Keine Unterbrechung in der Gotteszone

Die SRG verlangt vom Bundesrat mehr Unterbrecherwerbung in ihren Sendungen. Sie weiss zwar, dass sie damit ihr Fernsehpublikum vertreibt, aber das nimmt sie gerne in Kauf, wenn der Mammon winkt. Allerdings will die SRG nicht in allen ihren längeren Sendungen mehr Werbung: Kinderprogramme und Gottesdienste sollen werbefrei bleiben. Eine Haltung, die einigermassen seltsam erscheint.

Bei den Kindersendungen mag man diese Rücksicht ja noch verstehen. Die Kleinen haben in ihren jungen Jahren eine Schonzeit verdient, mögen fürsorgliche Gemüter denken. Die Zwuckel sollen in ihrem zarten Alter unbelastet vom täglichen Spotmüll vor dem TV-Kasten sitzen können, wenn sie denn nur Kindersendungen reinziehen würden.

Was sie natürlich am liebsten nicht tun und damit wie alle andern Zuschauer der Werbung ausgesetzt sind. Allerdings wird der gewiefte Pädagoge mit einem gewissen Recht argumentieren, dass es für die spätere Entwicklung der Jüngsten wertvoll ist (Persönlichkeitsbildung!), wenn sie sich schon bald als Zielgruppe ernst genommen fühlen – und sei es nur mit Kinderschokolade oder Überraschungseiern, die ihnen die Zähne faulen lassen.

Viel weniger leuchten dagegen die von Werbung verschonten Gottesdienste ein. Warum nur soll, sagen wir mal, ein Fussballspiel weniger wert sein als ein Gottesdienst? Zumindest den Fussballfans wird diese Logik nicht einleuchten, einem gottlosen Hooligan schon gar nicht. Und trotzdem müssen sie allesamt Spiel für Spiel massenweise Werbung über sich ergehen lassen.

Aber möglicherweise ist alles viel komplizierter, als man denkt, steckt vielleicht ein Kalkül der SRG hinter der werbefreien Gotteszone:

  • Die christlichen SRG-Chefs finden Werbung derart verwerflich, dass sie im Angesicht des Allmächtigen keinen Platz hat.
  • Die SRG-Oberen sind scheinheiliger, als man denkt und verstecken vor dem Gerechten, wie geldgierig sie im Herzen sind.
  • Oder die SRG-Chefs denken ausnahmsweise ans Publikum und befürchten, dass ihre gottesfürchtigen Schäfchen zu Hause dermassen sensibel sind, dass ein quietschendes Sipuro-Männchen in einem TV-Spot das kontemplative Gebet vor dem Bildschirm stört.
  • Oder die TV-Spots schmälern den Werbeeffekt von Gotteswort (wer will schon kurze Spots in einem stundenlangen Gottesdienst sehen?).
  • Vielleicht kommt auch der Verschwörungsansatz zum Tragen: Hinter diesem Entscheid stehen mächtige, kirchliche Kreise, denen die Kommerzialisierung des Weltlichen ein grundsätzlicher Gräuel ist, ganz zu Schweigen vom Sakralen.
  • Und überhaupt: Die Prediger wären überfordert, wenn sie im Gottesdienst Werbepausen überbrücken müssten, um die Kirchgänger bei Laune zu halten.

Aber hoffen wir doch, alles ist viel harmloser: Die SRG belässt die Gottesdienste werbefrei, weil ohnehin keine Agentur Spots schalten würde in einem Programm, das keiner einschaltet.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts» und Kulturchef beim Pendlerblatt «News», amtet seit dem 1. September 2008 als Chefredaktor des Magazins «Saldo».

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Keine Unterbrechung in der Gotteszone»

  1. tkg:

    Das Kinderprogramm von SF wird auch in Zukunft nicht werbefrei sein. Die SRG darf bloss nicht eine Kindersendung mit Werbung unterbrechen (was sie heute auch nicht macht). Zwischen einzelnen Programmteilen (also zwischen Kinderserien z.Bsp.) darf wie bis anhin Werbung geschaltet werden. Der öffentlich-rechtliche deutsche Kinderkanal Kika hingegen verzichtet ganz auf Werbung.

  2. Nano:

    Oder vielleicht liegt es nur daran, dass in einem Fussballspiel eine Pause stattfindet während der Gottesdienst in einem Stück abgehalten wird?
    Was kann ich dafür, dass Fussballspieler zu verwöhnt sind um 90 Minuten am Stück Ihre Arbeit zu tun? :-)

  3. Benedikt XVII.:

    Wieso weiss Hochwürden Hürzeler, dass niemand TV-Gottesdienste schaut? Wahrscheinlich ziehen die eine gut einschätzbare Zielgruppe an. Ausserdem finde ich die Ausnahmeregelung i.O., sie ist ein kleines Zeichen gegen die allgegenwärtige Kommerzialisierung.

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