Man ist drangeblieben

Vor Monaten gingen die Wogen über die Zukunft des «Tages-Anzeigers» hoch. Die Regionalzeitung mit dem nationalen Anspruch drohte auseinanderzufallen. Massive Sparrunden wurden angekündigt, die Chefredaktion veränderte sich, altgediente Redaktoren wurden wenig behutsam ausrangiert. Medientheoretiker und publizistische Institutionen des Landes sahen den Qualitätsjournalismus in Gefahr. Der Verleger wolle die Seele der Zeitung ans Internet verschachern, war zu hören, und der CEO sei ohnehin nur an Zahlen interessiert.

Ein gutes Jahr später liegt jeden Morgen ein «Tagi» vor uns, an dem diese ganze Jammerei spurlos vorbeigegangen ist. Er hat mittlerweile ein neues Layout bekommen, das hart umstritten war, an das man sich aber bereits restlos gewöhnt hat. Die Zeitung ist übersichtlich, unaufgeregt und sauber gestaltet. Inhaltlich überrascht sie wir früher mit guten Analysen und einem sicheren Gespür für neue Themen. Kaum eine Zeitung in der Schweiz schafft diesen Mix aus politischem Pflichtstoff und unterhaltenden Elementen, die nicht gleich ins Seichte abdriften. Das war ausgeprägt schon beim alten «Tagi» unter Peter Hartmeier so, und dieses ganz Besondere konnte auch das neue Chef-Duo Strehle/Eisenhut in die neue Zeit herüberretten.

Der neue «Tages-Anzeiger» ist ein gutes Beispiel für eine Neudefinition einer Zeitung, die sich alten Luxus nicht mehr leisten konnte. Ihr Umfang ist zwar geschrumpft, sie ist kompakter und Ballast-ärmer geworden, dadurch aber auch leserfreundlicher und zeitgemässer. Sie hat aber ihre Identität bewahren können, den journalistischen Pinselstrich, der einer Zeitung Unverkennbarkeit, Charakter und Individualität verleiht. Sie zeigt auch, dass Qualitätsjournalismus nicht zwingend mit personell überdotierten Redaktionen erfolgen muss, wie Gewerkschaften, Journalistenorganisationen und Lehrstuhlinhaber repetitiv behaupten. Auch die Effizienz und selbst die Kreativität von Redaktionen neigt dazu, sich umgekehrt proportional zu ihrer Grösse zu verhalten.

Etwas fällt allerdings auf: Der neue «Tagi» verfällt viel schneller in aufgeregte Betriebsamkeit als früher. Die Echauffierung über die Anti-Minarett-Plakate geriet zu einer unbeabsichtigten SVP-Gratiskampagne, das Gerede über den Zürcher Partylöwen, dessen Name mir entfallen ist, war unter der Würde des Blattes, und die Ausschlachtung einer klar gesteuerten Anti-Deutschen-Kampagne war etwas naiv, weil man sich auch hier wieder publizistisch instrumentalisieren liess.

Der «Tages-Anzeiger» hat das Potenzial, auch ohne diese Konzessionen an den Boulevard in seiner Eigenart weiter bestehen zu können. Und vielleicht wächst sogar wieder einmal seine Auflage, wenn man ihn nicht weiter intern mit Gratisangeboten drangsaliert …

Andrea Masüger ist Publizistischer Direktor der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

11 Bemerkungen zu «Man ist drangeblieben»

  1. Bobby California:

    Die Auflage des TA würde nicht nur vielleicht, sondern ganz sicher wachsen ohne die Gratisangebote.

    Ist die ganze Jammerei spurlos am Tagi vorbei gegangen? Nicht ganz. Zwar finde ich das neue Layout sehr elegant und viel schöner als jemals zuvor. Und den Personalabbau hat die Zeitung tatsächlich relativ geschickt aufgefangen, indem man jetzt mehr Schwerpunkte setzt. Grossartig finde ich, dass man den separaten Sportbund wegrasiert hat. Davon träumte ich jahrelang, aber hatte nie die Hoffnung, dass sich mein Traum jemals realisieren lassen würde.

    Wie früher ist der Tagi dennoch nicht. Manchmal sind die Fotos schon sehr, sehr gross. Und manche Texte sind angesichts ihrer Seichtheit zu lange. Das Bemühen, die Seiten mit wenig Aufwand zu füllen, ist hie und da zu gut sichtbar, wenigstens für Fachleute. Aber dafür kann man der Redaktion natürlich keinen Vorwurf machen, denn die Vorgaben kamen bekanntlich von weiter oben.

    Personell überdotiert war die Redaktion vorher sicher nicht. Sie ist jetzt unterdotiert, was am erwähnten Aufblasen von Stoffen sichtbar ist. Das gabs vorher nicht. Der Leser erhält heute weniger Geist für sein Geld. Effizienz ist gut – Aufblasen von warmer Luft sollte man aber nicht verwechseln mit Effizienz.

  2. Der Tagi hat eindeutig einen Schritt in Richtung Boulevard gemacht, ohne das zu auffällig zu zeigen. Insgesamt aber hat die Qualität meiner Meinung nach deutlich abgenommen.

  3. pjm:

    Bestimmt ist der Tagi besser geworden. Ich lese ihn nur weniger. Vielleicht bin ich ja schlechter geworden.

  4. Fred David:

    Boulevardelemente stören mich gar nicht.

    Ich bin heute deutlich länger in meinem Newscafé hocken geblieben und habe mir auf Masügers Anregung hin überlegt, warum ich spontan eher zur betulicheren NZZ greife als zum Tagi. Woran liegts?

    Es gibt viele subjektive Gründe, die ich jetzt nicht auseinandernehmen will. An der NZZ reibe ich mich öfters. Sie verschafft mir manchmal Adrenalinkicks. Die brauche ich als Leser. Und ich glaube, genau das vermisse ich am Tagi. Man findet in jeder Ausgabe dies und jenes Interessante, aber die Zeitung lässt mich zu oft irgendwie unbefriedigt zurück.

    Es plätschert zu häufig – und es rauscht fast nie mehr. Das ist nicht unbedingt eine Folge von Sparmassnahmen, auch nicht nachlassender Professionalität, eher des Bemühens, es möglichst allen recht zu machen.

    Vielleicht muss das der Tagi, aber der Preis dafür ist dann eben ziemlich hoch: eine gewisse Langeweile. Zuvieles ist Erwartbar. Uberrascht werde ich zu selten. Das Marketing ist sichtbar dabei. Es darf ja dabei sein, aber man darf es nicht spüren.

    In den hektischen Zeiten – für die Schweiz eine wirklich fundamental wichtige Phase, was der Tagi noch nicht richtig begriffen hat, die NZZ hingegen schon – vermisse ich im Tagi Mut zur Position , nicht in allem und jedem, aber zu wichtigen Themen.

    Ich will mehr Profil sehen, ich will mehr Köpfen begegnen, die mir ein Thema fundiert, originell, spritzig, meinungsstark auseinander nehmen – auch wenn ich völlig anderer Meinung bin. Zusamensetzen tu ich’s dann schon selber wieder.

    Ich will nicht jeden Tag neuen Köpfen begegnen, sondern – ausser dem geschätzten Philipp Löpfe – noch ein paar weitere, die ich über die Jahre verfolgen kann, über die ich mich ärgere oder freue.

    Adrenalin ist eine verkaufsfördernde Droge (= aus der Nebeniere ins Blut ausgeschüttetes Hormon, das zur Steigerung der Herzfrequenz führt…)

    Ich will auch gerade in der jetztigen Phase die Chefredaktoren spüren. Spillmann von der NZZ spüre ich, auch wenn ich mich gelegentlich heftig über ihn ärgere. Aber er findet den Punkt ziemlich präzis heraus, wann er sich unbedingt sichtbar im Blatt melden muss. Und gern kraftvoll. Das gilt aber für alle Damen und Herren Chefredaktoren. Sie werden wieder gebraucht. Weniger in Sitzungen. Mehr als Autoren.

    Diese Art von Personality ist DIE STAERKE einer Zeitung gegenüber dem web.

    ps. Masügers Blattkritik finde ich anregend und sollte hier häufiger wiederholt werden. Redaktionen brauchen sowas.

    …und die Anti-Deutschen-Kampagne war wirklich ziemlich provinziell. Bitte nicht nochmal. Dafür bist du zu gross, Tagi!

  5. Fred David:

    Noch eine Ergänzung: Anders als @)Andrea Masüger bin ich überzeugt, dass der klare Positionsbezug zum Minarettplakat dem Tagi längerfristig mehr hilft als schadet. Viel mehr.

    Die neunziger Jahre waren das Jahrzehnt des Larifari und des „Any thing goes“. Da kam’s auf solche Dinge nicht so sehr an.

    Das letzte Jahrzehnt war das Jahrzehnt der Schockwellen, wo man aktuell und kurzfristig newsig reagieren musste.

    Das neue Jahrzehnt wird das Jahrzehnt sehr harter wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen sein – und des EU-Beitritts. Da braucht’s wieder langen Atem.

    Larifari war gestern. Jetzt kommt’s wieder drauf an.

  6. Was folgt mag nun wieder provokativ, plakativ und vereinfachend erscheinen, egal. Der Tagi hat sich genau in diese Richtung entwickelt, die er sich selber vorgegeben hat; nämlich geradewegs ins Reich der Irrelevanz. Das Layout selbst mag Geschmackssache sein. Ich persönlich halte es für eine billige, schlechte Kopie des Guardian Layouts. Darüber würde ich hinwegsehen, wenn der Tagi sich nicht tatsächlich diesen Marketingleitsatz zu Herzen genommen hätte, der mir bereits als ich ihn aus dem Munde des Herrn Strehle vernommen habe, die Haare zu Berge stehen liess: Die NZZ soll Pflicht sein, wir werden das Vergnüngen sein (Nicht wortwörtlich, so schlecht formuliert selbst die Tamedia-Marketingabteilung nicht, aber fast). Ich lese die NZZ, obwohl ich mir die Haare raufe, wenn ich lese, wie der USA-Korrespondent Obamas Bankenverkleinerungsplan als Faustschlag ins Gesicht der armen Banker beschreibt. Was ich sagen will: Obwohl meine Meinung meilenweit von derjenigen der NZZ entfernt ist, lese ich die NZZ lieber als den Tagi. Alles, was ich im Tagi, den ich am Morgen im Eingangsbereich unseres Hauses auf seinen mir unbekannten Abonnenten wartend überfliege, lesen möchte, sehe ich dann ja auch auf der Newsnetz-Seite. Sodela, genug der Aufregung und Polemisierung. Man möge mir diese wirren, hitzigen Äusserungen vergeben…

  7. Falkentaube:

    Miktator, mir gehts ähnlich. Ich habe seit neustem die NZZ abonniert, deren Wirtschafts- und Auslandteil ich jeweils mit spitzen Fingern und griffbereitem Air Sickness Bag entsorge, bevor ich Züri und Feuilleton (ein Highlight!) lese. Den Tagi überfliege ich ab und zu, mag ihn aber schlicht nicht mehr lesen und schon gar nicht mehr abonnieren. Über Lesegeschmack lässt sich streiten, die Wahrnehmung ist subjektiv, mais quand même: Masügers Hurrasymphonie in Jubel-Dur mag ich mich nicht anschliessen. Für meinen Geschmack hat der Tagi markant abgegeben, und zwar optisch wie inhaltlich.

  8. Bobby California:

    Miktator > Ich verstehe Deine Beweggründe, die NZZ zu lesen. Ich lese weiterhin den Tagi, ich finde ihn nicht so schlecht. Und ich habe keine Lust, mir beim Zeitunglesen die Haare zu raufen. Ich muss mir ja schon genug oft die Haare raufen, wenn ich die Blogs der selbsternannten «Medienkritiker» lese. Soll ich den schütteren Rest noch beim NZZ-Lesen eliminieren?

  9. Markus Schär:

    Ist Falkentaube ein weiteres Pseudonym von ein und derselben multiplen Person, die sich hier selber belobigt, bzw. gelegentlich zwecks Verwirrung widerspricht? Dafür sprechen bei allen Stilübungen dasselbe Argumentationsniveau und dieselbe Persönlichkeitsstruktur: Fanatismus (der Konfrontation mit einer anderen Perspektive oder schlicht mit den Fakten hält er offensichtlich physisch, geschweige denn intellektuell nicht stand) und Unappetitlichkeit (er scheint den Züri-„Teil“ jeweils wieder aus dem gebrauchten Air Sickness Bag rauszugrübeln – die Züri-Seiten sind seit einem halben Jahr im selben Bund wie das Ausland).

  10. Hm, dass ich nicht missverstanden werde. Ich schätze den Auslandteil der NZZ gewöhnlich sehr und lese auch regelmässig jeden einzelnen Artikel. Brechreiz verursacht öfters mal der Wirtschaftsteil oder gewisse Kolumnisten auf der Meinungsseite.

    Pro Ausgabe lese ich bei der NZZ (keine Ahnung, grobe Schätzung) 10-20 Artikel komplett. Beim Tagi hingegen bleibe ich wenns hoch kommt bei fünf Artikeln hängen. Dafür lohnt sich das Geld nicht. Für die 10-20 Artikel (am Samstag vielleicht sogar 25) der NZZ gebe ich hingegen gerne Geld aus…

    Ob sich da jemand hinter einem zweiten Pseudonym versteckt, ist mir eigentlich schnurrzegal. Unter den bekannten Tiraden gegen Hobbyblogger steht ja immer noch der übliche Name.

  11. Markus Schär:

    Eigentlich wollte ich den TA verteidigen. Meiner Meinung nach hat er gewonnen, dies allerdings ausschliesslich dank den neuen Stimmen wie Thomas Widmer und Bettina Weber (die mit beeindruckendem Fleiss, Witz und Stil ein Ressort schafft, das er vorher gar nicht gab) sowie den brillanten Kolumnisten Peter Schneider, Michael Hermann und Ruedi Strahm (der mit seinem Rechercheeifer jeden Journalisten erbleichen lässt). Argumente werden bei Bedarf nachgeliefert – bisher reichte hier ja das Bauchgefühl vollauf.

    Anderseits habe ich dem Betreiber dieses verdienstvollen Blogs schon vorgeschlagen, hier die Tagi-Watch zu pflegen, wenn er etwa (zB ausgerechnet in einem Interview zur Kulturpolitik) der Akkusativ abschafft oder zur Klimapolitik nachweisbar Unwahrheiten verbreitet. Heute bietet sich wieder reiches Material, zufällig auch zu anderen aktuell diskutierten Themen:

    • Kompetenz Auswahl: Seite 3, Nachrichtenspalte oben eine 40-Zeilen-Meldung („Zuwanderung abgeschwächt“). Dritter Abschnitt: „Am stärksten gestiegen, und zwar um gut 27 000, ist im vergangenen Jahr die Zahl der Staatsangehörigen aus Kosovo. Das hat gemäss dem Bundesamt allerdings vor allem damit zu tun, dass Kosovo seit Februar 2008 unabhängig ist und sich in der Folge viele Kosovaren neu unter dieser Staatsbürgerschaft eintragen liessen, nachdem sie bisher als Serben registriert waren.“ Und der dritte Satz des vierten Abschnitts: „Umgekehrt lief die Entwicklung bei den Serben, deren Zahl im Vorjahresvergleich um fast 32 000 zurückging.“ Was das eine mit dem anderen zu tun hat, erklärt weder der Agenturjournalist (DDP!) noch der Redaktor. Übernächste Meldung darunter: „Zuwanderung aus EU- und Efta-Ländern steigt weiter“ – dasselbe BFM-Communiqué, diesmal zwecks Meinungsvielfalt von der SDA verwurstet.

    • Kompetenz Eigenleistung: Seite 20, eine 40-Zeilen-Meldung („800 Frauen prostituieren sich neu in Zürich“). Sie beginnt so: „795 Neueinsteigerinnen zählte die Stadtpolizei 2009, so viele wie nie zuvor, wie «20 Minuten» schreibt.“ Und endet so: Tagesanzeiger.ch/Newsnetz. Ich zahle also für das TA-Abonnement, damit ich auf Zeitungspapier die Meldung eines Gratis-Onlineportals lesen darf, das aus einer Gratiszeitung abschreibt – die das Communiqué der Stadtpolizei, das ich auch direkt hätte lesen können, zur selben Zeit wie der TA bekam.

    • Thema Vertiefung: Seite 5, der Aufmacher („Wie Private eine Dorfschule retten“). Für einmal hat der Ostschweiz-Korrespondent (der am Zürisee wohnt) gemerkt, dass im Thurgau etwas Interessantes passiert, nachdem er nicht zur Kenntnis nahm, dass die Thurgauer die Privatisierung der Kantonalbank ablehnten oder die von Napoleon stammenden Kantonsstrukturen erneuerten. Er fährt deshalb nach Engishofen, ein „200-Seelen-Dorf im Hinterthurgau“, das genau genommen im Oberthurgau liegt. (Ich weiss, das kratzt ausserhalb des Thurgaus niemanden. Es ist ja nur so, wie wenn ich Jona, wo der Autor wohnt, ins Säuliamt verlegen würde. Und es verrät halt einfach, wie schon der letzte abverheite Versuch zu den Mundart-Ortsnamen vor einem halben Jahr, dass der Regionalkorrespondent keine Ahnung von der Region hat.)

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