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16. Dezember 2009

Mediensatz

2010: Jahr der Entscheidung

Das Jahr 2010 wird das Jahr der Flurbereinigung auf dem Schweizer Medienmarkt. Derzeit reden hinter den Kulissen alle mit allen, und zwar verstärkt. Am intensivsten laufen die Gespräche zwischen Ringier und Springer. Die noch nicht veröffentlichten aktuellen Zahlen des Leser- bez. Anzeigenmarktes sind teilweise katastrophal und zwingen zu konsequentem Handeln.

Medienanalyst M. Edi Augur entwirft für Medienspiegel.ch schon mal ein Szenario, was demnächst passieren könnte:

1. Die deutsche Axel Springer AG übernimmt das Auslandgeschäft von Ringier (Osteuropa, Asien); dafür erhält die Besitzerfamilie Ringier eine Minderheitsbeteiligung an Springer. Das Schweiz-Geschäft von Ringier wird ausgegliedert und bleibt im Besitz der Familie Ringier. Das Schweiz-Geschäft von Springer («Bilanz», «Handelszeitung», «Stocks», «Schweizer Bank», «Tele», «TV2», «TVvier» «TVstar», Fachmedien etc.) wird in Ringier-Schweiz eingegliedert und bildet dort unter dem Ringier-Dach eine eigene Gruppe, in die auch Cash.ch eingebracht wird, das mit den Wirtschaftsmedien verschmolzen wird). Der Monatstitel «Cicero» in Berlin geht an Springer und wird zu einem Wochentitel und zur unmittelbaren Konkurrenz der «Zeit» ausgebaut.

2. Die NZZ-Gruppe übernimmt die AZ Medien Gruppe («Aargauer Zeitung», »Sonntag», Vogt-Schild Solothurn , Radio Argovia etc.) . Nach einer kurzen «Schamfrist» formt und strafft die NZZ-Gruppe die Regionalmedien «Luzerner Zeitung», «St.Galler Tagblatt» (u.a. Mit Tele Ostschweiz) und «Aargauer Zeitung». Schrittweise übernehmen die Regionalblätter alle Mantelteile der «NZZ». In St.Gallen, Luzern und im Aargau verbleiben die jeweiligen Zentralen für Region und Lokales. Für die Wochenzeitung «Sonntag» wird es sehr, sehr eng. Die einzelnen Tageszeitungstitel bleiben pro forma erhalten.

3. Die Basler Zeitung Medien («Basler Zeitung», «Baslerstab») pokern um das bessere Preisangebot von Tamedie bez. NZZ-Gruppe. Letztere ist im Vorteil. Sie könnte sowohl den Besitzerfamilien Wanner («Aargauer Zeitung») und Hagemann («Basler Zeitung») Anteile einer neu zu gründenden NZZ-Group Holding anbieten.

4. Die Tamedia-Gruppe konsoldiert ihre Neuerwerbung Edipresse in der Westschweiz und integriert «Tages-Anzeiger», «Bund», «Berner Zeitung» und «Thurgauer Zeitung» (alle Mantelteile kommen vom «Tages-Anzeiger»; in den Regionen bleiben «Region» und «Lokal»). Die Regionalisierung von «20 Minuten» und «20Minuten.ch» wird stark vorangetrieben.

5. In der Luft hängen bleibt vorerst die «Weltwoche», die (nach internem Personalwechsel) mittelfristig bei Ringier-Schweiz oder bei Tamedia landen wird, wobei die neu aufgestellte Ringier-Schweiz im Vorteil ist.

Damit kontrollieren drei grosse Gruppen den Schweizer Medienmarkt. Die Kerntitel (bzw. Kernmarken) werden dadurch gestärkt, sie können ihre Auflagen deutlich erhöhen. Der Wettbewerb zwischen den einzelnen Gruppen wird auch inhaltlich härter.

Es wird viele Arbeitsplätze kosten, aber am Ende gehen die drei Gruppen gestärkt aus der Schlacht hervor.

Den Medienkonsumenten und Anzeigenkunden werden die tiefgreifenden Veränderungen mehr Vor- als Nachteile bringen.

P.S.: Wie lange es die «Südostschweiz» in ihren Bergwinkeln noch alleine aushalten wird, ist offen. Vielleicht bleibt Lebruments Welt die letzte unabhängige Medienbstion, ähnlich den Bunkern des Alpenreduits, bis auf weiteres.

M. Edi Augur ist ein ausgewiesener Kenner der Schweizer Medienbranche und weiss, wovon er spricht.

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Bemerkungen

mds:

Was geschieht mit der Zürichsee-Zeitung? Wird diese schon zur NZZ-Gruppe gezählt?

Welche Personalwechsel sind im Bezug auf die Weltwoche gemeint?

io:

Das wäre also Ironie der Geschichte, wenn die Südostschweiz zur "letzten Bastion" in den Bergen erklärt wird – und gleichzeitig läuft die ganze Konzessionierungmalaise für Radio Grischa weiter wegen Nichtbeachtens der Medienvielfalt.

Lars L:

Punkt 2 funktioniert so nicht. Wie um Himmels willen passen NLZ und NZZ-Mantel zusammen?

M.Edi Augur:

@)mds: Die "Zürichsee-Zeitung" darf man als freundschaftlich eingemeindet betrachten.

@)io: ...es behauptet niemand, in den Bündner Bergtälern herrsche Medienvielfalt. Es würde sich weder zum Positiven noch Negativen ändern, wenn die "Südostschweiz" zu einer der grossen Verlagsgruppen käme. Diese Notwendigkeit besteht vorerst nicht - der Alpensonderfall.

@ Lars L: Was nicht passt, wird passend gemacht, weil der Markt zu klein für ein eigenständiges redaktionelles Vollprogramm ist und der Kostendruck zu gross, viel zu gross. Das bedingt allerdings entsprechende Anpassungen auch bei der NZZ, die bis jetzt davon noch nichts weiss, es aber schon noch erfahren wird. Das geschieht nicht kurzfristig, sondern NZZ-üblich in einem längeren Entwicklungsprozess, den nicht der Verwaltungsrat vorantreibt, der ist eher ein Getriebener, sondern CEO Polo Stäheli.

io:

@M.Edi Augur – Ist der Begriff der Medienvielfalt nicht immer relativ zum betrachteten Gebiet? Und: Wenn ich Ihrer Argumentation folge, hängt sie jedenfalls nicht von der Anzahl der Verlagsgruppen ab. Ps: Hübsch gewählter Name.

@M. Edi Augur:
Kurze Verständigungsfrage: Die elektronischen Medien zählen Sie nicht zum CH Medienmarkt? Falls dem doch so sein sollte: Am kommenden Dienstag findet zu Leutschenbach das alljährliche Treffen der SF - Auslandskorrespondenten statt; ev. hätten Sie ja was an Input für unsereins und die unsrige Chefetage parat.

Eine gewiss nicht unrealistisches, wenn doch auch sehr Zürich-fixiertes Szenario. Vielleicht sollte wenigstens die «WoZ» schon mal provisorisch den Hauptsitz nach Bern verlegen? Nur schon der günstigeren Mietpreise wegen.

M. Edi Augur:

@) André, doch doch, die zähle ich schon dazu, aber ich habe dort keinen Fuss in der Tür, muss also passen. Und so gross sind meine Ohren leider nicht.

Ich würde mich dort zum Beispiel fragen, warum es keine engere Zusammenarbeit zwischen ARD/ZDF, SRG, ORF in Sachen Auslandstudios gibt. Dort läge enormes Sparpotential ebenso Möglichkeiten der Qualitätssteigerung. In Nahost z.B. könnten doch die Anstalten viel enger zusammenarbeiten, Material- und Recherchen zusammenlegen, High-ranking Interviews gemeinsam führen usw., ohne dass einer Anstalt ein Zacken aus der Krone fiele.

Oder: ein Ulrich Tilgner in Teheran solo für die SRG? Das ist doch Wahnsinn. Und warum arbeiten Radio und TV im Ausland nicht enger zusammen? Es müssen ja nicht immer zwei Korrespondenten vor Ort sein: ein Vollkorrespondent und ein Praktikant, der nach zwei Jahren wieder in die Zentrale zurück geht, wäre doch schon mal eine Variante. Das würde ausserdem den Horizont der Sitzredaktionen zu Hause erweitern. Aber das wissen Sie besser als ich, Sie sind ja der frontman.

@) Ugugu: Ja, total Zürich-fixiert. Aber so ist der Schweizer Medienzirkus nun mal. Kommt - fast - alles aus Zürich. Die "Provinz" muss aufpassen, dass sie nicht abgehängt wird, nicht nur medial. Was die Medien betrifft, ist es schon zu spät. Noch werden regionale Rücksichten genommen, zum Beipiel in Bern. Die "Berner Zeitung" gibt ihre Auslandressort völlig auf und lässt künftig alles von der sda zusammenschustern. Das ist nur eine Zwischenstufe vor einer strafferen Integration. Geht auf Dauer gar nicht anders.

Fred David:

Wenn ich M.Edi Augur richtig verstehe, wird es in Zukunft fünf Zeitungen in der Deutschschweiz geben: Tages-Anzeiger (und Anverwandte), NZZ (und Anverwandte) als die zwei grossen Gravitationszentren, um die sich alles dreht, sowie der "Blick" als klassische Boulevardzeitung , "20minuten" als Gratisblatt mit starker Tendenz in die Regionen und dann noch ein paar Kleinere im Umfeld wie "Schaffhauser Nachrichten", "Bieler Tagblatt" Zürcher "Landzeitung" die früher oder später alle auch der Anziehungskraft der beiden Gravitationszentren erliegen werden.

Daneben in den östlichen "Alpentälern" , wie Herr Augur etwas süffisant schreibt, die "Südostschweiz". Im rein lokalen Bereich können einige in Nischen ganz gut überleben.

Könnte etwa hinkommen, das sehe ich auch so. Das ist der Moment, jenes Projekt wieder aus der Schublade zu holen, das vor einigen Monaten hier auf medienspiegel.ch ziemlich breit verhandelt worden ist: Was wird aus dem "Bund"?

Die regionalen Satelliten der Tamedia werden stark integriert und mit dem "Tages-Anzeiger" verschmolzen, obwohl die einzelnen Titel pro Forma belieben werden. So jedenfalls habe ich Augurs Szenario verstanden.

Das bedeutet, dass der "Tages-Anzeiger" mit seinem Mantel zwangsläufig noch weiter in die Breite gehen muss, um alles abzudecken, in der inhaltlichen Tendenz Mitte rechts.

Da bleibt Raum für einen von allem Ueberflüssigem entschlackten, schlanken "Bund" als Zweitzeitung für alle Tamedia-Abonnenten (samt Satelliten) und jene, die zum Gravitationszentrum NZZ eine tägliche Alternative haben wollen (nicht mehr als 22 Seiten!) : prononciert meinungsfreudig, analytisch, Tendenz liberal bis Mitte links, für alle, die keine Retro-Schweiz im Kopf haben. Ein Blatt mit dem Potential zur Meinungsführerschaft. Wer das als Zweitzeitung mag, abonnierts, wer's nicht mag , lässt's bleiben und hat genügend andere Info-Möglichkeiten.

Das würde den Abonnenten ein breiteres Meinungs- und Informationsspektrum eröffnen - und für den Verlag könnte der "Bund" Schweiz-weit zum Prestigeobjekt werden, das sich rechnet.

Aehnlich könnte sich das zweite Gravitationszentrum NZZ (samt Satelliten) strukturieren, im eher konservativen Segment.

Was mich vor allem interessiert: Was passiert eigentlich mit den digitalen Medien? Wie und ab wann werden sie sich durchsetzen?

M. Edi Augur:

@) eyeIT: Sie haben Recht, hier ging's bisher vor allem um den Print, weil dort eine tiefgreifende Neuordnung als Nächstes ansteht. Aber die beiden Bereiche Print und Digital gehören naturgemäss zusammen. Das hat sich nur noch nicht überall herumgesprochen, kommt aber noch.

@)Fred David erwähnte als Beispiel den "Bund". Dazu gehört auch ein online-Konzept, mit dem sich irgendwann Geld verdienen lässt. "Bund"-online , über ein Banner via newsnetz anzuklicken, müsste sich in der Tat in Kombination mit einem total umgemodelten, schweizweit vertriebenen "Bund" auf Doku und systematische Links spezialisieren. Das dann aber gegen Gebühren, und zwar von Anfang an, ausserdem mit Spezialbedingungen für Abonnenten. Danach suchen Medienhäuser ja krampfhaft: Wie und wo lässt sich online Geld verdienen. Noch ist man bei Tamedia zu diesem grossen Schritt nicht bereit. Wird aber noch kommen.

Ringier geht einen andern Weg, weg von der unabhängigen Publizistik und versucht es jetzt mit Ticketing im grossen Stil. In "Blick", "Sobli", SI, ""Blick am Abend" etc. werden künftig Stars, Semi- und Viertel-Promis und deren Events pausenlos hochgepusht, damit die entsprechenden Tickets dann online vermarktet werden können.

In dieser Kombination lässt sich Geld verdienen, weil Ringier künftig das Ticketmanagement in der Schweiz beherrschen wird. Dazu gehört übrigens auch Radio Energy, in das Ringier überproportional viel Geld gepumpt hat. Das macht nur in der beschriebenen Kombination zum Ticktinggeschäft einen Sinn.

Das ist durchaus eine attraktive Variante, führt aber weg von der Publizitik. Ringier produziert die news selber, über die später Ringier-Blätter bez. das Radio berichten werden. Das ist das Konzept "Event company", das bei Ringier jetzt langsam zum Tragen kommt und bei dem der neue "Newsroom" (alle Medien in einem Raum, die sich gegenseitig rasch vernetzen lassen) eine zentrale Rolle spielen wird: Die multimediale Vermarktung des oftmals halt auch dünnen Stöffchens. Die ewigen "Mister" und "Missen"-Stories sind erst der Anfang. Das Gleiche wird im Bereich Mode geschehen. Im Sport zeichnen sich ähnliche Tendenzen ab.

Wie weit die Konsumenten diese Kombi-Geschichte annehmen wird muss man abwarten. Jedenfalls ist es durchaus ein Weg in die Zukunft, Ringier hat da die Nase vorn. Mit unabhängigem Journalismus hat das, wie gesagt, nichts mehr zu tun. Muss ja auch nicht.

Publizistisch stärker wird Ringier erst wieder, wenn der Verlag die wichtigen Titel von "Springer Schweiz" übernehmen kann. Daraus muss unter dem Ringier-Dach (eventuell dann als Holding , an der sich Springer in einer Ueberkreuz-Beteiligung einkauft un d frisches Geld einschiesst) eine eigene Gruppe gebildet werden, die möglichst unabhängig von der "Event company" funktioniert.

Mein Tip: Der Grundsatzentscheid fällt 2010 - falls er in kleinstem Kreis nicht schon gefallen ist. Danach werden sich übrigens auch im online-Bereich "Wirtschaft" zusammen mit cash.ch neue Dimensionen öffnen.

Fred David:

@) Herr Augur-Anonymus (wie wär's übrigens, wenn Sie mal Ihr Pseudonym lüften würden?), ich kann Ihnen nicht in allen Ihren Vision folgen, aber dass es ein annus horribile für den Schweizer Print werden wird, ist sicher nicht zuviel an Kaffeesatzleserei.

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise, von der uns die üblichen Schönredner und -schreiber einreden wollen, sie sei vorbei und schon fast vergessen, werden uns erst 2010 voll treffen. Und was den Medienbereich angeht, trifft diese zweite, die Hauptwelle, auf einen ohnehin geschwächten Grippekranken.

Da man unaufschiebbare Grausamkeiten am besten dann begeht, wenn man die allgemeine Wirtschaftskrise für die Folgen verantwortlich machen kann, ist das Jahr 2010 leider wirklich günstig für sehr einschneidende Massnahmen.

Ich möchte das nicht wie Sie, Edi Augur, so kühl als "Flurbereinigung" bezeichnen, aber ich glaube auch, dass es den Medien letztlich nützen wird, weil weniger durchaus mehr sein kann. Vielleicht wird es sogar den Konsumenten nützen, aber da bin ich mir noch nicht so sicher.

Schaue mer mal mit einiger Spannung, was da auf uns zurollt. "Die Schwimmweste befindet sich unter Ihrem Sitz. Beim Ziehen der Lasche links oben bläst sich die Weste von selbst auf ..."

Hoffentlich ist überall noch Luft drin. Reservewesten sind nämlich keine an Bord.

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