Das Fliessband bei der alten Tante

Norbert Neiningers «Journalist am Fliessband» (auf den Martin Hitz hier verdienstvollerweise hinwies) hat in mir eine unvermutete Erinnerung wachgerufen. Ein echtes journalistisches Fliessband habe ich tatsächlich erlebt. Aber nicht etwa in einem kreativitätsmordenden Newsroom sondern, wahrhaftig, bei der guten, alten «NZZ».

Das Fliessband war ein Wunderwerk filigraner Mechanik und beförderte die getippten (und manchmal sogar tintenblau von Hand geschriebenen) Manuskripte von den Dienstpulten in die Setzerei. Ein Papierabzug des gesetzten Artikels kam dann später, von flinken Gummibändern geheimnisvoll gelenkt, ans Dienstpult zurück. Das Fliessband schnurrte beständig vor sich hin, und wenn es einmal ausfiel, was in späteren Jahren dann doch recht häufig passierte, war das eine gröbere Katastrophe. Der Redaktionsbetrieb mit seinen Geistesgrössen stand dann still, bis ein praktisch veranlagter Mensch im blauen Übergwändli mit dem Schraubenschlüssel das Malheur behob.

Dieses Fliessband bestimmte die abenteuerliche Innenarchitektur im Dienstbüro der «alten Tante». Es handelte sich, horribile dictu, um einen Grossraum, die Dienstpulte der Ressorts waren in einem Fünfeck gruppiert. In der Mitte hatten die Layouter ihren Platz. Was es zwischen Ausland und Wirtschaft, zwischen Inland und Zürich zu besprechen gab, konnten die Diensthabenden auf Zuruf in Zimmerlautstärke erledigen. Wer wollte, bekam so im Dienstbüro immer alles mit, was auf der Welt so lief. Der Auslandredaktor den Milieumord an der Langstrasse, der Lokalredaktor die Stammesfehde in Papua-Neuguinea, der Wirtschaftsredaktor die neuesten Weiterungen der Kopp-Affäre, der Inlandredaktor den Untergang von Werner K. Reys Firmenkartenhaus. Die Diensthabenden sassen den Layoutern direkt vis à vis, und die mussten sich nur um ein paar Grade drehen, wenn aus einem anderen Ressort ein umbruchtechnischer Hilferuf erschallte.

Als irgendwann in den 90er-Jahren die Elektronik in der NZZ vollends Einzug hielt, bedeutete dies das Ende dieses Newsroom avant la lettre. Weil jetzt Kabel unfertige und fertige Artikel in Lichtgeschwindigkeit zwischen Computern hin und her beförderten, gab es keinen Grund mehr, so familiär zusammenzusitzen. Jedes Ressort beanspruchte dann möglichst viel Fläche und baute sich darauf eine blitzende Trutzburg aus USM-Haller-Möbeln.

Man kann zurecht einwenden, dass dieses neue Dienstbüro einfach die edelstahlgewordene Redaktionskultur an der Falkenstrasse darstellte: Jedes Ressort ein eigenes Königreich. Und jede Kommunikation zwischen diesen Königreichen galt schon fast als verdächtig. Aber da hat sich seither vieles verändert.

Wie es heute im zweiten Stock an der Falkenstrasse aussieht, weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass ich den Wechsel an die Werdstrasse vor ein paar Jahren fast schon als Reise in eine kommunikationstechnische Wüste empfand. Das legendäre «Tages-Anzeiger»-Schiff, von Roger de Weck als raffinierter Höhepunkt der Redaktionsarchitektur eingeführt, erwies sich für mich als eine rätselhafte Ansammlung von Glaswänden, hinter denen ständig geheimnisvolle Sitzungen stattfanden. Die Kommunikation mit einem anderen Ressort verlangte immer entweder nach einem Griff zum Telefon oder nach einem Fussmarsch quer durchs Schiff und durch mindestens zwei Türen. Man hätte den ganzen 11. September 2001 irgendwo in einem dieser Glaskästen an der Bordwand des Schiffs hocken können und nicht mitgekriegt, dass die Zwillingstürme in Manhattan eingestürzt sind.

Auch da hat sich unterdessen einiges geändert. Mir zeigen meine Erfahrungen aber, dass ein «Newsroom», wie immer man ihn baut, noch nicht zwingend den Untergang des Journalismus bedeutet, wie uns das Chefredaktor Neininger von den «Schaffhauser Nachrichten» weismachen will.

Ein bisschen Geschichtswissen tut auch in diesem Zusammenhang ganz gut: Etwa die Lebenserinnerungen von Harold Evans. Evans, bekannt geworden durch seine Scoops als unerschrockener Chefredaktor der «Sunday Times», hatte seine journalistischen Lehrjahre in den frühen 50er-Jahren bei den «Manchester Evening News» absolviert. Was er über die Hektik am «copy desk» dieses Blattes schreibt, stellt alles in den Schatten, was ich in den Redaktionen von «Welt» und «Bild» beobachten konnte oder beim Newsnetz täglich mitbekomme.

Mitte des letzten Jahrhunderts waren die Zeitungen noch das, was die Internet-Newsportale heute sind: die Pulsmesser des Weltgeschehens. Norbert Neiningers Jeremiade über die angebliche «Industrialisierung» des Journalismus durch den Newsroom-Hype zielt daneben. Im News-Geschäft ging und geht es immer darum, die Informationen früher zu haben und zu verbreiten als andere. Und es ging und geht immer darum, die Verlässlichkeit dieser Informationen besser und früher überprüft zu haben als andere, konziser und verständlicher weiterzugeben als andere.

Genau darum hat der Journalismus immer schon von den Fortschritten der Kommunikationstechnik profitiert, wie der «Economist» kürzlich einleuchtend aufgezeigt hat. Allerdings musste und muss er sich dafür zweckmässig organisieren. Eine massgebliche Komponente dabei ist aber das technische Umfeld – vom Manuskript-Fliessband zum digitalen, weltweit vernetzten Kontrollpult. Der «Newsroom», den es so nicht gibt, und den jede Redaktion für sich selber schon erfunden hat oder noch erfinden muss, ist eine mögliche Form, sich effizient und zum Nutzen der Leser zu gruppieren. Nicht mehr und nicht weniger.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Das Fliessband bei der alten Tante»

  1. Sehr schön, vor allem die „blitzende Trutzburg aus USM-Haller-Möbeln“.

    :-)

Antworten abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *