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26. Januar 2010

Medienschau

Konzernjournalismus?

«TeleZüri schlägt Schweizer Fernsehen in Sachen Sehdauer», lässt der «Tages-Anzeiger» seine Leserschaft heute wissen:

    «Der Sender hielt 2009 die Zuschauer in seinem Sendegebiet erstmals länger bei der Stange als das Schweizer Fernsehen (SF).»
Bezüglich Sehdauer, wohlverstanden, nicht punkto Reichweite oder Marktanteil - und zwar am Vorabend, zwischen 18 und 19 Uhr.

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Bemerkungen

Martin:

Konzernjournalismus? Ja, aber nicht in einem negativen Sinn. Auch andere Messergebnisse werden erwähnt und die Konkurrenz vom Staats- und Provinzfernsehen kommt ausführlich mit ihrer Kritik zu Wort.

Maurice Thiriet hat die äusserst undankbare Aufgabe tatsächlich gut gemeistert. Was genau aber will die "Auswertung von Publicadata-Zahlen durch TeleZüri" beweisen? Sehdauer in Ehren, aber wieviele ZuschauerInnen haben denn zu diesem grossartigen Ergebnis beigetragen?

Vielleicht waren die Zuschauer dort einfach nur tiefer eingeschlafen?

Grossräumiger Zürcher:

Das ist unbestritten eine wichtige Meldung. Tele Züri wurde offenbar zwischen 18 und 19 Uhr während 19,3 Minuten geschaut, SF während 19,1 Minuten. Der Unterschied beträgt sagenhafte 12 Sekunden. Die Qualität von Tele Züri ist also um entscheidende 12 Sekunden besser, allerdings leider nur zwischen 18 und 19 Uhr. Der Tagesanzeiger sollte mehr Sportjournalisten anstellen, dann wird dessen Qualität sicher ebenfalls um 12 Sekunden besser.

Fred David:

Wenn ich ich mich da als Peripher-Ossi kurz mal einschalten darf: Es ist schon ein wenig arg provinzig, was ich da aus Wörld Siti Züri höre und sehe.

Das mit den 12 Sekunden jedenfalls ist wirklich fein beobachtet, sicher von einem missgünstigen , S-Bahn-fahrenden Agglo.

Da ja nun Herr Gilli, Chef des Wörld Siti Züri-Senders gerade als "Lokaljournalist des Jahres" ausgezeichnet wurde - eine Ehre, die wir ihm uneingeschränkt gönnen mögen - fällt mir doch an seinem "SonnTalk" und auch sonst unter der Woche auf, dass er fast jeden in seiner unglaublich unabhängigen und kritischen Talkrunde duzt.

Man kennt sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, nippt sein Happy hour-Cüpli Schulter an Schulter und kann gerade deswegen eben einen unheinmlich unabhängigen und kritischen Lokaljournalismus liefern.

Dass er sich auch mit den Politikern, von Herrn Jositsch bis zum unvermeidlichen Herrn Giezendanner (die Vielfalt der personellen Auswahl ist sehr überschaubar) vor und zurück und manchmal richtig hineinduzt, aber immer unheimlich kritisch und unabhängig, fällt wohl nur ewigen Nörglern aus der Agglo unangenehm auf.

Zugute halten wollen wir aber immerhin, das Nella Martinetti nur alle paar Monate in Erscheinung tritt.

Aber da nun praktisch der gesamte Deutschschweizer Journalismus - von ein paar exotischen weissen Flecken abgesehen - von Züri aus dominiert wird, wirkt dieses artgerechte Feuchtbiotopverhalten halt doch auf Dauer etwas ermüdend.

Ja, und was will man dann da als wehrloser Zuschauer machen? 12 Sekunden lang auf SF umschalten, damit wieder Gleichklang im unheimlich unabhängig-kritisch- ausgewogenen Grauingrau herrscht? Auch SF sendet schliesslich mitten aus dem Feuchtbiotop.

Muss ich halt doch auf die tütschen und Aussi- Sender ausweichen. Der Billag ist es gleich, sie kassiert bei mir trotzdem ungerührt ab.

Und das wollen wir dem Kollegen Gilli zuguterletzt aber doch hoch anrechnen: Er kassiert nicht aus diesem Zwangstopf.

Bobby California:


Fred David > Fernsehen ist ein Unterhaltungsmedium, deshalb kann man meines Erachtens von einer Lokal-TV-Station keinen unheimlich-unabhängig-kritischen Journalismus erwarten. Ich verstehe aber nicht ganz, was Fred David's Problem mit Markus Gilli ist. Ich werde den Eindruck nicht los, das eigentliche Problem ist, dass Gilli in Zürich arbeitet. Was soll daran falsch sein? In Zürich leben am meisten Leute, also ist es logisch, dass die überregionalen und nationalen Sender von Zürich aus senden und nicht aus Wattwil. Den Anti-Zürich-Reflex finde ich sehr provinziell. Publizistische Interventionen aus der Ostschweiz haben nun einmal leider oft einen unfreiwillig komischen Beigeschmack, siehe z.B. Daniel Model's Hoffernsehen Rebell Teevau.

Fred David:

@) Bobby California: Nein, nein, es ist viel einfacher.

Ich finde Duz-Journalismus einfach furchtbar. Es fehlt jede Distanz zu den Gästen. In einer Runde mit dem Anspruch wie z.B. beim "Sonntalk" (dessen Anspruch ist expliztit kritisch und angriffig, wogegen gar nix zu sagen ist) geht das meiner Meinung nach überhaupt nicht.

Die Schweiz ist nun mal klein, Zürich noch etwas kleiner, und das Feuchtbiotop der Deutschschweizer Medienwelt ist gerade ein paar Quadratkilometer winzig. Man kann's nachmessen. Diese intime Welt, in der man tagaustagein schon so eng aneinander kuschelt, muss man nicht noch enger machen , indem man sich in solche Gesprächsrunden als Moderator regelmässig geradezu hineinduzt.

Insbesondere, wenn bei 50 Runden im Jahr die Gästeliste notgedrungen stark limitiert ist und man zum Gäste-Recycling greifen muss. Da entsteht einfach zu schnell diese seltsame kumpelige Atmosphäre, die je nach Thema schon recht peinlich wirken kann.

Kurzum und womöglich furchtbar altmodisch: Politiker, Mangager, Wissenschaftler usw., gerade, wenn man tagtäglich mit ihnen zu tun hat, duzt man als Journalist nur im äussersten Notfall. Bei Künstlern würde ich es lockerer sehen, aber keinesfalls zu locker.

Das ist eigentlich alles, was ich ausdrücken wollte. Ich hoffte, die Ironie käme einwenig durch. Journalisten dürfen ruhig auch ein wenig wetterfest sein.

Vielleicht liege ich mit meinem Einwand ja furchtbar schief, aber ein Medienblog ist nun mal auch dazu da, solche Eindrücke durchzuhecheln. Fernsehen ist eine öffentliche Veranstaltung, keine Privatvorstellung. Genauso wie ein Blog. Und das ist doch das Gute dran.

mister universum:

sag mal bobby, wer bist Du eigentlich? wieso bist du immer der einzig vernünftige in dieser runde?

Bobby California:


Mister Universum > Danke für das Kompliment. Wer ich bin, ist völlig wurst. Wenn Du hier öfter auftauchen würdest, wären schon zwei Vernünftige in dieser Runde. Ich finde zwar Fred David auch ziemlich vernünftig... jedenfalls, wenn er nicht grad über die Zürcher pfuttert.

mister universum:

bei allem respekt: fred david scheint unterbeschäftigt, verbittert. so machts jedenfalls den anschein.

Fred David:

@) Mister Universum: Ich geniesse die wenigen Vorzüge des Alters: Man muss nicht mehr so viele Rücksichten nehmen, und kann sich erlauben, die Szenerien etwas schärfer zu beobachten. Das tue ich.

Ich habe viele Jahre in Züri gelebt und gearbeitet. Ich habe mich sau wohl gefühlt. Aber ich habe auch in den "paar Quadratkilometern" der Züri-Medienwelt die Uetliberg-Sicht und die Enge des sehr häufig selbstreferenziellen Feuchtbiotops erlebt.

Medienkritik ist in diesem Umfeld eine besonders diffizile Sache, drum macht es kaum noch jemand, weil halt jeder jeden kennt und man früher oder später vielleicht doch auf einen neuen Job innnerhalb der paar Quadratkilometer angewiesen ist.

So ist das Leben, und es ein bisschen von aussen zu betrachten, aus der Distanz, ist durchaus erbaulich, erhellend und keineswegs frustrierend.

UHuuu, jemand kritisiert ganz harmlos und völlig berechtigt die Zürcher Medienszene(filz...?)! Der kann ja nur verbittert und unterbeschäftigt sein... Der ach so wunde Punkt scheint getroffen :)

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