Ein Phantom macht viel Wind

Ein Gespenst geht um in Verlagen und Medienpolitik Deutschlands. Nachdem ARD-aktuell-Chefredaktor Kai Gniffke vor Weihnachten in einem dpa-Interview beiläufig erwähnt hatte, die «Tagesschau» wolle ihre Inhalte künftig auch als App gebündelt auf das iPhone bringen, brach ein Sturm der Entrüstung los.

Noch ist es lediglich ein Phantom, dieses kostenlose Zusatzprogramm für das Apple-Telefon. Die Ängste und Befürchtungen in Medien und Politik dagegen scheinen ganz real zu sein. Allen voran legt sich Matthias Döpfner, seines Zeichens selbsternannter Kämpfer wider den Gratis-Kommunismus im Netz, ins Zeug. Tausende von Arbeitsplätzen sieht der Springer-Vorstandschef in Gefahr, sollten sich kostenpflichtige Apps wie jene von «Welt.de» und «Bild.de» wegen der gebührenfinanzierten Gratiskonkurrenz nicht zu etablieren vermögen.

Ein Argument freilich das nicht sticht, wie NDR-Intendant Lutz Marmor heute in der «Zeit» vorrechnet: Tausend Verlagsarbeitsplätze schlagen knapp gerechnet mit 50 Millionen Euro zu Buche. Diesen Betrag mit dem Verkauf von iPhone-Apps zu generieren, wie Döpfner dies in seinem Untergangsszenario suggeriert, scheint reichlich unrealistisch.

Längst hat die Debatte um die angekündigte «Tagesschau»-App staatspolitische Dimensionen angenommen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sieht das duale Mediensystem, «das Nebeneinander von privaten und öffentlich-rechtlichen Medienanbietern infrage gestellt».

Beim ganzen Getöse um ein Medienphantom geht es letztlich um die viel grössere (und weiterhin unbeantwortete) Frage: Stehen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Internet sämtliche Kanäle offen oder gibt es sinnvolle Restriktionen und wenn ja, welche?

Angesichts der im nördlichen Nachbarland intensiv und nun schon seit Wochen geführten medienpolitischen Debatte um die «Tagesschau»-App reibt man sich beim Blick auf das App-Angebot des heimischen Gebührenrundfunks verwundert die Augen. Seit Dezember bietet das Schweizer Fernsehen eine iPhone-App an, in ungefähr das, was die deutsche «Tagesschau» auch unter die Leute zu bringen plant. Bereits ein Jahr zuvor lancierten Radio und TV der Westschweiz ihre entsprechende Software. Reaktionen aus Verlagen und Politik waren bisher keine zu vernehmen.

Gründe für das Schweigen gibt es zwei: Entweder hat man bisher geschlafen und die Dimension dieser Apps nicht erkannt oder aber man schätzt die Bedeutung des iPhones fürs Mediengeschäft pragmatisch ein. Wobei einiges für Letzteres spricht. Denn die Zusatzprogramme auf dem Apple-Telefon dürften tatsächlich nicht matchentscheidend sein bei der Suche nach nachhaltigen Online-Geschäftsmodellen.

Die Debatte um die Grenzen der SRG-Aktivitäten im Internet wird auch in der Schweiz wieder aufflackern, und zwar sinnvollerweise dann, wenn es wirklich ums Geschäft, also um die Forderung der SRG nach Werbung auf ihren Online-Angeboten geht.

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Ein Phantom macht viel Wind»

  1. Lukas Egli:

    Hier scheinen mir zwei, drei entscheidende Informationen zu fehlen. 1. Gründe für das Schweigen: Deutschland kennt keine Gratiszeitungen und somit auch nicht dieselben Verheerungen in der Medienbranche wie die Schweiz. 2. Wer sagt denn, dass ein solches App von hochsubventionierten öffentlich-rechtlichen Anstalten gratis sein muss? (Man setze als Preis 1 Euro 20 ein und die Diskussion ist vom Tisch.) 3. Ist nicht einer der grossen Vorzüge des iPhone/App-Systems, dass online-Inhalte/Anwendugen endlich unkompliziert und sicher verrechnet werden können? (4. Der grosse Vorzug des SF-Apps ist das Fernsehprogramm!)

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