Schade um die Millionen

Es ist vermutlich das teuerste Stück Papier in der schweizerischen Mediengeschichte. Zwischen 3,5 und sechs Millionen Franken soll Ringier für die Konzession von Giuseppe Scagliones Radio Monte Carlo bezahlt haben, damit Radio Energy auch künftig über UKW senden darf. Geld, das dem Zürcher Medienunternehmen nun anderswo fehlt.

Zum Beispiel bei der Werbung für Energy als sprachregionales Digitalradioprogramm. Seit Mitte Oktober kann man Energy auch in den Agglomerationen Bern und Basel empfangen, im Laufe des nächsten Jahres sogar in der gesamten Deutschschweiz. Nur weiss das niemand. Eine Lancierungskampagne zur Ausweitung des Sendegebiets suchte man vergeblich, keine Plakate in den Städten, keine Promotionsmassnahmen, nichts, ausser einem gut versteckten Hinweis auf der Website von Radio Energy. Denn just als Energy über Nacht zum sprachregionalen Medium mutierte, jagte Ringier verzweifelt einer Konzession für seinen Sender nach und vergass darob, dass Radio sich dereinst nicht mehr auf UKW reimen würde – fragt sich allerdings, wann. Und genau das ist die Millionenfrage, die derzeit niemand zu beantworten wagt, weil die digitale Radiozukunft den meisten Medienmachern als Buch mit sieben Siegeln erscheint.

Mit den Millionen, die Ringier nun in eine UKW-Konzession investiert hat, bleibt alles beim Alten: Energy sendet weiter wie bisher – mit ein paar neuen, konzessionsbedingten Auflagen – und auf dem digitalen Kanal plätschert das Programm ohne Beachtung vor sich hin. Dass ein Medienkonzern heute einen solchen Betrag aufwirft, nur um den Status quo zu zementieren, mutet einigermassen bizarr an. Alle rüsten sich für die Zukunft, die Zeitungsbranche mit einer gewissen Dringlichkeit, doch auch Radio und Fernsehen bleiben von den Umbrüchen in der Medienwelt nicht verschont. Dennoch tun sich gerade die privaten Rundfunkveranstalter erschreckend schwer mit der Vorstellung, dass auch sie einst Abschied von der lieb gewonnenen analogen Welt nehmen müssen. Im gesetzlich abgesicherten Gärtlein wähnt man sich vor den Unbilden der digitalen Zukunft gut geschützt, schliesslich hat die Branche jahrelang hart lobbyiert für solchen Heimatschutz.

Neben den überreglementierten Bereichen existieren aber weiterhin Zonen der Freiheit in der schweizerischen Radio- und Fernsehordnung. Wer bereit ist, ein gewisses unternehmerisches Risiko einzugehen, wird vom Gesetzgeber belohnt. So kann man in der digitalen Radiosphäre ganz ohne Konzession senden, Werbezeitbeschränkung gibt es keine und das Programm darf nicht nur in einem amtlich definierten Gebiet verbreitet werden, sondern gleich in der ganzen Deutschschweiz.

Ringier und sein Radio Energy hätten die Möglichkeit gehabt, voll auf die digitale Karte zu setzen und die Millionen, die sie nun in ein Stück Papier investiert haben, in Promotions- und Werbemassnahmen für Digitalradio zu stecken. Mit der Macht eines multimedial aufgestellten Medienkonzerns, wie Ringier einer ist, wäre so manches zu erreichen gewesen. Dass das geht, hat die SRG vorgemacht: In kürzester Zeit kauften 15’000 Volksmusikfreunde ein Digitalradiogerät, damit sie das Programm der DRS-Musikwelle auch nach dem Ende des Landessenders Beromünster empfangen konnten.

Was der SRG recht ist, sollte Ringier billig sein. Schliesslich wäre Energy das perfekte Zugpferd gewesen, um eine jüngere, technikaffine Generation mit dem Radio der Zukunft vertraut zu machen. Einmal mehr bleibt nur zu sagen: Chance verpasst – und die ewige Leidensgeschichte von Digitalradio in der Schweiz nimmt kein Ende.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

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