Eine «starke Führungspersönlichkeit mit profunder Konsumgüter- bzw. Marketingerfahrung» sowie einen «äusserst erfolgreichen und erfahrenen Immobilien-Spezialisten» wollen die «Freunde der NZZ» also als künftige Mitglieder des NZZ-Verwaltungsrats portieren (s. dazu hier). Dass es sich bei Letzterem nicht um Adriano Agosti handelt, hat Edwin van der Geest, Sprecher der «Freunde», an dieser Stelle inzwischen unmissverständlich kundgetan, ohne jedoch die Namen der vorgeschlagenen Personen zu nennen.
Dann spekulieren wir halt munter weiter und wenden uns der «starken Führungspersönlichkeit mit profunder Konsumgüter- bzw. Marketingerfahrung» zu.
Gut passen würde in diesem Zusammenhang doch zum Beispiel Philippe Gaydoul. Profunde Erfahrung im Konsumgüter- und Marketingbereich wird dem Noch-Denner-CEO sowie Navyboot- und Fogal-Besitzer wohl niemand absprechen, und ein gewisses Streben nach Anerkennung durch das (Zürcher) Establishment ist bei Gaydoul in jüngerer Zeit ebenfalls deutlich zu erkennen (Stichwort: Grasshoppers). Mit der Aufnahme in den NZZ-VR würde er diesem Ziel wohl ein gutes Stück näher rücken.
Mit seinen politischen Ambitionen hält Gaydoul inzwischen ja nicht mehr hinter dem Busch. In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagte er:
- «Es ist kein Geheimnis, dass ich mit der Entwicklung in diesem Land nicht glücklich bin. Ich kann mich mit keinem Parteiprogramm identifizieren und bin daran, mir zu überlegen, was mein Beitrag zu einer Veränderung sein könnte.»
Und auf die Aussage «Man sagt Ihnen Sympathien zur SVP nach» meinte Gaydoul weiter:
- «Ich kann mich mit keinem Parteiprogramm identifizieren. Mir hat zwar gefallen, dass mit der SVP ein wenig Wind ins Haus kam, aber mit den meisten Positionen der Partei ging ich nicht einig. Die SVP hat eine gewisse Zeit «Action» gemacht – aber wenn man heute schaut, was davon übrig geblieben ist, ist es wenig. Die meisten Schweizer Parteien sind relativ profillos, sagen heute das und morgen etwas anderes. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, selber in der einen oder andern Form aktiv zu werden.
Tages-Anzeiger: Sie wollen eine neue Partei gründen?
Gaydoul: Das muss nicht sein, nein. Geben Sie uns Zeit, uns Gedanken zu machen, was der richtige Weg ist.
Tages-Anzeiger: Geben Sie uns einen Anhaltspunkt.
Gaydoul: Das steckt alles erst in den Kinderschuhen.»
Noch plausibler — und durchaus auch ein wenig pikant — wird Gaydouls mögliche Kandidatur für den NZZ-VR, wenn man weiss, dass Ex-Banker Thomas Matter als VR-Mitglied der Gaydoul Holding AG zu den engsten Vertrauten des Denner-Erben gehört.
Matter dürfte als Ex-CEO der Swissfirst-Gruppe (heute: Bellevue Group) noch die eine oder andere Rechnung insbesondere mit der «NZZ am Sonntag» offen haben und Matter besitzt nach eigenen Aussagen bereits heute ein Prozent der NZZ-Aktien.
Auch Matter wird im Übrigen eine gewisse Nähe zur SVP nachgesagt. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagte der Ex-Banker etwa:
- «Als Unternehmer fühle ich mich momentan am besten von der SVP vertreten. Aber ich glaube, in der FDP könnte man jetzt mehr bewegen. Ich war schon an Wirtschaftsmeetings der FDP gewesen, an Fraktionsausflügen der SVP. Aber zur Zeit steht keine Entscheidung an.»
Zu den Zielen der «Freunde der NZZ» zählt ja nicht zuletzt auch die Zerschlagung des FDP-Filzes im NZZ-VR — oder etwas vornehmer ausgedrückt:
- «Der Verwaltungsrat muss der Gesellschaft dienen und ist keine Gemeinschaft für politisch und gesellschaftlich gerne gesehene Persönlichkeiten. Die IG ist der Meinung, dass das Unternehmertum im heutigen Verwaltungsrat untervertreten ist.»
Aber weiter mit den Verflechtungen:
Gaydoul und Matter sitzen auch gemeinsam im VR der Club zum Rennweg AG. Ebenfalls Mitglied des Verwaltungsrates dieses illustren Clubs ist Martin Spieler, seines Zeichens Chefredaktor der zur Axel Springer Schweiz AG gehörenden «Handelszeitung».
Spieler sitzt überdies auch im VR der 3 Plus Group AG, die den TV-Sender 3+ betreibt und an der Thomas Matters Matter Group seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine Beteiligung von 7,1 Prozent hält, wie die «Handelszeitung» berichtete.
Übrigens: Bereits Gaydouls Grossvater Karl Schweri stand einst kurz vor dem Einstieg ins Mediengeschäft. Aus dem Medienmagazin «Klartext»:
- «Zusammen mit dem Österreicher Hans Dichand, dem Herausgeber der ‹Kronen Zeitung›, dem damals erfolgreichsten europäischen Boulevard-Blatt, wollte Schweri mit ‹Sonntag aktuell› auch in der Schweiz das grosse Geld machen.»
Nur kurz vor der Lancierung wurde das Projekt jedoch gestoppt.
Update: Das hätte ich fast vergessen: Vor seiner Tätigkeit als Sprecher der «Freunde der NZZ» war Edwin van der Geest «Leiter Marketing/Investor Relations und Partner der Bellevue Group», wie auf der Website von van der Geests Dynamics Group zu lesen ist.
Die Frage bleibt: Wozu braucht ein Medienunternehmen wie die NZZ in der heute doch anderweitig ziemlich angespannten Branche unbedingt einen Immo-Spezialisten im VR? Dieses Knowhow kann man sich in Zürich an jeder Strassenecke als Dienstleistung einkaufen. Dazu braucht man doch keinen VR-Sitz freizuschaufeln.
Eine wichtige Aufgabe jedes VR ist es, ein dem Unternehmen nützliches Beziehungsnetz einzubringen, zu dem das Unternehmen sonst nicht ohne weiteres Zugang hat. Dafür lohnt es sich ordentlich Geld locker zu machen. Aber für einen Immo-Spezialisten? Oder einen gescheiterten Bankier? Das hat die NZZ nicht verdient.
Der Vorstand des hier auf medienspiegel.ch ad hoc gegründeten “Clubs der NZZ-Leser” (CNL)lehnt die beiden oben gemachten Vorschläge vehement als zu provinziell ab. Sorry Martin, Sie müssen Ihre Suche fortsetzen.
Stattdessen portiert der CNL den ehemaligen Chefredaktor der “Financial Times”, Andrew Gowers, der heute als selbständiger Unternehmer tätig ist. Er kennt den deutschsprachigen Medienmarkt bis ins Detail, natürlich auch den angelsächsichen, weiss, wie ein Medienunternehmen von Innen funktioniert und wo dessen Schwachstellen sind.
Er gründete erfolgreich die Tageszeitung “Financial Times Deutschland” und war deren Chefredaktor bevor er Chef der FT in London wurde. Er verfügt über ein breites internationales und hochrangiges Beziehungsnetz in Publizistik, Wirtschaft und Politik – und ist ein engeschowrener Verehrer der NZZ, allerdings auch mit der Fähigkeit , fachkundig Kritik anzubringen. Das web und seine Entwicklung insbesondere in den USA kennt er von innen.
In der Tat. Es ist doch interessant, dass die Freunde der NZZ, oder zumindest einer der Vertreter, gleich auf die NZZ-Immobilien zu sprechen kommen. Da beginnt man eben doch zu sinnieren, ob diese Freunde nicht noch ein paar Hintergedanken haben, welche gegenüber einem unabhängigen Medienbetrieb als nicht so freundlich gemeint sind. Üblicherweise ist es so, dass Freunde zu ihrer Freundschaft auch mit ihrem vollen Namen stehen. Also wo ist die Liste all dieser freundlichen Supporter? Wer nicht offen agiert, von dem muss man annehmen, dass er Interessen verfolgt, die heikel sind. Die analytische Spekulation von Martin Hitz ist jedenfalls so wichtig wie perspektivenreich.
@) CNL-Mitglied: Willkommen im Club!
Wenn der Massenansturm weiter so anhält, müssen wir uns um ordentliche Vereinsstatuten kümmern…
Noch ein kleiner Nachtrag zu dem vom CNL mit durchaus ernsthaften Absichten portierten Andrew Gowers,53, dem ehemaliger Chefredaktor der “Financial Times”.
Er war danach, von Juni 2006 bis Dezember 2008, Kommunikationschef von Lehman Brothers.
Das verstehen wir nicht als böses Omen für eine Kandidatur auf einen Sitz im NZZ-VR. Im Gegenteil. Am Zusammenbruch von Lehman Brothers war er nicht aktiv beteiligt, erhielt aber wohl sehr tiefe Einblicke ins Very Big Business.
Wer als Head of Corporate Communication einmal durch so ein Fegefeuer gegangen ist, wie es der Crash dieser Grossbank gewesen sein muss, den kann in der Schweiz nichts mehr so schnell erschüttern.
Dieses Profil erfüllt wohl hinlänglich die Voraussetzungen, wie sie von den weitgehend anonymen “Freunden der NZZ” gefordert werden: nämlich ausreichenden Erfahrungshintergrund im unternehmerischen Bereich. Unter erschwerter Bedingungen.
@Fred David: Andrew Gowers – Tiefe Einblicke, ansonsten aber nicht beteiligt? Na ja …
Was Fachleute in Verwaltungsräten betrifft, bin ich im Allgemeinen skeptisch. Paradebeispiel ist der Wirtschaftsanwalt, den man sich in den VR holt um sich rechtlich abzusichern – leider jeweils ohne zu bedenken, dass damit erhebliche Interessenkonflikte einhergehen. Dito bei anderen Fachleuten.
@) mds: Ich meinte, am Crash nicht beteiligt. Am Schönreden – und -färben natürlich schon. Das ist Alltag von “Heads of Corporate Communications”.
Vielleicht haben Sie mit den “Fachleuten” recht.
Dann setzen wir vom CNL als Grundanforderung: breiter Horizont, mit Erdung, die aber nicht zwangsläufig in Schweizer Erde festgewachsen sein muss.
beängstigend dieses neoliberale-rechtskonservative netzwerk. spieler sitzt mittlerweile gar im chefredaktorsessel der sonntagszeitung. baslerzeitung ist wohl auch in deren hände gefallen und az, telezüri/radio24 sind im visier. ganz zu schweigen von kleineren sachen wie opfiker anzeiger, schaffhauser fernsehen mit blocher tv, top cc talk, tv5 etc.