«Die Südo…weiz»

Der «Tages-Anzeiger» färbte seinen Zeitungskopf für Omega schwarz ein (s. dazu hier), die «Südostschweiz» klebt den ihrigen für Manor gleich zu:

suedostschweiz_manor.jpg
(«Südostschweiz» vom 30. Oktober 2009)

So weit, so naja. Die Zeiten sind schliesslich nicht leicht.

Da Bündner aber keine halben Sachen machen, schob das Blatt weiter hinten gleich noch ein nahezu ganzseitiges Interview (online nicht frei zugänglich) mit dem Regionaldirektor Ostschweiz von Manor nach. Die absolut unkritischen Fragen wurden schriftlich gestellt und boten dem Manor-Manager so Gelegenheit, ein Loblied auf sein Unternehmen anzustimmen.

Wie lautet eigentlich die Steigerungsform von «Gefälligkeit»?

von Martin Hitz | Kategorie: Sparschwein

7 Bemerkungen zu ««Die Südo…weiz»»

  1. Fred David:

    Steht das Interview im redaktionellen Teil? Ist es als Anzeige bez. als sog. „Publireportage“ gekennzeichnet?

  2. @Fred David: Raten Sie mal.

  3. ras:

    Klärt das Wort Publireportage irgendetwas?
    Ein durchschnittlicher Leser weiss nicht, was das heisst. Vielleicht denkt er, das sei eine Reportage fürs Publikum. Er wird sich dann fragen, wofür die blossen Reportagen sind. Für die Journalisten?

  4. Fred David:

    Danke, ich wollte ja nur sicher gehen.

    Nun kann man natürlich sagen, dass die Welt nicht untergeht, wenn sich die „Südostschweiz“-Redaktion gegen Entgeld darbietet (wie nennt man das nochmal im richtigen Leben?) und ein liebedienerisches Interview mit dem Manor-Regionaldirektor abdruckt und auch noch den Zeitungskopf dafür zur Verfügung stellt (ein schönes Bild: den KOPF fremden Interessen zur Verfügung stellen; das ist eine neue Dimension im Jornalismus: head sharing).

    Nur: Alle menschliche und berufliche Erfahrung sagt einem, dass es natürlich nicht bei Harmlosigkeiten bleiben wird, wenn die Grenze einmal so deutlich überschritten ist. Es tritt ein Gewöhnungseffekt ein und irgendwann finden das alle normal. Und immer ein wenig mehr und weiter, und da noch und dort, weil natürlich auch die Begehrlichkeiten dieser Kundschaft zunehmen.

    Auch dann, wenn es nicht mehr um den Regionaldirektor eines Warenhauses geht, sondern um Dinge, Personen und Interessen, die wirklich wichtig sind.

    Verleger-Präsident Hanspeter Lebrument hat diesen Weg letztes Jahr am Verlegertag vorgezeichnet.

    Auf die Theorie folgt die Praxis. Ein logischer (Irr-)Weg.

    Solche Einwände werden gern als „moralisierend“ abgetan, auch unter Journalisten. Man dürfe das nicht so eng sehen, die Zeiten seien eben so wie sie sind: hart.

    Tatsächlich hat das Ganze einen starken ökonomischen Aspekt, aber möglicherweise in einer völlig andern als in der erwarteten Richtung.

    Warum sollten Medienkonsumenten eine Zeitung, die sie eh für gekauft halten, noch einmal kaufen bez. bezahlen?

    Eine Redaktion kann nicht einfach sagen, macht doch nix, in allem andern sind wir vöööööllig unabhängig und unbestechlich. Versprochen!

    Glaubwürdigkeit wird früher oder später ein ökonomischer Wert sein. Ist dieser weg, kann man ihn nicht einfach wieder zurückkaufen.

    Man kann eben nicht ein wenig auf den Strich gehen. Entweder geht man auf den Strich oder eben gar nicht.

    Das Publikum glaubt längst nicht mehr alles.

  5. Der Medienspiegel ereifert sich über unsere Klebwerbung vom 31. Oktober und vergleicht dies mit dem TA-Omega-Kopf. Der Vergleich hinkt gewaltig: Der Kleber auf der SO kann mit einem Handgriff abgezogen werden und die Textseite steht dann völlig unversehrt da. Das machte der Tagi schon oft, nur leider mit einem Kleber, der die Seite beim Ablösen zerreisst. Seit 100 Jahren lassen die Schweizer Illustrierte und andere Zeitschriften Bilder direkt ins Zeitungslogo reinlaufen, was auch niemanden stört, obwohl es dann dort nur noch „Schw…te“ heisst.

    Was das Interview betrifft, so wurde dies zufällig gleichentags publiziert, die Redaktion wusste nichts vom Kleber und die Kleber-Abteilung nichts vom Interview. Wenn eines der grössen Warenhäuser der Stadt Chur den Laden totalrenoviert, kann das ja anzeigenseitig wie auch redaktionell wahrgenommen werden, oder? Und dass ein umgebauter Laden per se nicht besonders kritische Fragen auslöst, dürfte auf der Hand liegen. Oder wärs so besser gewesen: „Herr Direktor, wieso haben Sie die Fischabteilung nicht unterm Dachboden realisiert?“

    Es ist ja lustig: Ein paar Wahrheitsapostel wittern noch immer bei jedem Beitrag im redaktionellen Teil, der sich nicht dem Klassenkampf gegen Unternehmen widmet, unzüchtige Vermischung von Werbung und Publizistik. Es sind dieselben, die auf die Strasse gehen, wenn die Verlage Leute entlassen, weil die Zeitungen immer publikumsfremder werden.

  6. Fred David:

    @ geschätzter Kollege Masüger, der Begriff „Wahrheitsapostel“ im Zusammenhang mit Journalisten ist etwas zwiespältig, finden Sie nicht? Warum nicht gleich Wahrheitsfanatiker? Oder irgendwie so.

    Was redaktionelle Anbiederung an Werbekunden mit Publikumsfreundlichkeit zu tun hat, harrt noch einer vertiefenden Erläuterung.

    Und „Klassenkampf gegen Unternehmer“: Haben Sie sich da nicht im Jahrhundert vertan? 1968 war vor 41 Jahren.

    Im Ernst: allzu harmlos müssen sich auch Redaktionsdirektoren nicht geben. Sie dürfen schon sagen, was Sache ist, nämlich, dass die Zeiten hart sind und die Anzeigenbudgets nicht so, wie sei sein sollten.

    Und vergessen Sie die erwähnten Anmerkungen Ihres gleichfalls geschätzten Verlegers, Hanspeter Lebrument, am Verlegertag 2008 nicht…

    Ich jedenfalls habe sie nicht vergessen.

  7. mds:

    @ras: Der Presserat rät von «Publireportage» ab – aus den von Ihnen dargestellten Gründen.

Antworten abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *