In den letzten Tagen habe ich im Buch unserer Zukunft geblättert. Es hat mich nicht begeistert. Blättern ist zwar das falsche Wort, obwohl das Buch Tausende von Seiten hat. Aber auch Buch ist das falsche Wort. Mit seinem richtigen Namen heisst das Ding Sony Reader PRS-600 Touch Edition und gehört zur neusten Generation elektronischer Bücher. Es ist so gross wie ein Taschenbuch, präsentiert sich in einem schicken, aber recht schwer in der Hand liegenden Alu-Gehäuse und hat einen Touchscreen, der auf Fingerdruck reagiert: Man kann bequem die Seiten umblättern, indem man mit dem Daumen über den Bildschirm wischt.
Was der Sony Reader nicht beherrscht, bietet der Kindle von Amazon, der in der Schweiz seit dem 19. Oktober ausgeliefert wird: das direkte Herunterladen von Büchern aus dem Netz, ohne Umweg via Computer. Aber nicht nur Hunderttausende von Büchern hat Amazon für seinen Kindle im Angebot, sondern auch Zeitungen und Zeitschriften, von «FAZ», «Le Monde», «El País» und «New York Times» bis zu «The Atlantic», «Forbes», «Foreign Affairs» und «The Spectator». Der bisher erst in den USA vertriebene Kindle DX, der im A4-Format gehalten ist, will offensichtlich den Lesern von Zeitungen und Zeitschriften entgegenkommen.
Die Schweizer Verleger werden wohl nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Schliesslich können sie mit dem Kindle-Angebot Geld verdienen. Zumindest ein Trinkgeld. In den USA behält Amazon 70 Prozent der Einnahmen. Wenn die Verträge in Europa die gleichen sind, kann man sich ausrechnen, wie viel die «FAZ» an einem Kindle-Monatsabo (27.99 Dollar) oder an einer Einzelnummer (2.25 Dollar) verdient.
Werden wir also Zeugen, wie – nach den Gratis-Onlineausgaben – mit den elektronischen Readern ein weiterer Nagel in den Sarg der Printmedien getrieben wird? Kurzfristig gewiss nicht. Dass ein mit Papier sozialisierter Journalist über 50 angesichts eines elektronischen Buchs nicht in Jubel ausbricht, ist unerheblich. Wenn jedoch eine Vertreterin der Generation iPod wie meine 13jährige Tochter ein bisschen auf dem Sony Reader herumspielt und ihn dann beiseitelegt mit der Bemerkung: Ein richtiges Buch ist viel cooler – dann stimmt mit dem Ding etwas nicht.
Wir werden wohl warten müssen, bis sich Steve Jobs des Readers annimmt, bevor er so sexy sein wird, so einfach und intuitiv zu gebrauchen wie ein richtiges Buch, eine richtige Zeitung, eine richtige Zeitschrift. Dann aber werden die Herren der Druckmaschinen sich richtig warm anziehen müssen.
Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».
Interessanter Erfahrungsbericht.
Bei Büchern kann ich das gut nachvollziehen. Aber wie lesen sich FAZ etc., insbesondere Zeitschriften mit Illustrationen auf Kindle ?
Da würde ich gern mehr erfahren.
Uebrigens auch mit 50+. Wir Alten haben schon noch einiges vor. Freut euch nicht zu früh…
Danke für den Bericht. Zur Zeit sehe ich das genauso, doch trotzdem bin ich überzeugt, dass eInk eine grosse Rolle in der zukünftigen Medien spielen werden. Ich habe mich dazu erst kürzlich in einem meiner Posts ausführlicher geäussert.
Daniel Weber: Ich habe nochmal über die Bemerkung Ihrer Tochter nachgedacht, die denn SonyReader bald langweilig fand, das Buch dafür irgendwie cooler. Und Ihre Schlussfolgerung: “Dann stimmt mit dem Ding etwas nicht” trifft irgendwie die Sache im Kern. Ihre 13jährige Tochter stellt Heerscharen von Marketingaposteln bloss und mit ihnen Myriaden von Marktanalysen.
Sie haben eine intelligente Tochter.
Das Buch in seiner jetztigen Form ist etwa 600 Jahre alt, mit Vorläufern weit über 1500 Jahre – und ist bis heute nahezu unverändert. Irgendwann kam als grosse Innovation das Stichwortregister hinzu, eine primitive, aber noch immer ziemlich wirksame “Suchmaschine”. Und das war’s dann.
Ich glaube, es gibt kein anderes “Alltagsgerät” mit dieser weltweiten Massenverbreitung, das sich so wenig verändert hat, in sechs Jahrhunderten.
Das legt einfach den Schluss nahe, dass diese Veränderungen, die uns vorausgesagt werden, sehr viel langsamer ablaufen werden. Wir haben Zeit genug, uns darauf einzustellen. Man muss sich neugierig mit der Entwicklung bewegen, sich aber nicht den Kopf vollschwätzen lassen.
Wenn das bedruckte Papier einmal verschwunden sein sollte, so what? Das ist schlecht für die Papierindustrie und gut für die Wälder. Aber das werden weder Sie, noch ich, noch Steve Jobs, noch ihre Tochter erleben.
Wir erinnern uns alle an die Prophezeiung vom “papierlosen Büro” – und gucken betroffen über die Papierstapel in unseren Büros hinweg. Oder an die Voraussage, dass in wenigen Jahren nur die wenigsten Mensch noch in herkömmlichen Büros arbeiten würden, weil alle zu Hause am Computer sitzen, die Städte würden sich innerhalb eines Jahrzehnts radikal verändern sie würden veröden usw. usw.. Kann man alles nachlesen – auf Papier übrigens.
Nochmals Dank an Ihre Tochter, die mitgeholfen hat, die Füsse auf dem Boden zu behalten.
@ Fred David: Die Tochter hat sich über das Kompliment gefreut! Und was das Buch angeht, teile ich Ihre Einschätzung voll und ganz: Manche Erfindungen sind auch in Jahrhunderten nicht zu toppen.
@ eyeIT: Danke für den Hinweis, habe das EReader-Post mit Gewinn gelesen. In einem Punkt bin ich aber ganz anderer Ansicht als Sie: Das Heil liegt nicht in der personalisierten Zeitung. Ich will doch im Gegenteil eine Zeitung, die mir auch Geschichten liefert, die sich ausserhalb des Rahmens meiner definierten Interessen bewegen. (Peter von Matt hat das in einem Interview mit dem Folio kürzlich gut auf den Punkt gebracht.
Beim ganzen Techno-Hype unterschätzt man meiner Meinung nach die Psychologie total.
Wer beruflich den ganze Tag am Compi hockt, entwickelt in seiner Freizeit andere Bedürfnisse. Solche zum Beipiel, die rascheln.
Wer im Beruf darauf angewiesen ist, effizient Infos kompromiert, rasch und ohne ablenkende sidlines zu bekommen und zu verarbeiten, will in seiner Freizeit nicht dermassen gegängelt werden. Er will abschweifen dürfen und Felder entdecken, von denen er gar nicht wusste, dass es sie gibt.
Eine Riesenchance für die gute alte Kohle-und-Dampf-Zeitung. Einige Tageszeitungen beginnen das zu begreifen. Die Sonntagszeitungen seltsamerweise noch nicht. Die newseln aufgeregt herum und bringen fast alle die gleichen grauen, rundgelutschten Themen im ersten Bund, und in den nachfolgenden Bünden rieselt dann träge der Archivstaub. Ueberraschungen sind selten. Genau die aber sucht der unter der Woche auf Effizienz getrimmte Compi-Sklave. Aber intelligent, originell und gut geschrieben.
Alltagsgware hat der Sklave ja die ganze Woche über auf’m Schirm.
Vielleicht sollten Medienhäuser mal Meetings mit einem Psycholgen veranstalten (aber vorher Schwätzer von denen aussortieren, die wirklich was bringen), statt immer nur ermüdende Sitzungen mit Marketingcracks und ihren albernen Powerpoint-Shows zu inszenieren.
Lieber diesen eReader als 20 Kilo Übergepäck an Büchern.