Darüber müssen wir kurz reden. In jeder Journalistenbibel steht geschrieben: Du sollst dem Leser keine Information vorenthalten. (Gilt theoretisch auch für Politiker). Trotzdem tun sie es. Ab und zu. Von unzähligen Beispielen nur das aktuellste:
Jüngst stilisierte der «Sonntagsblick» den grünen Politiker Bastien Girod zum linken «Tabubreaker». (Kurzer Einschub: Warum eigentlich nicht die Co-Autorin?). Ein «brisantes» Positionspapier soll eine angeblich verdrängte Migrationsdebatte anschieben. Aha, soso, naja. Darüber haben wir ja noch nie geredet.
Jetzt also die Grünen. Der vernetzte Boulevard stürzt sich auf das rollende Ausländer-Spektakel. Roger Köppels «Xenophobiewoche» sowieso. Für die nötige Reichweite sorgt die Bouletainment-Abteilung von «10 vor 10». Man kämpft sich durch kläffende Artikel und schäumende Leserkommentare. Klick, klick, klick. Eine Woche lang. Endlich haben sie es gecheckt, die Grünen! Aha, soso, naja. Ein paar (grüne) Blogger reiben sich verdutzt die Augen.
Erst in einem ruhigen Moment meldet das Kleinhirn an Grosshirn: Worüber reden die eigentlich alle? Was steht wohl drin in diesem unheimlichen Positionspapier? Und warum stellt es denn niemand ins Netz aller Netze? Nicht einmal der Autor. Spielt das noch eine Rolle? Das Medienspektakel ist angerichtet. Und dann, endlich, kurz vor dem institutionalisierten Treffen aller Überfremdungs-Theoretiker in der «Arena», taucht es doch noch auf (PDF). Das steht also drin. Aha, soso, naja.
Alter Boulevardtrick. Funktioniert immer noch erstaunlich gut. Stückweise portionierte Empörung im Interesse höherer Interessen: Einschaltquote, Auflage, Wählerstimme. Retrojournalismus trifft Retropolitik. Wann wurde nochmals das Internet erfunden? Am Anfang war ein PDF. Und ein solches gehört meiner bescheidenen Meinung nach subito Online. Quellenversteckis als Publikumsverarsche war gestern.
Ugugu ist als Grossverleger und Blattmacher in der Journischredderei tätig.
Der angegebnene Link am Ende des vorletzten Absatzes (“auf”) ist nicht aktiv. Ohne den ist der Text nicht nachvollziehbar. Bitte um Nachhilfe.
Danke für den Hinweis! Sollte jetzt klappen.
Das ist ein Service! Danke.
@) ugugu: Finde ich treffend aufgespiesst.
Jegerlis was für eine Aufregung! Das angebliche “grüne Positionspapier” ist lediglich ein “Arbeitspapier” von ganzen zwei (!) Autoren, d.h. es ist überhaupt erst mal eine Grundlage, eine politsche Diskussion beginnen zu können.
Ja und? Das Papier klingt vernünftig, ich konnte keine Fangeisen entdecken. So beginnt man eine ordenliche Diskussion halt nun mal.
Mit den hektischen Aufgeregtheiten drum herum erreichen Medien lediglich, dass man sie noch weniger ernst nimmt. Lass sie doch schwätzen … das ist der Tenor, auf den man an allen Ecken stösst. Nur Journalisten scheinen das nicht zu hören.
Dabei gibt es genug Diskussionbedarf in der Schweiz, der über diesen “Arena”-Quark hinausgeht.
Die Relaunchs von “Tages-Anzeiger”, “NZZ” und “Blick” zeigen meiner Meinung nach interessante Ansätze – aber man muss dann auch mal an einem Thema dranbleiben, zurückkommen, neu sortieren, und nicht dauernd atemlos weiterhecheln.
Es gibt einen gewissen Prozentsatz im Land, ich würde schätzen: 20%, die sehr laut sind und mit denn sich keine Diskussion mehr lohnt. Intellektueller Bodensatz. Forget about it. Ich will nicht dauernd mit deren Mist behelligt werden.
Die übrigen 80% jedoch sind unterversorgt. Und die sind in der Regel nicht mit diesen künstlichen Aufregern zu kriegen.
Medien dürfen diesen 80% schon mehr als nur eine Restintelligenz unterstellen.
Warum Aha, soso, naja?
Ich verstehe nicht, was uns Ugugu sagen will mit diesem Text. Geht es einfach darum, einmal mehr den Profijournalisten eins auf den Deckel zu geben?
Die Vermutung drängt sich auf. Denn die Veröffentlichung des PDFs resp. der Link dazu hätte nicht viel an der Informationslage geändert. Der Inhalt des Papiers wurde in der Presse korrekt zusammengefasst. Nachdem ich das PDF jetzt gelesen habe, sage ich weder Aha noch Soso, und schon gar nicht Naja.
Die Reaktionen auf Girods Papier waren teilweise arg vorhersehbar. Aber das heisst ja nicht, dass der nicht-xenophobe Teil der Bevölkerung nicht über das Papier diskutieren darf. Wir sind ja in einer Demokratie. Und ab und zu ist es auch nötig, ein bisschen auf den Putz zu hauen. Solange das auf halbwegs anständige Art geschieht, habe ich nichts dagegen. Denn Politiker sind ja nicht dazu da, um uns zum Einschlafen zu bringen, das kann ich selber erledigen.
Naja, zum Beispiel die 201 zum Teil äusserst heftigen Kommentarschreiber auf newsnetz haben den Wortlaut des keineswegs sensationellen Papiers nicht kennen können – aber doch schon eine sehr dezidierte Meinung dazu geäussert. Das sind schon erwähnenswerte Phänomene.
Die Zusammenfassung im “Sonntagsblick” ist eher schwer verständlich, aber nicht falsch. Auf newsnetz wird die Sache weiter gedreht und zum angeblich schweren Konflikt hochgejazzt.
Wenn man dann den Wortlaut des PDF liest, fällt die Aufregung in sich zusammen.
Diesen Mechanismus darf man schon mal nachzeichnen.
Es lohnt sich, bei solchen künstlichen “Aufregern” den Ursprungstext zu lesen, und sich vielleicht erst danach aufzuregen.
Drum ist es durchaus hilfreich, wenn Originaltexte so früh wie möglich im web sind. Spart viel Zeit und kostbare Energie. Auch wenn dadurch mal eine Story halt zur Non-Story wird.
Kurzum: Man mag sich als Medienkonsument einfach nicht mehr dauernd von hü nach hott hetzen lassen.
Ich finde es nicht unbedingt gefährlich, zum Teil aber an Denkverbotserteilung grenzend, wenn man immer gleich mit dem Xenophobievorwurf kommt und jeden mit Köppel in einen Topf wirft, der sich fragt, wie es denn weitergehen soll mit der Schweiz. Dass dieses Weitergehen ohnehin von Sachzwängen bestimmt wird, muss das Nachdenken ebenfalls unterbinden. Emotionen und das Schüren derselben muss ebenfalls erlaubt bleiben. Die Stossrichtung stimmt aber schon, das Papier hätte von Anfang an auf den Tisch gehört.
@hildebrandt: denkverbote will ich niemandem auferlegen und schon gar niemanden in töpfe schmeissen. nachdem ich mir die arena angeschaut habe, bleibt ein ohrenrauschen und die vermutung, dass girod seiner partei eher einen bärendienst erwiesen hat. das thema raumplanung ist ganz offensichtlich nicht arena-tauglich.
frage: warum lassen sich zürcher medien (löbliche ausnahme nzz) die agenda von der weltwoche setzen? die grenzdebile neocon-zahlenschubbserei eines christopher caldwell in der aktuellen wewo, welche in köppels lieblingsthese gipfelt, migration habe in erster linie etwas mit einwanderung in die sozialsystemen zu tun, lässt sich zwar nicht belegen, scheint sich aber durch mantrahaftes runterbeten in greater zürich-area doch so langsam in den köpfen festzusetzen.
andere frage: wieso muss jede zweite schlagzeile auf “hilfe die deutschen kommmen” gedrechselt sein? ist das nicht langsam etwas ausgelutscht und interessiert ausserhalb zürichs schlicht niemanden?
Ugugu > Das Deutschen-Bashing ist tatsächlich total überflüssig. Aber Girod hat eben nicht auf den Deutschen, den Muslimen oder einer anderen Bevölkerungsgruppe herumgehackt, sondern einen sachlichen Diskussionsbeitrag geleistet. Das ist keine Konzession an die «Xenophobie-Woche». Wenn man das Thema Einwanderung krampfhaft ausklammert, lässt man sich die Agenda genauso von der «SVP-Woche» diktieren, wie wenn man auf den ausländerfeindlichen Diskurs aufspringt. Abgesehen davon sagt ja niemand, dass ein Politiker seiner Partei unbedingt jeden Tag einen Dienst erweisen muss. Politische Vorstösse können das Profil eines Politikers schärfen, auch wenn sie chancenlos sind. Das hat die SVP schon lange gemerkt, und Girod weiss das auch, aber insgesamt könnten die Linken da noch ein paar Zacken zulegen.
Warum könnte die SP nicht, um Fred Davids Thema zu erwähnen, zB eine Initiative gegen Verlustvorträge lancieren? Damit könnte die Partei zeigen, dass sie die Interessen der Arbeitnehmer vertritt.
ist ja wieder mal interessant, was hier läuft. habt ihr mit grünen politikern gesprochen? mit dem generalsekretariat? mit mandatsträgern der grünen? dann würdet ihr wissen, dass niemand das papier hochgejazzt hat. und dass es sich bei dieser debatte um eine wichtige debatte innerhalb der linken handelt. ugugu und co: recherchieren, bevor ihr drauflos schreibt.
Behaupte ich irgendwo, die Grünen hätten das Papier hochgejazzt? Das haben Sonntags-Blick, Blick, Newsnetz, 10vor10 und die Arena ganz von alleine erledigt. Wobei man als aufgeklärter Medienkonsument in der Regel gerne auch gleich erfahren würde, ob der Verfasser das Papier selbst an den Sonntagsblick übergeben hat. Sowas interessiert nun mal und dient auch der besseren Einordnung.
Es handelt sich ja eben gerade nicht um ein hochbrisantes Dokument, das nur über einen anonym-bleiben-wollenden Whistleblower an die Presse gelangt ist.
sie schreiben: sobli stilisierte papier zum tabubruch. dazu brauchte es kein stilisieren.