2009 war für Journalisten auch hierzulande das Jahr der langen Messer (siehe Abbauschlacht). Und der Blick über die Grenze bietet keinen Trost. Der «Tages-Anzeiger» meldete kürzlich schaudernd, der «Miami Herald» habe auf seiner Website die Leser zu Spenden aufgerufen – die Überwindung einer «weiteren Schamschranke im amerikanischen Journalismus». Und malte den Teufel des Journalisten an die Wand, der «täglich am Hauptbahnhof die Pendler anbettelt» und nebenbei seine Zeitung verkauft.
Bevor man sich von solchen Schreckensszenarien lähmen lässt, tut man gut daran, einmal tief durchzuatmen und einen Schritt zurückzutreten. Ist das, was unserer Branche zurzeit widerfährt, wirklich so unvergleichlich fürchterlich, eine nie dagewesene Katastrophe? Ja, natürlich, wenn man sich vergegenwärtigt, wie kaltschnäuzig viele verdiente Kolleginnen und Kollegen auf die Strasse gestellt wurden. Nein, überhaupt nicht, wenn man die Branche als Ganzes in den Blick nimmt. Es ist einmal mehr der nüchterne «Economist», der nicht nur einen, sondern zwei Schritte zurücktritt, die gegenwärtige Krise der Presse in eine historische Perspektive rückt und so zu bedenkenswerten Einsichten kommt.
Es ist nämlich nicht das erste Mal, dass die Branche durch eine technologische Neuerung an den Rand des Abgrunds gerät. Als der Chefredaktor des «New York Herald» schrieb, diese Revolution in der Kommunikationstechnologie werde die Zeitungen um ihre Existenz bringen, meinte er nicht das Internet. Er schrieb dies 1845, ein Jahr nach der Erfindung des Telegraphen durch Samuel Morse. Der Telegraph beschleunigte die Information in einem Masse, das jeden Brief uralt aussehen liess, längst bevor er seine Redaktionsstube erreichte.
Was tun? Die Zeitungen müssten sich schleunigst neu erfinden, meinten manche, sich auf Analyse und Meinungen beschränken und die Nachrichten dem schnelleren Medium überlassen … Natürlich kam es ganz anders. Die Zeitungen lernten, sich den Telegraphen zu Nutze zu machen und zu ihrem Vorteil einzusetzen – als Verbreiter der jüngsten Nachrichten wurden sie erst zu den modernen Blättern, in deren Tradition wir immer noch stehen.
Genau wie damals versuchen die Zeitungen heute, eine Antwort zu finden auf die Revolution des Internets. Genau wie damals werden sie von vielen totgesagt. Und genau wie damals werden sie nicht sterben. Denn der Hunger nach Information ist ungebrochen. Und wer könnte ihn besser stillen als die Nachrichtenprofis? Über welche Kanäle sie das in fünf oder zehn Jahren tun werden, ist sekundär. Entscheidend ist, dass sie in ihren Nischen unentbehrlich sind, dass sie ihre begrenzten Ressourcen dort konzentrieren, wo sie die Konkurrenz aus dem Feld schlagen können.
«Politico», eine vor drei Jahren gegründete Online-Nachrichtensite, die sich auf Washington fokussiert, droht laut «Spiegel» bereits, der «Washington Post» den Rang abzulaufen. («Politico» macht das, was sich Fred David für den «Bund» wünscht – aber muss es immer Papier sein?) Die beiden Gründer, ehemalige «Washington Post»-Redaktoren, die der Abbauschlacht in ihrem Blatt überdrüssig geworden waren, haben inzwischen 90 Mitarbeiter an Bord und bauen ihren Stab für die Berichterstattung aus dem Weissen Haus laufend aus. Wenn das nicht gute Nachrichten sind…
Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».
@) Danke, Daniel Weber, dass Sie den “Bund-Future” erwähnen. Warum müssen wir immer auf die Amis warten! Wir haben doch die Möglichkeiten vor der Tür. Just do it.
Dieses Projekt ist nicht auf Papier angewiesen, aber es wäre das ideale Kombi von digital und print, weil man es von Anfang an mit einander verzahnen könnte.
Und vor allem: Das Publikum, das so etwas wünscht und das dafür auch Geld zu zahlen bereit ist, ist daaaaaa. Es wartet! Aber vielleicht nicht mehr allzu lange.
Es ist nicht eine Frage der Technik.
Dieses Projekt wäre ideal, von einer Stiftung ohne einengende Vorgaben getragen zu werden. Das ziemlich viele Geld, das es am Anfang dazu braucht, ist in der reichen Schweiz auch daaaaa. Man muss die Leute, die es haben und die nicht recht wissen, wohin damit, halt überzeugen.
Im übrigen Daniel Weber, merkt man Ihrem Text an, dass Sie Chefredaktor eines Monats(!)titels sind, der auch noch finanziell erfolgreich ist. Ein anspruchsvoller Monatstitel der auch noch Geld verdient : Hallo Leute, da muss doch etwas dran sein.
Sie leisten es sich unverschämter Weise, zwei Schritte zurückzutreten und Fragen zu stellen, die alle schon für beantwortet halten.
Genau das ist die – ziemlich grosse – Nische in der Schweizer Publizistik, die sich vom Monat auf den Tag übertragen lässt.
Und zwar unter dem Slogan: “Entschleunigt. Und trotzdem vorneweg!” (Das Copyright geht an medienspiegel.ch)
Ich möchte nur einige Hinweise machen. Zum einen gibt es einen Blog in den USA, der sich ausschliesslich dem Zeitungssterben widmet, http://www.newspaperdeathwatch.com/. Leider ist diese Website gerade down, sonst würde ich den Artikel heraussuchen, in dem der Werbeumsatz der US-Zeitungen im Jahr 2008 auf das Niveau der 1960er zusammen gebrochen ist. Wenn man sich vor den Augen hält, welchen Output an Zeitungen und den heutigen, dann ist der Umsatzvergleich eine erschreckende Tatsache.
Ich glaube daher, dass sich die digitalen Zeitungen durchsetzen werden. Was fehlt, ist das Gadget, das in der Art von den heutigen eReaders sein wird (vgl. auch meinen Artikel http://eyeit.wordpress.com/2009/10/20/digitalisierung-der-medien/). Diese eReaders werden vermutlich irgendwann Browser-ähnliche Eigenschaften besitzen, also crossmediale Kommunikation unterstützen können.
@ Fred David:
Herr Kollege, falls der “Bund” Ihre Anregung nicht aufnehmen sollte – wann fangen SIE mit so was an? Ueber Finanzierungsmodelle hatten Sie sich ja hier bereits ausgelassen. Und an Bewerbungen aus dem inneren des Mediums duerfte es mit allergroesster Wahrscheinlichkeit nicht mangeln. Es ist bloss so, dass ich langsam aber sicher den Eindruck nicht mehr ganz loswerde, dass nebst vielen sinnvollen und gescheiten Ratschlaegen das “just do it” etwas zu kurz geraet
@) andré, solche Projekte lassen sich nicht mal eben zwischen Stuhl und Bank stemmen. Es ist gerade in einem so kleinen Markt wie dem schweizerischen eine Frage des Geldes. Da muss man sich nichts vormachen. Das oben erwähnte “Politico”-Projekt hat einen Heimmarkt von 298’444’215 Einwohnern vor sich, auf dem sich solche Kosten ganz anders umschlagen lassen. Und der Minimarkt Deutschschweiz?
Aber wenn es Milliardäre gibt, die ein Retro-Projekt wie die “Weltwoche” fast mit Gewalt über Wasser halten, müsste es erst recht Milliardäre und Mehrhundertfach-Millionäre geben, die an einer Schweiz mit Zukunft interessiert sind, die dem Land etwas von dem zurückgeben wollen, was es ihnen gegeben hat und die erkennen, dass es unabhängige publizistische Kräfte braucht.
Leider sind selbst die Ressourcen von medienspiegel.ch nicht ganz ausreichend, um mit einem solchen Projekt in Vorkasse zu gehen…. Aber Anstösse immerhin kann man hier geben. Ich denke, das ist nicht verboten.
Ich habe den Link via newspaperdeathwatch.com wieder finden können:
http://www.cjr.org/the_audit/newspaper_industry_ad_revenue.php
Ähnliches zeigen auch folgende Statistiken, die ich während der Suche entdeckte:
http://www.theawl.com/2009/10/a-graphic-history-of-newspaper-circulation-over-the-last-two-decades
http://paidcontent.org/article/419-online-ad-declines-bottomining-out-media-stocks-poised-to-rise/
http://www.mint.com/blog/wp-content/uploads/2009/09/MINT-DEATH-OF-NEWS-R2.png
Ähnliche Statistiken aus dem Deutschsprachigen Raum habe ich bisher noch nicht gesehen, aber ich werde mal recherchieren.
@ Danke, eyeIT, für die Links.
Gute Links sind schon ein halber Blog , und wenn man das systematisch betreibt, lässt sich daraus ein Geschäft machen – eben, das was ein “Bund” schweizweit aufgemodelt, online gegen Gebühr betreiben könnte: nach Interessensgebieten sortierte, geprüfte, kommentierte, bewerte, gewichtete und immer wieder aktualisierte Links und Dokus.
Die oben verlinkten grässlichen Krankheitskurven zum US-Print bedürfen allerdings noch Erklärungen, auch wenn ich nicht glaube, dass sich amerikanische Verhältnisse 1:1 auf Europa übertragen lassen. Der europäische Print ist im Kern stabiler und in der breiten Masse um Klassen besser.
Aber auch so: Die Talfahrt der Los Angeles-Times ist in einen Totalabsturz übergegangen. Die NY-Times, von einem mexikanischen Milliardär am Leben gehalten, verlor in fünf Jahren über 200’000 an Auflage.
Aber: Das Wall Street Journal, vom Branchenschreck Ruppert Murdoch übernommen, legte über 200’000 zu, seitdem es sich aus seiner ideologischen Wall-Street-Fixierung löste und politischer wurde. Da hat offenbar zwischen Times und WSJ eine Leserwechsel stattgefunden, netto sind es also nicht weniger geworden.
Das lässt aufhorchen, gell NZZ, oder so.