Letzte Woche wurde das Erscheinen der Gratiszeitung «News» definitiv eingestellt. Kommuniziert wurde dieser Vorgang als Aufgabe eines nicht rentablen Projektes. Richtig hätte die entsprechende Verlagsmitteilung aber lauten müssen:
Ziel erreicht – «News» wird eingestellt
Sinkende Auflagen, schwindende Leserschaft, bröckelnde Anzeigenpreise und offensive Internetstrategien haben die Medien- und Verlagsbranche in der Schweiz an den Rand des Abgrunds gebracht. Einige Verlagshäuser werden das Jahr 2009 mit roten Zahlen abschliessen. Die Strategie der zahlreichen Gratiszeitungen hat sich damit bewährt, eine gezielte Schwächung der Branche ist eingetreten. Damit hat «News» weitgehend seinen Zweck erfüllt und wird nun per sofort liquidiert. Sollten sich die Zeitungsverlage in den kommenden Jahren erholen, werden wir uns eine Neuauflage des Projekts allerdings vorbehalten.
Alles ist zur rechten Zeit gekommen. Als die Verlage in der letzten Hochkonjunktur noch anständige Gewinne schrieben, haben die Gratiszeitungen den Markt gelehrt, für Inhalte nichts mehr zu bezahlen. Danach hoffte man auf den Internet-Hokuspokus und beschädigte damit den Print weiterhin und nachhaltig. Schliesslich drückte die Rezession auf die Werbeerlöse und machte das traditionelle Preisgefüge bei den Anzeigen zur Makulatur. Die beiden Standbeine eines jeden Zeitungsverlags, Vertriebs- und Anzeigenerlöse, sind heute teilamputiert.
Natürlich sinnt die Branche über Besserung nach. Die Verleger denken jetzt daran, das fahrlässig verschenkte Internet kostenpflichtig zu machen. Allerdings werden sie so lange darüber nachdenken, bis es nichts mehr nachzudenken gibt. Deshalb beschäftigt man sich nun in Seminaren mit dem Geschäftsmodell der Zukunft. Doch diese Veranstaltungen scheinen allesamt vom schweizerischen Verband der Bestattungsunternehmen gesponsert zu sein. Alle diese soziologisch, psychologisch und philosophisch geschulten Medienberater haben ein Geschäftsmodell entwickelt, das darin besteht, Verleger, Chefredaktoren und Journalisten zu zeigen, dass sie während ihrer bisherigen Karriere Versager waren und auch keine Chancen mehr haben, sich zu bessern.
So verkündete Mitte November auf einer Fachtagung der Publicitas-Tochter web2com in Zürich eine Kölner Professorin: «Print ist tot». Auf diese Aussage folgte ein Powerpoint-Tsunami, an dessen Ende nicht einmal mehr die Referentin zu begreifen schien, was denn der Ausweg aus dem Print-Grab sein könnte. Das Nachfolgereferat auf die Professorin hielt ein Münchner Publizistik-Tausendsassa mit einem gewaltigen Rossschwanz. Er gab den Anwesenden den Ratschlag, alle Inhalte zu verschenken, da diese eh nichts mehr wert seien. Geld verdienen liesse sich nur noch mit Services aller Art. Dem Metzgermeisterverband würde er wohl den Tip geben, Braten und Koteletts zu verschenken und dafür die Kräuterbutter zu fakturieren.
Die epidemisch anwachsende Berater- und Forschungstätigkeit im Mediensektor lässt arbeitslose Journalisten immerhin auf einen neuen Job in diesem Bereich hoffen, nachdem nun auch noch die Umfrage-Industrie durch die Minarett-Schlappe des Herrn Longchamp ins Wanken geraten ist. Wieso beraten wir uns nicht alle gegenseitig? Ein Beratungs-Schneeballsystem wäre wohl krisenresistenter als Investitionen in sog. alte Medien.
P.S. An oben erwähnter Veranstaltung riet Kurt W. Zimmermann den Verlagen zu einer Halte-Stretegie. Will heissen: Möglichst lange die alten Geschäftsmodelle gegen Neuerungen verteidigen und aggressiv um neue Leser und Inserenten werben. Wie schrecklich müssen die Zeiten sein, wenn ausgerechnet der gute alte Kurt W. unser letzter Hoffnungsfunke ist!
Andrea Masüger ist Publizistischer Direktor der Südostschweiz Medien.
Buhu, das hat ja niemand kommen sehen … Der einzige Grund für die Existenz von News war doch, die unliebsame Konkurrenz zum eigenen Flagschiff 20 Minuten – also .ch und heute bzw. Blick am Abend – mittels Akquise von Werbung aus dem Markt zu drängen. Dies ist gelungen, der Moor hat seine Schuldigkeit getan und kann, jetzt da Bern auch fest in Zürcher Boulevardhänden ist, gehen.
Die selbe Kannibalen-Strategie fährt auch der Autor, in seiner Eigenschaft als Faktotum von Südostschweiz-Zampano und el maximo lider der Schweizer Presse, Lebrument. Heiteres Kannibalisieren am Sonntag ist da angesagt.
Und was Kurt W. anbelangt – seine Empfehlungen decken sich doch mit dem, was die Schweizer Presse bzw. deren Präsident (s. oben) schon lange rumposaumen: Online ist böse (alles Raubkopierer!), Google kriegen wir schon noch klein (O-Ton: “hat Angst vor uns!”) und überhaupt, das Internet? Gibt es das noch? Halten (um jeden Preis) ist also schon längst Realität. Weiss Herr Masüger nicht, was sein Boss so von sich gibt? Oder will er es nicht wissen?
Können Sie, Herr Masüger, mir noch einmal im Detail erklären, weshalb das Faktum, dass alle Tageszeitungen in der Schweiz bereinigt um neue Mitglieder in Zeitungsverbünden seit mehr als zehn Jahren Leser verlieren, auf das vor zwei Jahren erstmals erschienene News zurückzuführen ist? Und warum das z.B. auch im Fall der Bündner Zeitung (heute Südostschweiz Ausgabe Graubünden) so ist, obwohl News in diesem Gebiet gar nicht verteilt wurde?
Ich möchte gerne drei Fragen beantwortet haben (…und werde auf die Antwort bis St.Nimmerlein warten müssen…)?
1. Wieviel Geld und Substanz in summa hat diese absurde “Gratis”-Schlacht gekostet: cash daily, heute, .ch, news, le matin bleu? Es sind Dutzende und Dutzende von Millionen.
2. Warum haben es die Schweizer Grossverleger – so viele sind es ja nicht – nicht geschafft, sich VORHER zu verständigen, niemanden mit einem Gratisblatt auf den Markt zu lassen? Falls es einer von aussen versuchte, hätte man immer noch ein Konkurrenzprodukt zur Abwehr aufbauen können. In “20minuten” hätte man sich von Anfang an 50:50 teilen können. In Deutschland hat das so funktioniert – und die Medienhäuser haben enorm viel Geld für Gescheiteres gespart.
3. Ist Gier strafbar? Oder kriegt man dafür irgendwann einen Ehrendoktortitel der Uni Züri? Der müsste dann wohl an die Tamedia-Chefs gehen, auch 50:50. Der eine kriegt das “D”, der andere das “r”; der “.” wird an die Redaktionen verliehen
@ Fred David zu 2.:
In Deutschland pulverisierte bekanntlich das potente Kartell DuMont-Springer den Marktneuling “20 Minuten” durch gezielte Dumpingmassnahmen. Eine mutige Wettbewerbsbehörde hätte Springer und DuMont zu einer happigen Strafzahlung verdonnert. Dumping zur Verhinderung von Markteintritten führt mittel- und langfristig zu einem Nettowohlfahrtsverlust, weil das Dumping-Kartell nach dem erfolgreichen Versenken des neuen Konkurrenten wieder die Monopolrente einkassiert.
Vorausgesetzt, dass unsere Wettbewerbsbehörden richtig gehandelt hätten, wären die Verleger bei einer Absprache verurteilt worden. Meines Erachtens haben Zeitungsverlage kein Recht auf Monopol- bzw. Kartellbildung. Wenn die Konsumenten eine Gratiszeitung nachfragen und es sich auch für Produzenten lohnt, dann ist eine Gratiszeitung ein volkswirtschaftlicher Segen. Klar ist dabei: Die Konsumentenrente wächst, die Produzentenrente für die Bezahlzeitungen wird kleiner. Deshalb wehren sich die meisten Journalisten ja gegen Produktinnovationen: Sie wollen für das, was sie gerne machen, Geld verdienen. In einer funktionierenden Marktwirtschaft verdient man aber Geld, wenn man das macht, was die Konsumenten wollen. Dass sich die Verleger eine (Gratis-)Keilerei leisteten, finde ich wunderbar. Das ist ein Zeichen dafür, dass Wettbewerb herrscht. Im Prozess der kreativen Zerstörung hat es nun “.ch”, “cash daily” und “News” getroffen. “Blick am Abend” und “20 Minuten” dagegen sind sowohl für die Konsumenten als auch für die Produzenten eine Bereicherung.
Andrea Masüger > Herzliche Gratulation für den Satz: «Dem Metzgermeisterverband würde er wohl den Tip geben, Braten und Koteletts zu verschenken.» Meine Rede seit anno tubak! Doch für solche Sätze werde ich hier regelmässig geteert und gefedert von der gratisreligiösen Community.
Skeptiker > Wer die «Gratis-Keilerei wunderbar» findet, vergisst eines: Bei den eingestellten Gratisblättern waren Menschen angestellt, die sich für ihren «Arbeitgeber» eingesetzt haben, und die jetzt auf der Strasse stehen, die nicht wissen, wie ihre Zukunft aussieht, die stempeln müssen, sich im RAV schikanieren lassen, und viele Arbeitslose haben wegen ihrem Stellenverlust massive gesundheitliche Probleme. Das ist nicht nur die Kehrseite, sondern die logische Folge des menschenverachtenden Turbo-Kapitalismus.
Wer das einfach nur «wunderbar» findet, muss sich von mir – einmal mehr – den Vorwurf des Zynismus gefallen lassen.
@) Skepdicker: Ich gebe Ihnen Recht, es ist an sich nicht schön, was Springer und DuMont gemacht haben, aber illegal war es nicht. In der Folge war es gut für den gesamten deutschen Print-Markt.
Voraussetzung für ein ähnliches Vorgehen in der Schweiz wäre die Aufteilung von “20minuten” zwischen Ringier und Tamedia gewesen. Diese Machtteilung hätte auch die schweizerische Monopolkommission wohl akzeptiert. Die hat schon ganz anderes akzeptiert. Es ging ja nicht um verbotene Preisabsprache und es wäre kein echtes Monopol entstanden.
Jetzt ist man fast am gleichen Punkt angelangt, hat aber einen Haufen Geld ziemlich sinnlos verbrannt, das für andere Investitionen dringend gebraucht würde.
Und wie lange “Blick am Abend” durchhält, wird man sehen. Es wird nicht leicht sein.
@ Bobby California:
Wenn jemand ein Produkt anbietet, das nicht nachgefragt wird (und folglich netto Wohlfahrt vernichtet), dann hat diese Unternehmung keine Daseinsberechtigung. Das Arbeitsplatzargument, das übrigens auch gerne von der Arbeitgeberseite und Lobbys veralteter Branchen oder Unternehmen vorgebracht wird, zieht halt einfach nicht. Langfristig schadet Strukturerhaltung. Hätte man die Schreibmaschinen- , Postkutschen- und Dampflokomotivenhersteller gegen den bösen Turbo-Kapitalismus verteidigt, dann hätte man kurzfristig ein paar Arbeitsplätze erhalten, langfristig hätte man aber niemandem einen Gefallen getan. Strukturerhaltung ist der Versuch, einen fahrenden Zug mit blossen Händen zu bremsen. Wo Strukturerhaltung hinführt, sieht man bei der US-Autoindustrie: Die nach staatlichen Privilegien süchtigen Strukturerhaltungsjunkies wurden von den Anpassungsfähigen im Wettbewerb zur Schnecke gemacht. Und als Therapie verlangten (und bekamen) die Junkies nun mehr Dope.
Natürlich fallen jedem Quadrillionen von Gründen ein, warum ausgerechnet er vom Wettbewerb verschont werden sollte. Wer stellt schon gerne ein Produkt her, das zwar dem Kunden gefällt, nicht aber einem selber? Wer möchte nicht eine höhere Marge, mehr Gewinn, einen höheren Lohn? Wer möchte nicht die Gewissheit, dass sein Unternehmen eine 200-jährige Überlebensgarantie hat? Eine beliebte Strategie einer gefährdeten Branche ist, dass man die staatspolitische, gesellschaftliche oder volkswirtschaftliche Wichtigkeit der eigenen Branche heraushebt, um eine Sonderbehandlung zu erwirken. Das geht so weit, dass die Lobbys ihre PR-Argumente sogar glauben. Die Bauern z.B. glauben z.T. tatsächlich daran, dass sie als nationale Landschaftsgärtner unerlässlich seien. Die Banken stellen sich als patriotische CH-Steuerzahler dar, obwohl sie aus wirtschaftlichen Gründen in der Schweiz bleiben. Und die Journalisten der Bezahlzeitungen verstehen sich als vierte Gewalt, obwohl sie in ihren Grundpositionen grossmehrheitlich affirmativ sind.
Als NZZ-Fan würde es mich hart treffen, gäbe es irgendwann keine NZZ mehr. Aber warum ein Dorf wie Bern untergehen soll, wenn es dort nur noch eine Zeitung gäbe, will mir nicht ganz einleuchten. Natürlich wäre es schön, wenn es in Bern weiterhin zwei Zeitungen gäbe (insbesondere den “Bund” würde ich vermissen). Aber wenn es wirtschaftlich nur noch für eine Zeitung reicht, dann soll es halt so sein. Von “Facts” redet heute auch keine Sau mehr. Und auch viele Tages- und Sonntagszeitungen würde kaum jemand vermissen.
Ich bin kein grosser Fan von Blogs und schon gar kein Feind der “Holztöter”. Aber auch Ihr von den klassischen Bezahlzeitungen müsst Euch der Welt anpassen. Früher wurde z.B. die NZZ, da bin ich mir sicher, von vielen als Prestigeobjekt genutzt. Und jede Beiz musste Bezahlzeitungen abonnieren. So konnte eine Auflage generiert werden, die eigentlich nichts mit dem Produkt an sich zu tun hatte.
Heute präsentiert man lieber sein iPhone und die Beizen begnügen sich oft mit “20 Minuten”. Dann müssen eben die “richtigen” Leser zur Kasse gebeten werden. Ein Jahresabo der NZZ von 500 Franken ist doch ein Witz. 1’000 Franken wären angemessen.
Danke für den Einwurf, @Skepdicker, bedenken sollte man aber, dass ein Jahresabo, das 1000 Franken teuer ist, den Zugang zu den wichtigen NZZ-Informationen für einige Geringverdiener verunmöglicht. Mir zum Beispiel, und das jetzt als Feststellung und nicht im Jammerton, sind schon die 400 Franken zu teuer.
Davon abgesehen bin ich sehr einverstanden. Zur Marktwirtschaft gehört, dass Teilnehmer, die Produkte herstellen, nach denen keine Nachfrage besteht, sterben. Geholfen werden kann auf vielfältige Weise. Der Schrei nach Steuergeldern ist nichts mehr als die einfallsloseste und uninspirierteste Idee.
@Andrea Masüger: “Wieso beraten wir uns nicht alle gegenseitig?” Machen wir das denn nicht hier?
Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie glauben, es sei damit getan, “möglichst lange die alten Geschäftsmodelle gegen Neuerungen verteidigen und aggressiv um neue Leser und Inserenten werben”? Wenn ich die Strategien der Schweizer Verlage ansehe, habe ich tatsächlich seit Jahren keinen anderen Eindruck. Schon seltsam, dass es trotzdem so steil bergab geht, und das immer schneller, nicht?
Worin genau besteht denn der “Hoffnungsfunke”, den sie am Leben halten möchten?
Skeptiker > Sie weichen vom Thema ab. Dass ein Produkt, das niemand will, nicht länger produziert wird, ist logisch. Da hab ich nichts dagegen. Doch beim Produkt News sieht die Ausgangslage ganz anders aus: Es war von Anfang an klar, dass das Produkt nur eine Abwehrmassnahme gegen neue Produkte der Konkurrenz ist. Das ist eben das Unmenschliche an der Strategie hinter News: Menschen, also Journalisten, dienen einzig als Manövriermasse. Und wenn Sie, Skeptiker, es wunderbar finden, dass Leute angeheuert und gefeuert werden (beim Vorgängerprojekt Express wurden die Leute ja sogar gefeuert, bevor es losging), wenn Sie das lustig finden, dann solidarisieren Sie sich mit Managern, die unmenschliche Geschäftspraktiken anwenden. Die Angestellten, die jetzt arbeitslos sind, zahlen den Preis für die Kriegsspiele der Manager. Aber das ist Ihnen, Skeptiker, völlig egal.
Dieses Gejammer geht mir auf den Keks. Journalisten sind Wissensarbeiter.
Sie wussten, dass sie bei News als Soeldner angestellt werden.
boeser manager > Ich jammere nicht. Ich bin nur dagegen, dass man das Gratiszeitungs-Massaker «wunderbar» nennt. News war nicht sportlicher Wettbewerb, sondern die Pervertierung des Wettbewerbs.
Fairer Wettbewerb wäre es gewesen, wenn Tamedia gesagt hätte: OK, wir schauen, welches Produkt sich durchsetzen wird: .ch oder 20Minuten. Dass man noch einen draufsetzte und die Konkurrenz mit einem weiteren Konkurrenzprodukt konkurrenzierte, hat niemandem gedient ausser den Tamedia-Aktionären. Den Preis zahlen die Kollegen, die jetzt auf der Strasse stehen.
Die Nachricht vom Donnerstagabend, dass News eingestellt wird, bremste am Freitag den Kursrückgang der Tamedia-Aktie und führte am selben Tag zum Anstieg des Aktienwerts. Für die Aktionäre war also die Einstellung von News ein Vorteil. Ist ja auch logisch. Das Blatt verschlang nur Geld. Leider ist damit eine weitere California-Mär entkräftet: Dass nämlich News zur Freude der Aktionäre unterhalten wurde. Mit dem Aktiengewinn kaufe ich mir jetzt eine Flasche Wodka.
@ Bobby California:
Ja, ich solidarisiere mich mit den Managern. Manager haben die Aufgabe, für den langfristigen Erfolg ihres Arbeitgebers zu sorgen. Jeder halbwegs intelligente Beobachter wusste, dass “News” in der Unternehmungsstrategie lediglich ein Suizidkommando gegen “.ch” war. Und jeder halbwegs intelligente Bewerber informiert sich vor einem Stellenantritt über die Strategie seines Arbeitgebers.
Die Strategie ist aufgegangen, den Managern ist zu gratulieren. Wer sich nicht einer “unmenschlichen” Strategie einer gewinnorientierten Unternehmung unterordnen will, soll halt bei der Kirche oder einer NGO arbeiten. Eine Alternative ist auch die Gründung einer eigenen Firma. Oder man kann sich ja bei der “WoZ” bewerben, wo die Löhne und Arbeitsbedingungen paradiesisch sein sollen.
Ich bin plötzlich umgeben von Manager-Verstehern. Hilfe!
Skeptiker > Es stimmt einfach nicht, was Sie schreiben. Manager haben heute nicht mehr die Aufgabe, «für den langfristigen Erfolg ihres Arbeitgebers zu sorgen.» Richtig ist: Manager haben heute die Aufgabe, für den maximalen Profit der Aktionäre zu sorgen. Wir wissen, dass Tamedia eine für ein Medienunternehmen unerhörte Rendite von 20 Prozent anstrebt. Wer den Managern für diese unanständige und geistlose Blutsauger-Strategie gratuliert, findet es toll,
- wenn die Reichen immer reicher werden,
- wenn immer mehr Journalisten mit prekären Anstellungsbedingungen leben müssen und heute angeheuert und morgen gefeuert werden,
- Arbeitnehmer immer mehr unter Druck, Stress und dadurch verursachte Krankheiten leiden,
- wenn die Zeitungen immer seichter werden.
Ihr zynischer Hinweis auf Kirchen und WoZ hilft niemandem weiter. Die wenigsten Leute können es sich leisten, zu einem selbstausbeuterischen Lohn zu arbeiten.
Gieriger Spekulant > Nichts haben Sie entkräftet. Selbstverständlich war News mittelfristig gut für die Aktionäre – weil damit ein Konkurrent vom Markt gedrängt werden konnte.
Es wäre schön, wenn es hier nicht wieder zu einem Zwei-Lager-Fight käme.
@) Ronnie Grob und Skepdicker: Das NZZ-Abo für 1000.- statt für 500 Franken (nur mal als Beispiel)?
Ja, klar, es geht gar nicht anders. Ich finde das durchaus richtig. Wer besser informiert werden will, muss mehr bezahlen. Wem das schnuppe ist, der findet andere Möglichkeiten.
Print-Leser werden in wenigen Jahren Elite sein. Wer statt eines Abos lieber ein paar Mal öfter im Jahr auswärts Essen geht oder ein zusätzliches Wochenende in Paris verbringt – das muss jeder selber entscheiden. Die Summen, um die es hier geht, sind, aufs Jahr gerechnet, ja nicht unüberschaubar.
Das ist auf andern Gebieten doch schon längst so. Wenn ich über das Grundangebot meiner Krankenkasse hinaus mehr will, muss ich mehr zahlen. Vielleicht sind mir stattdessen zwei Wochen auf den Malediven wichtiger. Das ist aber dann allein meine Entscheidung.
Alles für alle zum Sparpreis geht sicher nicht mehr.
Was das Management anzustreben hat, wird von den Eigentümern bzw. Aktionären vorgegeben. Das ist richtig.
Ihre Auflistung von linkspopulistischen Stammtischparolen tut nichts zur Sache. Fakt ist, dass jedem vorgängig klar war, dass “News” eine temporäres Projekt sein wird. Fakt ist, dass das Suizidkommando “News” im Interesse des Unternehmens war. Fakt ist, dass es eine schlechte Idee ist, im Jahre 2009 auf den Beruf Journalist zu setzen, weil das Angebot an Journalisten einfach grösser ist als die Nachfrage nach Journalisten. Fakt ist, dass es den zahlreichen Jammer-Journalisten offensteht, eine Genossenschaft zu gründen, die eine anspruchsvolle Zeitung herausgibt, hohe Löhne zahlt, nicht gewinnorientiert ist und tolle Arbeitsbedingungen bietet.
Gewiss war das Ende von News von Anfang an absehbar. Das ist aber ein schwacher Trost für die Journalisten, die jetzt auf der Strasse stehen.
Wenn ich die abgelöschten Gesichter der Leute in der S-Bahn anschaue, denke ich mir: Viel mehr Leute sollten die Gelegenheit haben, als Journalist zu arbeiten. Es ist einer der spannendsten Berufe, und es ist wirklich jammerschade, dass immer weniger Leute in diesem Beruf arbeiten können.
Kann schon sein, dass ein Zeitungsabo bald 1000 Franken kostet. Im Gegensatz zu meinen Vorrednern finde ich das aber nicht begrüssenswert, sondern eine Katastrophe. Wenn sich nur noch Reiche ein Zeitungsabo leisten können, dann ist die Mehrheit der Bürger ungenügend informiert. Bauch-Entscheide wie am letzten Abstimmungssontag werden dann die Regel sein.
Ich sehe nur eine Lösung: Der Staat muss einspringen und die Printmedien unterstützen, so wie bei der SRG. Information muss als Service public verstanden werden. Spendable Milliardäre sind keine optimale Lösung, denn sie werden à la Tettamanti ihre Interessen einbringen wollen.
@)Bobby California: “Information muss als Service Public verstanden werden”.
Zum Teil ist das sicher richtig. Ohne diesen Service funktioniert die direkte Demokratie nicht mehr. Das eine bedingt das andere.
Der Staat bez. die Oeffentlichkeit hat den Medien gegenüber tatsächlich auch eine Bringschuld. Darf man nicht laut sagen, ist aber so.
Nur: Der Staat als Financier? “Carli Hirschmann & Co” staatlich subventioniert?
Für die SRG gibt es eine staatlich verordnete Zwangsfinanzierung durchs Publikum. Es ist einem nicht wohl dabei. Auf der andern Seite kann man natürlich fragen: Warum geniesst nur die SRG dieses Privileg? Es ist nicht mehr zu rechtfertigen. “20minuten” hat eine höhere “Einschaltquote”.
Es ist ein sehr vertracktes Thema, um das Journalisten einen grossen Bogen machen. Sie sollten sich ernsthafter damit befassen. Es betrifft unmittelbar ihre Existenz. Und dfie Zeit drängt.
Eine – kleine – Sofortlösung wäre beispielsweise, dass man Tages- und Wochenzeitungsabos generell von der Steuer absetzen kann. Könnte im Parlament schon in der nächsten Session umgesetzt werden, ebenso in den Kantonsparlamenten. Man kann schon, wenn man wirklich will.
Die beste Lösung wären Stiftungen, die Tageszeitungen (und natürlich auch online-Dienste) herausgeben. Aber dazu bräuchte es zunächst einmal ein paar sehr, sehr reiche Leute, die diese Notwendigkeit erkennen. Das Geld ist vorhanden, die Leute sind auch da. Man muss sie nur noch überzeugen können….
Am Ende sind mir deutlich höhere Abo-Preise dann doch noch lieber. Aber ob das reicht? Jedenfalls ist es ein wichtiges Thema, denn was man so hört, brennt’s dem einen und andern Medienunternehmer schon allmählich unter den Füssen.
Fred David > Der Staat hat tatsächlich eine Bringschuld, man darf es auch laut sagen. Auch Politiker wie der Ex-SP-Präsident Hansjürg Fehr haben das Problem erkannt und äussern sich in diesem Sinn. Man könnte mit einem Leistungsauftrag sicherstellen, dass die Qualität stimmt. Genau so, wie das heute schon bei Radio und TV funktioniert. Ein bisschen «Carli» darf sein, solange die Zeitung auch anderes bietet.
Ich würde auch 1000 Franken hinblättern für ein Zeitungsabo. Aber das Problem ist, dass viele Leute einen so hohen Preis nicht zahlen können oder nicht wollen. Die Folge wäre, dass sich viele Leute dann nur noch via Internet, TV und Gratispresse «informieren» würden, und das wäre ganz einfach katastrophal für unser Staatswesen. Die Demokratie funktioniert nur dann, wenn sich möglichst viele Leute fundiert informieren.
@ Bobby California / Fred David:
Ich glaube nicht so recht an die staatspolitische Funktion der Zeitungen. Die meisten Nicht-Bezahlzeitungsleser (selbst unter Studenten die absolute Mehrheit) würden “20 Minuten” auch einem Gratis-Tagi vorziehen. Die empirische Probe kann man übrigens abends im Zug machen, wenn die herumliegenden Bezahlzeitungen gegen die Gratiszeitungen im Popularitätstest haushoch verlieren. Der Grund dafür ist sehr einfach: Viele Menschen interessieren sich kaum für Politik und Wirtschaft. Die Nicht-Bezahlzeitungsleser schauen meines Wissens auch kaum je Arena, Nachrichten, Club, Rundschau etc. – dafür Spiel- und Kochshows, Spielfilme und Sport (alles Sendungen, die meines Erachtens nicht ins Programm eines Staatsfernsehens gehören).
Deshalb meine These: Eine massive Subventionierung der Zeitungsbranche würde keinen Beitrag zur Demokratie leisten. Ob sich jemand für Politik interessiert, ist eine Frage der Sozialisation. Untersuchungen ergaben, dass es sich bei der Behauptung, die Menschen seien früher insgesamt politischer und besser informiert gewesen, um einen Mythos handelt. Tendenziell stimmt sogar das Gegenteil. Obwohl früher mehr Zeitung gelesen wurde.
Denn früher wurde eine Zeitung auch von unpolitischen Menschen gelesen. Wo bekam man sonst die Sportresultate und Meldungen über Katastrophen etc. her? Heute sind unpolitische Menschen nicht mehr auf eine Zeitung angewiesen. Das ist schlecht für die Zeitungen, aber gut für die Konsumenten. Und ob es sich bei diesem Wandel wirklich um ein staatspolitisches Drama handelt, wage ich zu beweifeln.
…1000 Fr. für ein Abo bedeutet 3.21 Fr. pro Ausgabe oder einen Tasse Kaffee.
Wenn “das Volk” über komplexeste Themen entscheiden will, muss “das Volk” sich gefälligst auch entsprechend informieren und seinen Horizont erweitern, der womöglich auch ein wenig über die Schweizer Grenze hinaustreicht – und das kostet halt Zeit und Geld. Demokratie ist nicht gratis.
Und “das Volk” – bez- dessen Vertreter – sollen sich gefälligst auch aktiv Gedanken darüber machen, wie diese Information “des Volkes” künftig finanziert werden kann.
Medienunternehmen dürfen ruhig offensiver diese Karte spielen. Der Zeitpunkt wäre günstig, das entsprechend zu thematisieren.
ps. Dann ist aber natürlich auch die Qualität der entsprechenden Medien gefordert.
Skeptiker > Ihre Leute, die sich «nicht für Politik interessieren», können von mir aus Kochsendungen schauen und 20Minuten lesen, solange sie wollen. Von denen rede ich gar nicht. Die sind für die Demokratie sowieso verloren. Ich sprach von einem anderen Segment: von den Leuten, die heute eine Tageszeitung abonnieren, die aber dafür nicht 1000 Stutz ausgeben können oder wollen. Es gibt nun mal viele Leute, für die ein solcher Preis unbezahlbar ist. Zum Beispiel Familien mit vielen Kindern.
Ob ein Zeitungsabonnement wirklich 1000 Franken kosten muss, ist aber von mir aus gesehen offen. Es gibt auch Zeitschriften, die gar keine Inserate enthalten und dennoch wenig kosten, zB die Konsumentenzeitschrift Saldo (Abopreis: Fr. 31.50).
…die Schweizer Informationsmedien (Zeitungen, Radio, TV, Online-Dienste) könnten ja mal mitten in der Woche einen “Memory Day” veranstalten: 24 Stunden keine Infos. Null.
Nicht als Streik, sondern einfach mal zur Erinnerung, dass die Leistungen der Medien nicht selbstverständlich sind.
Pech wäre natürlich, wenn das Publikum das als angenehm empfände… Aber spätestens am zweiten Tag würde die Stimmung kippen.
Monsieur Lebrument könnte bei dieser Gelegenheit gleich mal die Loyalität innerhalb des Zeitungsverlegerverbandes testen.
freie marktwirtschaft pur. der kapitalismus zeigt seine hässliche fratze. wir brauchen “change”, endlich.