Hier eine infolge Appendizitis acuta perforata leicht verspätete Lektüreauswahl für die noch verbleibenden Feiertage:
- Frank Schirrmacher: Mein Kopf kommt nicht mehr mit («Spiegel.de»)
- Jo Groebel: Die Herrschaft des Jetzt («Quality»)
- Sascha Lobo: Die bedrohte Elite («Spiegel.de»)
- Klaus Jarchow: Knapp daneben ist auch vorbei («Stilstand»)
- Kathrin Passig: Standardsituationen der Technologiekritik («Merkur»)
- Paul Bradshaw: What’s your problem with the internet? A crib sheet for news exec speeches («Online Journalism Blog»)
- Jay Rosen / Clay Shirky: Disrupted: The Internet and the Press (Video)
Gute Besserung – wir brauchen einen kritischen Medienblog dringender denn je, wenn zum Beispiel ein TA-Redaktor eine von der Caritas bezahlte Reportage (der pure Sozialkitsch, wie die Newsnetz-Leser höhnten) im Blatt vorveröffentlicht und dazu gleich im Kommentar den PR-Text der Caritas herunterbetet.
Von wegen gelöchertem Blinddarm: Ich habe dieses Jahr, obwohl man mich mit Weihnachtsgeschichten jagen kann, eine Weihnachtsgeschichte erlebt, die mich echt berührte. Und die zeigt, was auf dem Web alles möglich ist:
Anfang Jahr stiess ich über die Dylan-Website Expecting Rain auf die Site von Croz, einem mittelalterlichen, erfolglosen kanadischen Musiker. Er hat sämtliche Theme Time Radio Hours von Dylan zum Downloaden archiviert, dazu gibt es – als Veranschaulichung von Tyler Cowens Buch “Create Your Own Economy” über die Wertschöpfung auf dem Web, das dieses Jahr erschien – eine ganze Wertschöpfungskette: Auf anderen Seiten ist alles zu den Songs dokumentiert, die Dylan spielte, und ein Grafiker machte sehr schöne Covers zu allen Folgen. Daneben verbreitet Croz aber auch viele viele andere Bootlegs, von Klassik über das Newport Jazz Festival 1959 bis zu aktuellen Dylan-Gigs.
Im Sommer kündete er an, er starte jetzt seine Arche, dabei sei, wer das Unternehmen in irgend einer Form unterstütze. Seither ist der Blog geschlossen, mit offensichtlich etwa tausend Beteiligten in aller Welt. Anfang Dezember kündete Croz an, er ziehe sich über die immer schwierigen Weihnachtstage zurück; später stellte sich heraus, dass er ein schweres Alkoholproblem hat und einmal mehr in den Entzug ging. Die Reaktion war überwältigend: Hunderte von Einträgen dankten ihm für seine Arbeit, tauschten Erfahrungen aus, gaben ihm Ratschläge und sprachen ihm ihre Unterstützung aus – Croz hat also eine virtuelle Familie gefunden.
Könnte sich lohnen, das Modell zu kopieren.
Gut ausgewählte Links sparen Zeit, bringen viel. Danke! Darf man nicht nur an Festtagen machen. Ich weiss: ist viel Arbeit. Aber genau hier zeigen sich die unschlagbaren Vorteile des web, und auch, wie prima print und web zusammenspielen können.
…und Schirrmacher ist einfach top.
Bobby California wünscht Gute Besserung und einen guten Rutsch!
Gute Besserung auch von meiner Seite. Leider funktionierte der Bradshaw-Link nicht? Und @Schär, die Caritas-Sause fand ich auch ganz schlimm. Wusste allerdings bis zu Ihrer Präzisierung nicht, weshalb.
Herr Schär, diesmal haben sie den bogen überspannt. Sie werfen ihrem redaktionskollegen vom tages-anzeiger vor, PR für die caritas zu machen. Und das ausgerechnet sie, der neben seiner tätigkeit als redaktor der sonntagszeitung auf dem payroll vom neoliberalen thinkthank avenir suisse stehen. es ist kein geheimnis, dass sie als sprachrohr von thomas held und einflüsterer der chefredaktion die berichterstattung der sonntagszeitung massgeblich beeinflussen. Es ist auch kein geheimnis, dass sie PR für den luzerner privatbanker karl reichmuth machen. Es reicht zudem nicht, dass sie als ghostwriter reichmuths trivialliteratur („wege aus der finanzkrise“ – ausgerechnet!) fürstlich entlohnt werden. Nein, sie versuchten und versuchen weiterhin gar aktiv, die berichterstattung über reichmuths bank und sein pleite-investment bei madoff zu verhindern. Höchste zeit, markus schär genauer unter die lupe zu nehmen.
sonofabitch > Herzlichen Dank für Ihre interessanten Informationen. Ich kannte den Hintergrund des «Sozialkitsch»-Kommentators nicht, das spricht jedoch Bände. Bekanntlich leben in unserem stinkreichen Land rund eine halbe Million Leute unter der Armutsgrenze. Es ist wichtig, dass man die Zeitungsleser ab und zu darauf hinweist. Der Kitschvorwurf zielt meilenweit daneben und ist besonders «gschämig», wenn er aus der ach so feinen Privatbanken-Szene kommt. Mit einem Bruchteil der Banker-Boni könnte man die Armut in der Schweiz beseitigen. Ach ja, ich vergass: aus der Optik der neoliberalen Turbos sind wir ja alle selber schuld an unserem Schicksal: die Banker haben sich ihren Reichtum selber geklaut, pardon: selber erarbeitet, und die Armen sind eben zu dumm oder zu faul, um reich zu werden. So einfach ist das.
Dass man bei der Sonntagszeitung als Redaktor arbeiten und gleichzeitig für Avenir Suisse tätig sein darf, finde ich mehr als merkwürdig. Ein guter Journalist muss zwingend unabhängig sein von politischen und politisierenden Institutionen irgendwelcher Art.
Die Reportage im Tagi war übrigens als Vorabdruck gekennzeichnet, ich sehe da nun wirklich kein ethisches Problem.
Mit dem Konter war ja zu rechnen, vielleicht nicht gerade von einem “Kollegen”, der seine notorischen Tiraden hier nur anonym zu äussern wagt. Also, schaffen wir Transparenz (obwohl für alle, die lesen können, mein Name schon bisher bei allem stand, was ich für SonntagsZeitung, Avenir Suisse und Karl Reichmuth schrieb): Mein Fall ist wenigstens insofern von allgemeinem Interesse, als heutzutage viele Kollegen in derselben Lage sind wie ich, seit ich im Sommer 2007 von der SonntagsZeitung mit einem 50-Prozent-Pensum aus der Konkursmasse von Facts übernommen wurde:
Die KollegInnen von Avenir Suisse sind so gute Autoren und gescheite Experten, dass sie ohne PR-Bemühungen von allen ernstzunehmenden Medien für Texte, Interviews und Statements angefragt werden. Es ist eher ein Nachteil für sie, dass ich für die SonntagsZeitung arbeite und peinlich darauf achte, dass immer klar ist, wer mich bezahlt: Die KollegInnen (mit Betonung auf dem grossen I) beklagen sich immer wieder, dass ich sie konsequent nicht zitiere. Aber selbstverständlich lerne ich im Umfeld von Avenir Suisse viel zu den Themen, mit denen ich mich seit Jahren als Journalist beschäftige: Das kommt der SonntagsZeitung zugute, selbst wenn wir, wie zuletzt bei der Einwanderung, im Blatt eine ganz andere Linie fahren.
Für Karl Reichmuth – nicht seine Bank – machte ich 2007 das Buch „Weg aus der Finanzkrise“ (im ganzen deutschsprachigen Raum anerkannt der einzige zielführende: Entscheid und Haftung wieder zusammenführen), für das auch namhafte Wissenschafter schrieben: Das Urteil darüber überlassen wir getrost dem Publikum. Die Geschichten über die peinliche Verstrickung der Bank Reichmuth in den Madoff-Skandal, bei denen die SonntagsZeitung führend war, las ich jeweils am Sonntagmorgen in der Zeitung. Aber ich recherchierte einmal, als sich Karl Reichmuth über die Attacken von Prof. Dr. Daniel Fischer beklagte, ohne Auftrag zur eigenen Unterhaltung ein Wochenende lang, was es mit der akademischen Karriere des bankenkritischen Anwalts auf sich hat. Es war eine gute Geschichte, aber die Chefs fanden, die SonntagsZeitung könne sie wegen meiner Befangenheit grundsätzlich nicht bringen. (Ich verschenke das Material an Interessierte.)
So weit, so langweilig. Aber das Thema ist grundsätzlich wirklich eine Debatte wert. Also: Warum wähnt mich ein „Kollege“ gleich von der Versicherung gekauft, wenn ich einen Schleudertrauma-Fall, den ich seit Jahren verfolge, anders beurteile als er, der sich ausschliesslich auf die Sicht des „Opfers“ stützt? Oder weshalb berichtet im selben Blatt ein Kollege stolz von einem Seminar in Kopenhagen, an dem Journalisten aus 120 Ländern lernten, wie die „Klimawahrheit“ des IPCC rüberzubringen ist? (Titel des Artikels war übrigens: „Zum Frühstück eine frohe Botschaft“.)
und dann versucht er sich mit diesem sozialkitsch über den dylan-fan im medienspiegel als caritas-kritischer, aber altlinker blogger anzubiedern. das ist geradezu hinterfotzig und erinnert mich an manipulationen neoliberaler lobbyisten-gruppen in washington.
sonofabitch > :-*
Markus Schär > Das nenne ich nun eine arge Beschönigung der Fakten:
- Dass Facts eingestellt wurde, ist schade, aber bitte betreiben Sie hier keinen Journi-Sozialkitsch: Drohende Arbeitslosigkeit ist kein Grund, um die drohende Vermischung von PR und Journalismus schönzureden;
- Die KollegInnnen von Avenir Suisse sind ach so gescheit… Aber Herr Schär, das war jetzt wirklich billig. Avenir Suisse ist nicht dazu da, um gescheite Leute heranzuzüchten, sondern um knallharte Wirtschaftsinteressen durchzusetzen, das wissen Sie doch genau so gut wie alle;
- es ist ein Nachteil für Avenir Suisse, dass Markus Schär für die SoZ arbeitet: dieser Quatsch muss nicht weiter kommentiert werden;
- ich lerne viel im Umfeld von Avenir Suisse: ach wie schön für Sie. Nochmals: Avenir Suisse ist ein PR-Vehikel, keine Lernanstalt. Versuchen Sie nicht, uns Sand in die Augen zu streuen, das ist wirklich zu durchsichtig;
- Das kommt der SoZ zugute: Hier wird es erst richtig peinlich. Es kommt den Lesern eben gerade nicht zugute, wenn ein PR-Agent sich als Journalist betätigt und kräftig mithilft, die Grenzen zwischen PR und Journalismus zu verwischen;
- schön, dass Sie das Schleudertrauma-Thema selber erwähnen, bei dem Sie vom Presserat zu Recht gerügt wurden, weil Sie wild blühende Fantasien über eine angebliche Schleudertrauma-Abzocker-Industrie als Tatsachen verkauften.
Abschliessend von meiner Seite (BC muss ja immer den letzten Geifer haben) nur dies:
@Manfred Joss: Ich kann Ihnen jetzt auch verraten, wer Bobby California ist.
@Martin Hitz: Ich schreibe gerne einmal etwas zu diesem Thema, aber – bei allen Beispielen, die sich aufdrängen – grundsätzlich. (Und @Fred David: Ich habe ein einziges Mal hier unter einem – problemlos zu entschlüsselnden – Pseudonym geschrieben und gezündet, sorry, weil es eben nicht um meine eigene Arbeit ging.
@) Naja, Markus Schär, du hattest mich in deinem Kommentar unter Pseudonym beschuldigt, “Cash” zuschanden geritten zu haben, was ja nun keine Kleinigkeit wäre.
Die Chefredaktion von “Cash” verliess ich Ende 2001 auf eigenen Wunsch, ich hatte meine wohlerwogenen Gründe, und ich zog mich auf die im Impressum als Autor ausgewiesene Position zurück. “Cash” machte fünfeinhalb Jahre später, im Juni 2007, den Laden zu – und dafür übernehme ich nun wirklich keinerlei Verantwortung.
Jetzt können wir uns ja mit offenem Visier ein wenig streiten:
Avenir Suisse wird von Schweizer Unternehmen dafür bezahlt, eine bestimmte Sicht auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik zu verbreiten. Das ist durchaus zulässig, aber es ist alles andere als eine unabhängige Institution.
Ich nutze deren Publikationen auch für meine Arbeit, insbesondere das Zahlenwerk, aber immer in vollem Bewusstsein, dass hinter diesen Publikationen bezahlte Interessen stehen.
Gerade heute hatte ich eine Werbebrief von Avenir Suisse im Briefkasten, zum “vergünstigsten Bezug unserer neuen Publikationen”, zwei Bücher: “Abschied von der Gerechtigkeit” und “AHV – Eine Vorsorge mit Altersblindheit”.
Hmm.
Aber jetzt kommts erst: Den Bon muss ich einschicken an : “NZZ Libro” (der Buchreverlag der NZZ), Postfach 8021 Zürich.
Das ist schon eine sehr, sehr intime Nähe von Interessen. Für den unbefangenen Empfänger ist nicht erkennbar, was da mit wem zusammenhängt.
Avenir Suisse ist eine durchaus ehrenwerte Einrichtung, ihr Direktor, Thomas Held, ist ein kluger Mensch, aber letztlich ist es eine bezahlte Lobby-Veranstaltung.
PR und unabhängigen Wirtschaftsjournalismus kann man nicht gleichzeitig betreiben. Das ist keine Wertung von PR und es ist keine Wertung von Journalismus. Beides geht ganz einfach nicht gleichzeitig zusammen. Es geht nicht. No go.
Wenn sich hingegen eine Tageszeitung von der Caritas (!) korrumpieren lassen sollte – das war dein Vorwurf hier an den “Tages-Anzeiger” – kann man wirklich nur sagen: Gschäch nüt Schlimmers…!
Der Schweizer Wirtschaftsjournalismus steht ja nun nicht gerade unter Generalverdacht , extrem unabhängig, aufmüpfig und kritisch zu sein.
Da wäre eine gründliche Debatte schon mal hilfreich.
Fred David > :-*
Guten Rutsch, und ich bin gespannt auf weitere anregende Denkanstösse made by Fred David im 2010! Deine Kommentare zur UBS sind mir immer noch in sehr positiver Erinnerung!
@Fred David: Gerne, beginnen wir mal mit einer gründlicheren Debatte:
Das Ende von CASH tut hier nichts zur Sache (obwohl es auch eine spannende Debatte wäre, wie viel Wirtschaftskritik bis –feindlichkeit sich eine Wirtschaftszeitung leisten kann / soll). Und zu meinem Interessenkonflikt, also deinem „no go“, nur noch so viel: Ich habe über die erwähnten Avenir-Suisse-Studien, aber auch über den Flughafen, den Telekommarkt, die Ergänzungsleistungen oder die Kantonsbeteiligungen, also die anderen Studien dieses Jahres, in der SonntagsZeitung nichts geschrieben, was diese Themen auch nur streifte. Ich beschäftigte mich schon Jahre vor meiner Tätigkeit für Avenir Suisse mit der IV und der Sozialhilfe. Ich setze mich ziemlich einsam mit der Klimapolitik auseinander, weil Avenir Suisse das Thema angesichts des Opportunismus der Schweizer Wirtschaft schon lange aufgegeben hat. Und ich vertrete beispielsweise in Ausländerfragen teils eine ganz andere Meinung als Thomas Held. Ich sehe also nicht recht, wo da die „sehr, sehr intime Nähe von Interessen“ sein soll.
Der Buchverlag NZZ Libro, von der NZZ nicht nur räumlich distanziert, bringt die Bücher von Avenir Suisse in den Buchhandel, das ist alles – so what? Und Avenir Suisse ist keine Lobbyorganisation, sondern ein Think-Tank; seine Studien schreiben führende Wissenschafter, früher Silvio Borner und seine Schüler, heute Monika Bütler oder Reto Föllmi. Die Schweizer Medien können viel Interessantes über ihre Arbeit berichten (ich tat es eben nicht). Und wenn schon? Kontaminiert sich ein Journalist, der sich mit einer Lobbyorganisation einlässt? Andreas Durisch spricht als ausgezeichneter Netzwerker – was sich nicht allen seinen Kollegen nachsagen lässt – selber mit Walter Kielholz oder Thomas Held, ohne dass er einen Einflüsterer braucht. In der SonntagsZeitung standen gleichwohl einige der kritischsten Bankengeschichten. Oder nimm, weil du die NZZ noch reingezogen hast, das Beispiel von René Zeller: Er war im Bundeshaus, dann bei Farner, darauf kurz beim Schweizer Fernsehen (nicht mit dessen Kultur kompatibel), jetzt leitet er die NZZ-Inlandredaktion – als der exzellente Kenner der Innenpolitik mit klar liberaler Ausrichtung, der er immer war.
Auf der anderen Seite (auf die wir jetzt endlich wechseln) droht diese Kontaminationsgefahr offensichtlich nie. Niemand fragt, wie sich das halbe Dutzend Bundeshausredaktoren des Tages-Anzeigers, das in diesem Jahr in den Bundesdienst wechselte, diese gutbezahlten Pöstchen verdiente. (Sie schreiben jetzt die Texte, die sie vorher wiedergaben.) Niemand wundert sich, dass es nicht darauf ankommt, ob über eine Tagung an der ETH, an der die „Klimawahrheit“ verkündet wird, ein Journalist oder ein ETH-Professor selber schreibt. (In den Mails von „Climategate“ lässt sich nachlesen, wie AP-Journalisten mit den Wissenschaftern zusammen Propaganda betrieben. Und ein beteiligter Kollege schilderte eben verdankenswerterweise, wie Journalisten aus aller Welt an einem Seminar in Kopenhagen zur Vorbereitung der Klimakonferenz Schreibvorlagen bekamen.) Und wenn sich jemand darüber aufhält, dass ein Redaktor nicht nur eine Reportage im Blatt veröffentlicht, die er im Auftrag der Caritas geschrieben hat (was mit Deklaration, wie geschehen, ja noch anginge), sondern seinen Kommentar auch noch von Hugo Fasels Manuskript abschreibt, dann findet der Zuchtmeister des Schweizer Journalismus: „Gschäch nüt Schlimmers!“ Denn die lieben, kleinen NGOs wie Caritas, Greenpeace & Co. erzielen ihre Millionenumsätze ja völlig uneigennützig, nur uns zuliebe.
Als ich einmal eine Geschichte über einen Staatsanwalt machte, der organisierten Sozialversicherungsbetrug bekämpft, meinte ein Kollege, der inzwischen zu einem Betroffenheitsblatt weitergezogen ist: „Der vertritt ja nur seine Interessen.“ Ich versuchte ihm (erfolglos) klarzumachen, dass der Staatsanwalt unsere Interessen vertritt, damit wir zum Beispiel nicht mehr ein Drittel der Autohaftpflichtversicherung für Schleudertraumafälle bezahlen müssen. (Den Versicherungen ist das herzlich egal – sie erzielen so höhere Prämienumsätze.) Noch immer, nach Dutzenden von krassesten Betrugsfällen, nehmen 90 Prozent der Journalisten für die „Opfer“ Partei, die mit spezialisierten Anwälten teils mehr als zehn Jahre lang um Millionen streiten und Gesundheitswesen, Sozialversicherungen und Justiz Riesensummen kosten. Und René Schuhmacher sieht keinerlei Interessenkonflikt, wenn er gleichzeitig ein Anwaltsbüro betreibt, das nur Opfer vertritt, und Opferismus-Blätter wie Saldo oder Gesundheitstipp herausgibt. (Für diese Feststellung verklagte er mich beim Presserat und bekam das Recht des Presserats.) Aber eben: Wir müssen uns als Journalisten für die Schwächeren einsetzen und dabei manchmal auch alle Augen zudrücken und den kritischen Geist, so denn eigentlich vorhanden, abschalten. Gschäch nüt Schlimmers.
@markus schär: herzlichen dank für ihre selbstdemontage.
sonofabitch > Passen Sie auf, der Mann, den nicht einmal der Presserat stoppen kann, ist in der Lage, Pseudonyme zu enttarnen. Vielleicht verfügt er wie Stephan Seydel über Stilometrie (siehe dazu Seydels Kommentar Nr 109 zu «Ungeadelt). Ich schalte deshalb meinerseits den Tarnmodus ein, um das Stilometer auszutricksen, und schreibe nur noch in Form von Limericks:
Da gabs im Thurgau den Markus Schär
Er betrieb sowohl Journalismus als auch Pe-Är
Das findet er nicht weiter schlimm.
«Wes Brot ich ess, dess’ Lied ich sing»:
Das altbekannte Axiom ist, so glaubt der Schär, nur eine Mär!
@Fred David: Bei welchem Verlag sollte Avenir Suisse Ihrer Meinung nach publizieren? Sollte Avenir Suisse im Eigenverlag publizieren?
@) Martin Steiger: Ein Eigenverlag wäre sicher sinnvoller. Oder ein Verlag, der nicht ausgerechnet mit einem der drei wichtigsten Medienunternehmen der Schweiz aufs engste verbunden ist.
Für den unbefangenen Konsumenten ist nicht auseinanderzuhalten, wer da nun den Ton angibt. Ist es NZZ Libro? ist es Avenir Suisse? Ist das “Hans was Heiri”? Wie gehören die zusammen? Dass es sich dabei um eine rein technische Zusammenarbeit handeln soll, ist von aussen nicht erkennbar.
Ich halte diese Nähe auch für die NZZ für problematisch. Ist zum Beispiel Beat Kappeler, der Wirtschaftskolumnist der “NZZ am Sonntag”, ein Sprachrohr von Avenir Suisse? Er ist freier Journalist und würde das sicher weit von sich weisen und ich behaupte das ausdrücklich auch nicht, aber bei diesen ganzen Verknüpfungen ist diese Frage zumindest naheliegend und erlaubt.
Der – ohnehin nicht gerade in Erz gegossenen – Glaubwürdigkeit des Journalismus tun solche Dinge einfach nicht gut
@Fred David: Tschuldigung, aber das bekommt etwas Paranoides. Nehmen wir als Beispiel das Buch “Abschied von der Gerechtigkeit”: Es ist ein Sammelband zu einer Tagung, die Avenir Suisse und das Institut der deutschen Wirtschaft (auch ein Think-Tank, keine Lobbyorganisation) zweimal durchführten. Das Herzstück aus Schweizer Sicht ist eine Studie des Berner Professors Reto Föllmi: Er weist wissenschaftlich nach, dass in der Schweiz die Ungleichheit nicht zunimmt – daraus hätte eigentlich jedes Schweizer Medium eine Geschichte machen können/sollen, statt in Kommentaren oder sogar Newsartikeln Vorurteile zu verbreiten. Daneben finden sich im Band unter anderem ein Referat von Professor Paul Nolte, mit dem sich jedes Blatt zieren könnte, sowie ein brillantes, auf alle Seiten kritisches Statement von NZZ-Wirtschaftschef Gerhard Schwarz.
Und, ja, auch ein Beitrag von Beat Kappeler. Da wird es endgültig absurd. Beat Kappeler war Sekretär des SGB, hat aber aufgrund der praktischen Erfahrungen und der theoretischen Auseinandersetzung mit der konservativen Linken (wie sonst noch ein paar Leute) auf die andere Seite gewechselt. Er war Professor auf Zeit, jetzt schreibt er Bücher, hält Vorträge, liefert jeden Sonntag eine interessante Kolumne in der NZZaS (eine Kolumne! persönliche Meinung, pfui!) und macht sehr gelegentlich Lektoratsarbeiten (zu wissenschaftlichen Studien) von Avenir Suisse – einfach immer, wie allen bekannt, die es wissen wollen, als einer der gescheitesten liberalen Köpfe des Landes. Bis vor wenigen Jahren musste eine liberale Gesinnung nachweisen, wer NZZ-Aktionär werden wollte. Jetzt soll die letzte echt liberale Stimme der NZZaS das Blatt schon verdächtig machen? Wer, bitte, hat da ein Problem?
@Fred David: Verschwörungstheoretisch ist immer alles mit allem verbunden … da hilft es wohl nicht, dass es viele gute Gründe gibt, für eine Publikation einen renommierten Verlag als Fachunternehmen zu beauftragen anstatt jenseits der eigenen Kernkompetenzen ins Verlagsgeschäft einzusteigen.
Schade finde ich in diesem Zusammenhang übrigens, dass die Bücher von Avenir Suisse nicht online verfügbar sind. Da die entsprechenden Publikationen wohl ohne Gewinnanteil von Avenir Suisse verkauft werden, müsste man sie eigentlich problemlos zum kostenlosen Download als PDF anbieten können.
Paranoia ist hier der richtige Begriff! Fred David, Sie sollten weniger Stöhlker-Blog lesen!
@ Schär
Was sie hier Vorraussetzen ist ein hohes Bild vom Journalisten, dass so sicherlich nicht mehr von der Allgemeinheit aufgrund zuvieler gekaufter Artikel geteilt wird. Sicherlich kann die Beeinflussung nur marginal sein, doch wenn man Wirtschaftsjournalisten in erster Linie in einem engen Netz mit Lobbyisten wahrnimmt, stellt sich die berechtigte Frage, was ist noch frei – und wo fängt die nicht mehr marginale Beeinflussung an. Nachdem der Ruf schon mal angeknackst ist, kann man sich nicht mehr auf das Allgemeine berufen – sondern nur noch auf den persönlichen Umgang mit Abhängigkeiten.
In einem kleinen Land mit begrenzter Anzahl von Jobs in manchen Bereichen ist es sowieso von vornherein schwierig nicht gewisse Konzession zu machen…
@Mara: Nein, ich vertrete nicht ein „hohes Bild“ vom Journalisten, sondern vom mündigen Leser, der sich selber eine Meinung bildet und nicht mehr, wie bis vor einem Vierteljahrhundert (als ich letzter Redaktor der Thurgauer AZ war), ein Parteiblatt braucht. Über Res Strehle schrieb einmal die in dieser Frage gewiss unverdächtige WOZ: „Er fungierte in einem Parallelleben als intellektueller Vordenker der Zürcher Autonomen. Bis in die späten neunziger Jahre, als er «WOZ», «Weltwoche», «Facts» schon hinter sich hatte und (als brillanter Kopf von Roger Köppel geholt! ms) den Chefsessel des «Magazins» übernahm, referierte er vor Kleingruppen und schrieb Bücher zu Kapital und Krise.“
Ja, und? Muss das ein TA-Leser wissen? Nein, er kann und sollte sich bei dem, was Res Strehle schreibt und schreiben lässt, immer eine eigene Meinung bilden: Also entscheiden, ob ihn Fakten und Argumente überzeugen oder ob er pure Ideologie vorgesetzt bekommt – in den allermeisten Fällen gar nicht gekauft, sondern einfach im linksliberalen bis softsozialistischen Mainstream angewöhnt. Und wenn den Leser nicht überzeugt, was er liest (oder wenn ihm wie bei „Climategate“ ganze Skandale vorenthalten werden), dann lässt er die Printmedien halt bleiben und informiert sich im Web, im konkreten Fall mit den Blogs von Manfred Messmer oder Dirk Maxeiner. Das ist das wahre Problem.
….” wie bei Climategate ganze Skandale vorenthalten…”
“…linksliberaler bis softsozialistischer Mainstream…”
…”die letzte echte liberale Stimme der “NZZ am Sonntag”…
Oha. Oekonomie als Religion. Mit durchnummerierten Glaubenssätzen. Abweichlern droht Exkommunikation.
Damen & Herren, diese Zeiten sind einfach vorbei. Die Gläubigen glauben längst nicht mehr alles, was gepredigt wird. Damit sollte man sich allmählich ernsthaft beschäftigen.
Ich rede hier aber nicht von Religion, sondern nur von etwas vergleichsweise Simplem und, zugegeben, auch Langweiligem: nämlich von einigermassen unabhängigem Journalismus. Und von so altmodischen Floskeln wie Glaubwürdigkeit und Transparenz.
Markus Schär > Sie verhöhnen meine Posts als «Geifer», aber Sie merken nicht, wie aggressiv Sie selber gegen Kollegen geifern: Sie schmeissen ständig mit diffamierenden Begriffen wie «Opferismus» oder «Betroffenheitsblätter» um sich. Sie erlauben sich, mein Pseudonym zu kritisieren, und kurze Zeit später kommt aus, dass Sie selber unter Pseudonym frei erfundene Behauptungen verbreitet haben, die an Rufschädigung grenzen (was ich nie tun würde).
Halten wir eines fest:
1. Gute Journalisten müssen zwingend unabhängig sein.
2. Unabhängig kann man nur sein, wenn man neben der journalistischen Tätigkeit nicht von Lobby-Organisationen, Parteien usw. Geld bezieht.
3. Wenn Sie, Markus Schär, neben Ihrer journalistischen Tätigkeit auch noch für eine Lobbyorganisation arbeiten, sind Sie als Journalist ganz einfach nicht mehr unabhängig. Das können Sie noch so kunstvoll verwedeln und schönreden: Sie sind nicht unabhängig, Sie können es gar nicht sein. Nicht nur deshalb, weil Sie über all die vielen Themen nichts schreiben dürfen, zu denen Avenir Suisse zufälligerweise eine «Studie» publiziert, um den Anschein der Befangenheit zu vermeiden. Sie sind ganz einfach nicht mehr unabhängig, weil Geld geflossen ist. Das schleckt keine Geiss weg.
Ich kann als mündige Leserin mir ein Niveau erarbeiten, bei dem ich falsche Argumente und scheinheilige Ideologien entlarven kann. Aber für die Meisten ist Zeitungslesen eine Nebentätigkeit und kein Beruf – und dann gehört zum Zeitungslesen dem Schreibenden bzw. einer Zeitung zumindest ein Grundvertrauen entgegenzubringen – die vielbeschworene Unabhängigkeit.
Man kann nich ExpertIn in allen Gebieten sein, um Argumente und Zahlen vernünftig gewichten zu können – dass erwarte ich als Vorleistung von Fachjournalisten. Wenn ich als Leserin alles immer selber beurteilen müsste, bräucht ich keine Zeitung mehr.
PS: abgesehen davon, dass die meisten heutigen Artikel selten zwischen Argument und Ideologieverteidigung unterscheiden – dazu reicht nämlich der Platz nicht aus…
@) Mara, Sie haben ein Wort gebraucht, nach dem ich gesucht, es aber nicht gefunden habe: Als Leser sollte man ein “Grundvertrauen” in die Autoren bez. in die Zeitung haben können, schreiben Sie.
Genau: Man will nicht dauernd überlegen, ob mich da jemand reinlegen will, ob irgend welche Interessen dahinter stehen usw.
Dieses “Grundvertrauen” kann gerade für den Print eine Ueberlebensgarantie sein. Ist dieses Grundvertrauen ernsthaft angeknackst, hilft nichts mehr.
Journalisten und Verleger neigen dazu, solche Dinge als “soft factors” abzutun, weil sie sich nicht unmittelbar messen lassen.
Tatsächlich sind es aber knallharte Faktoren.
@Fred David: Eine Zusammenfassung aus meiner Sicht, nachher lasse ich es vorläufig bleiben. (Das Thema ist viel zu wichtig, um es an meinem Beispiel abzuhandeln. Aber immerhin ist es jetzt mal raus; ich brauche hoffentlich nicht für mein Restleben einen Disclaimer wie KWZ.)
Ich arbeite, ausschliesslich mit journalistischen Aufgaben, auch für den Think-Tank Avenir Suisse, den die Schweizer Unternehmen gegründet haben, denen die Schweiz ihren Weltruf und ihren Wohlstand verdankt. (Mit Ospel gab es von Anfang an Probleme, Vasella ging spätestens nach einer kritischen AS-Studie zu den Parallelimporten auf Distanz.) Das ist für dich ein unzulässiger Interessenkonflikt, selbst wenn ich meine Teilzeitjobs sauber auseinanderhalte und obwohl Avenir Suisse gar keine Interessen durchsetzen soll (dafür gibt es Economiesuisse).
Res Strehle pflegte ein Vierteljahrhundert lang engste Beziehungen zu den Todfeinden von Demokratie, Liberalismus und Marktwirtschaft. Das ist für dich kein Problem (und für mich auch nicht).
(Und nur noch ein Sätzchen betreffend BC/soab: Tja, schon bedenklich, was die SonntagsZeitung für Redaktoren hat – zumindest im Singular.)
OT und @Markus Schär: Beteiligt sich Tamedia eigentlich von sich aus an der aktuellen Caritas-Kampagne oder fliessen für die Armutspornographie in Tages-Anzeiger, SonntagsZeitung, usw. spezifische Leistungen?
@) Martin, du vergisst die Grossaktionäre der Caritas AG. Die versuchen, die Medien zu unterwandern. Das hängt mit den Fusionsverhandlungen mit den Grossaktionären der “Brot für Brüder”-AG zusammen. Im Hintergrund stehen die Honorare für diesen globalen Mega-Merger und selbstverständlich die Boni der Verwaltungsräte. Das weiss doch jeder. Und dass Journalisten mit Lebenesmittelgutscheinen zum Einkauf von “Migros-Budget”-Produkten von der Caritas bestochen werden, ist doch auch nicht neu.
@Fred David: Bedauerlich, aber nicht überraschend, dass auch Sie Ihre blinden Flecken haben …
@) Martin, ich sehe das keineswegs als blinden Fleck.
Denn: Sollte die Caritas wirklich in unzulässiger Weise Einfluss auf die Berichterstattung genommen haben (was ich nicht beurteilen kann; da müssten schon Belege her), wäre das zwar nicht akzeptabel und verdiente ein Rüge, aber ich fände das immer noch viel weniger gravierend, als wenn die UBS – wie zum Beispiel im Fall des “Sonntag” kürzlich -, mit Druck direkten Einfluss auf die Berichterstattung in wichtigem Zusammenhang zu nehmen versucht. Der Fall war hier auf medienspiegel.ch dokumentiert und wurde vom Chefredaktor Patrik Müller bestätigt.
Ich mache tatsächlich einen Unterschied zwischen Caritas und UBS, was Gewicht, Bedeutung und Wirkung solcher allfälliger Eingriffe in die Publizistik betrifft.
Jedes Gericht würde diese Güterabwägung treffen.
Im übrigen finde ich den Begriff “Armutspornografie”…naja…das passende Wort fällt mir jetzt nicht grad ein.