Newsroom-Hype

Unter dem Titel Der Journalist am Fliessband befasst sich Norbert Neininger in der aktuellen Ausgabe der «NZZ» mit den «Segnungen» des sog. Newsrooms:

    «Und dann, am späten Abend, wünscht man sich Axel Springer herbei und mit ihm ein paar andere Verleger, mit denen man in Ruhe hätte darüber reden können, dass jedes Medium seine ganz eigenen Gesetze hat und jede Zeitung ein Gesamtkunstwerk ist. Und dass Journalisten (auch) fürs Nachdenken bezahlt werden. Verleger, die vor allem felsenfest davon überzeugt sind, dass es gerade in der Welt des auf allen Kanälen über uns hinwegbrausenden unablässigen Stroms von undifferenzierten News Redaktionen und Journalisten braucht, denen man vertraut, weil man weiss, wofür sie stehen. Und von denen, auch angesichts sinkender Erträge, gar keiner je auf die Idee käme, sein Unternehmen wie einen Autokonzern einzurichten, dessen verschiedene Marken sich nur noch in der Carrosserie, nicht mehr aber im Innersten unterschieden.»

Rainer Stadler meint dazu (online nicht frei zugänglich):

    «Recherchieren macht Lärm. Und Nachdenken braucht Raum. […] Zweifellos gibt es journalistische Arbeitsbereiche, die in einem Grossraum besser ausgeführt werden können. Doch wirft die derzeitige Mode multimedialer Newsrooms grundsätzliche Fragen auf: Wächst der Konformitätsdruck? Schrumpft die Medienvielfalt? Erhält der Konzernjournalismus Auftrieb? Die Gefahr besteht. Nicht nur in Stuben, sondern auch in Grossräumen kann man sich von der Welt abschotten.»

Nicht auszuschliessen, dass es dem «Nuusroom» dereinst gleich ergehen wird wie dem Tabloid-Format: heute top morgen flop.

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

26 Bemerkungen zu «Newsroom-Hype»

  1. Ras-ierer:

    Bei der NZZ offenbar schon flop, die gross angekündigte Übung soll Insidern zufolge bereits abgebrochen sein, zu teuer war wohl die vorgesehene Möblierung.

  2. Fred David:

    Meine persönliche Grossraumerfahrung als Journalist: Als ich Chefredaktor wurde, hatte ich viele Jahre als Einzeltäter in Einzelhaft hinter mir, ich war Auslandkorrespondent und somit mein eigener Chef, der sich selber immer wieder in den Hintern kicken musste – ein journalistisches Paradies. Im Nachhinein. Das wusste ich damals allerdings noch nicht so genau.

    Nun wurde ich also in den Grossraum geschmissen. Man erwarte von mir, so gab man zu verstehen, dass der Chef mitten drin hocke, am runden Produktionstisch mit vier Plätzen. Mein Vorgänger sagte mir noch: Du hast gar keine andere Wahl, denn sonst kriegst du nicht mehr mit, was in der Redaktion wirklich läuft.

    Ich entschied mich für den Kompromiss. Als erstes liess ich mir eine Glaskabine aus billigen, aber schalldichten Stellwänden in die Ecke bauen, weil ich fand, die Redaktion müsse nicht mit jedem Telefonat und jedem Personalgespräch halböffentlich traktiert werden. Man räusperte sich, nahm es aber als Schrulle hin. Auch so konnte noch immer jedermann beobachten, wer zu mir ins Aquarium kam, wie lang er oder sie blieb, ob gelacht oder ob heftig gestikuliert wurde, mit welchem Gesichtsausdruck das Gespräch endete, ob die Tür knallte.

    Das Aquarium war ein Herrschaftsinstrument der Redaktion, nicht des Chefs. Man hatte ihn dauernd im Blick, wenn auch nicht gerade unter Kontrolle. Der Chef konnte zwar auch die Redaktion permanent wie ein Galereneinpeitscher ins Visier nehmen, aber diese Funktion interessierte mich weniger. Zu wenig, wie ich nachher einräumen musste.

    Mit manchen Mitarbeitern musste ich, wenn die Situation etwas angespannt war (das ist in Redaktionen Voraussetzung für Kreativität), heimlich telefonieren, weil sie nicht im Glaskasten gesehen werden wollten: „Jetzt bitte nicht“, hiess es dann. „Muss ja nicht jeder sehen…“

    Den Grossraum lernte ich aber trotzdem als sehr kommunikativ schätzen. Was sich auf Zuruf erledigen liess – und das betrifft im Redaktionsalltag Vieles – erforderte nicht extra einen „Amtsvorgang“ in dreifacher Ausfertigung. Genial fand ich die kreisrunde Konferenz-Stehbar. Das verkürzte jedes Meeting, steigerte messbar die Effizienz und machte die Nebenwirkung der grassierenden Konfernzitis erträglich.

    Ein Newsroom hat sicher viele Vorteile. Aber die Nachteile wird man noch spüren: der Konformitätsdruck, wie von ras. oben beschrieben, die unvermeidbare Tendenz zum durchgestylten Konzernjournalismus. Individualität hat es in dieser Atmosphäre schwer.

    Aber je älter ich als Leser werde, umso mehr schätze ich in den Medien Köpfe, die ich auseinanderhalten kann. Mit dem einen streite ich, vom andern fühle ich mich bestätigt in meiner Meinung. Es findet etwas statt. Der grauen News-Mainstream hingegen zieht an mir vorbei. Ich nutze ihn – aber ich würde dafür kein Geld bezahlen. Für kluge Köpfe schon, die mir etwas bringen.

    Und aus Erfahrung weiss ich: Solche Köpfe muss man pflegen. Das ist oft mühsam, lästig, zeitaufwändig, weil solche Typen, männlich oder weiblich, häufig zur Aufsässigkeit neigen. Aber das macht auch das Besondere aus.

    Redaktionen müssen darauf achten „das Besondere“ nicht weghacken, einebnen, abschleifen zu lassen. Sonst machen sie sich irgendwann selbst überflüssig. Da helfen dann auch die minutiös und effizient durchgeplanten Abläufe eines Newsrooms nichts mehr.

    Vielleicht ist der Newsroom bereits ein Auslaufmodell.

  3. @fred david: schöne anekdote zu einem wichtigen aktuellen thema. vielen dank. aber mal eine ganz andere frage: warum machen sie eigentlich nicht selbst ein blog auf?

  4. Fred David:

    @)bugsierer: Danke, aber es gefällt mir hier ganz gut.

  5. Bobby California:

    Fred David > Ausnahmsweise bin ich mit Bugsierer einverstanden: Deine Wortmeldungen sind, versteckt in der Kommentarspalte, geradezu kriminell unterverkauft!

  6. @Fred David:
    Hm, als einer, der Aquarium- Besucher-Erfahrung sammelte während seiner journalistischen Jahre (wenngleich nicht chez David; aber es gab und gibt genügend andere Vorschwimmer mit solcherlei redaktioneller Bauweise), sei hiermit gesagt: Sie liegen schon richtig mit Ihren Einschätzungen, und zwar in ziemlich allen Punkten. Bleibt bloss die Frage, wo diese ins Aquarium zu Zitierenden heute anzutreffen sind — auf dem Weg zum Chef wohl kaum mehr…

  7. Fred David:

    @) André, das sehe ich auch so. Die Unebenen, Eckigen, Anstrengenden, Frechen, Neugierigen, Querköpfigen werden seltener. Damit gehen auch Originalität, Charakter, Kreativität mehr und mehr verloren.

    Auch Zivilcourage. Die vor allem.

    Im web halten sich noch Spurenelemente. Aber mir würde kaum ein Name einfallen, den man als „schurnalischtische Saftworzle“ diffamieren könnte (das Privileg genoss mal ein Niklaus Meienberg sel.).

    Uiuiui, hör ich’s zischeln: Die Aktivdienstfraktion grummelt mal wieder.

    Ja, sie grummelt, und sie ist seltsam gelangweilt von Vielem, was sie hört, sieht, liest.

    Vielleicht ist es ja wirklich nur ein Generationenproblem.

  8. Christof:

    ich darf mich für einmal selber zitieren: der newsroom ist der darkroom der medienmanager.

    wie giovanni di lorenzo richtig sagt: sparmassnahmen als qualitätsoffensive verkaufen = leser für dumm verkaufen.

  9. Fred David:

    Sorry, noch eine Ergänzung, danach halte ich dann meinen Mund:

    Ich habe gerade 50 Minuten damit verbracht, die aktuelle „Zeit“ (Schweiz-Ausgabe) von der ersten bis zur letzten Zeile zu lesen, nicht weil ich musste, sondern weil es mich nicht mehr los liess.

    Diese erfrischende Erfahrung mache ich nur noch selten.

    Es sind nur drei Zeitungsseiten: Drei grosse Schweiz- Themen. Alle drei habe ich so in Schweizer Zeitungen nicht gelesen.

    Der ehemalige „Tagi“-Deutschlandkorrespondent Sascha Buchbinder schildert seine Rückkehr in die Schweiz nach sieben Jahren als Rückkehr in die Fremde. Sehr aufschlussreich, sehr differenziert, sehr gut geschrieben. In einem Absatz hat er ganz nüchtern aus einer Woche Schlagzeilen über Ausländerthemen gesammelt, vom „Oltener Tagblatt“ bis zum „Tagi“. – Sind das wirklich wir? Mein lieber Scholli!

    Dasselbe gilt für Ralf Pöhners langen, aber spannneden Text über „Verpfeifer“ aus dem Bauch von Schweizer Banken, u.a. ausführlich über den Ex-Banker von Julius Bär, Robert Elmer. Macht, Dimension und die unendliche Fülle an Möglichkeiten zu Manipulationen innerhalb der globalen Finanzindustrie wird daran deutlich. Ein Stück zum Erschrecken.

    Und Peer Teuwsen setzt einen intelligenten Kontrapunkt gegen die Deutschenhatz von SVP und „Weltwoche“, ohne sich auf einer Seite anzubiedern.

    Es ist mir völlig egal, ob diese Texte im web oder auf „Holz“ erscheinen: Es ist Journalismus! Und sie weichen wohltuend ab vom grauen Mainstream.

    Ich weiss nicht, in wievielen Redaktionen die „Zeit“ ungelesen herumliegt. Gelesen wird sie von ein paar Feuilletonisten und ein paar lonely wolfs in den Auslandressorts, behaupte ich einfach mal. Und von keinem einzigen Schweizer Chefredaktor oder Verlagsmanager. Sollte ich ihnen Unrecht tun, sollen sie sich gern hier melden.

    Es ist peinlich, dass uns ein ausländischer Verlag vormachen muss , wie es auch geht. An Newsdesks und in Newsrooms entsteht so etwas sicher nicht. Dazu muss man schon raus aus dem warmen Neschtli.

    Und ein wenig Zivilcourage brauchts auch. Denn die genannten Themen erleichtern dem Anzeigen-Akquisteur der „Zeit“ das Geschäft nicht zwangsläufig.

  10. Markus Schär:

    Buchbinder (dessen Entlassung ich nicht verstand, was ich dem TA-Chefredaktor auch schon persönlich sagte) ist wirklich lesenswert. Aber er taugt an dieser Stelle nur zum Beweis, dass man einen ruhigen Raum braucht, um 400 Zeilen zu schreiben, auch wenn man nur die eigene (interessante) Diss zusammenfasst. Aber findet sich irgendwo eine Beobachtung, die nicht aus dem Durchackern der SMD stammt oder, schlimmer noch, aus dem Diskurs von uns Historikern, die wir halt aus déformation professionelle zu einer rückwärtsgewandten Sicht neigen und diese auch allen anderen Zeitgenossen unterjubeln? Wirklich interessant wäre gewesen, wie Buchbinder die Schweiz nach seiner Rückkehr erLEBT. So darf er einfach 400 – ich wiederhole: sehr lesenswerte – Zeilen über das Verhältnis der Schweiz zu ihrer Geschichte schreiben. Und wir dürfen es nicht mehr.

  11. Bobby California:

    Fred David > So wichtig es ist, einen Kontrapunkt gegen die Ausländerhetze zu setzen: Wenn zwei von drei Artikeln sich mit dem von der SVP gnadenlos aufgebauschten Ausländerthema befassen, finde ich, man könnte da bezüglich Originalität schon noch ein paar Zacken zulegen. Müssen wir uns eigentlich alle Themen ständig von der SVP diktieren lassen?

    PS: Fred, Du kannst hier soviel schreiben wie Du willst, no need to feel sorry!

  12. Skepdicker:

    Obwohl ich die „Zeit“ früher – insbesondere wegen H. Schmidt, R. Herzinger, J. Joffe und B. Grill – sehr mochte (und abonniert hatte), haben mich die CH-Seiten nicht überzeugt. More of the same.

    Roger de Weck spielt seine alte Schallplatte in einer Endlosschlaufe, obwohl sie nur zwei Lieder enthält: den gepflegten Diss-Hip-Hop, der sich mit der Partei der Unberührbaren und Eingeborenen befasst; und die kitischige Ode an eine Frau, die laut griechischer Mythologie von einem Stier entführt wurde (bevor die Führungsmannschaft des Neuen Kontinents ausgewechselt wurde, gab es noch ein drittes Lied: das Lied vom dummen Cowboy, der sich nach Arabien aufmachte).

    Weiter liest man in der „Zeit“ ziemlich provinzielle Journalisten, die „kritische“ Nabelschau betreiben und es als Sensation ansehen, dass sie ein paar Jahre im Ausland waren/sind (sogar in Berlin, krass!). Hierbei handelt es sich um den gleichen Typus des journalistischen „Weltenbürgers“, der eine Dauererektion kriegt, wenn es ein Schweizer Thema in die NYT oder ein anderes Weltblatt schafft. Dieser Typus sublimiert Selbskritik- bzw. Selbstgeisselung typischerweise zu arroganter Selbstbeweihräucherung (wir sind ja so aufgeklärt und selbstkritisch! – und gerade deshalb die Obermacker des Diskurses). Durchschaut man diese Masche und kritisiert dieses Gehabe, spielen sie sich als Dissidenten auf. Als wären Sie permanent mit einem Fuss in einem Alpen-Gulag…

    Nein, liebe „kritische“ Selbstgeissler: Niemand wirft Euch vor, Nestbeschmutzer oder gar Landesverräter zu sein! Ihr seid schlimmer: Ihr seid Langweiler, affirmative Mainstream-Schreiberlinge und Wiederkäuer. Eure kopierten Ideen waren vor 30 Jahren originell und kritisch. Heute gehört Ihr zum rückwärtsgerichteten Hofstaat, der sich gegen Reformen, Subventionsabbau und Strukturwandel wehrt.

    Nie fehlen in einem Aristokraten-Blatt darf natürlich auch das Gejammer von Muschg und Konsorten. Neuerdings lässt sich ja sogar eine Kapazität wie Peter von Matt auf dieses Niveau herunter. Nach den Mythen-Jägern, brauchen wir nun als Putzequipe endlich Mythen-Mythen-Jäger.
    Wenn sich ein Professor besonders aufgeklärt fühlt, weil er seinen Studenten die schockierende Nachricht überbringt, dass Tell nur ein Mythos ist, dann steht es schlecht um unseren Elfenbeinturm. Die Mythen wurden längst hingerichtet, zertrampelt, verbrannt. Was die selbsternannten Aufklärer nun betreiben: Leichenschändung.

    Es ist Zeit, dass nun endlich die Mythen-Jäger vom Zeitgeist überrollt werden. Dieser Prozess hat bereits begonnen, wenden sich doch immer mehr Menschen von diesen offene Türen einrennenden Langweilern ab. Die Mythen der Mythen-Jäger müssen gestürzt werden. Es lebe die Revolution!

  13. Bobby California:

    Skeptiker > So wie ich Sie kenne, besteht das Programm Ihrer «Revolution» vermutlich darin, dass man alles unternimmt, damit die Reichen noch reicher werden.
    Das ist weder neu noch originell, sondern genau das, was Sie der Gegenseite vorwerfen: More of the same. Gähn.

  14. Skepdicker:

    @ Bobby California:

    Absolut richtig! Die journalistischen Langweiler liefern sich dem agenda setting der SVP (einer Minderheitspartei mit gerade einmal knapp 30% Wahlanteil!) wehrlos aus – und fühlen sich dabei womöglich noch als Dissidenten.

    Ich teile Ihre scharfe Antipathie gegen die SVP im allgemeinen und Blocher im besonderen zwar nicht, weil ich die SP / Grünen für genau so verantwortungslos und schädlich für eine offene Gesellschaft halte. Aber dass (fast) jeder Diskurs durch die SVP-Brille analysiert wird, ist intellektuell einschläfernd.
    Obwohl ich grossen Respekt vor Christoph Blocher habe, geht mir seine übertriebene Medienpräsenz so etwas von auf den Sack:
    Blocher hängt Hodler-Bild auf! Blochers Frau hält Vorträge über Erziehung! Blocher macht in Nordkorea Ferien! Blocher hatte Operation, ohne jemanden zu informieren! Blocher hält Jahrhundertrede in der Metropole Aarberg! Blocher kauft TV-Firma!

    Und dann singen alle Medien zusammen im Chor:
    Blocher erhält zu viel Medienpräsenz! Blocher erhält zu viel Medienpräsenz! Blocher erhält zu viel Medienpräsenz! Blocher erhält zu viel Medienpräsenz! Blocher erhält zu viel Medienpräsenz!

    Wir sind ja so kritisch!

  15. Markus Schär:

    Zwei Bemerkungen @Skepdicker (und ich konversiere nicht mit mir selber wie andere hier):

    Zur Dauererektion bei der Erwähnung in Weltblättern: Führende amerikanische Ökonomen – darunter Gregory Mankiw, die Nr. 1 bei den Lehrbüchern – sinnieren jetzt gerade über Schweizer Strassenverkehrsbussen:

    http://gregmankiw.blogspot.com/2010/01/optimal-fines-as-pigovian-taxes.html

    Ich gebe zu: Ich fühle mich geschmeichelt. (Unten regt sich gleichwohl nichts.)

    Und zu Peter von Matt schreibt Peter Keller in der aktuellen Weltwoche einen wirklich lesenswerten Text, mit dem alles gesagt ist:

    Der kluge Germanist, der diese durchritualisierte Schweizkritik schon 1991 beschrieben hat, heisst übrigens Peter von Matt – und damit bekommt seine Kaminfeuerplauderei zum Jahreswechsel eine fast unheimliche Dimension: Warum wird einer, der die Pose des kritischen Patriotismus schon vor zwanzig Jahren stechend präzise offenlegte, nun selber zum nörgelnden Echo?

  16. Skepdicker:

    @ Bobby California:
    Genau. Liberalismus ist weder neu noch originell, sondern altbewährt und genial.

    Und:

    1.Ich verdiene mit Gewissheit massiv weniger als Sie. Nur damit das Bild vom Kapitalistenschwein mit der dicken Zigarre endlich aus Ihrem Hirn gelöscht werden kann.

    2. Bei „den Reichen“, die vor 20 Jahren reich waren, handelt es sich nicht um die gleichen „Reichen“, die heute reich sind. Die soziale Mobilität wird unter dogmatischen Linken gemeinhin unterschätzt.

    3. Es ist mir völlig egal, wenn Vasella um den Faktor 100 mehr verdient als ich. Verdient Vaselle weniger, verdiene ich keinen Franken mehr (im Gegenteil). Zudem kann ich – statistisch knapp über der Armutsgrenze – mir Ferien in Griechenland, Fernseher, Essen im Restaurant, Kino und GA leisten. Davon konnten meine Grosselern – damals statistisch zum Mittelstand gehörend – nur träumen.

    Und zum Schluss noch ein schönes Zitat von Sir Karl R. Popper:
    „Es ist wahr, dass die Marktwirtschaft den Westen reich gemacht hat; eine Errungenschaft vieler Arbeiter und vieler politischer Denker über Hunderte von Jahren. Als Ergebnis dieser Bemühungen und des freien Marktes ist die offene Gesellschaft des Westens meiner Meinung nach bei weitem die beste, die freieste, die fairste und die gerechteste Gesellschaft, die es jemals in der Geschichte der Menschheit gegeben hat.“

    Wie altbacken! Und wahr!

  17. Skepdicker:

    @ Markus Schär:
    Den Artikel von Peter Keller und den Blog-Eintrag von Mankiw kannte ich schon. Trotzdem danke.

    Und wenn ich schon gerade dabei bin, mich hier unbeliebt zu machen:
    Als langjähriger „Weltwoche“-Abonnent bedauerte ich Ihren Abgang. Ich schätze Sie, weil Sie angeblich plausible Argumente und Dogmen nicht ungeprüft gelten lassen.
    Bei den Themen Minarett-Initiative und Klimaerwärmung stand ich beispielsweise nicht auf der gleichen Seite wie Sie.
    Trotzdem waren Ihre Artikel zu „Climategate“ („Sonntagszeitung“) und zum Zusammenhang zwischen der Anzahl Muslime und dem Ja-Anteil zur Minarett-Initiative („Thurgauer Zeitung“) ein Gewinn für mich.
    Ich brauche als Leser keine Bevormundung und will auch nicht immer meine Meinung bestätigt sehen. Und es ist mir auch völlig egal, dass Sie auf der Lohnliste von Avenir Suisse stehen. Schliesslich macht es auch keinen Unterschied, ob ein Tagi-Redakteur offiziell oder nur emotional SP-Mitglied ist.

    PS: Ist RK aka Darth Vader wirklich so schlimm? Wir sind ja hier unter uns… ;-)

  18. Bobby California:

    Skeptiker > 1. Ich habe nie behauptet, Sie seien ein Kapitalistenschwein. Ich kenne Sie gar nicht. Ich habe mich nur über das Programm der von Ihnen gewünschten «Revolution» geäussert: Steuerabbau und Subventionsabbau führen erfahrungsgemäss zu Umverteilung von unten nach oben.

    2. Ihre «soziale Mobilität» ist weitgehend ein Phantom. Tatsache ist: Wer hat, dem wird gegeben, sein Sohn kommt eher ins Gymi als ein Arbeitersohn, er kann auf ein hübsches Erbe hoffen, usw.

    3. Wenn Vasella um den Faktor 10000 mehr verdient als Sie, dann verdienen Sie deswegen nicht weniger, das ist wahr. Aber irgendwo kommt Vasellas Geld ja wohl her:
    – Steuerabbau macht die Reichen noch reicher, weil nur die Reichen vom Steuerabbau profitieren;
    – Subventionsabbau macht die Reichen noch reicher, weil sie weniger Steuern zahlen müssen;
    – die Ausbeutung der Dritten Welt macht die Reichen reicher;
    – auch die Ausländerhetze macht die Reichen reicher, weil die Leute heute glauben, dass nur die SVP uns vor den bösen Ausländern schützt, dann wählen die Leute die SVP und die kann ihre reichenfreundliche Wirtschaftspolitik vorantreiben.
    Griechenland-Ferien sind etwas Schönes, das finde ich auch. Aber dass in der Schweiz Hunderttausende arm sind, und dass weltweit Millionen hungern, das ist Leuten wie Ihnen scheissegal. Denn das liberale Dogma besagt, dass wir alle selber schuld sind an unserem Schicksal: Herr Vasella hat seinen Reichtum NUR dank seinem Fleiss erarbeitet. Und der Slumbewohner ist eben zu faul, um reich zu werden.
    Ihr politisches Programm ist tatsächlich altbacken. Doch es ist nicht «wahr», sondern es basiert zu grossen Teilen auf selektiver Wahrnehmung.

  19. Markus Schär:

    @Skepdicker: Danke für die Blumen, aber eben: Ich will mich hier nicht verdächtig machen.

    Betreffend unser aller Roger Darth Vader kann ich nicht dienen: Er ging Anfang 2004 nach Berlin, drei Wochen, nachdem er mich fest angestellt hatte. Und er kam im Sommer 2006 zurück, drei Monate, nachdem ich es bei der Weltwoche gesehen hatte. Ich erlebte nur die Zwischen-Köppel-Eiszeit, als jene das Sagen hatten, die unter Roger den Kopf geduckt und das Maul gehalten hatten (und mangels attraktiver Alternativen nicht gegangen waren). Mit ein paar dieser Kollege möchte ich mich nicht mehr im selben Raum aufhalten.

    Und es berührte mich auch etwas eigenartig, dass auf der TA-Hintergrundseite (die gute Ex-Weltwoche-Redaktoren machen) Guido Kalberer letzte Woche über die Weltwoche schrieb: „Zahlreiche Redaktoren, die sich nicht mehr für die Einheitslehre und das Hohelied des kleinstaatlichen Isolationismus einspannen lassen wollen, emanzipieren sich – und schmeissen die Streichhölzer weg. Ihr Aufatmen, endlich weg zu sein, ist allerdings zwiespältig: Sie haben es meist lange ausgehalten.“ Albert Kuhn beispielsweise, der sieben Jahre lang für seine Popkolumne fürstlich bezahlt worden war, machte im Herbst angeblich wegen der Minarett-Initiative einen grossen Abgang – nachdem sein Honorar in der Krise auf Normalmass zurückgestutzt worden war.

  20. Skepdicker:

    „Steuerabbau macht die Reichen noch reicher, weil nur die Reichen vom Steuerabbau profitieren“

    Mir ist es egal, ob die Reichen reicher werden. Das tangiert mich nicht. Mir ist wichtig, dass mir der Staat nicht alles wegnimmt über Billag, AHV/IV/EO/ALV-Beiträge, Verwaltungskostenbeitrag, Mehrwertsteuer, Vermögenssteuer, obligatorische Krankenversicherung (mit Luxusprogramm), Einkommenssteuer, Gewinnsteuer…

    Ich bin ein bescheidener Mensch, der keinen Plasma-Fernseher, keine Weltreisen, keine teuren Klamotten, keine Gourmet-Tempel, keine Homöopathie, kein Wellness etc. braucht. Ich brauche ein paar gute Bücher, eine Flasche billigen Wein, Zelt-Ferien und ein gutes Gespräch in einer alternativen Beiz. Zudem muss ich mein Studium finanzieren.

    Mir wäre es an sich völlig egal, dass drei ehemalige Schulkollegen heute Sozialhilfe bzw. IV beziehen, obwohl sie putzmunter sind bzw. sich zu schade sind an einer Coop-Kasse zu sitzen (Berufslehre abgeschlossen, Herkunft: Mittelstand, Intelligenz: einigermassen vorhanden). Mir wäre es an sich auch egal, dass Armut heute so definiert wird, dass dazu Ferien, TV und Auto gehören.
    Aber es ist mir nicht egal, dass ich diesen „white trash“ (anders kann ich das nicht nennen!), der gewollt oder selbstverschuldet im sozialen Netz gelandet ist, mitfinanzieren muss.
    Für alleinerziehende Mütter, Invalide, wirklich Arme zahle ich gerne Beiträge / Steuern. Aber nicht für diejenigen, welche die Solidarität bzw. das grosszügigste Sozialsystem der Welt ausnutzen.

    Gerade Ihr linken kritisiert doch immer die böse Konsumgesellschaft. Wie kommt es dann, dass ich bescheidener lebe als meine ehemaligen Schulkollegen, die aus freien Stücken in der Sozialhilfe / IV gelandet sind? Wie kommt es, dass Gesundheit, Wellness und Lifestyle heute eine Einheit bilden?
    Ich bin überzeugt, dass man die IV-Renten und andere Beiträge an vom Schicksal getroffene erhöhen könnte, wenn man die Anreize so setzen würde, dass niemand die Solidarität der Gesellschaft ausnützen kann.
    Die dämliche Behauptung, es handle sich nur um Fälle im Promille-Bereich, wird durch Wiederholung auch nicht wahrer. Recherchieren Sie mal bei einem Arzt (z.B. Rheumatologe) über IV-Fälle. Die Missbrauchsquote ist massiv, das kann ich Ihnen versichern.
    Ich verurteile die Simulanten und Faulen ja nicht einmal! Die Ökonomen sehen es nämlich richtig: Der Mensch reagiert rational bzw. auf Anreize. Homo oeconomicus eben.

    „Die Ausbeutung der Dritten Welt macht die Reichen reicher“

    Da werden Ihnen auch „linke“ Ökonomen wie Paul Krugman widersprechen. Die komparativen Kostenvorteile gehören zu den ersten Entdeckungen der Ökonomie (siehe David Ricardo). Vom Welthandel profitieren alle Beteiligten. Die Armut der Dritten Welt liegt nicht im Kapitalismus begründet, sondern in der fehlenden Rechtsstaatlichkeit (siehe Hernando de Soto). Zudem kann man empirisch nachweisen, dass die Entwicklungsschancen eines Landes mit zunehmender Distanz zum Äquator zunehmen.

    „Subventionsabbau macht die Reichen noch reicher, weil sie weniger Steuern zahlen müssen;“

    Ich wüsste nicht, warum man die Landwirtschaft weiterhin so stark subventionieren sollte. Gleiches gilt auch für die Zuckerfabriken. Dieser Protektionismus schadet nicht nur den Konsumenten, sondern auch der Dritten Welt.

    „Auch die Ausländerhetze macht die Reichen reicher, weil die Leute heute glauben, dass nur die SVP uns vor den bösen Ausländern schützt, dann wählen die Leute die SVP und die kann ihre reichenfreundliche Wirtschaftspolitik vorantreiben.“

    Klar… Deshalb sind die Reichen und die Unternehmen gegen die Personenfreizügigkeit und waren für das Minarett-Verbot. Das ist nun wirklich Blödsinn, Herr Journalist.

    „Aber dass in der Schweiz Hunderttausende arm sind, und dass weltweit Millionen hungern, das ist Leuten wie Ihnen scheissegal.“

    Nach Skos-Definition war ich auch ein paar Jahre „arm“. Nur habe ich das leider nicht gemerkt. Sonst hätte ich Ihnen einen Bettelbrief schreiben können…

    Dass auf der Welt Millionen hungern, ist mir nicht egal. Deshalb propagiere ich ja die freie Marktwirtschaft, die in Europa, Australien, Neuseeland, Japan, Nordamerika und anderen Weltregionen durch effiziente Allokation der Ressourcen nachweislich den Hunger beseitigen konnte. Vergleichen Sie doch Ihren Lebensstandard mit demjenigen Ihrer Grosseltern. Auch China konnte dank Deng, der marktwirtschaftliche Reformen einführte, den Hunger in China praktisch zum Verschwinden bringen. Aber ich vergass: Hunger ist ja nur interessant, wenn man „den Kapitalismus“ dafür verantwortlich machen kann. Als Maos Kulturrevolution zu Hunger und Terror führte, fanden die meisten Schweizer Linken Mao ziemlich cool. Und Jean Ziegler schwärmt in der aktuellen „Weltwoche“ mal wieder vom Paradies Kuba – obwohl die Kubaner so blöd sind, dass sie lieber in Miami leben würden. Es mangelt den Kubanern wohl an „Klassenbewusstsein“… Oder vielleicht ist es die „repressive Toleranz“ der Imperialisten in Washington… ;-)

    „Denn das liberale Dogma besagt, dass wir alle selber schuld sind an unserem Schicksal: Herr Vasella hat seinen Reichtum NUR dank seinem Fleiss erarbeitet. Und der Slumbewohner ist eben zu faul, um reich zu werden.“

    Nein, eben gerade nicht. Vasella hatte viel Glück, ist eventuell ein Arschloch und verdient womöglich seinen Lohn nicht. Nur ist jede Ordnung, welche die Entlöhnung den anonymen Kräften des Marktes überlässt, weniger anfällig für Diskriminierung und politischen Missbrauch. Aber um diese Argumentation zu kapieren müsste man sich intellektuell wirklich mit dem Liberalismus befassen. So wie die SVP den Rechtsstaat nicht kapiert, kapiert die Linke die Marktwirtschaft nicht.
    Ein Beispiel für den unbelasteten Linken: Hätte die SP den Fussball erfunden, dann würde der Schiedsrichter am Ende darüber entscheiden, wer das Spiel gewonnen hat. Schlechte Mannschaften hätten einen Torevorsprung, Sympathie des Schiedsrichters würde über Sieg / Niederlage mitentscheiden.

    Wenn eine Mannschaft A grottenschlecht spielt und am Ende – trotz etlichen Pfostenschüssen der gegnerischen Mannschaft – dank einem Sonntagsschuss völlig unverdient gewinnt, dann ist das für den Liberalen nicht der Beweis dafür, dass Mannschaft A überlegen war. Mannschaft A hat dann einfach nach den VOR dem Spiel festgelegten Reglen das Spiel gewonnen. Ob der Sieg verdient war, ob die Mannschaft gut gespielt hat, ob die Mannschaft sympathisch ist – das alles hat damit nichts zu tun. So wie der Schiedsrichter nüchtern ein 1:0 für Mannschaft A rapportiert, akzeptiert der Liberale das Ergebnis des Marktes.

  21. Bobby California:

    Skeptiker > Die Länge ihres Posts überfordert mich. Ich versuche Ihnen zu antworten, soweit es meine zeitlichen Möglichkeiten erlauben:

    – Zunächst mal besten Dank dafür, dass man mit Ihnen anständig diskutieren kann, obwohl wir das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben. Anstand ist im Internet leider keine Selbstverständlichkeit.

    – Aber sicher tangiert es Sie, wenn die Reichen noch reicher werden: damit verbunden sind unter anderem steigende Studiengebühren, eine Folge der neoliberalen Bildungspolitik, die Sie als Student direkt betrifft;

    – Ich bin auch gegen Betrug, aber nicht nur bei der IV, sondern auch bei den Steuern. Es ist doch total schizophren, dass Sie und die SVP immer nur auf den ach-so-bösen IV-Betrügern herumreiten, aber nie gegen den Steuerbetrug des Upper-Class-White-Collar-Trashs aufmucken. Köppel erdreistete sich sogar, Steuerbetrug als logische Folge des IV-Betrugs schönzureden: zynischer geht’s nicht mehr. Also: Entweder dürfen alle betrügen oder niemand (ich wäre für die zweite Variante).

    – Jetzt ist also der Äquator schuld am ungleich verteilten Reichtum? Wenn das der Äquator wüsste.

    – «Ich wüsste nicht, warum man die Landwirtschaft weiterhin so stark subventionieren sollte». Ich schon: weil die Bauern SVP wählen. Deshalb wettert die Weltwoche immer gegen Subventionen, aber nie gegen Subventionen für die Bauern.

    – Die Unternehmer sind für die SVP, weil die SVP die radikalste wirtschaftsfreundliche Politik vertritt. Die Wirtschaft hat sich nicht engagiert gegen das Minarett-Verbot engagiert. Sie hat die Zustimmung in Kauf genommen, wohl wissend, dass die Minarett-Initiative den fremdenfeindlich gestimmten Teil der Bevölkerung in die Arme der SVP treiben wird, wovon wiederum die Wirtschaft profitiert. Ihr Blödsinn-Vorwurf trifft sicher nicht zu.

    – Bobby California ist nicht zuständig für Bettelbriefe. Ich lebe selber auch bescheiden.

    – «Die freie Marktwirtschaft hat in Europa, Australien, NZ, USA den Hunger beseitigt»: Das ist ein Paradebeispiel für Ihre selektive Wahrnehmung. Natürlich werden wir Schweizer immer fetter, das weiss ich doch. Aber gleichzeitig hat die Hälfte der Menschheit nicht genug zu essen. Das versuchen Sie krampfhaft wegzudiskutieren. Aber es ist eine Tatsache, die Sie zur Kenntnis nehmen sollten, wenn Sie an einer fairen, ergebnisoffenen Debatte interessiert sind.

  22. Skepdicker:

    „Das versuchen Sie krampfhaft wegzudiskutieren. Aber es ist eine Tatsache, die Sie zur Kenntnis nehmen sollten, wenn Sie an einer fairen, ergebnisoffenen Debatte interessiert sind.“

    Wenn Europa, Nordamerika, Neuseeland, Australien und Japan noch im Feudalismus verharrten – wäre dann Afrika reich? Eben. Ich leugne nicht die Existenz eines Sachverhalts (Hunger, Armut), sondern die kausale Beziehung zwischen Kapitalismus und der Armut in der Dritten Welt. Den kausalen Zusammenhang müssten Sie zuerst schlüssig herstellen können.
    Wie Herando de Soto überzeugend darlegt, herrscht in armen Ländern zu wenig Kapitalismus. Wobei er konstatiert, dass der Kapitalismus in der Dritten Welt eben gar nicht funktionieren kann, wenn nicht gewisse minimale rechtliche Standards vorhanden sind. Er hebt hierbei vor allem die zentrale Bedeutung der Eigentumsrechte hervor. Wenn ein Hausbesitzer sein Eigentum nicht durch einen Grundbucheintrag geltend machen kann, wird er auch keinen Kredit / keine Hypothek erhalten. Darum haben es laut politikwissenschaftlichen Studien Diktaturen bessere Voraussetzungen, eine stabile Demokratie mit Marktwirtschaft aufzubauen. Wie schon Max Weber bemerkte, verdient ein Staat nur diese Bezeichnung, wenn er sein Gewaltmonopol durchsetzen kann. Das ist in den meisten Ländern der Dritten Welt nicht der Fall.
    Für den Vergleich zwischen planwirtschaftlicher und martkwirtschaftlicher Organisation im funktionierenden Staaten gab bzw. gibt es ja leider empirische Anschauungsbeispiele: Man vergleiche nur Nord- mit Südkorea oder die BRD mit der DDR. Q.E.D.

    „Aber sicher tangiert es Sie, wenn die Reichen noch reicher werden: damit verbunden sind unter anderem steigende Studiengebühren, eine Folge der neoliberalen Bildungspolitik, die Sie als Student direkt betrifft;“

    Die Studiengebühren sind lächerlich tief. Meine Freundin zahlt für zwei Semester Berufsmaturitätschule mehr als ich bis zum Master-Studium je zahlen werde. Und ich musste meine Matura auch selber berappen (CHF 12’000). Leute wie meine Freundin und ich, die nicht aus reichem Hause stammen, deshalb eine Berufslehre machen und sich dann den zweiten Bildungsweg selber finanzieren, haben von Euch Betroffenheitsschwestern und -brüdern bisher wenig verbale Unterstützung unterhalten. Lieber schreibt Ihr voller Sympathie Artikel über die Studenten aus reichem Hause, die Revolution spielen.
    Mein Problem ist, dass mir der Staat immer mehr Geld wegnimmt. Durch eine KVG-„Grundversicherung“, die jeden Bullshit bezahlt, steigen die Prämien andauernd. Billag muss ich zahlen, obwohl ich keinen TV besitze (und das SF-Programm verachte). Das Geld, das mir der Staat auf vielfältige Weise aus der Tasche zieht, habe ich mir hart erarbeitet, um es in meine Ausbildung zu reinvestieren. Ich brauche keine Almosen (schliesslich werde ich als Student schon stark subventioniert), aber ich wäre froh, wenn mir der Staat nicht Jahr für Jahr mehr abknöpfen würde.
    Roger Köppel hat völlig recht, dass es ab einem gewissen Punkt ein moralisches Recht auf Steuerhinterziehung gibt. Zudem ist es ein Allgemeinplatz, dass eine Erhöhung der Steuersätze ab einem gewissen Punkt die Steuereinnahmen sinken lässt (Laffer-Kurve). Selbst für die Sozialdemokratin Astrid Lindgren war das Mass voll, als sie 102 Prozent Steuern zahlen musste.

    „Jetzt ist also der Äquator schuld am ungleich verteilten Reichtum? Wenn das der Äquator wüsste.“

    Natürlich. Geographische und klimatische Gegebenheiten nehmen keine Rücksicht auf sozialdemokratische Mythen.

  23. Bobby California:

    Skeptiker > Bitte verdrehen Sie die Tatsachen nicht allzu wild, wenn Sie von mir ernst genommen werden wollen. Halten wir fest:

    – Wenn es keine «Betroffenheitsschwestern und -brüder» geben würde, dann müssten Sie für Ihre Weiterbildung die vollen Kosten zahlen, also vielleicht so um die 5000 Franken pro Monat, gemäss dem neoliberalen Credo «Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott». Dann wären Sie jetzt hoch verschuldet.

    – «Mein Problem ist, dass mir der Staat immer mehr Geld wegnimmt»: Hier wird Ihr Gejammer vollends peinlich. Wenn Sie wirklich so bescheiden leben, wie Sie sagen, dann müssen Sie fast keine Steuern zahlen. Ich weiss das aus eigener Erfahrung.

    – Das Ansteigen der Krankenkassenprämien wollen Sie doch nicht auch den Linken in die Schuhe schieben. Es gibt dafür verschiedene Gründe, unter anderem überhöhte Preise für Medikamente.

    – Bei diesem Thema (danke für den Hinweis) wird doch noch der Zusammenhang zwischen dem unanständig hohen Salär des Herrn Vasella (das Ihnen, wie Sie behauptet haben, völlig egal ist) und dem Alltag des Skeptikers sichtbar: je mehr Herr Vasella verdient, umso höhere Krankenkassenprämien müssen Sie bezahlen. Nicht der Staat zieht Ihnen das Geld aus der Tasche, sondern (unter anderem) die Pharmaindustrie.

    – Es waren nicht die «Betroffenheitsbrüder», die sich gegen Parallelimporte gewehrt haben… der Widerstand gegen die Anpassung der Medikamentenpreise kam in Tat und Wahrheit von Ihrer Seite, gell.

    – Und wenn Sie wirklich so bescheiden leben, wie Sie sagen, dann können Sie von saftigen Prämienvergünstigungen profitieren (auch das weiss ich aus eigener Erfahrung). Auch das haben Sie direkt den «Betroffenheitsbrüdern» zu verdanken und sicher nicht der SVP, die die Prämienvergünstigungen am liebsten abschaffen würde.

    – Zu guter Letzt: Sie müssen sicher nicht TV-Gebühren zahlen, wenn Sie keinen TV besitzen. Wenn Sie zudem auch kein Radiogerät besitzen, müssen Sie der bösen Billag keinen Rappen abliefern. Das Beispiel Billag zeigt, wie unglaublich schludrig Sie mit den Fakten umgehen.

  24. Skepdicker:

    „Wenn es keine «Betroffenheitsschwestern und -brüder» geben würde, dann müssten Sie für Ihre Weiterbildung die vollen Kosten zahlen“

    Das würde ich unterstützen! Schliesslich werde ich nach meiner Ausbildung massiv mehr verdienen als ein Schreiner, ein Maurer oder Lastwagenmechaniker. Dass mir Schreiner, Maurer und Lastwagenmechaniker die Ausbildung subventionieren, ist mir peinlich.
    So viel zur „Arbeiterpartei“ und zum „Klassenkampf“. Das neue „Proletariat“ setzt sich anscheinend aus Juristen, Ethnologen, Germanisten und Anthropologen zusammen, während Schreiner, Maurer und Lastwagenmechaniker die „Bourgeoisie“ verkörpern. Früher jubelten die Linken noch Mao zu, der die Studenten zur Umerziehung auf die Felder schickte. Das waren noch Zeiten!

    „Zu guter Letzt: Sie müssen sicher nicht TV-Gebühren zahlen, wenn Sie keinen TV besitzen.“

    Falsch. Wer Computer + Breitbandanschluss hat, zahlt TV- und Radio-Gebühren.

    „Es waren nicht die «Betroffenheitsbrüder», die sich gegen Parallelimporte gewehrt haben…“

    Richtig. Deshalb bin ich auch in keiner Partei. Die FDP ist keine liberale Partei, sondern eine Lobby-Partei. Trotzdem ist die FDP noch die am wenigsten schlimme Partei (verglichen mit der Agrarsubventionspartei SVP und der Staats- und Verwaltungspartei SP).

    „Wenn Sie wirklich so bescheiden leben, wie Sie sagen, dann müssen Sie fast keine Steuern zahlen. Ich weiss das aus eigener Erfahrung.“

    Dass ich nun bescheiden lebe, muss nicht heissen, dass ich in den beiden Jahren wenig verdiente. Ich arbeitete hart und viel, damit ich mit einem Teilzeitpensum durchs Studium komme. Ein beträchtlicher Teil des Geldes wurde (via Zwangsversicherungen, Zwangsgebühren und Steuern) vom Staat konfisziert. Wer hart arbeitet, um Geld auf die Seite zu legen, wird vom System bestraft. Wer simuliert und die Solidarität der Gesellschaft missbraucht, wird belohnt.
    Besonders in einer rot-grün regierten Steuerhölle. Als Selbständiger sieht man ausserdem besser, wo der Staat bzw. die Sozialwerke überall zugreifen. Wenn Sie als Angestellter einen ausgewiesenen Bruttolohn von 100’000 haben, dann haben Sie de facto einen Bruttolohn (inkl. AG-Beiträge) von 115’000. Davon bleibt ein Netto-Lohn (nach Abzug AG- und AN-Beiträgen) von rund 85’000 übrig. Also fressen schon die Sozialwerke über einen Viertel des Einkommens auf. Dann kommen noch Steuern, Zwangsversicherungen, Zwangsabgaben etc. dazu.
    So arbeitet der durschnittliche Proletarier in der Schweiz bis am 19. April ausschliesslich für die ausbeuterische Staatsbourgeoisie (Tax Freedom Day). Marxens Mehrwerttheorie könnten Sie nun auch auf diesen Sachverhalt anwenden…

    „Und wenn Sie wirklich so bescheiden leben, wie Sie sagen, dann können Sie von saftigen Prämienvergünstigungen profitieren (auch das weiss ich aus eigener Erfahrung).“

    Ja, könnte ich. Mache ich aber nicht. Ich brauche und verdiene keine Verbilligung. Arm bin ich, wenn ich nichts mehr zu essen habe. Und dann gehe ich zuerst zu meiner Familie. Danach werde ich erst Almosen nehmen. Im Gegensatz zu meinen hypermoralischen Freunden aus der linksalternativen Szene beklaue ich keine Musiker und Regisseure / Schauspieler durch sog. „Gratis“-Downloads und nehme auch nicht Almosen vom Staat, den ich zu Gurkensalat machen will.

  25. Bobby California:

    «Lastwagenmechaniker verkörpern die Bourgeoisie»? Klingt ganz schön schräg, was Sie uns da auftischen. Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen.

    Ein heisser Tipp: TV-Gebühren müssen Sie nur zahlen, wenn Sie bei Zattoo oder einem ähnlichen Internet-TV-Anbieter registriert sind, sonst nicht. Wenn Sie auch noch den Mediaplayer de-installieren, müssen Sie nicht mal Radiogebühren zahlen.

    Ihre finanziellen Verhältnisse interessieren mich nicht besonders. Ich finde nur Ihr Gejammer ziemlich durchsichtig über den Staat, der Ihnen einen ach-so-grossen Teil Ihres Geldes «konfisziert». Wenn Sie bescheiden leben, dann kann der Teil, den Sie dem Staat geben müssen, nicht so gross sein. Und für die Steuern kriegen Sie eine Gegenleistung. Die Steuergelder landen nicht in den Taschen irgendwelcher Bonzen, sondern es werden damit Strassen gebaut, Schulen betrieben, Spitäler usw. Alles Dinge, von denen auch Sie profitieren. Soviel zum Thema «ausbeuterische Staatsbourgeoisie».

    Und wenn Sie wirklich der Meinung sind, dass es ein «moralisches Recht auf Steuerhinterziehung» gibt, dann postuliere ich ab sofort im Gegenzug auch ein moralisches Recht auf IV-Betrug. Entweder dürfen alle bescheissen, oder niemand. Aber wenn Sie Steuerbetrug gut finden, dann sollten Sie konsequenterweise subito aufhören, auf den IV-Betrügern herumzuhacken. Es ist nämlich beides mal genau das gleiche: Betrug.

  26. Teuwsen:

    Lieber Fred David

    Ich danke Ihnen für Ihre Ausführungen über die Schweiz-Seiten. Sie haben da eine gute Nummer erwischt, es gibt auch schwächere, das weiss ich. Aber ganz so schlimm ist es nicht: Ein paar lesen das schon. Immerhin konnten wir die Auflage in der Schweiz innert einem Jahr mehr als verdoppeln. Heute verkaufen wir zwischen 10000 und 14000 Exemplare pro Woche, vor einem Jahr waren es noch 5000. Über Kritik und Lob freut sich jederzeit: peer.teuwsen@zeit.de

    Mt bestem Gruss

    PT

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