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23. Oktober 2009

Medienschau

Bitte Internet abschalten

Die Geschichte ist zwar bereits mehr als eine Woche alt und von den Nachbarn Grob und Bugsierer auch bereits abgehandelt worden. Bemerkenswert ist sie aber nach wie vor:

Da erdreistet sich doch das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), die herkömmlichen Medien zu umgehen und Berichte eben dieser Medien auf der eigenen Website «richtigzustellen» — «Ueli Maurer stellt Journalisten im Internet an den Pranger» titelte tagesanzeiger.ch aufgeregt, ohne einen Link auf die «inkriminierte» Seite zu setzen! — und schon sehen einige Exponenten der alten Medien die Pressefreiheit in Gefahr.

«Sonntagszeitung»-Chefredaktor Andreas Durisch etwa sagte gegenüber tagesanzeiger.ch:

    «Falls Medien Fakten falsch darstellen, muss das VBS beim entsprechenden Medium für eine Richtigstellung sorgen [...] diese Medienseite auf der VBS-Homepage respektiert die Meinungäusserungsfreiheit der Presse nicht.»
Und ein Vertreter des Journalistenverbands Impressum meinte:
    «Eine Behörde wie das VBS, die über eine grosse Presseabteilung verfügt, kann doch aber einen Leserbrief schreiben oder wenn etwas falsch ist, eine Gegendarstellung verlangen.»
Aha, ein Leserbrief oder eine Gegendarstellung. Auf keinen Fall aber darf sich das VBS direkt an die Bürgerinnen und Bürger wenden. Dafür sind ja schliesslich die Zeitungen und vielleicht auch noch Radio und Fernsehen da. Es möge doch endlich jemand dieses Internet abschalten!

Ähnlich, wenn auch in anderem Zusammenhang, sieht dies offenbar auch die von einem massiven Stellenabbau bedrohte Redaktion der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA). In einem via Mediengewerkschaft Comedia verbreiteten Communiqué (Word) schreibt sie:

    «Die SDA-Redaktion ruft daher die Verantwortlichen auf, das Zeitalter der Gratisangebote im Internet zu beenden und auch bei den Gratiszeitungen über die Bücher zu gehen.»
Wesentlich einfacher nachzuvollziehen ist da eine weitere Aussage der SDA-Redaktion:
    «Besonders stossend ist, dass SDA-Miteigentümer, die den Dienst gekündigt haben, sich schamlos im Internet an den SDA-Leistungen bedienen.» (Siehe dazu auch «Medienwebsites als Content-Diebe?»).

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Bemerkungen

Bobby California:

Ich habe langsam das Gefühl, dass es eine spezielle Blogger-Logik gibt, die sich fundamental von der Logik der nicht-bloggenden Bevölkerung unterscheidet. Die Blogger-Logik hindert die davon Infizierten daran, unvoreingenommen und ruhigen Blutes zu denken.

Man könnte die Blogger-Logik als binäre Logik beschreiben, denn sie besteht im Wesentlichen aus zwei Glaubenssätzen:
1. Internet ist gut
2. Papiermedien sind schlecht

Die vorliegende Diskussion ist unverkennbar von der Blogger-Logik geprägt: Wenn etwas im Internet verbreitet wird, ist es zwangsläufig gut, und wenn ein Papiermedium Kritik an dem Internet-Gefäss äussert, kann die Kritik nur von Vorgestrigen und Ahnungslosen verfasst worden sein.

Dabei gehts hier doch, Hand aufs Herz, nun wirklich nicht um eine New-versus-old-Media-Debatte. Die Medienschelte aus dem Hause Ueli Maurer wäre auch dann lächerlich, wenn sie auf Papier gedruckt würde. Also wenn Ueli Maurer eine Zeitung verteilen lassen würde, in der er den Journalisten wöchentlich mit Namensnennung ihre Fehler vorhalten und ihnen die Leviten lesen würde – das fänden vermutlich auch Blogger lächerlich.

Aber eben: wenns im Internet steht und im Tagi kritisiert wird, dann kommt der einfache Blogger-Reflex zum Tragen: Internet = gut, Tagi = schimmerlos.

Das hat doch nichts mit gut oder schlecht zu tun, lieber Bobby. Und erst recht geht es nicht um eine Verteidigung des Verteidigungdepartements. Aber wenn Durisch im Zusammenhang mit dem VBS-Angebot von Nichtrespektierung der Meinungäusserungsfreiheit spricht und der Impressum-Vertreter Leserbriefe fordert, ist das doch einfach nur noch lächerlich. Was hält denn Durisch davon ab, in seinem Blatt auf die "Richtigstellungen" des VBS zu reagieren – vielleicht gar mit einem Hinweis auf die URL der betreffende Seite?

Bobby California:


Martin > Warum ist es lächerlich, wenn Kollege Durisch die Internet-Medienschelte kritisiert? Und warum ist Ueli Maurers Internet-Medienschelte nicht lächerlich? Hier wird doch einmal mehr ganz deutlich die Blogger-Logik sichtbar: Wenn etwas übers Internet verbreitet wird, ist es von vornherein cool und KANN gar nicht lächerlich sein. Wenn sich hingegen ein Printheini über eine Internetseite kritisch äussert, ist er VON VORNHEREIN ein Vorgestriger. Eben gemäss der Blogger-Logik: Internet = cool und Holzmedien = lächerlich.

Wenn Herr Maurer den Journis Zensuren verteilt, dann läuft das durchaus auf eine Missachtung der journalistischen Freiheit heraus. Denn es gehört sicher nicht zu den Aufgaben unserer Behörden, Journis an den Pranger zu stellen. Die Behörden sollen unser Land vorwärts bringen, und die Journis kommentieren die Arbeit der Behörden. Wenn die Behörden finden, sie müssten über ihre Kanäle die Arbeit der Journis kommentieren, dann ist das überflüssig und ärgerlich. Sowas kommt nur dem VBS in den Sinn.

Andere Beispiele für die Blogger-Logik finden sich zuhauf, auch auf dieser Seite: Wenn jemand bei der Wikipedia abschreibt, dann kann es nur die SDA gewesen sein (laut Kommentar mds). Denn das Newsnetz gehört ja zur coolen Internet-Sphäre, und weil die Rollen klar verteilt sind (eben: Internet = gut, Print = ahnungslos), fällt der Verdacht zuerst logischerweise auf den Printheini. Selbst wenn erwiesen ist, dass es nicht der Printheini war, wird der Titel der Meldung nicht korrigiert.

Auch Content-Diebstahl ist OK, wenn der Diebstahl übers Internet getätigt wird, denn weil das Internet grundsätzlich gut ist, ist auch der Content-Klau im Internet cool. Das Urheberrecht gehört ja sowieso in die Printsphäre und ist deshalb genauso veraltet wie die Printmedien.

Auch Google ist aus der Optik der Blogger gegen jede Kritik immun, weil diese Firma der coolen Internetsphäre angehört.

Ich würnsche mir eine differenziertere Diskussion!

@BobbyCalifornia: Der Tagi sollte sich freuen, dass er überhaupt noch Kritiker hat. Der «Blogger-Reflex», falls es den überhaupt gibt, bezieht sich ja eher auf das, was der Tagi im Internet veranstaltet und weniger auf die Printausgabe. Weil Newsnetz mit grossem Qualitätsgeschwurbel angekündet wurde, was nicht eingehalten wurde. Stattdessen trieft es aus jedem Bit und Bite nach hyperventilierender Monopolabschreibe und Irrelevanz.

Zur VBS-Website: Auf mich wirkt sie auch etwas oberlehrerhaft. Henusode. Daraus jedoch herzuleiten, die Meinungsfreiheit sei in Gefahr, nur weil es immer noch Journalisten gibt, die glauben, öffentliche Debatten hätten nur und ausschliesslich auf ihrer Plattform (Print oder online) stattzufinden, halte ich gelinde gesagt für naiv.

Fred David:

Also, was für ein Blödsinn: Natürlich kann ein Minister Journalisten und ihre Arbeit qualifizieren, ohne dass gleich die Meinungsfreiheit die Limmat heruntergespült würde. Er darf das auch im Internet tun und sich die Briefmarke sparen für einen Leserbrief, den eine Redaktion drucken kann oder auch nicht.

Die Journalisten haben doch genug Möglichkeiten zurückzuballern. Es gibt kein Meinungsäusserungsmonopol.

Die Frage ist letztlich natürlich: Was bringt's dem Leser? Soll der sich doch mal dazu äussern

Aber dieses Theatralische "Wehret den Anfängen, die Pressefreiheit ist in Gefahr!" Das kann ich nicht nachvollziehen.

Journalisten sind doch keine Mimöschen. Sie müssen sich halt auch auf eine etwas härtere Gangart einstellen. Die Zeit der Geschützten Werkstätten ist schon lange vorbei. Willkommen im wirklichen Leben.

Bobby California:


Ugugu > Deine Argumentation ist ein Beweis für die Existenz des Blogger-Reflex: Ueli Maurer, da sind wir uns sicher einig, ist ein Paradebeispiel für eine Schiessbudenfigur. Aber wenn er seinen Blast im Internet von sich gibt, ist er gemäss Blogger-Logik cool. Hauptsache, er kritisiert die Holzmedien. Und schon ist die unheilige Allianz zwischen dem Eidgenössischen Militär-Departement und den Bloggern besiegelt. So einfach geht das.

@BobbyCalifornia: Nanu, cool ist anders. Sicher aber gehöre ich nicht zu denjenigen, welche allen Bundesräten grundsätzlich am liebsten einen Maulkorb anlegen würden. Hingegen finde ich: Ueli Maurer soll, wenn er schon Medienkritik als Hobby betreiben will, dies in einem privaten Blog tun, wie sein Bundesrats-Kollege Leuenberger.

Wenn die Verleger einen Bundesrat einladen, damit er ihnen am Verlegertag gehörig die Kappe wäscht, ist das wiederum nicht mein Problem. Die Hoffnung war wohl eher, die geladenen Politiker mit Subventions-Gesäusel zu betören. Insofern war die Maurer-Einladung ein gewaltiger Schuss in den Ofen.

Interessieren würde mich übrigens, falls sich mal ein Blogger (oder Journalist, oder beides) dahinter klemmen will, wer Maurers Ghostwriter ist? Zumindest ist die aus dem Rede getilgte Passage interessant, die ein Schaffhauser Blogger und Verleger in sein Blog gestellt hat. (Siehe ganz am Ende dieses Blogeintrags.)

Ob da öppen am Änd gar ein Ex-Bundesrat am Manuskript rumgefingert hat?

ach bobby, bei dir orte ich schon seit längerem einen ausgeprägten anti-blogger-reflex, der fast immer in einer grauenhaften polemik endet. warum kommentierst du hier eigentlich soviel, wenn du dieses blog und alle anderen so scheisse findest? und noch ne frage, hab ich dich schon mal gefragt ohne antwort zu bekommen: würdest du auch mit klarname so auf den putz hauen? – ts...

pranger? also bitte, das ist doch memmenhaft übertrieben. die schurnis zeichnen ihre texte ja mit namen in der regel, sie sind genauso öffentliche personen wie es politiker sind. da gleich von pranger zu reden ist verhältnisblödsinn und zeigt nichts weiter, als dass sich die herren chefreaktoren mit den neuen realitäten hinten und vorne nicht anfreunden können und wollen, weiss der geier warum.

off topic: wo kann man hier für eine kommentarbenachrichtigung spenden? ist ja nur ein halbes blog so ...

Bobby California:


bugsierer > Gerne beantworte ich Ihre Fragen. Es trifft nicht zu, dass ich alle Blogs «scheisse» finde. Vielmehr finde ich den Medienspiegel ausserordentlich anregend und intelligent geschrieben. Aber das bedeutet nicht, dass ich mich mit dem Inhalt nicht kritisch auseinander setzen darf, gell? Ich bin eben ein Anhänger der differenzierten Auseinandersetzung, und die Welt ist nun mal komplexer als die binäre Blogger-Logik (Internet = cool, Holzmedien = uncool). Der Henusode-Blog ist ein Paradebeispiel für diese simplifizierende Holzschnitt-Logik.

Um Ihre zweite Frage zu beantworten: Im Internet schreibe ich grundsätzlich gar nichts mit Klarname. Ich will doch nicht, dass alle meine Kommentärchen lebenslang von jedem Computer aus gegoogelt werden können.

Fred David / bugsierer > Noch ein Wort zum Memmen- bezw. Mimosen-Vorwurf: Es geht ja gar nicht darum, ob Ueli Maurer uns im Netz anprangern darf. Natürlich darf er das tun, und die Welt wird auch nicht untergehen, wenn er es tut. Aber es muss auch die Frage erlaubt sein, ob es zu den Aufgaben einer Behörde gehört, die Journalisten im Netz zu massregeln. Ich bin ganz klar der Meinung: Nein, das gehört nicht zu den Aufgaben einer Behörde. Schliesslich gehen dafür unsere Steuerfranken drauf. Die Behörden sollen ihren Job machen, und wir Journalisten machen unseren Job, und es ist nicht nötig, dass das VBS die Arbeit der Journalisten auf einem von der Allgemeinheit finanzierten Kanal kommentiert.

Fred David:

@) Ugugu:

Die Frage ist gut: Wer ist Maurers Redenschreiber?

Es klingt ein wenig nach gedämpftem Mörgeli, aber doch nicht richtig. Wer war's wirklich?

Durch die Flure des Bundeshauses wuseln tagaus, tageindoch Heerscharen von Bundeshausjournalisten - und journalistinnen. Mindestens einem (r) müsste es doch nach einigen Wochen gelingen, herauszukriegen, wer Maurers Reden schreibt. Ich meine, soviel Spürsinn dürfte man doch erwarten.

Ich bin jetzt mal ein bisschen gemein: Der Prototyp des Berner Bundeshausredaktors mit Sitzrecht ist für mich Hanspeter Forster vom Schweizer Fernsehen. In den letzten Wochen und Monaten könnte er für mich glatt als Regierungssprecher durchgehen. Da sehe ich kaum noch Unterschiede. Bei Thema Libyen fiel mir das besonders stark auf.

Ich meine, da ist es vielleicht ein Fehler, Spürsinn zu erwarten.

Fred David:

Ich werde soeben darauf aufmerksam gemacht, dass mein letztes post missverständlich sei.

Also: Ich unterstelle Hanspeter Forster von SF, dem ich nicht zu nahe treten will, natürlich nicht, dass er heimlicher Redenschreiber Maurers sei. Mir fiel er mehr als Redennacherzähler auf. Was ich ihm allerdings definitiv auch nicht unterstellt habe, ist eine journalistische Spürnase. Dieses war mit dem Hinweis auf die Recherchierfreude unter der Bundeskuppel gemeint.

@ bobby: deine erbsenzählerische replik in ehren, aber dein vorwurf des simplifizierens in meinem blog ist doch reichlich daneben. es gibt nicht viele blogger, die sich so ausführlich mit der aktuellen mediensituation befassen wie meiner. mir da holzschnittartige simplifizierung zu unterstellen ist doch etwas gar verwegen. im übrigen scheinst du noch nicht begriffen zu haben, dass blogs in der regel ausgeprägte meinungskanäle sind.

zudem entpuppst du dich an allen ecken als billigpolemiker. meine frage z.b. hast du haarscharf daneben beantwortet, wie geübte politker das tun. ich wollte nicht wissen, ob du je etwas mit klarname ins netzt schreiben würdest, sondern ob du mit klarname auch so auf den putz hauen würdest. henusode.

deine haltung gegenüber den neuen kanälen (die ein bundesamt nicht einsetzen dürfen soll) ist reichlich antiquiert. dann darf also moritz leuenberger auch kein blog betreiben? und alle anderen politiker auch nicht?

Bobby California:


Bugsierer > Seufz, nochmals: Ich würde NIE etwas mit Klarname ins Internet schreiben. GAR NIE, capito? Weder etwas Nettes noch etwas auf den Putz gehautes, einfach prinzipiell NIX!

Meine Feststellung, dass das Henusode-Blog vorwiegend holzschnittartig simplifiziert, bestätigt sich jedesmal, wenn ich das Blog anschaue. Jedesmal lese ich dort: Journi X ist ein Blödmann, Verleger Y hat nix kapiert. Die binäre Blogger-Logik (Internet = gut und Holzmedien = schlecht) zieht sich wie ein roter Faden durch das Henusode-Blog. Wenn ich so was lese, vermute ich, dass der Autor neidisch ist, weil er nie einen Posten bei einem professionellen Medium ergattern konnte. Mit differenzierter Medienkritik hat das herzlich wenig zu tun.

Dass Sie es auch besser können, zeigt Ihr Mörgeli-Post. So was lese ich gern in einem Blog, aber doch bitte nicht immer das gleiche abgeleierte Journalisten-Bashing. Das ist sowas von 1997. Im Berner Oberland mag das noch als cool durchgehen, aber der Rest der Welt ist einen Schritt weiter, oder sollte es zumindest sein.

Und Moritz Leuenbergers Blog können Sie doch nicht vergleichen mit Uelis Medienschelte. Moritz Leuenberger missbraucht seinen Blog nicht dazu, um den Journalisten die Kappe zu waschen. Also: Natürlich darf Moritz Leuenberger ein Blog betreiben. Ueli Maurer darf auch bloggen. Aber im Internet Journalisten in den Senkel stellen auf Kosten der Steuerzahler, das ist überflüssig.

Christof:

ihr müsst halt zeitungen lesen. maurers redenschreiber ist längst enttarnt.

Fred David:

Sorry Christof, man kann nicht alles lesen. Wer war's denn nun?

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