«Das Magazin», zu allem bereit

Der «Tages-Anzeiger» färbt für Omega den Zeitungskopf schwarz ein, die «Südostschweiz» deckt den ihrigen für Manor mit einem Abziehbildchen partiell ab.

Magi_Choo.jpg Das können wir noch besser, scheint man sich beim «Magazin», formerly known as – Sie wissen schon -, gesagt zu haben, und liess das allmählich zur «Annabelle» für hippe Urban-Intellektuelle verkommende Heft am vergangenen Wochenende gleich vollständig mit Werbung umhüllen.

Nicht dass ich etwas gegen High Heels von Jimmy Choo hätte, ganz im Gegenteil, aber lässt sich das noch steigern? Kann man den Werbekunden noch mehr entgegenkommen?

Magi_Volvo.jpg Dieselbe Ausgabe des «Magazins» wartete auf Seite 23 übrigens auch gleich noch mit einer weit in den redaktionellen Text hinein ragenden Volvo-Reklame auf.
Und auf den Seiten 36 und 37 wurde ein Interview mit Literaturnobelpreisträger Imre Kertész mitten drin von einem seitenübergreifenden Werbestreifen unterbrochen:

Magi_Happy.jpg

Alles Dinge, die man sonst eher aus Gratiszeitungen kennt und über die man bei einem Qualitätsprodukt vor noch nicht allzu langer Zeit vermutlich die Nase gerümpft hätte.

Ja ja, ich weiss, päpstlicher als der Papst, grumpy old man und so. Aber was, wenn die (Print)-Krise noch länger andauert?

von Martin Hitz | Kategorie: Sparschwein

22 Bemerkungen zu ««Das Magazin», zu allem bereit»

  1. Jimmy Foo:

    Ja, man hätte die Nase gerümpft – aber das Magazin ist nach meiner Meinung schon lange kein Qualitätsprodukt mehr. Die Hilflosigkeit der Redaktion, andere als sie selbst interessierende Themen zu behandeln, wird mit eingekauftem Schrott und gelegentlichen Perlen nur notdürftig getarnt. An der Werdstrasse fragt man sich, wie lange die Kolleginnen und Kollegen noch zwei Wochen lang für ein Artikelchen recherchieren dürfen, während beim Tagi die grosse Axt gerodet hat. Aber das hat sicher nichts damit zu tun, das der Res jetzt Chef ist.

  2. Bobby California:

    Ich habe etwas gegen High Heels von Jimmy Choo: die sehen ganz ordinär aus. Genau das richtige Accessoire für eine Frau, die sich an Carl Hirschmann heranpirschen will.

    Bei dieser Gelegenheit plädiere ich für einen weniger exzessiven Gebrauch des total abgewirtschafteten Wortes «hip». Kann schon sein, dass Leute wie Finn Canonica glauben, sie seien hip. Doch im ursprünglichen Sinn des Wortes bezeichnet «hip» Leute, die (ich zitiere Siegfried Schmidt-Joos‘ Rock-Lexikon von 1975) «durchblicken, also hinter die Kulissen der bürgerlichen Gesellschaft schauen konnten.» Das ist so ziemlich das Letzte, was Jimmy Choo und seine PR-Nutten wollen. Leute wie Finn Canonica sind vielleicht urban, intellektuell na ja, aber letztlich ist Canonica doch vor allem ein Opfer des Konsumrausches – was soll daran «hip» sein?

  3. Speaking of Hirschmann: Ob er es morgen wohl ins „Magi“ schafft?

  4. Fred David:

    @) Martin, grumpy old man, du fragst, ob man Werbekunden noch weiter entgegen kommen kann?
    Claro kann man. Dem Schleimen sind keine Grenzen gesetzt. Jeder darf, so gut er kann, solange ihm seine Zunge nicht zu schade ist.

    Natürlich wachsen so die Begehrlichkeiten der Anzeigenkunden von Ausgabe zu Ausgabe. Das lässt sich nicht mehr einfach zurückdrehen, obwohl uns ebenso natürlich versprochen wird, dass die Grenzen zwischen Anzeigen und redaktionellem Teil selbstverständlich heilig sind und auf immer bleiben werden. Gaaaanz grosses Indianderehrenwort.

    Solange es so offensichtlich ist wie bei H&M&Jimmy&Choo&Co, kann man ja noch fragen: Und dafür bezahl ich auch noch? Sollen doch Jimmy&H&M doch gleich alles bezahlen, wenn sie das Heft schon okkupieren.

    Ich warte jetzt auf das erste andächtige Interview mit dem H&M-CEO im Wirtschaftsteil und auf ein süffiges Portrait von und mit Jimmy Choo im „Magazin“. Das kommt garantiert in einem gewissen Sicherheitsabstand zu dieser Anmachnummer.

    Als Dienst am Leser. Selbstverständlich. Grumpy old man!

  5. Christof:

    Das Tagimagi wandert bei mir nicht erst seit dem Wochenende ungelesen ins Altpapier. Da wird Lifestyle mit Haltung verwechselt, und das ist langweilig. Ausnahme: Binswanger. Aber den les ich im SMD am Montag.

  6. Next step: Tagimagi-Redakteure werden gezwungen ChimiCho-Stilettos zu tragen. (Erprobtes und bewährtes Werbekonzept aus dem italienischen Fernsehen. Der Journalist als Werbebotschafter.) Nix mehr Ipod, Omega und schnelle Schlitten nur testen. Und ich bin mir sicher, auch grumpy old man werden darauf abfahren. Leider.

  7. taka:

    Das war dann ChooChooTagi vom Mittwoch, garantiert Zufall.

  8. Fred David:

    Ist ja schon interessant, wie da eins zum andern kommt. Die Kampagne geht nämlich so: Die Choo-Collection wird am Samstag, 14.November, in 200 H&M-Filialen zu bekommen sein. Muss man den Leuten ja irgendwie mitteilen, denn am 15. November, am Sonntag also, kann man, so belehrt uns die einschlägige Homepage , via H&M-Website in Erfahrung bringen, in welchen Läden die limitierten Modelle verkauft werden.

    Soviel tragen wir hier also auch zur Werbung bei, und zwar völlig unbezahlt, bitteschön. Medienspiegel.ch hat eben auch eine karitative Ader.

    Nun wird es interessant sein, die Samstags- und Sonntagsblätter etwas genauer zu beobachten, wie sie mit dieser breit angelegten Kampagne umgehen. Wir sind gespannt, was uns da alles geboten werden wird an zünftigem Recherchierjournalismus.

  9. Bobby California:

    Blick am Abend hatte heute auch ein Jimmy-Choo-Titelblatt.

    Übrigens erlaubt die Schweizer Familie gewissen Inserenten bereits seit längerem, Fotos, die zu einem Inserat gehören, UNTER dem redaktionellen Text durchlaufen zu lassen. Das sieht dann wirklich beschissen aus.

    Dies zeigt, dass Fred David recht hat: Die Werbekunden werden immer gieriger, und die Verlage erfüllen immer frechere Wünsche.

  10. Carla Rehfrau:

    Sie sprechen mir aus der Seele, Bobby! Dieses ewige Zelebrieren der „Urbanität“ in den Zürcher Medienhäusern. Sehr schön, wie sie’s am Beispiel Finn Canonicas entlarven.

  11. Agente Provocatrice:

    Immer wenn man glaubt, Journalisten könnten die Vertrauenswürdigkeit ihres Berusstandes nicht noch mehr sabotieren, kommt einer daher und beweist, dass es doch geht. Was Finn Canonica mit dem Magazin anstellt, ist keineswegs der Tiefpunkt. Roger Köppel ist diese Woche noch eine Stufe drunter gegangen.

    In der aktuellen Ausgabe stilisiert er eine aus Vulgär-Biologismus und vorgetäuschter Wissenschaftlichkeit zusammengepappte Sex-Story zur Titelgeschichte hoch und illustriert diese mit Werbephöteli eines Dessous-Labels.

    Im Editorial schreibt Roger Köppel dazu: «Für die optische Umsetzung des Themas [Warum haben Frauen Sex?] schienen uns die Sujets geeignet, mit denen Agent Provocateur für seine neue Lingerie-Kollektion „Soirée“ wirbt. Sie schmücken unser Cover und die Titelgeschichte. Diese können Sie jetzt schon lesen, während die exklusive Unterwäsche-Kollektion erst ab dem 14. November erhältlich ist.» (Also ab heute, unterhalb des Editorials folgt die Adresse des Geschäfts).

    Was mich in diesem Zusammenhang interessiert: Hat Agent Provocateur für die prominent platzierte und mehrseitige Werbung bezahlt oder hat Roger Köppel die Bilder gratis ins Blatt gehievt, um Photographenhonorare zu sparen?

    Aber vor allem möchte ich wissen: Was kommt als nächstes? Womit ist noch zu rechnen? Habt Ihr Ideen?

  12. Bobby California:

    Eigentlich kann ich mir nur noch eine Steigerungsform vorstellen: Roger Köppel posiert in BH und Höschen der Marke Agent Provocateur auf der Titelseite seiner Postille.

  13. Carla Rehfrau:

    Köppel im BH würde wenigstens EIN Kriterium für guten Journalismus erfüllen: Es wäre überraschend!

  14. Fred David:

    Carla Rehfrau verdient allein schon für ihr Pseudonym einen Preis.

  15. carla Rehfrau:

    Danke Fred! Ich nehm gern die High Heels von Jimmy Choo und spende sie für Köppels BH-Shooting.

  16. Jimmy Foo:

    Agente, der Köppel hat für das Abdrucken sicher kein Geld erhalten. Der war froh, konnte er honorarfrei drucken und den einen oder anderen Kioskkunden ködern. Das ist weder neu noch überraschend, die Lifestyle-Postillen machen das seit Jahren.
    Ah ja, und noch zum Quervergleich WeWo-Magi: Ich würde sagen 1:0 für Köppel, denn wenigstens stellt er seine nichtvorhandene Artikel-Hypothese gleich selbstironisch aus, während sich das Magazin jeweils krampfhaft um Rechtfertigung bemüht («… wollte unsere Starschreiberin Mischäll unbedingt den soziologischen Hintergrund tätowierter Nackter erkunden, um im Rahmen ihres immer noch nicht abgeschlossenen Liz …»).

  17. Fred David:

    @) jmmy Foo, ich meine, du machst es dir zu einfach.

    Geschleimt bleibt geschleimt, anbiedern bleibt anbiedern. Die Leute merken sowas. Sie vergessen es nicht. Es macht sie argwöhnisch. Und das zurecht.

    Es geht ja auch anders: Die „Sonntagszeitung“ zum Beispiel hat heute eine 15seitige Beilage drin über Schweizer Hotels, journalistisch aufgemacht, sogar mit Editorial.

    Aber es ist für jedermann erkennbare und bezahlte Reklame. Es wird nicht unabhängiger Journalismus geheuchelt. Trotzdem kann das informativ sein.

    Aber eben: Es ist nicht so getan als ob, sondern eine klare Sache.

  18. meier:

    ras zur „verhüllungsaktion“:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/medien/schleier_tragen_gegen_geld_1.4025832.html

    Lesenswert zudem das folgende Interview mit Kurt Imhof zu den Ergebnissen einer Befragung von Schweizer Print- und Radiojournalisten:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/medien/froehlich_im_falschen_leben_1.4025816.html

  19. Winnie the Choo:

    Dieses Wir-sind-so-unglaublich-urban-und-cool-Getue à la Tagimagi geht mir ganz fürchterlich auf den Wecker. Überhaupt gibt es viel zu viel (schlechten) Lifestyle im Printjournalismus. Ganz langweilig fand ich die Luxus-Beilage vom Tages Anzeiger. Da schlafen mir gleich die Füsse ein. Dann bitte lieber den Köppel im BH.

  20. Klaus Bonanomi:

    @Fred David: Zufall oder doch nicht? Einige Tage nach der „Verhüllungsaktion“ des Magazins mit dem Jimmy-Choo-Reklamecover erschien IM KULTURTEIL des Tagi ein fast ganzseitiges und sehr wohlwollendes Porträt der Jimmy-Choo-Gründerin. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

  21. Fred David:

    @) Klaus Bonanomi: Es war, grosses Ehrenwort! natürlich, selbstverständlich, reiner Zufall…. Das Leben besteht eben grossenteils aus Zufällen.

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