90% der Menschen in der Schweiz und auch in Deutschland betreffen diese Dinge nicht, weil sie nach Lohnausweis bez. Lohnsteuerkarte besteuert werden - was im übrigen einen direkter Informationsaustausch zu den Steuerämtern bedeutet - von dem uns Bankiervereinigung und andere Lobbyisten einreden wollen, der automatische Informationsaustausch sei das Teuflischste überhaupt, was sich Menschenhirne ausdenken können.
Dabei ist doch offensichtlich: Wer nach Lohnausweis besteuert wird, hat sehr geringe Möglichkeiten, sich zu winden.
Die Medien sollten sich etwas mehr um die 90% kümmern - und etwas weniger um die 10%, von denen sich nicht wenige als jammernde Opfer von räuberischen Staaten sehen und die sich daher das Recht herausnehmen, Steuern im Grossmassstab der Allgemeinheit (und nicht dem Staat!) zu hinterziehen.
Das ist nicht Ideologie, es ist nicht Moral, es sind offen liegende Fakten.
Von: Fred David am 06.02.10 23:12
Posted on 06.02.10 23:12
Martin > «Die Jagd auf Sozialhilfe-Betrüger hat in erster Linie populistische Gründe. Nachdem die Wirtschaft immer mehr gefeuerte Arbeitnehmer zu Sozialhilfeempfängern machte, muss jetzt ein Sündenbock her … da sich die Wirtschaft dafür nicht hergibt, im Gegenteil, greift man wehrlose Sozialhilfebezüger an. Wie durchsichtig!»
Martin: Würden Sie diese Argumentationskette auch unterschreiben? Wohl kaum. Dass genau die Leute, die sich jahrelang über «Sozialhilfebetrüger» echauffierten, jetzt über die Jagd auf Steuersünder aufregen, finde ich gelinde gesagt zum Kotzen. Jedenfalls ist das super-inkonsequent. Wenn die Reichen betrügen dürfen, dann dürfen es auch die Armen. Oder noch besser: Niemand soll betrügen dürfen.
Wenn dann aber der Tagi in der Jagd auf Steuerbetrüger einen «Angriff auf die Schweiz» sieht, wird es vollends absurd. Nach «Wir sind das Volk» jetzt «Wir sind die Bank»? Fred David hätte sicher interessante Erklärungen dafür, wie eine Forumszeitung zu einer so eklatanten Fehleinschätzung kommen kann. Ich muss da passen. It's beyond me.
Von: Bobby California am 07.02.10 10:20
Posted on 07.02.10 10:20
@) Bobby California: "YOU & US = UBS".
Wir sind alle eine grosse Familie. Wussten Sie das nicht?
Von: Fred David am 07.02.10 10:57
Posted on 07.02.10 10:57